Karl Renz: Das Kleinste und das Größte


Wenn du wirklich auf die Dimension des Absoluten zugehst, wird es wirklich so sein … [pustet in die Luft]. Aber wenn dir ein Fingernagel abbricht, dann ist es so, als ob das ganze Universum bricht. Und du hast recht! Die gesamte Existenz erlebt es in diesem Augenblick und die gesamte Existenz bricht sich den Fingernagel ab.

Der nächste Schluck Kaffee oder sich den Fingernagel abbrechen – das ist von derselben Wichtigkeit, als würde das Universum im nächsten Augenblick kollabieren. Von der Qualität her gibt es keinen Unterschied. Die Qualität, das, was-du-bist, erfährt sich im Kleinsten und im Größten. …

Doch in diesem Augenblick bist du ganz bei deiner magischen, spirituellen Handlung, sie wird zur vollkommenen Realität für das, was-du-bist. Das Kleinste und das Größte. Und das ist eine nie zu Ende gehende Geschichte. Du gehst vom Kleinsten zum Größten, in alle Frequenzbereiche und Möglichkeiten und verwirklichst dich darin selbst. Auf jede mögliche Weise. Keine ist bedeutender oder weniger bedeutend, das ist das Schöne daran. – Der nächste Schluck Kaffee, der nächste Geschmack von nichts, beides trägt die Qualität dessen in sich, was du als Totalität des glückseligen Hintergrund-Tralalas bist.

aus: Karl Renz, „Heaven And Hell“Wer diesen Beitrag mit seinem schlauen Verstand zerpflücken möchte, kann dies natürlich gerne tun, er wird sicher dabei wie gewohnt recht behalten, aber ich fürchte, außer einer billigen Genugtuung wird er nicht viel davon haben. Ich empfehle ihm, lieber in die nächste Kneipe zu gehen und ein frisches Bier zu zischen. Hat er mehr davon.

Ich habe den Text von Karl gelesen wie ein Gedicht und hab mich sehr gefreut etwa über folgende Aussage: „Du gehst vom Kleinsten zum Größten, in alle Frequenzbereiche und Möglichkeiten und verwirklichst dich darin selbst. Auf jede mögliche Weise. Keine ist bedeutender oder weniger bedeutend, das ist das Schöne daran.“ Heute jagt alles hinter dem Größten her, hinter dem absolut Spektakulären. Und ansonsten herrscht völlige Gleichgültigkeit. „Mir doch wurscht“ scheint zum allgemeinen Credo geworden zu sein. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich ein Blümchen stehn, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.“ Wer hätte heute noch Augen dafür, wenn man doch auf seinem Smartphone jederzeit die neuesten Meldungen über weitere Goldmedaillen abrufen kann? Und ein Blümchen am Wegesrand ist mir echt so was  von wurscht!Viele Spiris haben das sogar zu einer besonderen Tugend erklärt: Gleichgültig zu sein gegenüber allen weltlichen Ereignissen und Dingen. Vielleicht hatte ich auch deswegen immer eine Abneigung gegen die klassische Meditation. Wie schrieb Laotse: „Wahrlich, ich habe das Herz eines Toren, so dunkel und wirr! Die gewöhnlichen Menschen sind hell und klar; nur Ich bin trübe verhangen. Die gewöhnlichen Menschen sind strebig-straff; nur Ich bin bang-befangen. Ruhelos gleich ich dem Meere; verweht, ach, bin gleichsam ich ohne Halt. Die Menschen machen sich nützlich all, nur Ich bin halsstarr, als ob ich ein Wildling wäre.“ Das war mir immer viel näher, als diese beherrschte Konzentration.

Karl: „Der nächste Schluck Kaffee, der nächste Geschmack von nichts, beides trägt die Qualität dessen in sich, was du als Totalität des glückseligen Hintergrund-Tralalas bist.“ Aahhh…!

 

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Ramesh Balsekar: Wer ist das Subjekt?


Die Gefangenschaft entsteht nicht durch die Dualität der Subjekt-Objekt-Beziehung, die der notwendige Mechanismus für das Universelle Bewusstsein ist, um die Phänomenalität wahrzunehmen. Das Spiel (lila) der Wechselbeziehung zwischen Menschen, das das Bewusstsein in sich selbst hervorruft, verursacht im mutmaßlichen Individuum Freude und Schmerz. Das ist allerdings keine Konsequenz, die sich aus dem Mechanismus der Dualität ergibt, sondern eine, die durch die Wirkungsweise des Dualismus entsteht. Der Dualismus führt dazu, dass sich jeder Einzelne als eine getrennte, autonome Entität begreift, als persönlich Handelnder, als das Subjekt aller anderen Objekte. Das verursacht die Gefangenschaft. Die grundlegende Tatsache hingegen ist, dass das Noumenon nur Subjekt ist – reine Subjektivität – und alle sind Objekte. Jeder Körper-Mind-Organismus kann nur in Übereinstimmung mit seiner zugrunde liegenden Natur leben, seinem Dharma. Daher lebt kein Wesen sein Leben, jedes Wesen „wird gelebt“.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Wenn Ramesh „Gefangenschaft“ sagt, müsste er eigentlich „das Gefühl der Gefangenschaft“ sagen, denn da ist weit und breit kein Individuum zu finden, das sich in Gefangenschaft befinden würde. Gestern hatte ich Hartmut Krauss im Blog mit seiner säkular-humanistischen Islamkritik. Nachdem ja hinter einem derart kritisierten Phänomen immer Menschen stehen, Mohammed, Ayatollahs, Imame, Mullahs, Muftis, … müsste auch hier, wenn wir dem Konzept von Ramesh folgen wollen, alles umgeschrieben werden, denn auch diese Menschen sind nichts als „gelebte Wesen“, wie es Ramesh ausdrückt. Wen kritisiert also Hartmut Krauss, wenn er den Islam kritisiert?

Auf dem Bild sind scheinbar zwei Individuen abgebildet, ein IS-Mörder und sein Opfer. Üblicherweise geschieht beim Betrachten des Bildes sofort eine Reaktion beim betrachtenden scheinbaren Individuum, etwa in der Art der Verurteilung des Mörders und des Mitgefühls für das Opfer. Ramesh: „Das Spiel (lila) der Wechselbeziehung zwischen Menschen, das das Bewusstsein in sich selbst hervorruft, verursacht im mutmaßlichen Individuum Freude und Schmerz.“ Das mutmaßliche Individuum in Gestalt des IS-Mörders empfindet vielleicht Gefühle von Rechtmäßigkeit, von Macht und Mordlust; das mutmaßliche Individuum in Gestalt des Opfers fühlt vielleicht totale Angst und Verzweiflung; das mutmaßliche Individuum in Gestalt des Betrachters der Szene spürt vielleicht Mitleid, Abscheu und Rachegefühle. All dies wird bei den Hindus „lila“ genannt, das große kosmische Spiel. Und zugleich ist aus hinduistischer Sicht klar, dass dies alles Maya ist, reine Illusion, nicht wirklich. Wirklich ist nur das Noumenon und nicht die in ihm erscheinenden Phänomene.

Was mach ich jetzt damit als armes Schwein, das es als Individuum gar nicht gibt? Na, ich natürlich gar nichts, mich gibt’s ja gar nicht. Damit ich jetzt aber nicht völlig der Verzweiflung anheimfalle und mich am nächsten Baum erhänge, macht Ramesch folgenden Vorschlag zur Güte:

Er sagt an anderer Stelle, dass ich so handeln muss, als ob ich einen freien Willen habe – in dem Wissen, das es in Wirklichkeit Gottes Wille ist. Das ist fast identisch mit der Aussage des deutschen Philosophen Hans Vaihinger: „Handle, als ob du der Handelnde wärst, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist.“ Dieser Vorschlag scheint „bei mir“ zu bewirken, dass „ich“ jetzt aufstehe, „mir“ einen Kaffee mache, wissend, dass nicht „ich“ es bin, der das jetzt macht. Das ist „Gott“ als ich. Und es ist auch „Gott“ als IS-Mörder, der „Gott“ als sein Opfer meuchelt.

Und „ich“ bin nur eine Figur auf „Gottes“ Spielbrett? „Er“ schiebt „mich“ hierhin, „er“ schiebt „mich“ dorthin, „ich“ reagiere innerhalb der vorgegebenen Parameter – und das war’s dann auch schon? Na ja, wer das kapiert hat, erlebt nach Werner Ablass den von ihm sogenannten Mindcrash. Der Werner hat ja nach eigener Aussage so eine Predigerprogrammierung. Ich hab natürlich auch meine Programmierung wegbekommen. Kriegt halt jeder sein Fett weg. Bei mir ist es das Hinterfragen-Müssen. Kaum ist eine Antwort aufgetaucht, muss ich sie schon wieder hinterfragen. Da ich das schon vorher weiß, spielen die gefunden Antworten eigentlich gar keine Rolle mehr. Werners Antwort ist ebenso wie das Konzept von Ramesh für mich einfach eine in Frage zu stellende Antwort. Deshalb hat mir auch Osho immer so gut gefallen, weil er dadurch, dass er sich ständig widersprochen hat, jede zuvor gegebene Aussage in Frage gestellt hat. Und so bleibt zuletzt nur Gewahrsein und das, was in ihm alles für’n komisches Zeug auftaucht. Und jede Aussage ist halt nur ein Konzept und nicht wahr. Und das Fatale an Konzepten ist, dass sie zu Glaubenssystemen entarten können.

Aber zu der Frage, ob „ich“ nur eine Figur auf „Gottes“ Spielbrett bin. Antwort: Nein. Ich bin Gott. Das ist ebenso wahr und nicht wahr wie die Sache mit der Spielfigur.

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AGM: Jenseits von rechts- und linkspopulistischer Propaganda


Von den Medien weitgehend unbeachtet hat sich auch eine (politisch unabhängige) säkular-humanistische Islamkritik konstituiert, die sich von der herrschenden Islamapologetik sowie von der rechts- und linkspopulistischen Propaganda klar und deutlich distanziert und für eine wissenschaftliche sowie evidenzbasierte Behandlung dieser essentiellen gesellschaftlichen Fragen eintritt. Diese „dritte Kraft“ vertritt Positionen, die von einem Großteil der Bevölkerung (oftmals weitgehend unabhängig von der sonstigen religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung) unterstützt werden.

aus: Kommunikations- und Aufklärungsplattform für islamspezifische Religionskritik

Der Begriff Anarchie beschreibt einen Zustand, in dem sich ein Individuum oder eine ganze Gesellschaft weder beherrschen lässt noch irgendwelche Ambitionen hat, andere Individuen oder Gesellschaften zu beherrschen. Mehr noch, ein derartiges Individuum oder eine derartige Gesellschaft ist sehr daran interessiert, dass auch andere Individuen oder Gesellschaften frei von jeder Beherrschung durch andere Individuen oder Gesellschaften leben können. Rosa Luxemburg brachte das ganz exakt auf den Punkt mit den oft zitierten Worten: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“

Anarchie ist damit immer „die dritte Kraft“ bzw. der Ort zwischen allen Stühlen oder jenseits jeder Doktrin. Damit befindet sie sich in unmittelbarer Nähe zum Gewahrsein, das keinen festen Standpunkt kennt, sondern sich aller Standpunkte nur gewahr ist. Das, was Mystik genannt wird, wurzelt im reinen Gewahrsein und nicht in irgendeiner Erscheinung, die in diesem Gewahrsein auftaucht. Damit wurden Anarchie und Mystik zum natürlichen Feind jedweder Doktrin. Zahlreiche Anarchisten und Mystiker bezahlten deshalb für ihre Grundhaltung mit ihrem Leben. In diesem Punkt waren weder die orthodoxen Religionen noch faschistoide politische Systeme besonders zimperlich. Ob Kreuzigung, Scheiterhaufen, Steinigung, Folter, KZ, … das Repertoire der Dualisten zur Unterdrückung bzw. Vernichtung der „Ketzer“,  „Ungläubigen“ oder „Vaterlandsverräter“ war und ist schon immer schier grenzenlos.

Der von Hartmut Krauss und der „Gesellschaft für wissenschaftliche Aufklärung und Menschenrechte“ z.Zt. so besonders herausgestellte Islam kann nur ein Beispiel sein für ein System der Unterdrückung und Unfreiheit, allerdings ein besonders krasses. Ich käme nicht auf die Idee, Hartmut Krauss zum Mystiker zu erklären. Er scheint eher ein Intellektueller zu sein. Da dieser Begriff jedoch vielfach mit Vorurteilen belastet ist, möchte ich seine Haltung lieber als die Haltung eines Wissenschaftlers bezeichnen. Und wiederum begegnen sich die Wissenschaftler der äußeren und der inneren Welt. Beide sind gekennzeichnet durch eine große Nüchternheit. Die Emotionalität etwa des blutrünstigen Mobs ist ihnen ebenso fremd wie der eiskalte Vernichtungswille irgendwelcher Machtstrategen.
Hartmut Krauss schreibt in dem oben verlinkten Beitrag u.a.: „Es ist daher erforderlich, dass sich diese Kräfte der humanistischen Aufklärung organisieren und somit auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden können.“ Genau hier ist möglicherweise ein richtig wunder Punkt zu finden, Schwäche und Stärke zugleich. Weder die Wissenschaftler der äußeren noch die der inneren Welt scheinen sonderlich interessiert oder befähigt zu sein, als Propagandisten für die eigene Sache in Erscheinung zu treten. Vielleicht schreiben sie ein Buch, aber ob das jemand liest oder nicht, ist schon wieder nicht von vorrangigem Interesse. So überlassen sie das Feld der Propaganda denen, die in erster Linie für ihre eigenen Interessen stehen und nicht für die der Wissenschaft. Und so scheint das nicht so recht was werden zu wollen mit der sog. Aufklärung.

Mir fallen gerade die alten chinesischen Taoisten ein, die in geradezu beispielhafter Weise die Wissenschaft der äußeren wie der inneren Welt in sich vereinigten und stets um ein Gleichgewicht der Kräfte bemüht waren.

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Tao-hsin: Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben

Ein Schüler wollte Tao-hsin verlassen, und trat vor diesen, um sich zu verabschieden. Tao-hsin fragte ihn: „Warum gehst du?“ Der Schüler antwortete: „Ich habe hier alles gelernt und möchte jetzt auf Wanderschaft gehen und die Suche fortsetzen.“ Daraufhin erwiderte Tao-hsin: „Wenn du alles gelernt hast, kannst du mir sicher eine Frage beantworten: Wenn du gehst, verlasse ich dich oder du mich?“ Der Schüler stockte.

Tao-hsin sagte später „Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben“

aus den verschollenen Schriften des Tao-hsin„Ich habe alles gelernt.“ Deutlicher kann man nicht dokumentieren, dass man noch gar nichts gelernt hat. Nicht einmal ein Schreinergeselle würde seinem Meister sagen: „Ich habe alles gelernt.“ Denn zu lernen gibt es immer noch was. Aber der Schreinergeselle könnte ja damit zum Ausdruck bringen wollen: „Von diesem meinem alten Meister habe ich alles gelernt. Mehr hat der einfach nicht mehr zu bieten. Und jetzt geh ich auf Wanderschaft noch zu diesem und jenem anderen Meister und guck mal, ob die mir noch was beibringen können, was ich noch nicht bei meinem Meister lernen konnte.“

Tao-hsin war kein Schreiner-Meister, soviel ich weiß. Er war ein Ch’an-Heini, ein Schüler von Seng-ts’an. Dem zu sagen: „Ich habe alles gelernt“, ist ja noch mal ne andere Nummer, als das seinem Schreinermeister zu sagen. Im Kapitel 48 des Tao Te King sagt Lao Tse: „Betreibe das Lernen: So mehrst du dich täglich. Betreibe den Weg: So minderst du dich täglich. Mindern und abermals mindern führt dich zum Ohne-Tun. Bleib ohne Tun – Nichts, das dann ungetan bliebe.“ Der „Schüler“ Tao-Hsins glaubte allem Anschein nach immer noch, dass es bei seinem Meister etwas zu Lernen gegeben hätte. Alles, was er bei ihm hätte lernen können, wäre allerdings gewesen, dass es nicht zu lernen, sondern nur zu verlernen gab, und zwar alles, was er je gelernt hatte. Hätte er das wirklich gelernt, wäre er voller Dankbarkeit einfach geblieben. Es hätte nicht mehr den geringsten Grund gegeben, wieder „auf Wanderschaft zu gehen und die Suche fortzusetzen“.

Heute erleben wir ja wieder diesen Guru- und Satsanglehrer-Tourismus. Hier schnappt man etwas auf, da schnappt man etwas auf, und, so Gott will, wird man irgendwann selbst ein Guru oder Satsanglehrer oder zumindest ein Bescheidwisser. Na ja, ich weiß ja nicht, wie das damals zu Tao-Hsins Zeiten war, aber ich frage mich, ob es auch schon damals diese marktschreierischen Angebote wie heute gab, Erleuchtunsgskongresse und ähnlichen Nonsens. Ich fürchte Ja. War ein Lao Tse je daran interessiert, seine Sichtweise preisgünstig an den Mann oder die Frau zu bringen? Die Legende erzählt, dass er von einem Zöllner genötigt wurde, seine Sichtweise aufzuschreiben, sonst wäre er nicht über die Grenze gelassen worden. Schließlich ging der Zöllner ja von einem Wissen aus, das da außer Landes gebracht werden sollte. Von einer Bezahlung wurde nichts überliefert, auch nicht davon, dass Lao Tse dem Zöllner „sein Wissen“ aufgedrängt habe. Heute gibt es zwischen einer Reklame für Viagra und für die sog. Erleuchtung kaum noch einen Unterschied. Alles wird einem marktkonform serviert und alles hat seinen Preis. Vielleicht war das auch schon zu Tao-Hsins Zeiten so, ich weiß es nicht. Dann wäre das Verhalten seines Schülers allerdings durchaus verständlich.

Priester ist ein Beruf, Satsanglehrer ist ein Beruf. Das ist wie mit den Couchs und den Psychotherapeuten. Das gehört schon fast zur Imagepflege, seinen eigenen Psychoanalytiker oder was weiß ich zu haben. Das wird eigenartiger Weise selten in Frage gestellt. Erzeugt jede Berufsgruppe ihre eigene Nachfrage oder erzeugt die Nachfrage eine Berufsgruppe? Ob es uns ohne sie schlechter ginge oder besser oder auch nicht anders? Blöde Frage. Sie sind da und man muss mit ihnen leben wie mit dem nächsten Schnupfen.

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Linji: Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg


Ihr geht an verschiedene Orte, zeigt auf eure Brust, schlagt euch auf die Rippen und sagt: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ Doch selbst wenn zwei oder drei von euch hierherkommen, seid ihr zu nichts fähig. – Pah! Mit diesem Körper und Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche Menschen zu täuschen. Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.

Was den Höchsten Weg angeht, so will er nicht durch Argumente und Debatten die Begeisterung erhöhen; er versucht auch nicht, leidenschaftliche Ketzer in die Schranken zu verweisen. Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht. Auch wenn es verbale Lehren gibt, sind diese alle in den Kategorien von Ritualen, Rechten, dem Kausalgesetz der Drei Fahrzeuge, den Fünf Naturen, Menschen und Himmelswesen angesiedelt. Im Falle der Lehre vom vollständigen Erwachen ist dies jedoch anders.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“„Im Falle der Lehre vom vollständigen Erwachen ist dies jedoch anders.“ Die gibt es überhaupt nicht, ergänze ich mal frech, – es sei denn in der wortlosen Darbietung der Lotusblume in Buddhas Hand. Da gibt es weder etwas zu verstehen noch „mit schlabbernden Lippen“ wortreich an die armen Mitmenschen weiterzugeben. Buddha war weder ein Staubsaugervertreter noch einer der Politiker, wie sie sich uns gerade mal wieder bis zum Erbrechen präsentieren. Obwohl seine Reden viele Bücher füllen, hatte er eigentlich überhaupt nichts zu sagen, schlicht und einfach deshalb, weil es gar nichts zu sagen gibt.

Linji fährt seine Zuhörer, die von überall her zu dem berühmten Ch’an-Meister geeilt sind, hart an: „Pah! Mit diesem Körper und Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche Menschen zu täuschen.“ Sie wollen alle nur irgendein Besonderer sein, wenigstens so besonders wie dieser Linji. In diesem Punkt unterscheiden sich Menschen auffällig wenig voneinander. Ob Ch’an-Meister, Bundeskanzler, Außenminister oder Parteivorsitzender, es muss einfach was Besonderes sein. Und um das werden zu können, muss man halt die gewöhnlichen Menschen zu täuschen versuchen. „Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.“ Lauter reiche Jünglinge, Leute, denen es ums Haben geht und nicht darum, ohne die geringsten Ambitionen einfach zu sein.„Was den Höchsten Weg angeht, so will er …“ gar nichts. Linji sagt: Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht.“ Es gibt in der ganzen Geschichte überhaupt keine Absicht, obwohl das allenthalben angenommen wird. Will Buddha oder einer seiner Nachfolger irgendjemanden aus seinem Schlaf aufwecken? Warum sollten sie das wollen? Nachdem es keine Handelnden gibt, gibt es auch keine Aufwecker und es gibt auch keine Aufzuweckenden. Passend zum Rosenmontag: Es ist alles nur Karneval.

 

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Osho: Tantra sagt: Sag Ja. Sag Ja zu allem.

 

Das ist die Sicht von Tantra: Tantra sagt: Sag Ja. Sag Ja zu allem. Du brauchst nicht zu kämpfen, du brauchst nicht einmal zu schwimmen – lass dich einfach von der Strömung tragen. Der Fluss bewegt sich von allein, er fließt ganz von selbst, und alles Wasser erreicht schließlich das Meer.  Stör den Fluss nicht, hör auf, den Fluss anzutreiben – mehr braucht’s nicht. Geh einfach mit. Dieses Mitgehen, dieses Treiben lassen, Sich-Tragen-Lassen – das ist Tantra. Wenn du Ja sagen kannst, gibst du alles in Gottes Hand. Wenn du Ja sagen kannst, worüber willst du dich dann beschweren? Wie kannst du dann unglücklich sein? Dann ist alles so, wie es sein soll. Du kämpfst nicht, du lehnst nichts ab – du nimmst alles an. Und mach dir klar, dass dieses Mitnehmen etwas anderes ist als das übliche Sich-Abfinden.

aus: Osho, „Tantra – Die höchste Einsicht!

Ist das die höchste Einsicht oder versucht uns da gerade jemand einzuschläfern? Osho war ja ziemlich sensibel und allergisch gegen alles Mögliche. Wenn ich mich recht erinnere, gegen Wolle zum Beispiel. Also war Wolle verboten für die Besucher seiner Vorträge. Oder gegen Parfüms. Also wurde jeder, der die Vortragshalle betreten wollte, vorher von den hiermit beauftragten Personen beschnüffelt, die jedem den Eintritt verwehrten, der irgendwie künstlich roch und wenn er oder sie noch so gut roch. Es hätte bei Osho einen Asthmaanfall auslösen können. Dann gab es noch die Body-Guards, die jeden, der eine Gefahr für Oshos Leib und Leben werden könnte, sofort überwältigten, die sogar jemanden, der während eines Vortrags seinen Husten nicht unterdrücken konnte, aus der Vortragshalle entfernten. Ich weiß nicht, ob dies alles aus eigenem Antrieb aus Fürsorge für den Meister geschah oder in seinem Auftrag, zumindest geschah es mit seiner Billigung. „Du kämpfst nicht, du lehnst nichts ab – du nimmst alles an“, sagt Osho hier. Wird hier wieder Wasser gepredigt und Wein gesoffen? Denn das ist ja immerhin klar: Abgelehnt wurden alle Wolle-Träger, Parfümierten, Hustenden und Gewalttätigen, sie wurden zumindest nicht als Zuhörer angenommen und ausgeschlossen.

Also ich kann das alles gut verstehen und nachvollziehen. Ich lasse auch nicht jeden bei mir rein. Eigentlich so gut wie niemanden, weil ich meine Ruhe haben will und mich allein pudelwohl fühle. Andererseits, also das klingt jetzt auf den ersten Blick wie ein totaler Widerspruch, mit gefällt Oshos Sicht bzw. die Sicht von Tantra. Wie soll ich das jetzt zumindest mir selbst erklären? „Sag Ja zu allem.“ Alles schließt mich selbst doch um Gottes willen nicht aus. Ich nehme mal als Beispiel eine Katze. Beim Einkaufen habe ich an sie gedacht und ihr einen leckeren Fisch mitgebracht. Katzi kommt auch gleich neugierig an und will wissen, ob und was ich mitgebracht habe. Sie schnüffelt an dem Fisch herum und wendet sich dann völlig desinteressiert ab. Katzi hat Nein zu dem Fisch gesagt. Sie hat aber Ja zu dem gesagt, was sie in diesem Moment in sich vorfand: Heute kein Interesse an Fisch, zumindest nicht an diesem.Falls ich jetzt Oshos Sicht oder die Sicht Tantras falsch verstanden haben sollte, kann mich ihre Sicht mal sonst was. Ich werde nicht den Schierlingsbecher trinken, den mir irgendwelche Idioten zum Trinken hingestellt haben und Katzi auch nicht. Sokrates hatte seine guten Gründe es dennoch zu tun und wenn ich mal den Tod einem beschissen gewordenen Leben vorziehen werde, würde ich selbstverständlich auch den Schierlingsbecher trinken. Aber dann würde ich eben ein Ja zum Schierlingsbecher in mir vorfinden. Da ich aber im Gegensatz zu Osho ein völlig zurückgezogenes Leben führe, muss ich mir auch keine Body-Guards und Sheriffs vor die Tür stellen, was einem ollen Kriegsdienstverweigerer sowieso total gegen den Strich gehen würde.

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Steven Harrison: Denken ist reflektierend, nicht generierend


Auf der quantenphysikalischen Ebene erscheint die Wirklichkeit chaotisch und frei von Ursache und Wirkung. Auf der makro-physikalischen Ebene ereignet sich das Wahrnehmen unserer Handlungen einen Bruchteil nach der Handlung selbst. Das bedeutet, dass unser Denken reflektierend und nicht generierend ist. Auf einer Verhaltensebene sind wir eine Sammlung von Genen, Nachbildungen, biologischen Imperativen und konditionierten Konzepten. Auf einer sozialen Ebene handeln wir entweder im Konzert mit anderen oder in Reaktion auf sie, aber ohne die Möglichkeit zu echter Eigenständigkeit. Über das Wirken der kosmischen Ebene können wir aus unserem Repertoire heraus absolut nichts aussagen. Wer ist der Kontrolleur, wer ist die moralische Instanz? Wer ist der Handelnde?

Es ist ziemlicher Wahnsinn, sich freiwillig auf eine a-kausale und a-moralische Welt einzulassen, in der weder Strafe noch Belohnung unser Verhalten steuern. Noch verrückter ist es, nicht einmal zu wissen, was unser Verhalten eigentlich ist, so es sich zeigt. In gerade diesem Wahnsinn jedoch verbringen wir unser tägliches Leben. Wir leugnen es, indem wir die Idee eines mechanischen, berechenbaren Universums hochhalten, in dem sich autonome Individuen bewegen, die gute oder böse Handlungen vollführen, je nachdem, ob sie selber gut oder böse sind.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Tiere leugnen überhaupt nichts und halten auch nicht die Idee eines mechanischen, berechenbaren Universums hoch, in dem sich autonome Individuen bewegen, die gute oder böse Handlungen vollführen, je nachdem, ob sie selber gut oder böse sind. Ihre Welt ist a-causal und a-moralisch und sie haben auch nicht die geringste Ahnung, was ihr Verhalten ist, so es sich zeigt. Und siehe da: Alles funktionierte seit Jahrtausenden bestens – bis der Mensch in Erscheinung trat. Und von da an ging’s nur noch bergab.

Ist also der Mensch der absolute Idiot und Bösewicht, der alles zerstört? Wenn wir das glauben, würden wir schon wieder die Idee eines mechanischen, berechenbaren Universums hochhalten, in dem sich autonome Individuen bewegen, die gute oder böse Handlungen vollführen, je nachdem, ob sie selber gut oder böse sind. Diese autonomen Individuen sind aber, wie Steven sagt, nur eine Idee. Es gibt sie gar nicht. Unser Denken ist reflektierend und nicht generierend. Was generiert dann aber, wenn nicht wir?

Steven sagt: „Über das Wirken der kosmischen Ebene können wir aus unserem Repertoire heraus absolut nichts aussagen. Wer ist der Kontrolleur, wer ist die moralische Instanz? Wer ist der Handelnde?“ Wir sagen vielleicht: „Die Quelle“ oder „Der Urgrund“, was nichts anders bedeutet als: „Wir haben keine Ahnung“. Aber setzen wir mal von mir aus den Urgrund als Generator von allem, was ist, dann hat dieser Urgrund eine Spezies, die sog. Krönung der Schöpfung, hervorgebracht, mit nichts anderem mehr beschäftigt ist als mit ihrer eigenen Zerstörung. Indem sie permanent das vom Ursprung Generierte verbessern will, zerstört sie es. Jetzt denkt der Mensch vielleicht reflektierend: Warum macht dieser Urgrund das? Warum nur, oh warum? Verfolgt der Urgrund damit vielleicht ein höheres Ziel? Soll der Mensch vielleicht einen Bewusstseinssprung vollziehen, indem er erkennt, wohin ihn sein bisheriges Verhalten gebracht hat?

Der Mensch lebt durch den Kopf
der Kopf reicht ihm nicht aus
versuch es nur; von deinem Kopf
lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlau genug
niemals merkt er eben
allen Lug und Trug.

B.B.

Meinst du etwa,
du könntest das Universum
ergreifen und es verbessern?
Ich glaube nicht, dass du das kannst.
Das Universum ist vollkommen,
es kann nicht verbessert werden.
Es zu verbessern heißt, es zu zerstören.
Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.

aus dem Tao Te King, Kap. 29
(Übersetzer unbekannt)

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