Shiva-Shakti

Shiva ist reines in sich ruhendes Bewusstsein, ist stilles Gewahrsein, das von Lila, dem kosmischen Spiel, völlig unberührt bleibt. Shiva ist absolut bewegungslos, unveränderlich, unpersönlich, untätig. Shakti oder Maya ist die Verkörperung der dynamischen Kraft, der aktive Aspekt von Shiva, des immanenten reinen Bewusstseins, des einzig wahrhaft Seienden, die die manifestierte Welt und alle ihre Erscheinungen hervorbringt, selbst ist und beherrscht. Mensch, Ich-Gedanke, Identifikation, Pseudosubjekt, … alles Aspekte von Shakti, alles Manifestationen und Erscheinungen des absoluten Bewusstseins, die ebenso wenig fähig zu eigenständigen Aktionen sind wie die bewegten Bilder eines Films auf der Leinwand im Kino. Und so wenig wie all unsere Filmhelden auf der Leinwand eigenständig denken, fühlen, empfinden, entscheiden, handeln, … so wenig tun das „wir“.

Shakti ist identisch mit Shiva. Es gibt keinen Unterschied zwischen Shiva und Shakti, so wie es keinen Unterschied gibt zwischen dem Feuer und seiner brennenden Kraft. So wie man Hitze nicht von Feuer trennen kann, kann man Shakti nicht von Shiva trennen. Shiva und Shakti sind eins. Sie sind lediglich zwei konzeptuelle Aspekte ein und desselben.

Die scheinbare Dualität von Purusa und Prakriti (Bewusstsein und Materie) bildet eine untrennbare Einheit, symbolisiert etwa durch den Lingam in sexueller Vereinigung mit der Yoni. Der dualistische Glaube an eine eigenständige Existenz von Bewusstsein und Materie ist die Basis der großen Täuschung, die durch die göttliche Maya symbolisiert wird.

In bildhafter Darstellung: Ein Dreieck, in dessen Mitte das Allsehende Auge für  Shiva als reinem Gewahrsein steht. Alles andere, alles was beschrieben werden kann, existiert innerhalb des Dreiecks:

An der Basis befindet sich das dynamische Spannungsfeld sämtlicher Bipolaritäten zwischen dem Plus- und dem Minuspol. Die Spitze zeichnet sich durch das Fehlen eben dieses Spannungsfeldes aus. Hier ist die große Abwesenheit bzw. Leere zu finden. Dies alles, also auch die Leere (!), ist das Reich von Shakti und ihren unterschiedlichen Ausformungen

Es gibt keine Trennung bzw. jede Trennung ist nur scheinbare Trennung, ist Täuschung, ist Maya. Lila, das große kosmische Welttheater, ist nur ein Spiel mit Täuschungen.

diese Tautropfenwelt
mag ein Tautropfen sein
und doch …

(Issa)

Wen wundert’s, dass Issa, obgleich fast ein wenig widerstrebend, diese Welt eine Tautropfenwelt nennt, ja nur einen einzigen Tautropfen, wenn diese Welt nur ein Spiel von Täuschungen sein soll? Issa ist fasziniert und entzückt von dieser Welt. In jedem Grashalm, in jedem Kieselstein, in jedem Tautropfen leuchtet ihm Shivas strahlender Glanz entgegen. Und deshalb ist sein „und doch“ wie ein Akt der Huldigung und der Anbetung des Göttlichen, das sich ihm in allem offenbart.

Ramana Maharshi sagt: „Was soll das Streiten, ob die Welt nur Schein, ob Wirklichkeit?“ Was immer auftaucht, ist Maya, Shakti – Shakti, die untrennbar eins ist mit Shiva. Ohne jede Ausnahme. Was immer auftaucht ist also beides: Traum und Wirklichkeit.

Es ist schon verrückt: Die einen tanzen um die Welt wie um das goldene Kalb herum und übersehen dabei völlig Shivas Wirklichkeit und die anderen schätzen Shivas Ausdruck nicht und machen aus Shiva ein Objekt, indem sie ihn und nur ihn anbeten.

Ohne Shakti hat Shiva keinen Ausdruck.
Ohne Shiva hat Shakti kein Sein.
Shakti ist identisch mit Shiva.

Das auseinander zu bringen schafft auch nur der Mensch. – Oder ist es gar nicht der Mensch, der das schafft? Ist auch das nur Lila bzw. ein Ausdruck der Göttin Mahamaya?

Es gibt nur Erleuchtung. Shiva und Shakti, Selbst (bzw. besser: Anatta, Buddhas Nicht-Selbst) und Welt sind eins und die Zauberkünste der großen Maya, die genau dies mit unzähligen, wundervollen Tricks verschleiern möchte, können nur noch ein bewunderndes Lachen auslösen. Ich muss nicht mehr zum Arunachala pilgern oder sonstige Strapazen auf mich nehmen, kann wieder ungeniert ich sagen, ohne es in Tüddelchen zu setzen und kann in eine Kneipe gehen und „dumm Tüch“ schnacken, wie die Fischköppe in Hamburg zu sagen pflegen.
______________________________________________________________

Shiva, „der Gütige“, ist nicht nur einer der vielen Götter. Er ist der Gott der Götter, der Urgrund allen Seins, die letzte und einzige Wirklichkeit. Die Welt und alle ihre Geschöpfe entspringen seiner ekstatischen Meditation. Die unendliche, immer wandelnde Vielfalt der Schöpfung ist seine Shakti, seine weibliche Schöpferkraft. So sehr liebt er sie, so sehr betört und fasziniert sie ihn, dass er sich vollständig in sie hineinergießt. Auf diese Weise west Shiva in allen Wesen. Wie ein Kind, das sich in seinem Spiel verliert, verliert sich Shiva in seiner Lila, seiner tanzenden Shakti. So kommt es, dass viele Geschöpfe – insbesondere jene, die in menschlicher Gestalt auf Erden leben – ihr wahres Shiva-Wesen vergessen. Ihr Spiel wird todernst. Gefangen sind sie in Illusion und Wahn (Maya). Doch dann kommt Shiva, ihr eigentliches Selbst daher und befreit sie von dem Wahn, und lässt sie wieder in die universelle Wonne eintauchen.

Wolf Dieter Storl

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7 Antworten zu Shiva-Shakti

  1. innesein schreibt:

    „Ich muss nicht mehr zum Arunachala pilgern oder sonstige Strapazen auf mich nehmen, kann wieder ungeniert ich sagen, ohne es in Tüddelchen zu setzen und kann in eine Kneipe gehen und „dumm Tüch“ schnacken, wie die Fischköppe in Hamburg zu sagen pflegen.“

    Klasse! Alles so einfach…………
    Danke!

    gabi

    • Nitya schreibt:

      Liebe Gabi,

      du hast es ja schon so schön und wundervoll kurz auf den Punkt gebracht:

      …einfach nur leben…

      Einen herzlichen Gruß vom Nitya

  2. -chris- schreibt:

    Sri Ramana Maharshi, Reality in forty Verses

    1. From our perception of the world there follows acceptance of a unique
    First Principle possessing various powers. Pictures of name and form, the
    person who sees, the screen  on which he sees, and the light by which he
    sees: he himself is all of these.

    2. All religions postulate the three fundamentals, the world, the soul, and
    God, but it is only the one Reality that manifests Itself as these three.
    One can say, ‚The three are  really three‘ only so long as the ego lasts.
    Therefore, to inhere in one’s own Being, where the ‚I‘, or ego, is dead, is
    the perfect State.

    3. `The World is true‘; `No, it is a false appearance‘; `The World is
    Mind‘; `No, it is not‘; `The World is pleasant‘; `No, it is not‘ — What
    avails such talk?
    To leave the world alone and know the Self, to go beyond all thought of
    `One‘ and `Two‘, this egoless condition is the common goal of all.

    4. If Self has form, the world and God likewise have form. If Self is
    without form, by whom and how can form (of world and God) be seen? Without
    the eye, can there be sight or spectacle? The Self, the real Eye, is
    infinite.

    5.   The body is made up of the five sheaths; in the term
    body all the five are included. Without the body the world is
    not. Has one without the body ever seen the world?

    6.   The world is made up of the five kinds of sense
    perceptions and nothing else. And those perceptions are felt as
    objects by the five senses. Since through the senses the mind
    alone perceives the world, is the world other than the mind?

    7. Although the world and knowledge thereof rise and set together it  is by
    knowledge alone that the world is made apparent. That         Perfection
    wherein the world and knowledge thereof rise and set, and which shines
    without rising and setting, is alone the Reality.

    8. Under whatever name and form one may worship the Absolute Reality, it is
    only a means for realizing It without name and form. That alone is true
    realization, wherein one knows oneself in relation to that Reality, attains
    peace and realizes one’s identity with it.

    9. The duality of subject and object and trinity of seer, sight, and seen
    can exist only if supported by the One. If one turns inward in search of
    that One Reality they fall away. Those who see this are those who see
    Wisdom. They are never in doubt.

    10. Ordinary knowledge is always accompanied by ignorance, and ignorance by
    knowledge; the only true Knowledge is that by which one knows the Self
    through enquiring whose is the knowledge and ignorance.

    11. Is it not, rather, ignorance to know all else without knowing oneself,
    the knower? As soon as one knows the Self, which is the substratum of
    knowledge and ignorance, knowledge and ignorance perish.

    12. That alone is true Knowledge which is neither knowledge nor ignorance.
    What is known is not true Knowledge. Since the Self shines with nothing
    else to know or to make known, It alone is Knowledge. It is not a void.

    13. The Self, which is Knowledge, is the only Reality. Knowledge of
    multiplicity is false knowledge. This false knowledge, which is really
    ignorance, cannot exist apart from the Self, which is Knowledge-Reality.
    The variety of gold ornaments is unreal, since none of them can exist
    without the gold of which they are all made.

    14. If the first person, I, exists, then the second and third persons, you
    and he, will also exist. By enquiring into the nature of the I, the I
    perishes. With it ‚you‘ and ‚he‘ also perish. The resultant state, which
    shines as Absolute Being, is one’s own natural state, the Self.

    15. Only with reference to the present can the past and the future exist.
    They too, while current, are the present. To try to determine the nature of
    the past and the future while ignoring the present is like trying to count
    without the unit

    16. Apart, from us where is time and where is space? If we are bodies, we
    are involved in time and space, but are we? We are one and identical now,
    then, and forever, here, and everywhere. Therefore we, timeless, and
    spaceless Beings, alone are.

    17. To those who have not realized the Self, as well as to those who have,
    the word ‚I‘ refers to the body, but with this difference, that for those
    who have not realized, the ‚I‘ is confined to the body whereas for those
    who have realized the Self within the body the ‚I‘ shines as the limitless
    Self.

    18. To those who have not realized (the Self) as well as to those who have
    the world is real. But to those who have not realized, Truth is adapted to
    the measure of the world, whereas to those that have, Truth shines as the
    Formless Perfection, and as the Substratum of the world. This is all the
    difference between them.

    19. Only those who have no knowledge of the Source of destiny and free-will
    dispute as to which of them prevails. They that know the Self as the one Source of
    destiny and free-will are free from both. Will they again get entangled in them?

    20. He who sees God without seeing the Self sees only a mental image. They
    say that he who sees the Self sees God. He who, having completely lost the ego, sees
    the Self, has found God, because the Self does not exist apart from God.

    21. What is the Truth of the scriptures which declare that if one sees the
    Self one sees God? How can one see one’s Self? If, since one is a single
    being, one cannot see one’s Self, how can one see God? Only by becoming a
    prey to Him.

    22. The Divine gives light to the mind and shines within it. Except by
    turning the mind inward and fixing it in the Divine, there is no other way
    to know Him through the mind.

    23. The body does not say ‚I‘. No one will argue that even in deep sleep
    the ‚I‘ ceases to exist. Once the ‚I‘ emerges, all else emerges. With a
    keen mind enquire whence this ‚I‘ emerges.

    24. This inert body does not say ‚I‘. Reality-Consciousness does not
    emerge. Between the two, and limited to the measure of the body, something
    emerges as ‚I‘. It is this that is known as Chit-jada-granthi (the knot
    between the Conscious and the inert), and also as bondage, soul,
    subtle-body, ego, samsara, mind, and so forth.

    25. It comes into being equipped with a form, and as long as it retains a
    form it endures. Having a form, it feeds and grows big. But if you
    investigate it this evil spirit, which has no form of its own, relinquishes
    its grip on form and takes to flight.

    26. If the ego is, everything else also is. If the ego is not, nothing else
    is. Indeed, the ego is all. Therefore the enquiry as to what this ego is,
    is the only way of giving up everything.

    27. The State of non-emergence of ‚I‘ is the state of being THAT. Without
    questing for that State of the non-emergence of ‚I‘ and attaining It, how
    can one accomplish one’s own extinction, from which the ‚I‘ does not
    revive? Without that attainment how is it possible to abide in one’s true
    State, where one is THAT?

    28. Just as a man would dive in order to get something that had fallen into
    the water, so one should dive into oneself, with a keen one-pointed mind,
    controlling speech and breath, and find the place whence the ‚I‘ originates.

    29. The only enquiry leading to Self-realization is seeking the Source of
    the ‚I‘ with in-turned mind and without uttering the word ‚I‘. Meditation
    on ‚I am not this; I am That‘ may be an aid to the enquiry but it cannot be
    the enquiry.

    30. If one enquires ‚Who am I?‘ within the mind, the individual ‚I‘ falls
    down abashed as soon as one reaches the Heart and immediately Reality
    manifests itself spontaneously as ‚I-I‘. Although it reveals itself as ‚I‘,
    it is not the ego but the Perfect Being, the Absolute Self.

    31. For Him who is immersed in the bliss of the Self, arising from the
    extinction of the ego, what remains to be accomplished? He is not aware of
    anything (as) other than the Self. Who can apprehend his State?

    32. Although the scriptures proclaim ‚Thou art That‘, it is only a sign of
    weakness of mind to meditate ‚I am That, not this‘, because you are
    eternally That. What has to be done is to investigate what one really is
    and remain That.

    33. It is ridiculous to say either ‚I have not realized the Self‘ or ‚I
    have realized the Self‘; are there two selves, for one to be the object of
    the other’s realization? It is a truth within the experience of everyone
    that there is only one Self.

    34. It is due to illusion born of ignorance that men fail to recognise
    That which is always and for everybody the inherent Reality dwelling in its
    natural Heart-centre and to abide in it, and that instead they argue that
    it exists or does not exist, that it has form or has not form, or is
    non-dual or dual.

    35. To seek and abide in the Reality that is always attained, is the only
    Attainment. All other attainments (siddhis) are such as are acquired in
    dreams. Can they appear real to someone who has woken up from sleep? Can
    they that are established in the Reality and are free from maya, be deluded
    by them?

    36. Only if the thought ‚I am the body‘ occurs will the meditation ‚I am
    not this, I am That‘, help one to abide as That. Why should we for ever be
    thinking, ‚I am That‘? Is it necessary for man to go on thinking ‚I am a
    man‘? Are we not always That?

    37. The contention, ‚Dualism during practice, non-dualism on Attainment‘,
    is also false. While one is anxiously searching, as well as when one has
    found one’s Self, who else is one but the tenth man?

    38. As long as a man is the doer, he also reaps the fruit of his deeds,
    but, as soon as he realizes the Self through enquiry as to who is the doer
    his sense of being the doer falls away and the triple karma is ended. This
    is the state of eternal Liberation.

    39. Only so long as one considers oneself bound, do thoughts of bondage and
    Liberation continue. When one enquires who is bound the Self is realized,
    eternally attained, and eternally free. When thought of bondage comes to an
    end, can thought of Liberation survive?

    40. If it is said, that Liberation is of three kinds, with form or without
    form or with and without form, then let me tell you that the extinction of
    three forms of Liberation is the only true Liberation.

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