Karl Renz: Mensch zu sein, ist die schlimmste Inkarnation

 

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Frage: Es heißt, dass man einen menschlichen Körper braucht, um zu …

Karl: Wer sagt das? Einer, der als Mensch verwirklicht hat, was er ist? Wer sonst würde das zur Bedingung machen.

Frage: Shankaracharya.

Karl: Vielleicht wollte er sagen, dass du dich sogar als Mensch verwirklichen musst- schlimm, wie es ist. Mensch zu sein, ist die schlimmste Inkarnation. Nichts ist schlimmer als die Tatsache, dass du ein Mensch sein musst – dass du reflektieren musst und eine Geschichte haben musst und dich an deine Kindheit erinnern musst. Ist das eine Entwicklung? Schau dir eine Stubenflige an – das ist das Ende aller Evolution. Leben für einen Tag. Du wachst morgens auf und abends – bye, bye. Das ist die gesamte Lebenszeit einer Fliege. Was hat die Menschheit erreicht? Elektrizität? Computer? Fernsehen?

aus: Karl Renz, „Worry And Be Happy“

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Karl hat recht mit der Stubenfliege. Es ist nicht der Hund, sondern die Stubenfliege, die das Ende der Evolution repräsentiert. Ein Hund ist einfach zu sehr vom Menschen und seinen absurden Neurosen versaut worden. Versuch mal eine Stubenfliege zu dressieren! Eine Stubenfliege bewahrt sich bis zuletzt unbeirrt ihre Natur. Sehr zum Ärger der Menschen schätzt sie deren Gegenwart und versucht von ihnen abzustauben, was immer sie kriegen kann, dabei kümmert sie es wenig, dass sie als lästig und aufdringlich empfunden wird. Es scheint sie eher anzuspornen, dass Kühe, Pferde, Zenmeister, … sie mit ihren Fliegenwedeln, meist vergeblich, in die Flucht zu schlagen versuchen.

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So wie die Christen immer ihre Drohung mit Hölle und ewiger Verdammnis haben, haben Buddhisten ihre Drohung mit den schrecklichen Folgen durch die Anhäufung von Karma. Wenn du es gar zu doll getrieben hast, ist die Wahrscheinlichkeit riesengroß, dass du in deiner nächsten Inkarnation als Kuh oder Kellerassel wiedergeboren werden wirst. Strafe muss sein. Karl hat ein anderes Schreckensbild parat: Wenn du es gar zu doll getrieben hast, ist die Wahrscheinlichkeit riesengroß, dass du als Mensch wiedergeboren werden wirst. Karl: „Mensch zu sein, ist die schlimmste Inkarnation.“ Also geh und opfere deinem Lieblingsgötzen und flehe ihn an, dass er dafür sorgen wird, dass du im nächsten Leben in der Vollkommenheit einer Stubenfliege erscheinen darfst. Aber mit deiner Klatsche wirst du vermutlich nur auf Mord sinnen und mit einer Klatsche erbarmungslos die Tao the Queen jagen. Solltest du sie tatsächlich trotz deiner unendlichen Langsamkeit einmal erwischen, wirst du für immer ihr Lachen im Ohr haben. Die Drama Queen, jetzt Tao the Queen genannt, ist unsterblich. *)


*) Ihr braucht euch nicht bemühen, das zu verstehen. Das versteht nur die Tao the Queen.

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Drugpa Künleg: keine weiteren Umstände

 

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Zu dem vereinbarten Zeitpunkt erreichte Drugpa Künleg Adzoms Haus und klopfte an die Tür. Das Mädchen antwortete ihm, er solle draußen warten, sie hätte ihre Schärpe noch nicht angelegt.

„Ah! Du wartest also schon auf mich“, sagte er. „Wir brauchen aber keine weiteren Umstände zu machen.“ Und er legt sie gleich auf der Türschwelle nieder und machte Liebe mit ihr. Danach brachte sie ihm Dschang und verwöhnte ihn mit allem, an was er Gefallen fand; er blieb für einige Tage bei ihr, und als er schließlich wieder aufbrechen wollte, flehte sie ihn an, für immer bei ihr zu bleiben.

„Weil dein unterer Lotus eine feste Knospe ist, werde ich für neun Tage zu dir zurückkehren“, versprach er ihr. Für neun weitere Tage, weil du alle Stellungen beherrschst, und noch einmal neun Tage lang werde ich dich besuchen, weil du ein gutes Herz hast.“ Mit diesem Versprechen verließ er sie.

aus: Drugpa Künleg, „Der heilige Narr“

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Noch einmal diese hundsgemeine Frage von Kodo Sawaki: „Alles redet von Liebeshochzeiten, aber ist das nicht eine ziemliche Gefühlsduselei? Geht es nicht letztlich doch nur um Schwanz und Möse? Warum sagt bloß keiner, dass er sich in eine Möse verliebt hat?“ Ich muss gerade an das Betttuch mit besticktem Schlitz an passender Stelle denken, das Rosaura in ihrer Hochzeitsnacht in dem Film „Bittersüße Schokolade“ auf das zukünftige Ehebett ausgebreitet hatte, hoffend, ihren Ehemann gleich darunter empfangen zu können und schwanger zu werden. Der aber träumte von seiner geliebten Tita und tauchte einfach nicht auf. Es gibt kaum einen Bereich, der so verheuchelt und verlogen ist wie der Sex – na ja, Politik natürlich und Religion und … ich glaub, ich hör jetzt lieber auf. Drugpa Künleg hatte mit dieser ganzen verkorksten Lügerei nichts am Hut. Wenn ihm ein Mädchen oder eine Frau gefiel, dann wollte er sie ohne weitere Umstände sofort vernaschen. Also wie ein Rüde, wenn er die Witterung einer läufigen Hündin aufnimmt. Da gibt’s dann kein Halten mehr. Er sollte allerdings vorher nicht zu viel Dschang getrunken haben.


„Aber wir sind doch keine Tiere!“ höre ich schon den einen oder anderen empörten Aufschrei. „Stimmt“, würde ich da sagen, „wir sind verlogener.“ Der große tantrische Meister Drugpa Künleg ist so aufrichtig wie ein Hund. Immer wenn wir uns ein Gebot basteln, wissen wir, dass es uns am Inhalt des Gebotes mangelt. „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!“ ist, abgesehen davon, dass sich keine Sau dran hält, ein wundervoller Hinweis. Im Gewahrsein erscheint so dies und das. Und wer ist unser Nächster? Schon mal daran gedacht, dass das in erster Linie „wir selbst“ sind? Aber anstatt einfach bei dem zu bleiben, was da auftaucht, verdrängen, verleugnen, verschleiern oder verdrehen wir es und reden falsch Zeugnis wider „uns selbst“ und damit auch wider allen Nächsten zweiter Ordnung. Wenn Osho von den Priestern und den Politikern als der Mafia der Seele spricht, dann denke ich sofort an den Obermafioso Verstand. Priester und Politiker sind auch nur Projektionen des Verstands.

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Worin unterscheidet sich jetzt eigentlich dieser Drugpa Künleg von einem Hund, falls er sich überhaupt unterscheiden sollte. „Doch“, würde ich ganz frech behaupten, „er unterscheidet sich. Nicht in seiner Aufrichtigkeit, wohl aber in seiner Bewusstheit.“ So kann sich jeder fragen, ob er schon die Aufrichtigkeit eines Hundes erreicht hat oder die Bewusstheit, die ein Hund ist, wenngleich sie dem Hund nicht bewusst sein mag. Du bist wie der Hund eine Manifestation des Noumenons, aber aller Voraussicht nach ohne seine Aufrichtigkeit und ohne jede Bewusstheit darüber, dass du Bewusstheit bist.

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Ikkyû Sôjun: Nur ein Kôan ist wichtig


fIn Wirklichkeit bin ich,
Verrückte Wolke, ich,
Der Nachkomme Daitôs.
Mit der verfluchten Höhle
Hier im finstren Berg
Kann ich mich nicht befreunden.
Wenn ich an früher denke –
Flötenspiel und Liebesnächte –
In meiner Jugend
Überschwang
Leerte ich mit Leichtigkeit
Manch Sakefass.

aus: Ikkyû Sojun, „Im Garten der schönen Shin“

Daitô Kukushi hatte ich meines Wissens noch gar nicht im Blog. Dabei wäre er wirklich erwähnenswert gewesen. Von ihm stand dieser wundervolle Ausspruch:

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Wie öde, untätig auf dem Boden zu hocken,
nicht meditierend, ohne Durchbruch.
Schau da die Pferde am Kamo-Fluss galoppieren!

Das ist Zazen!

Schon lustig, wie er die öde Rumhockerei ohne Durchbruch Nicht-Meditation nennt. Dabei ist Meditation die Bezeichnung, die die öden Rumhocker für ihre „Tätigkeit“ seit Ewigkeiten verwenden. Nichts gegen’s Sitzen, um Gottes willen! Daitô zitiert Yung-chia mit dem bekannten Spruch: „Gehen ist Zen, Sitzen ist Zen. Redend oder schweigend, den Körper bewegend oder nicht, ist er in Frieden.“ Und er fügt erklärend hinzu: „Dies lehrt uns, dass Gehen, Sitzen und Reden allesamt Zen sind. Nicht nur Zazen und das Unterdrücken der Gedanken. Ob beim Aufstehen oder beim Hinsetzen, bleibt konzentriert und aufmerksam. Plötzlich wird euch das ursprüngliche Gesicht begegnen.“


„Bleibt konzentriert und aufmerksam“ ist der Schlüssel. Die gallopierenden Pferde am Komo-Fluss sind Zen, ohne je etwas von Buddha oder Zen gehört zu haben. Und es ist müßig, sich über Ikkyûs Eskapaden zu ereifern, wenn unbekannt ist, in welchem geistigen Zustand er sich befand bei einem Bordellbesuch oder in der Schenke beim Leeren eines Sakefasses. War es nicht eine der Übungen von Gurdjieff, sich zu besaufen und dabei völlig konzentriert und aufmerksam zu bleiben?

Ikkyû war wirklich ein würdiger Linienhalter von Daitô, Linji und den alten Ch’an-Patriarchen. Er sitzt da in seiner Höhle und verflucht sie aus tiefster Seele: „Mit der verfluchten Höhle hier im finstren Berg kann ich mich nicht befreunden.“ Ihr erinnert euch an sein einziges Kôan: „du“. Er hat’s nicht so mit der Einsamkeit und liebt die Gesellschaft von Menschen. „Wenn ich an früher denke – Flötenspiel und Liebesnächte – in meiner Jugend Überschwang leerte ich mit Leichtigkeit manch Sakefass.“

tJa aber, könnte jetzt ein wackerer Advaitin und Nondualist denken. Ich und du, Müllers Kuh … das sind doch zwei nach Adam Riese. Und wo ein Du ist, ist zwangsläufig immer ein Ich. Und das wissen wir doch, dass das nur ein Gedanke ist! Was sagt man dazu. Immerhin hat da einer brav seine Hausaufgaben gemacht und kann einen Aufsatz über die Advaita-Lehre schreiben. Ja, toll, Note 1 mit *. Und jetzt vergiss den ganzen Quatsch. Wenn’s euch gerade draußen zu kalt ist und euch nicht einmal die Sonne rauslocken kann oder wenn ihr eine Scheißkniearthrose habt – ich bin übrigens gerade dabei sie zu verlieren, nachdem mir mein Lieblingsdoc den heißen Tipp gab, es mal mit Kohl-Umschlägen zu versuchen – tolles Ergebnis kann ich euch sagen – also, wo war ich, ja, also all die Stubenhocker könnten sich ja vielleicht mal beispielsweise das Video mit Cat Stevens und seinem „Morning has broken“ anhören und die hübschen Bilder angucken. Du, Du, Du, ohne Ende Du, und möglicherweise verschwindet jedes Ich. So was kann immer passieren. Daitô passierte es zum Beispiel, als ihm einmal ein Schlüsselbund aus der Hand auf den Fußboden fiel. Also vergesst die ganze Nondualität, die ist eh nur ein Konzept und ein Konzept hilft euch einfach nullkommanix. Denkt an Ikkyû: „Nur ein Kôan ist wichtig – du“ oder an Fritz Perls: „Ich bin ich und du bist du“, das ist auch wahr- und nur wahr. Und passieren kann dabei alles Mögliche.

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Prägungen

 

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Angeregt durch das Interview vorgestern von KenFM mit Wolf Büntig kam mir mal wieder das Thema „Prägungen“ in den Sinn. Als mein Vater am Sterben war, fragte er meine Mutter, ob sein Vater schon tot sei. Meine Mutter versicherte ihm, dass der schon 1920 gestorben sei. Daraufhin soll mein Vater strahlend gesagt haben: „Dann können wir ja endlich leben!“ Als ich das hörte, hat mich das tief beeindruckt. Mein Großvater,  ein Chefarzt, soll ein absoluter Patriarch und Tyrann gewesen sein und mein Vater scheint sein Leben lang unter ihm gelitten zu haben. Dagegen schwärmte er von seiner gutherzigen Mutter, die an gebrochenem Herzen gestorben war, wie mein Vater erzählte.

Mein Vater war 19 Jahre älter als meine Mutter; er hat Jura studiert, während meine Mutter soviel ich weiß ’nur‘ die Volksschule besucht hat. Mein Vater war nacheinander Rittmeister, Polizeipräsident, Werksyndikus bei Messerschmitt, Stadtrechtsrat – so’ne richtige Respektsperson also. Grusel. Ursprünglich wollte er eigentlich Geiger werden, doch sein Vater wollte ihm nur ein Brotstudium bezahlen. Und so kam es, dass er sich erst nach seiner Pensionierung wieder eine Geige kaufte und ein wenig darauf spielte. Mein Vater las vorzugsweise Goethe, Schiller, Lessing, … schrieb selbst Dramen und fühlte sich überhaupt dem seit Generationen gepflegten Bildungsbürgertum verpflichtet. Meine Mutter stand dagegen eher für das Handfeste und Herzhafte. Weil sie von meinem Vater aus Gründen der Sparsamkeit, wie er das nannte, so gut wie kein Geld bekam und in Ermanglung einer Waschmaschine, musste sie die Wäsche noch selber waschen; sie bestrickte die ganze Familie und schneiderte sich all ihre Kleider selbst. Sie buk und kochte gerne, aß gerne Butterbrot mit Speck und machte Klöße, von denen ich heute noch schwärme. Riesige Dinger aus gekochten Kartoffeln, die so locker waren, dass sie einem wirklich auf der Zunge zergingen. Gegessen haben wir sie mit zerlassener Butter. Also ich suche heute noch jemanden, der solche Klöße hinbekommt. (Ich selbst hab es leider auch noch nicht geschafft.) Wenn meine Mutter lachte, wackelte ihr ganzer Bauch dabei, was ich als Kind immer ganz fasziniert beobachtete. Bei meinem Vater wackelte gar nichts, dafür war er viel zu distinguiert.


Mein Vater war nicht nur distinguiert, er war ein Patriarch und Tyrann wie sein Vater und alle um ihn herum hatten Angst. In meiner Jugend war mir eines mehr als klar, dass ich nie so werden wollte wie er, und so wurde ich zum notorischen Verweigerer all seiner Forderungen an mich und nicht nur seiner. Gestern schrieb ich, dass ich keinen Impuls spüre, ein Buch zu schreiben. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, ich solle unbedingt meinen Blog weiterführen, würde von meinen Mustern her die Gefahr bestehen, dass ich mit der Bloggerei auf der Stelle aufhöre. Jeder Erfolgscouch würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mir alle möglichen Seminare und Techniken offerieren, die mich auf Erfolgsspur bringen würden. Das Blöde ist nur, dass mir Erfolg so was von schnurzpiepegal ist, dass da alle Seminare und Techniken bei mir nur einen gigantischen Widerstand produzieren könnten. So bin ich nun mal.

eAha, also einer von der Sorte, deren Lieblingslied ist: „Ich will so bleiben, wie ich bin! – Du darfst!“ Genau, so einer bin ich. In diesem Moment und im nächsten und im nächsten, oder wie es Steven Harrison sagt: Offen für das, was als Nächstes kommt. Na ja, da kann man sich zugegebenermaßen leicht was vormachen. Dann bin ich halt gerade der, der sich was vormacht. Es gelingt wohl am besten, wenn da niemand ist, der sich ernsthaft für den Körper und die ganzen komischen Programme hält. Also zwischendurch so’n bisschen zum Spaß ist ja ganz okay, aber bitte nicht ernsthaft!

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Osho: Handeln ist Antworten, wenn es notwendig ist

 

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Ich habe nie ein Buch geschrieben. Ich kann es nicht! – für wen denn? Wer wird es lesen? Solange ich denjenigen, der es lesen wird, nicht kenne – solange niemand die Situation dafür herstellt – kann ich nicht schreiben. Für wen denn auch? Ich schreibe nur Briefe, denn dann weiß ich, dass ich an jemanden schreibe. Dieser ‚jemand‘ mag irgendwo in den U.S.A. leben, das ist egal, denn sobald ich ihm einen Brief schreibe, wird daraus etwas Persönliches: das Gegenüber ist da. Während ich schreibe, hilft mir das beim Schreiben. Ohne ihn ist es nicht möglich; es ist ein Dialog.

Das verstehe ich unter Handeln. Sobald ihr fort seid, verschwindet auch augenblicklich alle Sprache aus mir. Es kommen keine Worte mehr, sie werden nicht gebraucht. Und so muss es auch sein. Solange du läufst, benutzt du deine Beine, aber sitzt du auf einem Stuhl, wozu dann noch die Beine bewegen? Das wäre Wahnsinn! Wenn ein Dialog stattfindet, muss man reden; wenn es die Situation erfordert, muss man handeln – aber das lass besser das Ganze entscheiden. Du darfst nicht der entscheidende Faktor sein, du darfst keine Entscheidung treffen. So kann es zu keinen Karmas kommen, so gehst du unberührt und frisch von Augenblick zu Augenblick. Die Vergangenheit stirbt jeden Augenblick von allein, und die Zukunft wird neu geboren, und du begegnest ihr so taufrisch wie ein Neugeborenes.

aus: Osho, „Tantra – die höchste Einsicht“

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Ich wurde schon gefragt, warum ich nicht endlich ein Buch schreibe. Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass da kein Impuls in mir aufgetaucht ist, das zu tun. Warum auch um Gottes willen? Blog ist okay, ein Buch würde mich nur stressen und ich würde nach ein paar Seiten wieder damit aufhören. Da ich mich auch nicht als Lehrer fühle und mir kein bisschen nach Schülern ist, hab ich mir mit Zitaten aus diesem oder jenem schlauen Buch beholfen. Osho sagt: „Dieser ‚jemand‘ mag irgendwo in den U.S.A. leben, das ist egal, denn sobald ich ihm einen Brief schreibe, wird daraus etwas Persönliches: das Gegenüber ist da. Während ich schreibe, hilft mir das beim Schreiben. Ohne ihn ist es nicht möglich; es ist ein Dialog.“ Ich füge hinzu: Dieser jemand kann auch schon ein paar Jahrtausende tot sein. Er ist immer noch als Gegenüber brauchbar, er kann mir immer noch einen Impuls liefern, der irgendwelche Antworten hervorlockt, er kann immer noch der Stein sein, der in den See geworfen seine Kringel hervorzaubert.

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Osho sagt: „Solange du läufst, benutzt du deine Beine, aber sitzt du auf einem Stuhl, wozu dann noch die Beine bewegen? Das wäre Wahnsinn! Wenn ein Dialog stattfindet, muss man reden; wenn es die Situation erfordert, muss man handeln – aber das lass besser das Ganze entscheiden. Du darfst nicht der entscheidende Faktor sein, du darfst keine Entscheidung treffen.“ Mein Kardiologe fällt mir wieder ein: „Bewegung oder Siechtum.“ Oder der Spruch: „Wer rastet, der rostet.“ Im Augenblick habe ich im rechten Knie eine Arthrose vom Feinsten. Osho behauptet also: „Sitzt du auf einem Stuhl, wozu dann noch die Beine bewegen? Das wäre Wahnsinn!“ Hab ich mir auch immer gedacht, und das hab ich jetzt davon. Hätte ich bloß nie auf den Kerl gehört! (Hab ich gar nicht. Ich bin einfach ’ne faule Sau.)
e1Aber eigentlich wollte ich jetzt nicht die faule Sau zu Tode reiten, sondern mich auf die eben zitierte Aussage von Osho stürzen: „Solange du läufst, benutzt du deine Beine, aber sitzt du auf einem Stuhl, wozu dann noch die Beine bewegen?“ Er sagt dies, weil er auf Folgendes hinaus will: „Wenn ein Dialog stattfindet, muss man reden; wenn es die Situation erfordert, muss man handeln – aber das lass besser das Ganze entscheiden.“ Wenn ein Dialog stattfindet … Fritz Perls hat gesagt: „Verantwortung ist die Fähigkeit zu antworten.“ Also nix mit Pflicht-Erfüllung! Warum betont er das so? Alles in der Natur antwortet, alles in der Natur befindet sich in einem ständigen Dialog. Sogar das Wasser antwortet auf den Stein, der gerade hineingeworfen wird. Nur der Mensch … noch einmal die Rilke-Worte: „Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern. Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um.“ Und Osho sagt: „Lass besser das Ganze entscheiden. Du darfst nicht der entscheidende Faktor sein, du darfst keine Entscheidung treffen.“ Im Fluss des Tao antwortet alles auf alles. Der menschliche Verstand wählt einen winzigen Ausschnitt aus, den er für wichtig hält, und wird dadurch unfähig als Teil des Ganzen mit dem Ganzen im Dialog zu sein.

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Poonja: Dieser Wunsch, frei zu sein

 

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Dieser Wunsch, frei zu sein, ist nur in sehr wenigen Menschen gewachsen. Frei in diesem Leben. In diesem Jahr. In diesem Monat. Jetzt. Dieses Verlangen entscheidet. Wie eine Motte, die sich in die Flamme verliebt und ohne jedes Zögern in sie stürzt. Ohne Anhalten oder Zurückhalten auf dem Weg. Wie viel Zeit, um zur Flamme selbst zu werden? Auf die Flamme zugehen, das ist die Entscheidung, frei zu sein … aufs Atman zugehen.

Das Atman verzehrt dich und schenkt dir ewiges Leben, ewiges Bewusstsein und ewige Glückseligkeit. Und niemand weiß das. Alle suchen im Außen und durch die Sinne. Was immer du siehst, wo immer du Name und Form erblickst, nichts ist wirklich wahr. Diese Namen und Formen werden dir niemals Frieden oder Liebe schenken. Was immer du in genussreichen Sinnesobjekten siehst, fühlst oder erfährst, wird dich letztendlich hungrig zurücklassen.

Das also ist die Entscheidung und die Unterscheidung. Mit dieser Unterscheidung, dieser Urteilskraft werden einige beschließen: „Ich will frei sein.“ Sie werden einen Lehrer finden. Der Lehrer ist in dir. Der Sadguru ist in dir. Dein Verlangen nach Freiheit bewegt sich auf diesen Lehrer zu, auf dieses Brahman.

aus: H.W.L. Poonja, „Sei still!“

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„Dieser Wunsch, frei zu sein, ist nur in sehr wenigen Menschen gewachsen. Frei in diesem Leben. In diesem Jahr. In diesem Monat. Jetzt.  Dieses Verlangen entscheidet“, sagt Poonja. Und dann bringt er das Beispiel mit der Motte, „die sich in die Flamme verliebt und ohne jedes Zögern in sie stürzt.“ Das Beispiel ist eine wichtige Veranschaulichung dessen, worum es geht. Da ist nicht das, was man üblicherweise unter „Wunsch“ und unter „Entscheidung“ versteht. Etwa: Ich wünsche mir ein neues Auto, aber ich warte noch mit dem Kauf, bis das neue Modell meiner Lieblingsmarke auf den Markt kommt. Eine Motte stellt alle diese Überlegungen nicht an. Sie nimmt Licht war und sie muss in die Quelle des Lichts hineinfliegen. Das ist kein netter Wunsch und auch keine kluge Entscheidung. Die Motte hat keine Wahl, sie muss. Goethe schrieb:

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Sagt es niemand, nur dem Weisen
weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebend’ge will ich preisen,
das nach Flammentod sich sehnet
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In derselben Weise ist in einigen wenigen Menschen das Verlangen gewachsen, frei zu sein, und dieses Verlangen steht auch schon für die „Entscheidung“, frei zu sein. Poonja spricht davon, dass das gewachsen ist und er nennt die Voraussetzung dafür: Die Fähigkeit zur Unterscheidung, die Urteilskraft. Wir erinnern uns vielleicht an Shankaras „Kleinod der Unterscheidung“. Auch er misst dieser Unterscheidungsfähigkeit höchste Bedeutung bei. Es macht also keine Sinn, wenn Satsanglehrer von ihren Schülern fordern: „Du musst frei sein wollen!“ Ich erinnere an Schopenhauers „Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will.“

Hilfreich wäre vielleicht, vielleicht, vielleicht auf die Unterschiede aufmerksam zu machen, wie es Poonja beschreibt: „Alle suchen im Außen und durch die Sinne. Was immer du siehst, wo immer du Name und Form erblickst, nichts ist wirklich wahr. Diese Namen und Formen werden dir niemals Frieden oder Liebe schenken. Was immer du in genussreichen Sinnesobjekten siehst, fühlst oder erfährst, wird dich letztendlich hungrig zurücklassen.“ Das ist die eine Seite. Die Burg oben ist ein wunderbares Symbol für diese Haltung, ein wirklich eindrucksvolles Symbol für das Ego. Die andere Seite: „Das Atman verzehrt dich und schenkt dir ewiges Leben, ewiges Bewusstsein und ewige Glückseligkeit.“

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Letzteres zu hören nützt nicht viel – es sei denn, du liebst denjenigen, der das sagt und vertraust ihm vollkommen. Aber Ersteres kann man untersuchen und die Richtigkeit überprüfen: „Ich habe mein Leben lang im Außen gesucht – hat es mich je wirklich genährt und erfüllt?“ Gemeint ist damit nicht ein momentanes Gefühl der Befriedigung und Sattheit, dem bald darauf wieder ein erneutes Bedürfnis nach Befriedigung folgt. Ich sage jetzt nicht, was tatsächlich gemeint ist, weil das auch wieder nur Vorstellungen erzeugt. Es genügt ja schon, all das zu verwerfen, was sich als als leiderzeugend erwiesen hat. Dies führt zwangsläufig zu diesem „dies ist es nicht und das ist es nicht“. Neti – neti. Und wohin diese Unterscheidung und Feststellung führt, wird sich ganz von selbst erweisen.
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 Huang-po: Der Geist hat nirgends einen Ort

 

buddhaNiemals hat unsere Ch’an-Lehre, seit sie zuerst übermittelt wurde, gesagt, dass die Menschen nach Gelehrtheit streben oder sich Vorstellungen machen sollten. „Den Weg erforschen“ ist nur eine Redensart. Er ist ein Mittel, um auf frühen Entwicklungsstufen das Interesse der Menschen zu wecken. Tatsächlich ist der Weg nichts, das erlernt werden kann. Lernen führt zum Festhalten an Begriffen, und dies ist ein völliges Missverständnis des Weges. Überdies ist der Weg nicht etwas, das gesonderte Existenz besitzt. Er heißt der Mahāyāna-Geist, der Geist, der nicht im Inneren, im Außen oder in der Mitte zu finden ist. In Wahrheit hat er nirgends einen Ort. Der erste Schritt ist, sich der auf Wissen gegründeten Begriffe zu enthalten. Dies ist nötig, weil du, selbst wenn du dem Weg der empirischen Methode bis zum äußersten Ende folgen würdest, auch dort noch immer nicht imstande wärest, den Geist aufzufinden. Der Weg ist geistige Wahrheit, ursprünglich ohne Namen und Bezeichnung. Nur, weil die Menschen in ihrer Unwissenheit auf empirische Weise nach ihm suchten, erschien Buddha und lehrte sie, diese Methode der Annäherung aufzugeben. In der Befürchtung, dass niemand dies verstehen würde, wurde die Bezeichnung „Weg“ gewählt. Diese darf euch nicht zu der gedanklichen Vorstellung eines Weges führen. So heißt es: „Wenn der Fisch gefangen ist, kümmert uns die Reuse nicht mehr.“ Wenn Körper und Geist Unmittelbarkeit erreicht haben, ist der Weg gefunden und der Geist erfasst. Shramana wird genannt, wer zur ursprünglichen Quelle aller Dinge vorgedrungen ist. Die Frucht der Shramana-Stufe wird erlangt, indem man allen Ängsten ein Ende macht; sie wird nicht durch Bücherwissen erlangt.

aus: Huang-po, „Der Geist des „Ch’an“

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Kürzlich hat Hagen in seinem Blog die Frage gestellt, ob sich Freimaurerei und Gott vertragen. Der erste Beitrag hierzu war von einem ausgewiesenen Atheisten, der gleich in seinem ersten Satz klarstellte, was er davon hielt: „Um es vorweg zu nehmen – nach meiner Meinung, gar nicht.“ Und im Folgenden legte er seine Weltsicht dar, die man so oder ähnlich auch im Forum der Giordano Bruno-Stiftung des Michael Schmidt-Salomon finden könnte. Alles baute auf der Idee der Aufklärung und den hehren Prinzipien reiner Wissenschaftlichkeit auf. Mein Einwand, dass es dasselbe in Grün sei, ob ich an einen Gott im Himmel glaube oder an die Aufklärung, blieb leider ohne Antwort, obwohl er kurz vorher seine Lust an Streitgesprächen betont hatte. Und die von den Freimaurern so hochgelobte Brüderlichkeit ist halt auch nur ein Ideal, ist etwas, an das ich glauben will, als wäre es Realität. Zu guter Letzt bleibt dann eigentlich nur noch das Alleinsein. „Wer zur ursprünglichen Quelle aller Dinge vorgedrungen ist“, ist damit mutterseelenallein.

m„Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Marcel Reich-Ranicki kommentierte diesen berühmt-berüchtigten Satz einmal so: „Dies hat Schiller den Tell sagen lassen, vielleicht, um zu zeigen, dass der tüchtige Schütze nicht sehr intelligent ist. Denn der Starke ist am mächtigsten, wenn er sich mit anderen Starken verbündet.“ Mir fallen zu diesem Satz die sieben Schwaben ein.“ Was nützte ihnen ihr geschlossenes Auftreten, wenn sie sich dabei gegenseitig nur in ihren Halluzinationen hochpushten und vor lauter Angst nur so schlotterten? Aber sie waren natürlich allesamt keine Starken. Nicht, dass sich der Starke nicht auch gelegentlich mit anderen verbünden könnte, aber er ist sich dessen bewusst, dass er sich dabei auf andere verlässt, auf die er sich im Ernstfall möglicherweise gar nicht verlassen kann. Also wird er nie die Verantwortung für sich an andere abtreten. Dies gilt ganz besonders für „den Weg“, den Huang-po hier erwähnt. Der sagte u.a.: „Der erste Schritt ist, sich der auf Wissen gegründeten Begriffe zu enthalten.“ Das kann ich nur für mich alleine. Und der von Seng-ts’an angesprochenen Meinungen sowieso. Und Huang-po fügt hinzu: „Shramana wird genannt, wer zur ursprünglichen Quelle aller Dinge vorgedrungen ist.“ Shramana ist jemand, der sich von allem enthält, was ihm den Weg zur Quelle versperrt und auf diese Weise sieht, dass er nie von der Quelle getrennt war.

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