Tao-hsin: Keine Lust


Ein junger Schüler trat vor Tao-hsin und sprach „Ich will es verstehen und erfahren. Bitte hilf mir.“ Tao-hsin sagte „In deiner Frage sprichst du von ‚ich‘ und von ‚es‘. Was bedeuten diese Worte? Beantworte mir meine Frage und ich beantworte dir deine.“ 

Jetzt stellt dir mal vor, es handelt sich hier nicht um den berühmten 4. Ch’an Patriarchen Tao-hsin, sondern um deinen Nachbarn, also von mir aus den Eno, der um die Ecke wohnt und des öfteren in der Kneipe sitzt und manchmal so’n bisschen mit den Leuten quatscht, die da gerade ein Bier trinken wollen und sich an seinen Tisch setzen. Einmal fragt ihn so’n etwas verwirrter Typ, der schon eine Weile zugehört hatte, ob er ihm sagen könne, wie man es verstehen und erfahren könne. Und Eno kratzt sich am Kopf und überlegt einen Moment, was der Typ eigentlich will und fragt ihn dann: “ Was meinst du denn mit diesem „es“, das du verstehen und erfahren willst? Du scheinst ja ziemlich genau zu wissen, um was es sich da handelt, aber ich hab keine Ahnung, was du damit meinst. Ich weiß ja nicht mal, wer ich bin.“
Der Rest ist nicht überliefert. Aber ich phantasier mal ein bisschen weiter. Eno nimmt einen tiefen Zug aus seinem frisch eingeschenkten Glas und wischt sich den Schaum vom Mund ab. Während der etwas verwirrte Typ ganz still geworden ist. „Ja, der hat ja recht“, denkt er. „Was ist das eigentlich, was ich verstehen und erfahren will? Alle quatschen darüber, aber ich hab gar keine Ahnung, um was es da geht? Geht’s überhaupt um was? Und wieso sagt dieser Eno, dass er keine Ahnung hat, wer er ist? Weiß ich’s denn?“ Und so sitzt er da und starrt vor sich hin. Nach einer halben Stunde sagt der Eno: „Ich hol mir jetzt noch’n Bier. Deins ist auch schon ganz lack. Würde ich mal langsam austrinken.“

Noch’n Gedicht:

Ein Schüler trat vor Tao-hsin „Bitte erklär mir das Wesen der Liebe.“ Tao-hsin antwortet „Keine Lust.“

Das hätte auch von Eno kommen können. Bei solchen Fragen kann einem ja das Bier sauer werden. „Ch’an-Meister sein ist schon ein hartes Brot“, denkt sich der Eno. „Den ganzen Tag blöde Fragen beantworten sollen! Nee, nicht mit mir. Keine Lust.“ Und er nimmt noch mal einen kräftigen Schluck.

Beide Texte sind aus: „Die verschollenen Schriften von Tao-hsin“

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Liä Dsï: Sich um seine Pflichten kümmern


Wahrer Reichtum und Kampf ums Dasein

Yän Hui sprach: „Da sagt man, dass das Suchen nach dem SINN reich macht. Wer aber Perlen hat, ist auch reich, wozu braucht es da des SINNS?“

Meister Liä Dsï sprach: „Giä und Dschou Sin nahmen nur den Gewinn wichtig und verachteten den SINN der Wahrheit; darum gingen sie zugrunde. Ich halte es dir zugut, dass ich mit dir noch nicht darüber gesprochen habe. Menschen, die sich nicht um Pflichten kümmern, sondern nur essen und nichts weiter tun, sind wie Hühner und Hunde. Sie stoßen und streiten um den Futterplatz, also dass der Stärkste Herrscher bleibt: das ist die Art der Tiere. Wenn man es aber macht wie die Tiere und dabei doch erwartet, dass die Menschen einen achten, so wird man damit schwerlich Erfolg haben. Wenn die Menschen einen aber nicht achten, so kommt man in Gefahr und Schande.“

aus: Liä Dsï, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

Es gibt ja Texte, die gehen mir beim Lesen runter wie … wie der dunkle Andechser Doppelbock von mir aus. Mit anderen Texten kann ich dagegen erst mal überhaupt nichts anfangen. Das hier ist z.B. einer von der letzten Sorte. Da scheint es zum einen um wahren Reichtum und den Kampf ums Dasein sowie um den berühmten SINN zu gehen. Der wiederum scheint nach Ansicht von Liä Dsï etwas damit zu tun zu haben, ob sich jemand um seine Pflichten kümmert. Schließlich geht es anscheinend auch um das Thema Achtung und ganz nebenbei noch darum, worin wir uns von den Tieren unterscheiden. Soll ich mir nicht lieber doch einen anderen Text aussuchen? O mei o mei! Und das schmeiß ich jetzt alles in meinen Knobelbecher, schüttle es kräftig durcheinander und guck, was dann dabei rauskommt oder wie?

Natürlich kamen da auch wieder alte Triggerpunkte in Resonanz bei dem Thema „sich um seine Pflichten kümmern“. Offen gestanden würde ich am liebsten jeden Satz in der Luft zerfetzen. Schon allein, was der Liä Dsï da wieder ablässt über „die Art der Tiere“, als ob es nicht auch und gerade die Menschen wären, die „sich stoßen und streiten um den Futterplatz, sodass der Stärkste Herrscher bleibt.“ Aber der Herr Liä Dsï meint wohl, der Mensch sollte besser sein als die Tiere. Ich wäre ja schon froh, wenn sie das Tier-Niveau erreichen würden.

Was meint er denn nun mit diesem „sich um seine Pflichten kümmern“, die den Menschen erst zu einem wahren Menschen werden lassen würden? (Also ob die Tiere beispielsweise nicht in geradezu vorbildlicher Weise ihren Eltern-„Pflichten“ nachkämen!) Liä Dsï  schreibst: „Wenn man es aber macht wie die Tiere und dabei doch erwartet, dass die Menschen einen achten, so wird man damit schwerlich Erfolg haben. Wenn die Menschen einen aber nicht achten, so kommt man in Gefahr und Schande.“ Na ja, wenn einer die entsprechenden Ellenbogen hat und die Konkurrenz erfolgreich vom Futterplatz vertrieben hat, wird ihm sicher eine Menge Achtung entgegengebracht werden.

Also was meint der Kerl nun eigentlich? Möglicherweise haben seiner Meinung nach Menschen „höhere“ Pflichten zu erfüllen als Tiere, denen es nur ums Fressen und Herrschen geht. Und wenn sie die erfüllen würden, dann würden sie sich weit mehr als den Respekt, den die Schwachen gegenüber dem Starken haben, verdienen, sodass sie gar niemals nicht in Gefahr und Schande kämen. Also ich hab mich jetzt wirklich redlich bemüht, aus dem Text noch was Vernünftiges rauszuquetschen. Es ist mir nicht gelungen. Bleibt mir nur noch dieser Hinweis: Meister Liä Dsï sprach: „Giä und Dschou Sin nahmen nur den Gewinn wichtig und verachteten den SINN der Wahrheit; darum gingen sie zugrunde.“Es geht ihm also möglicherweise die ganze Zeit um den SINN der Wahrheit! Hilft mir das jetzt wirklich weiter? Die Tiere leben ihre Wahrheit, die Menschen leben ihre Wahrheit und wenn sie noch so verlogen sind. Da bleibt mir in meiner Verzweiflung nur der erste Satz im Tao Te King „Der SINN, der sich aussprechen lässt, ist nicht der ewige SINN.“ – und zu verstummen. Also entweder schreibt der Liä Dsï heute Stuss oder ich hab gerade meinen depperten Tag.

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Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister


Ich räsoniere mal so’n bisschen vor mich hin, mach ich sowieso die ganze Zeit, falls ich gerade nicht so’n bisschen vor mich hin räsoniere. Mein Erleben in der Kindheit war eher: Dauernd erschien irgendso’n Wichtigtuer, spielte sich als Meister auf und ich hatte gefälligst für seinen Schwachsinn bereit zu sein. „Wenn ein Erwachsener spricht, müssen die Kinder den Mund halten.“ Die Frage „Warum eigentlich?“ wäre sicherlich mit einem „Weil das so ist!“ oder mit einem „Weil sich das so gehört!“ beantwortet worden, vielleicht sogar mit einem „Nun werde mal nur nicht frech!“ oder einer Ohrfeige. Ja, das waren noch Zeiten! Da wusste man als Kind doch sofort, wer der Meister war und wer der Depp. Meister war, wer Macht hatte und „das Recht“ auf seiner Seite. Und deine Bereitschaft zeigtest du, indem du ihnen im übertragen Sinn den Schwanz gelutscht hast – für viele nicht nur im übertragenen Sinn. „Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister“ – von wegen: Wenn der „Meister“ bereit ist, hat der Schüler gefälligst pünktlich zu erscheinen!

Brauche ich einen Meister? „Zum Teufel mit den Arschlöchern!“, hätte ich wahrscheinlich gesagt. „Diese eingebildeten Idioten sollen sich gefälligst selbst einen runterholen. Bleibt mir bloß alle von der Pelle!“ Na ja, und dann begegnete mir dieser Heinz Butz. Hätte er auch nur die geringsten „Meisterallüren“ gehabt, hätte ich sofort dicht gemacht. Aber er bot sich nicht im Geringsten als Meister an. Er erzählte zwar auch gelegentlich Geschichten über die alten Zen-Meister, aber seine Schüler wollten etwas über Farben, Formen, Komposition, Zeichnen etc. etc. hören und nicht über Zen. Das war überhaupt nicht das Thema, um das es bei uns ging. Bauhaus-Lehre vielleicht, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Johannes Itten, … aber doch nicht irgendso’n Spiri-Kram.

Wieso wurde ausgerechnet er zu meinem – keine Ahnung was? Vielleicht kennt das der eine oder andere noch: Du gehst mitten in der Nacht durch den tief verschneiten Winterwald, plötzlich steht da ein Reh und schaut dich an. Du schaust, das Reh schaut, und dann bewegt es sich auf seine unnachahmlich grazile Art langsam fort und verschwindet hinter den Bäumen. So ungefähr fühlte ich mich, als ich diesem Heinz Butz und seiner unnachahmlich achtsamen Art begegnete. Ich sagte erst Jahre später, dass er mein Meister sei. Ich brauchte wohl so lange, um das überhaupt zu begreifen. Und er hatte mich ja auch in keiner Weise „belehrt“, wenn ich mal von Farb-, Kompositionslehre usw. absehe. Er öffnete meine verklebten Augen einfach durch sein Wesen.

Ich bin ja ein Mann und kann das deshalb nicht behaupten, aber vielleicht lässt es sich doch und wenn auch nur symbolisch ein wenig mit einer Entjungferung vergleichen. Da öffnet sich plötzlich etwas, was zumindest keimhaft schon immer da war, aber einfach nicht gesehen wurde. Und mit einem Schlag verlierst du „deine Jungfernschaft“, der Schleier vor deinen Augen ist plötzlich verschwunden und du „siehst“ etwas, was du weder begreifen noch irgendwie einordnen kannst. Und irgendwie verschwinden auf mysteriöse Weise deine Vorstellungen, nicht alle auf einmal um Gottes willen, aber sie werden so peu à peu alle in Frage gestellt und zunehmend als irrelevant erkannt.

War jetzt Heinz Butz mein Meister? „Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt!“, fällt mir gerade blöderweise ein. Von einem Meister erwartet man ja irgendwie, dass er irgendwas tut. Aber er war einfach der, der er war. Ich glaub, ich lass das mal lieber mit dem Meister. Ich liebe ihn einfach auch nach über 50 Jahren und bin zutiefst dankbar für diese Begegnung. Möglicherweise hätte die „Entjungferung“ auch beim Anblick des Rehs im Winterwald geschehen können. Da war halt der Schüler vielleicht noch nicht bereit. Ist er eigentlich je bereit? Also ich wurde von meiner Bereitschaft völlig überrascht. Ich bin nicht zu jemandem gegangen um zu verkünden: „Sir, ich wäre jetzt so weit, Sir.“ Und auf den Schüler kommt es halt an; auf den Schüler, nicht auf den Meister. Oder doch … auch? Ach, was weiß ich denn?!

„Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister“ heißt doch nichts anderes als: Alles zeigt sich uns in dem Maße, wie wir offen dafür sind. Und ggf. wird dann alles und jeder zum „Meister“.

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Ikkyû Sôjun: Der schönen Frauen Liebe Fluss ist tief



Der schönen Frauen
Liebe Fluss ist tief.
Im Freudenhaus
Finde ich
Meine Gedichte,
Genieße
Umarmung und Kuss. –
Noch gebe ich mich
Und die heiße Sehnsucht
Nicht auf!

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

Die Übersetzer schreiben, dass sie die letzten drei Zeilen sehr frei übersetzt hätten. Wörtlich übersetzt müssten sie lauten: „Ich habe nicht die Absicht, mich ins Feuer zu werfen“, womit Ikkyû hätte sagen wollen, dass er nicht bereit sei, sein ausschweifendes Leben der buddhistischen Disziplin zu opfern.

Gestern stellte Osho Verstand und Intellekt einander gegenüber. Auch wenn wir, wie Eno richtig anmerkte, die Existenz eines Dings namens Verstand gar nicht nachweisen können, nehmen wir sie einmal als Metaphern für das durch Absichten eingeschränkte Leben und für das absichtslose, freie Fließen des Lebens. Der von Menschen gebaute, schnurgerade und weitgehend tote Kanal, der ein Wasserkraftwerk betreiben soll, und der Fluss, der sich ungehindert durch menschliches Eingreifen seinen eigenen Weg immer wieder neu durch die Landschaft bahnt. Das buddhistische Kloster mit seiner eisernen Disziplin und seinen tausend Regeln und Vorschriften und „der schönen Frauen Liebe Fluss“, die eh kein „Mann mit Verstand“ versteht. Ich habe mal gelesen, dass Buddha ursprünglich keine Frauen als Schülerinnen annehmen wollte. Andererseits ist seine Geste mit der Blume nur für einen Geist verständlich, der vollkommen offen ist.

Das war jetzt alles ziemlich krauses Zeug, was mir so in den Sinn kam, als ich das Gedicht von Ikkyû las. „Noch gebe ich mich und die heiße Sehnsucht nicht auf!“ Hat er sie denn je aufgegeben? Hätte er es tun sollen? Ich habe mich gefragt, warum er überhaupt Mönch geblieben ist. Ständig war er anscheinend auf der Flucht vor dem Kloster und seinen Klosterbrüdern und fühlte sich etwa bei den einfachen Fischern viel wohler als bei den Lätzchenträgern mit ihrem ganzen auswendig gelernten Kram und den tausend Ge- und Verboten. Ikkyû war ein Künstler und kein Pfennigfuchser, keine Krämerseele. Kein Wunder, dass er sich bei den Frauen im Freudenhaus wohler fühlte als bei seinen engstirnigen Klosterbrüdern. Ich war ja nie im Kloster, aber mir hat meine Erfahrung in einem evangelisch-lutherischen Internat auch für den Rest aller Zeiten mehr als genügt. Vielleicht habe ich auch deshalb eine handfeste Allergie gegen diesen ganzen Pfaffenkram entwickelt und  ein tiefes Verbundenheitsgefühl mit diesem verrückten Ikkyû.

mein „Kloster“

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Osho: Dein Verstand ist nicht deine Intelligenz.


Dein Verstand ist nicht deine Intelligenz.

Es mag sich merkwürdig anhören, aber es ist eine Wahrheit, dass der Verstand nicht deine Intelligenz ist. Der Verstand kann intellektuell sein, das ist jedoch ein armseliger Ersatz für Intelligenz. Intellektualität ist mechanisch. Du kannst ein großer Gelehrter sein, ein großartiger Professor, ein berühmter Philosoph – indem du mit Worten spielst, die alle nur ausgeliehen sind, indem du Gedanken neu zusammenstellst und wieder veränderst, wobei nichts davon von dir selbst kommt.

Der Intellekt ist völlig bankrott. Er besitzt nichts eigenes, alles ist geliehen. Und das ist der Unterschied zwischen Intelligenz und Intellekt. Intelligenz besitzt ein eigenes Sehvermögen, eine Fähigkeit, in Dinge, in Probleme hineinzusehen.

Intelligenz ist eine Qualität, die dir angeboren ist.

aus: Osho, „From Darkness to Light, Talk #5“

„Der Intellekt ist völlig bankrott. Er besitzt nichts eigenes, alles ist geliehen“, sagt Osho. Solche Aussagen haben ihm den Ruf eingetragen, er sei ein Feind des Verstandes, ja des Denkens überhaupt. Und das wiederum kommt natürlich dem Bild des großen Meditierenden sehr entgegen, der dasitzt wie eine Buddhastatue aus Stein in völliger Gedankenfreiheit. Dieses Bild entspringt dem Verstand, der vorzugsweise in Entweder-Oder-Kategorien und in Extremen denkt.

Osho war Philosophieprofessor an der Universität von Jabalpur im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Man kann ihm schwerlich nachsagen, dass er nicht seinen Verstand gebraucht hätte. Er hat ihn sogar ziemlich virtuos gehandhabt, so wie ein guter Handwerker virtuos mit seinem Handwerkszeug umgehen kann. In jungen Jahren hab ich mal in einer Schlosserei gearbeitet und ich erinnere mich noch gut an den alten Handwerksmeister, der auf das Gemecker eines Gesellen, hierfür und dafür wäre nicht das notwenige Handwerkszeug zur Verfügung, sagte: „Dann mach es dir!“ Nicht das Werkzeug macht den Meister, sondern wie er sich mit dem vorhanden Werkzeug und den vorgefundenen Bedingungen zu helfen weiß. Der Verstand ist nichts als ein Werkzeugkasten mit vorgefertigtem Werkzeug. Und natürlich ist Werkzeug ohne die Intelligenz, die damit umzugehen weiß, völlig bankrott bzw. impotent.

Und der Verstand mit seinen intellektuellen Werkzeugen ist ja nur eine von unendlich vielen Möglichkeiten von Intelligenz zu wirken. Wenn ich eine Blume bei ihrer Entfaltung betrachte, stehe ich einer Intelligenz gegenüber, die völlig ohne Versprachlichung und Intellekt auskommt. Und welche Schönheit entfaltet sich da! Der Intellekt kommt einem daneben richtig armselig vor.

Eine Freundin schenkte einmal dem „Haus der Stille“, dem buddhistischen Meditationszentrum in Roseburg u.a. das Buch „Der Weg des Buddha. Osho spricht über Buddhas Hauptwerk „Das Dhammapada“. Als sie das nächste Mal zu einem Retreat in die Bibliothek guckte, waren die Bücher verschwunden. Als sie nachfragte, was aus ihnen geworden sei, antwortete der zuständige Lätzchenträger: „Wir wollen hier keine Bücher von Osho haben.“ Der Intellekt funktioniert anscheinend überall gleich begrenzt. Osho spielte mit dem Verstand und es machte ihm offenkundig Spaß. „Die Wahrheit“ lässt sich mit ihm eh nicht ausdrücken, aber man kann ganz wundervoll mit ihm spielen. Intelligenz kann spielen, der Intellekt nicht. Kann ein Computer spielen? Manchmal spiel ich ja „Solitär“, aber das ist kein Spielen. Das „spiel“ ich manchmal, wenn mir was nicht einfällt. Das lenkt mich dann ab und bisweilen funktioniert der Trick und mir fällt ein, was mir nicht einfallen wollte, weil ich mich zu sehr darauf konzentriert hatte.

Zuletzt sagt Osho: „Intelligenz ist eine Qualität, die dir angeboren ist.“ Ist das nicht wundervoll! Auch der gerade etwas verunglimpfte Lätzchenträger ist eine Verkörperung dieser Intelligenz, die alles durchwirkt. Intelligenz ist eine angeborene Qualität, der Verstand ist größtenteils das Produkt der Programmierung dieser Gesellschaft. Wer mehr auf seinen Verstand hört als auf seine angeborene Intelligenz, ist nichts als eine Maschine, ein Computer. Aber lassen wir uns von den Forschungsergebnissen der Transhumanisten überraschen, ob von dieser Behauptung dann noch irgendetwas übrigbleibt.

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Steven Harrison: Dem Leben ohne Taktieren begegnen?


Wir müssen nicht aufhören, zu meditieren oder spirituelle Bücher zu lesen oder zu spirituellen Veranstaltungen zu gehen, genauso wenig, wie wir aufhören müssen, ins Kino zu gehen, Romane zu lesen oder im Café eine Tasse Tee zu trinken. All dies sind Ausdrucksformen des Lebens. Aber verfallen wir nicht dem Irrtum, dass Meditation etwas anderes ist als ein Kinofilm, oder dass die Begegnung mit einem Lehrer etwas anderes ist als das Lesen eines Fantasie-Romans. Wenn wir diese Art von Amüsement genießen – bitte sehr, kein Problem. Gibt es denn die Möglichkeit, dem Leben ohne Taktieren zu begegnen, ohne, dass wir es in einen Erleuchtungs-Mythos oder in ein Selbstverbesserungsspiel zwängen?

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Meditieren, spirituelle Bücher lesen, zu spirituellen Veranstaltungen gehen, ins Kino gehen, Romane lesen, im Café eine Tasse Tee trinken, … das sind alles Ausdrucksformen des Lebens, sagt der Steven. Ist ja alles auch ziemlich harmloses Zeug, sag ich mal und frage: Sind „andere Götter haben neben IHM, SEINEN Namen missbrauchen, den Feiertag nicht heiligen, Vater und Mutter nicht ehren, töten, ehebrechen, stehlen, falsch Zeugnis reden wider meinen Nächsten, meines Nächsten Haus begehren, meines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh und alles, was mein Nächster hat, begehren“, sind alle diese Sünden etwa nicht Ausdrucksformen des Lebens? Und würde der Steven auch hier sagen: „Wenn wir diese Art von Amüsement genießen – bitte sehr, kein Problem.“? Konsequenterweise müsste er diese Frage wohl bejahen.

Wenn du also gern ein Halsabschneider bist, bitte sehr, tu dir keinen Zwang an. Viel Spaß dabei. Nun ist es allerdings so, dass es auch die gibt, denen es nicht so einen besonderen Spaß macht, wenn ihnen die Hälse abgeschnitten werden, eigentlich ja die Köpfe, die sich also mehr daran amüsieren, wenn sie sich erfolgreich gegen die ganze Abschneiderei zur Wehr setzen können. Na klar, das ist natürlich auch Ausdruck des Lebens.

Jetzt fragt der Steven: „Gibt es denn die Möglichkeit, dem Leben ohne Taktieren zu begegnen?“ Wieso denn, würde ich erst mal fragen wollen. Auch Taktieren ist Ausdruck des Lebens. Warum sollte denn ausgerechnet das Taktieren möglicherweise unterlassen werden? Aber ich hab den Satz von Steven nur zur Hälfte zitiert. Er fragt: „Gibt es denn die Möglichkeit, dem Leben ohne Taktieren zu begegnen, ohne, dass wir es in einen Erleuchtungs-Mythos oder in ein Selbstverbesserungsspiel zwängen?“ Grundsätzlich muss ich hier natürlich dieselbe Antwort geben. Wenn das Leben in einen Erleuchtungs-Mythos oder in ein Selbstverbesserungsspiel gezwängt wird, dann ist auch das Ausdruck des Lebens. Aber Steven fragt ja, ob es möglich sei, dies nicht zu tun. Die Frage kann natürlich nur jeder ganz allein für sich beantworten. Findet er das vor oder nicht? Es ist ja nicht machbar. Es ist vielleicht von allein verschwunden. Oder auch nicht.

Jetzt könnte sich natürlich jeder fragen: Was würde das denn konkret für mich bedeuten, wenn ich alles, was sich mir zeigt, einfach als Ausdruck des Lebens annehme? Und was heißt: annehmen? Soll ich jetzt alles einfach schlucken? Darf ich mich jetzt etwa nicht mehr wehren?

Es ist natürlich immer das Ganze. Wenn ein Angriff erfolgt, ist das Ausdruck des Lebens. Wenn eine Gegenwehr erfolgt, ist dies genauso Ausdruck des Lebens. Da brauchen wir nur auf die Pflanzen- und Tierwelt schauen, um zu sehen, wie das funktioniert. Haben die Zehn Gebote die Welt verbessert? Ich fürchte, das haben sie nicht. Eher im Gegenteil. Aber auch das ist natürlich Ausdruck des Lebens. Wenn wir das in seiner ganzen Amoralität betrachten, geschieht vielleicht etwas in uns, ganz ohne jedes Bemühen. Vielleicht.

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Yogi Ramsuratkumar : Vollkommene Annahme


Die größte Lehre von Yogi Ramsuratkumar war es, als er im Koma lag. An Maschinen gehängt, an Schläuche angeschlossen – und wenn jemand vorbeischaute, hob ein Apparat seinen Arm. Er war wie in einem Glashaus, Die Leute konnten kommen, um ihn in diesem Raum zu sehen, an Maschinen, völlig abhängig von ihnen. Und am verheißungsvollen Tag Shivaratri (höchstes Fest für die Verehrer Shivas) stellten sie die Maschinen vor drei Jahren einfach ab. Um es zu etwas Mysteriösem, Besonderen zu machen.

Das ist die größte Belehrung, die man erhalten kann. Die Hilflosikeit selbst. Er war als einer der größten Siddhi-Meister (Super Naturale Kräfte) bekannt, aber diese Belehrung war die größte, die ich je gesehen habe – vollkommene Annahme zu sein, nichts zu ändern, an den Maschinen zu hängen und einfach zu sagen: „Okay, was kommt, kommt. Lass sein, was ist. Wen kümmert’s?“

Yogi Ramsuratkumar wurde geboren am 1.Dezember 1918, er erlangte Mahasamadhi am 20. Februar 2001. Ich habe noch nie von ihm gehört, bis ich den oben stehenden Text las, der vermutlich aus dem Jahre 2004 stammt.

Was mach ich jetzt damit? Einer der größten Siddhi-Meister. Sieht ganz vergnügt aus auf dem Bild da oben. Aber es gibt viele Leute, die ganz nett aussehen, die gestorben sind und die ich nicht kenne. Wieso bin ich dann an dem Text hängen geblieben?

Also ich geh da jetzt mal ganz anders ran. Da ich ja so ein dummer Europäer bin, der keine Ahnung von den Kräften eines Yogi hat, muss ich das einfach mal so lesen, als ob es sich hier halt um einen alten Mann gehandelt hätte, der ins Koma gefallen ist und offensichtlich hirntot war, sonst hätte man die Maschinen nicht einfach an einem gerade passenden Feiertag abschalten können.

Also, da liegt ein weitgehend toter, alter Mann, der nur noch durch Maschinen irgendwie notdürftig am Leben gehalten wird. Eine Maschine mit einem Bewegungsmelder (?) sorgte dafür, dass er, wenn jemand vorbeiging, einen Arm hob, so als ob er seinen Besucher grüßen oder vielleicht sogar segnen würde. Ziemlich makaber, finde ich. Aber was haben nicht die Christen schon alles mit ihren Reliquien veranstaltet. So weit, so gut. Aber jetzt kommt’s: Wie kommt der Verfasser des Artikels dazu zu schreiben: „Die größte Lehre von Yogi Ramsuratkumar war es, als er im Koma lag, die größte Belehrung, die man erhalten kann. Die Hilflosikeit selbst. Diese Belehrung war die größte, die ich je gesehen habe – vollkommene Annahme zu sein, nichts zu ändern, an den Maschinen zu hängen und einfach zu sagen: ‚Okay, was kommt, kommt. Lass sein, was ist. Wen kümmert’s?'“
Nun, soweit ich das beurteilen kann, hat er gar nichts mehr gesagt. Hätte ich nicht genauso gut einen Hinkelstein von Obelix da hinlegen können und von ihm die wundervolle Belehrung vollkommener Annahme empfangen können? Er hätte zwar auch so wenig sagen können wie Yogi Ramsuratkumar, aber er hätte sicher genauso hilflos sein Schicksal entgegengenommen wie der teure Verblichene. Wo ist da nun also das Besondere zu erkennen? Ich glaub, ich bin mal wieder zu doof, um das zu verstehen. Vielleicht kann mir ja jemand auf die Sprünge helfen? – Vielleicht ist es ja genau das, ob Yogi Ramsuratkumar oder Hinkelstein oder ein fallendes Herbstblatt, … lässt sich die Hilflosigkeit und die vollkommene Annahme nicht in allem erkennen, wenn ich jedes Besonderssein-Müssen mal vergesse?
Ach ja, heut ist ja „Karl-Renz-Tag“, und der Text ist übrigens von ihm aus: „Eight Days in Tiruvannamalai“. Aber Karl hin oder her, das ändert auch nix an meinem beschränkten Verständnis. Vielleicht sollte ich doch noch mal auf meine alten Tage auf den Arunachala klettern. Vielleicht kapier ich’s dann. Vielleicht …

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