Liä Dsï: Sich hinten halten und dadurch vorne weilen

Meister Liä Dsï lernte bei Hu Kiu Dsï Lin.

Hu Kiu Dsï Lin sprach: „Wisst Ihr, dass, wer sich hinten hält, dadurch sein Selbst behalten mag?“

Liä Dsï sprach: „Ich möchte erfahren, was es heißt, sich hinten zu halten.“

 Hu Kiu Dsï sprach: „Blickt auf Euren Schatten, so wisst Ihr es!“

Liä Dsï wandte sich und betrachtete seinen Schatten. Krümmte er seinen Körper, so war sein Schatten krumm, richtete er seinen Körper auf, so war sein Schatten gerade. Ob der Schatten krumm war oder gerade, wurde von dem Körper bestimmt und nicht von ihm selber. Sich beugen und sich ausdehnen, wie es den Verhältnissen entspricht, und es nicht selber bestimmen, das heißt sich hinten halten und dadurch vorne weilen.

aus: Liä Dsï, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

Also ich hab mal wieder keine Ahnung, auf was der Herr Liä Dsï da hinaus will. Aber das macht nix, denn so kann ich ohne Rücksicht auf Verluste munter drauflos spinnen. Der Herr Hu Kiu Dsï Lin fängt da mit so einer typischen Lehrerfrage das Gespräch an: „Wisst Ihr, dass, wer sich hinten hält, dadurch sein Selbst behalten mag?“ Na ja, in Ch’an-Kreisen ist man ja komische Fragen gewöhnt. Also der Herr Liä Dsï antwortet jedenfalls brav: „Ich möchte erfahren, was es heißt, sich hinten zu halten.“ Von mir hätte der Herr Hu Kiu Dsï Lin bestimmt eine andere Antwort gekriegt, aber ich bin ja auch nicht brav. Bei dem Stichwort „sich hinten halten“ fallen mir die sieben Schwaben ein. Der größte Maulheld musste vorne weg gehen, stemmte sich aber angesichts des Untiers vor ihm angstvoll nach hinten gegen den Druck derjenigen, die sich hinter ihm hielten und umso mutiger waren, je weiter sie sich hinten hielten. Aber Hu Kiu Dsï meint offensichtlich etwas ganz anderes: „Blickt auf Euren Schatten, so wisst Ihr es!“ Also dafür reicht mein IQ wieder nicht aus. Das einzige, was mir einfällt, ist Lucky Luke, der Mann, der schneller schießt als sein Schatten:

Nein, das ist es also auch nicht. Aber Gott sei Dank hilft Meister Liä Dsï mir auf die Sprünge. Er überlegt: „Krümmte er seinen Körper, so war sein Schatten krumm, richtete er seinen Körper auf, so war sein Schatten gerade. Ob der Schatten krumm war oder gerade, wurde von dem Körper bestimmt und nicht von ihm selber.“ Also er krümmt seinen Körper, aber ob sich sein Schatten auch krümmt, bestimmt nicht er, sondern sein Körper. Vielleicht findet sich unter meinen geschätzten Lesern ja jemand mit einem überragenden IQ, der mir verklickern kann, wie das gemeint ist. Ich scheine zu blöd dafür zu sein. Ich würde sagen: Ich forme mittels meines Körpers meinen Schatten, wie nachfolgende Beispiele beweisen werden:

Aber jetzt kommt die finale Erklärung von Meister Liä Dsï: „Sich beugen und sich ausdehnen, wie es den Verhältnissen entspricht, und es nicht selber bestimmen, das heißt sich hinten halten und dadurch vorne weilen.“ Hmm, das is ja jetzt mal was ganz anderes: Sich anpassen, wie es den Verhältnissen entspricht. Da gibt es dieses Klischee vom Engländer in der Wüste, wie er da mit Schirm, Times und Melone in der Gluthitze herumspaziert und sich durch nichts in seinem Gentleman-Selbstbild beirren lässt. Alles muss nach seinen festgefahrenen Vorstellungen funktionieren. Was interessieren ihn irgendwelche Verhältnisse? Wenn überhaupt haben die sich ihm anzupassen und nicht umgekehrt. Er will also selbst bestimmen, was bedeutet, dass er sich vorne hält und dadurch hinten verweilt.

Nun ist es aber so, dass Anpassungsfähigkeit die Überlebensfähigkeit der Arten in einem hohen Maße sichert. Biologisch gesehen, ist es also Zeichen von Intelligenz, sich eher den Verhältnissen anzupassen als zu versuchen, die Verhältnisse auf Biegen und Brechen seinen Vorstellungen anzupassen.

Ob Liä Dsï allerdings darauf hinaus wollte, entzieht sich meiner Kenntnis. Worum ging’s jetzt eigentlich? Ging’s denn um was? Das hab ich mich schon oft gefragt, wenn einer mit einer typischen Lehrerfrage anfing. Naja, aber was soll’s, schließlich haben einige sehr edle Advaitins hier schon die Sinnlosigkeit der Welt besungen. Ich glaub, jetzt brauch ich dringend ’n Kaffee.

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Karl Renz: Du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten


Du kannst nur für eine relative Wahrheit bereit sein. Vielleicht für hohe Energien oder intensive Erfahrungen oder so etwas, aber niemals für dich selbst. Das Selbst verlangt niemals, dass du für das bereit bist, was-du-bist. Es gibt keine Notwendigkeit für diese Bereitschaft. Deshalb solltest du das nicht durcheinanderbringen. Deshalb frage ich, was dein Ziel ist. Wenn es dir darum geht, schlank oder in einem supernatürlichen „Aurobingo“-Zustand zu sein, wunderbar, dann kannst du dich darauf vorbereiten, indem du Yoga-Techniken oder sonst was erlernst. Dann gibt es viele Lehrer, die dir das beibringen können. In Poona schwirren sie überall herum. Die ganze Welt ist voll mit ihnen. Aber es gibt keinen Weg, um bereit für das zu werden, was-du-bist. Trotzdem musst du es versuchen. In einem relativen Sinn kannst du also etwas tun, um z.B. einen gesunden Körper oder ein gesundes Ego zu haben, damit du in der Welt perfekt funktionieren kannst, in Harmonie mit deiner Umgebung – das alles kann passieren. Aber du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten.

aus: Karl Renz, „May It Be As It Is“

Meine Fresse, das ist jetzt auch schon wieder elf Jahre her, dass ich meinen Schlaganfall hatte. Komisch, wieso fällt der mir gerade wieder ein, als ich den Text von Karl las. Vielleicht, weil ich mich auf den auch nicht vorbereiten konnte? Plötzlich war er da. Als es meinen Großvater erwischte, war er auf der Stelle mausetot. Ich hatte Glück, trotzdem – irgendwo spukte mir damals im Kopf rum: „Notarzt, und zwar sofort. Es kommt auf jede Minute an!“, aber da war kein Impuls, das zu tun. Der einzige Impuls war, zu prüfen, was denn gerade alles nicht mehr so funktionierte, wie es eben noch funktioniert hatte, um so meine Eigendiagnose „Schlaganfall“ abzusichern. Okay, die Symptome waren eindeutig und der einzige Impuls, den ich in mir vorfand, war, mich ins Bett zu legen und einfach zu gucken, was passieren wollte. „Bloß keinen Notarzt-, Rettungswagen- und Klinikstress jetzt!“ dachte ich noch und machte es mir in meinem Heiabettchen gemütlich. Die Neuner wollens immer gemütlich haben. Da lag ich dann einfach so rum, ohne Hoffnung, ohne Angst, und war einfach nur da. Ich könnte das jetzt spirituell erhöhen und munter behaupten, das sei eine sehr fortgeschrittene Form geistiger Gedanken- und Gefühls-Askese gewesen, aber das wäre einfach nur Quatsch. Da war nix von Askese. Da waren einfach keine Gedanken und Gefühle da. Kein Verdienst meinerseits. War einfach so. Da war nur ein absoluter, wundervolle Friede.

Was habe ich nicht schon für Gruppen und Workshops mitgemacht, was hab ich nicht schon für Gruppen und Workshops angeboten … und jedes Mal war hinterher dasselbe Gefühl da: „Das ist es nicht.“ Ich hatte nie so richtig Lust, das weiterzuführen. Wozu auch, wenn es das nicht war? Als ich da mit meinem funkelnagelneuen Schlaganfall in meinem Bett lag, war da unausgesprochen nur das Gefühl da: „Das ist es.“ Ich stimme dem Karl absolut zu, wenn er sagt: „Du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten.“ Das, worauf ich mich vorbereiten kann, liegt immer in der Zukunft. DAS ist aber nur gegenwärtig „zu haben“. Haben kann man es sowieso nicht, aber sein kannst du es. Du bist es ja eh. Sein im Sinn von bewusst sein, kannst du es jedoch offensichtlich nur, wenn du nicht hinter diesem und jenem her jagst, auch nicht hinter dem DAS her, denn dann hättest du aus dem DAS ein Objekt gemacht und dich auf diese Weise daran gehindert, es zu sein.

Ob ich mal einen Workshop anbieten sollte „Dem Tod ins Auge blicken“? Dabei müssten sich alle dem Riskiko zu sterben aussetzen. Ausgang völlig ungewiss. Und dann – DAS! Ha, klingt doch geil! Aber ich werde mich hüten, so’n Scheiß zu machen. So bescheuert bin ich nun wieder auch nicht. Aber wer weiß, wie lange noch?

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Bankei Eitaku: Der ungeborene Buddha-Geist


Dass ihr hören und sehen könnt, ohne erst den Gedanken dazu fassen zu müssen, beweist, dass der innewohnende Buddha-Geist ungeboren ist und ihm eine wunderbare erleuchtende Weisheit eignet. Das Ungeborene tritt darin in Erscheinung, dass der Gedanke „Ich möchte sehen“ oder „Ich möchte hören“ nicht geboren wird. Wenn ein Hund heult, mögen auch zehn Millionen Menschen im Chor sagen, es sei der Ruf einer Krähe – ihr würdet es wohl doch nicht glauben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass es gelingen könnte, euch dergleichen weiszumachen. Das liegt an der wunderbaren Wachheit und Ungeborenheit eures Buddha-Geistes. Weshalb sage ich, es liegt im Ungeborenen, dass ihr so sehen und hören könnt? Weil der Geist keinen Gedanken, keine Absicht zu sehen oder zu hören gebiert. Deshalb ist er ungeboren. Und da er ungeboren ist, ist er auch unsterblich. Was nicht geboren wurde, kann unmöglich vergehen. Das meine ich, wenn ich sage, dass alle Menschen einen ungeborenen Buddha-Geist haben.

aus: Meister Bankei, „Die Lehre vom Ungeborenen“

„Na, das kann ich auch“, denkt der kleine Bonobo – nicht, sondern prustet einfach ohne jeden Gedanken fröhlich vor sich hin direktemang aus dem ungeborenen Buddha-Geist heraus. „Weil der Geist keinen Gedanken, keine Absicht zu sehen oder zu hören gebiert. Deshalb ist er ungeboren. Und da  er ungeboren ist, ist er auch unsterblich. Was nicht geboren wurde, kann unmöglich vergehen. Das meine ich, wenn ich sage, dass alle Menschen einen ungeborenen Buddha-Geist haben.“ Sagt der Bankei. Und ich sage: Und was ist mit den Bonobos? Und den Eichhörnchen? Und den Ameisen und den Birken und den Grashalmen und den Bakterien? Hat einer von euch schon jemals mitgekriegt, dass auch nur irgendjemand aus der Liste Gedanken oder die Absicht gebiert zu sehen oder zu hören? Haben sie also alle nicht einen ungeborenen Buddha-Geist? „Ein Mönch fragte einmal Meister Joshu: ‚Hat ein Hund die Buddha-Natur oder nicht?‘ Joshu sagte: ‚Mu!'“ Ich würde das „Mu!“ Joshus ja übersetzen mit: „Mensch, hör doch mal auf herum zu theoretisieren! Mach einfach die Augen auf und die Antwort wird dir überall in selbige springen!“ Existiert denn überhaupt irgendetwas, das nicht Ausdruck des einen ungeborenen Buddha-Geistes wäre?

Ja aber, wie ist es dann mit den Gedanken und Absichten? Die existieren doch auch, jedenfalls als Gedanken und Absichten. Warum sollen ausgerechnet sie nicht Ausdruck des einen ungeborenen Buddha-Geistes sein? Also jetzt frag ich mal so blöd wie der Mönch: Haben Gedanken und Absichten Buddha-Natur? Wer jetzt „Mu!“ sagt, zahlt einen Euro in die Kaffeekasse. Erstens weil er das Mu geklaut hätte und zweitens, weil er sich vor einer eigenen Antwort herumzudrücken versucht hat.

 

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Ramesh Balsekar: Es gibt nur einen Zustand


Wenn Gewahrsein in Kontakt mit einem Objekt ist, mit einer physischen Form, dann kommt es zu einem Bezeugen: Das Objekt wird sensorisch empfangen, dabei aber weder verglichen noch beurteilt.

Wenn das Individuum als getrenntes Wesen mit einem eigenen Willen identifiziert ist, beschränkt  sich der Kontakt mit einem Objekt nicht länger auf ein reines Bezeugen, sondern wird zu einem individuellen Wesen, das beobachtet und dabei vergleicht und beurteilt.

Doch die überaus entscheidende Tatsache ist, dass es nur einen Zustand gibt. Wenn der Zustand durch persönliche Täterschaft korrumpiert und verunreinigt ist, dann wird er Ego genannt, die individuelle Entität; wenn er lediglich durch ein Empfinden unpersönlicher Präsenz gefärbt ist, der dem angeregten Bewusstsein entspricht, dann wird er das bezeugen; wenn er in einer unberührten Reinheit verbleibt, makellos und nicht gefärbt, in seiner ursprünglichen Ruhe, dann ist er das Absolute.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Wikipedia: „Nach einer westlichen Erziehung machte Balsekar Karriere als Manager, bis er sich im Alter von 60 von seinem Posten als Präsident der Bank of India zurückzog. Nach seiner Pensionierung führte ihn seine Suche nach Erleuchtung zu Nisargadatta Maharaj.“ Der Präsident der Bank of India geht zum Bidiverkäufer, setzt sich zu dessen Füßen und lauscht dem, was dieser ihm offenbart. Lauschen, Schweigen, Fragen, Antworten, Schweigen … Im sog. aufgeklärten Westen neigen wir zu einem ganz anderen Verhalten. Alles, was der „Da-vorne-Sitzende“ sagt, wird bestenfalls als These begriffen, zu der man sofort Antithesen bildet und, haste nicht gesehen, ist man in eine heftige Diskussion verwickelt, in der jeder glaubt, seine Position bis zum letzten Blutstropfen verteidigen zu müssen. Wenn ich nicht in einer Gesprächsgruppe über alles und nichts in jungen Jahren erlebt hätte, dass das selbst ohne Guru möglich ist, hätte sich in mir sicher das Vorurteil gebildet, dass Lauschen eine asiatische Fähigkeit ist. Ich habe extra „Lauschen“ geschrieben und nicht „Zuhören“.  Ramesh schreibt: „Wenn Gewahrsein in Kontakt mit einem Objekt ist, mit einer physischen Form, dann kommt es zu einem Bezeugen: Das Objekt wird sensorisch empfangen, dabei aber weder verglichen noch beurteilt.“ Genau das ist für mich Lauschen: Sensorisch empfangen und dabei weder vergleichen noch beurteilen. Lauschen, schweigen, wirken lassen und auch dem einfach lauschen. Ein Stein fällt ins Wasser, die Wasseroberfläche bildet ihre Kreise, bis diese wieder in den vorherigen Ruhezustand übergegangen sind.

„Wenn das Individuum als getrenntes Wesen mit einem eigenen Willen identifiziert ist, beschränkt  sich der Kontakt mit einem Objekt nicht länger auf ein reines Bezeugen, sondern wird zu einem individuellen Wesen, das beobachtet und dabei vergleicht und beurteilt.“ Und sich mit großer Wahrscheinlichkeit selbst betroffen und ggf. angegriffen fühlt und in der Folge um sein eigenes Überleben kämpft. Ich muss nur an diese unsäglichen Talkshows im Fernsehen denken, in denen unsere Vorbilder uns ständig vorführen, dass es besser ist, nicht zuzuhören, geschweige denn zu lauschen, sondern dem anderen von Anfang an ins Wort zu fallen und ihn eines Besseren zu belehren, gleichgültig, was der andere gerade absondern wollte. Ein einziges Hauen und Stechen und ein ständiger Kampf ums Überleben.

Abschließend beschreibt Ramesh drei Zustände: Den Ego-Zustand, den Zustand des Zeugen und den Zustand des Absoluten, wobei er feststellt, dass es letztlich nur einen Zustand gibt. Zum Ego-Zustand sagt er: „Wenn der Zustand durch persönliche Täterschaft korrumpiert und verunreinigt ist, dann wird er Ego genannt, die individuelle Entität.“ Hör ich da nicht ganz leise eine Bewertung heraus und eine kühne Behauptung – nämlich die Behauptung, dass es da irgendetwas gäbe, das verunreinigt werden könnte? Und die Bewertung liefe darauf hinaus, dass der Ego-Zustand schlecht, der Zustand des Zeugen schon besser, aber nicht gut genug, und der Zustand des Absoluten vollkommen sei. Oder hör ich da etwas hinein, was da so gar nicht steht oder gemeint ist? Es gibt nur einen Zustand, sagt Ramesh. Und der ist in all seinen Zuständen vollkommen, füge ich hinzu. Auch der Ego-Zustand ist ein vollkommener Ego-Zustand, und das damit verbundene Leiden, ist vollkommenes Leiden, und die damit verbundene Freude, ist vollkommene Freude. Mensch, bleibe menschlich!

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Ramesh Balsekar: Was könnte einfacher sein?


Frage: Auf der Ebene, auf der Menschen nicht erleuchtet sind und noch nicht akzeptiert haben, dass das Leben ein unpersönlicher Ablauf ist, haben sie die Illusion vom freien Willen. Gibt es einen anderen Vorschlag oder eine Anleitung, die Sie geben könnten, um Menschen zu helfen, die täglichen Entscheidungen zu treffen?

Ramesh: Verstehen Sie, dass es lediglich der Verstand ist, der die Probleme schafft. Er sagt: „Nun bin ich ein Suchender, ich habe Bücher gelesen, ich weiß, all dies ist ein Traum, ich weiß, ich habe keinen freien Willen, was soll ich also morgen tun?“

Der wichtigste Punkt ist, wenn man Bücher gelesen hat, wenn man Diskussionen gehört hat, dann muss diese Lehre, wenn sie überhaupt einen Wert hat, Veränderungen in der Weise erzeugen, wie sie notwendig sind. Ganz besonders, wenn man nicht störend eingreift. Es ist somit wichtig, dass man nicht versucht, das Leben zu verbessern, das tägliche Leben zu verändern, nicht bewusst etwas hinzufügt, nicht bewusst etwas sein lässt, dass man einfach weiter macht wie bisher.

Was könnte einfacher sein?

aus Ramesh Balsekar, „Erleuchtende Gespräche“

Irgendwie ist mir heute mal wieder ein altes Ramesh-Buch in die Finger gekommen und ich stieß beim Aufschlagen auf obigen Text. Das ist für mich wieder ein ganz schwieriger Text, weil hier offensichtlich mal wieder das Relative und das Absolute in einer nicht gerade glücklichen Vermischung dargeboten werden. Schon in der Fragestellung haben wir es mit vom Ganzen getrennten Wesen zu tun, die nicht erleuchtet sind und irgendwas noch nicht akzeptiert haben, als ob sie – die vom Ganzen getrennten Wesen, die nur als Traumfiguren existieren – je erleuchtet sein und irgendetwas akzeptieren oder nicht akzeptieren könnten. Dann kommt Ramesh und behauptet, dass „es lediglich der Verstand ist, der die Probleme schafft“. Seit wann kann denn der Verstand, der ja auch keine eigenständige Wesenheit ist, irgendetwas erschaffen? Bei Ramesh kann er sogar sprechen. Er sagt: „Nun bin ich ein Suchender, ich habe Bücher gelesen, ich weiß, all dies ist ein Traum, ich weiß, ich habe keinen freien Willen, was soll ich also morgen tun?“ Das mögen alles Gedanken sein, die im Bewusstsein auftauchen, aber da ist weit und breit kein Herr Verstand am Werk.
Nun versucht Ramesh den Wert „der Lehre“ zu beschreiben, er sagt: „Der wichtigste Punkt ist, wenn man Bücher gelesen hat, wenn man Diskussionen gehört hat, dann muss diese Lehre, wenn sie überhaupt einen Wert hat, Veränderungen in der Weise erzeugen, wie sie notwendig sind. Ganz besonders, wenn man nicht störend eingreift.“ Welchen Wert kann die Lehre haben, wenn doch bereits alles vollkommen so ist, wie es sein soll? Da wären wir doch wieder bei dem Sinn angelangt, von dem Ronny gestern sprach und auf die Sinnlosigkeit von allem verwies. Hier scheint Ramesh wieder fast wie ein Bankmanager zu denken, der einfach nichts Sinnloses tun darf.

Ramesh schließt seinen kleinen Text mit den Worten ab: „Es ist somit wichtig, dass man nicht versucht, das Leben zu verbessern, das tägliche Leben zu verändern, nicht bewusst etwas hinzufügt, nicht bewusst etwas sein lässt, dass man einfach weiter macht wie bisher. Was könnte einfacher sein?“ Hach ja, wir können aufatmen und uns entspannen. Und wieder bin ich gerade bei den wundervollen Affen; der Gedanke taucht auf: Das machen die doch schon längst. Ganz ohne Lehre. Einfach so. Ja, was könnte einfacher sein – wenn man bloß kein Mensch wäre mit einem angeblichen Verstand!

 

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Rameshwara Ronny Hiess: Vergiss es


 „Dein Leben“ ist nicht dein Leben – da ist nur DAS, was sich durch alles lebt, immer. Der Versuch es mit Erwachen, Erleuchtung, Selbsterkenntnis, Meditation, … auf die Reihe zu kriegen, ist zum Scheitern verurteilt – weil DAS immer auf der Reihe ist und du bist DAS – kein Entkommen.

Wenn man sich einige Zeit mit Weisheitslehren, Selbsterforschung, Stille,… beschäftigt hat und es für den Ego-Mind langweilig wird, wartet man auf Ergebnisse, der Ich-Geist möchte etwas daraus machen. Da gibt es endlose Vorstellungen, was man erreichen könnte, aufgebaut auf der subtilen Identifikation mit diesem Ich, was sich dies und das einbildet, was es werden könnte oder einem Ich, was glaubt, nicht würdig sein für DAS, was es in Wirklichkeit ist.

Wenn es nicht an Ehrlichkeit in dir mangelt, bist du bereit, diese Gedanken des Erlangen- und Erreichen Wollens, diesen Gedanken, du seist nicht würdig, DAS zu sein, was du bist, zu vergessen. Du vergisst diese subtile Bewegung, des „um zu“. Du vergisst einfach dich selbst und vergisst den, der vergessen könnte, und bist einfach. Einfach hier. Darin wird der Ego-Mind still und DAS tritt aus sich selbst hervor als DAS, was es immer schon ist, DU, so-wie-du-bist.

Der Ego-Mind kann dazu leicht sagen: „Das nützt mir nichts, das Schöne, Gute ist wohl nicht zu greifen… mich auf DAS einzulassen …dann ist ja mein Leben im Grunde sinnlos.“

Ja dem, dem es nützen könnte, nutzt es nichts, denn hierin ist seine Substanzlosigkeit offensichtlich, und es geht dem „kleinen-Ich“ an den Kragen, weil offensichtlich wird, dass es dieses Ich in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Ja, DAS ist sinnlos und sinnfrei … Sich dieser Sinn-losigkeit zu überantworten, erfüllt alle Sinne mit dem SEIN und der Unmittelbarkeit, dass du DAS bist.

Quelle: http://rameshwara.de/vergiss-es/

unten ist’s genauso schön
und höher geht’s auch nicht

Das ist das Ende der Fahnenstange: „Dein Leben“ ist nicht dein Leben – da ist nur DAS, was sich durch alles lebt, immer.“ Huang-po drückte es mit dem bekannten Satz aus: „Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist, der ohne Anfang ist, ist ungeboren und unzerstörbar.“ Allen, bei denen dies irgendwie nicht ankommen will, schreibt Ronny ins Stammbuch: „Der Versuch es mit Erwachen, Erleuchtung, Selbsterkenntnis, Meditation, … auf die Reihe zu kriegen, ist zum Scheitern verurteilt – weil DAS immer auf der Reihe ist und du bist DAS – kein Entkommen.“ Aber wer will das schon glauben?

Ronny schreibt: „Wenn es nicht an Ehrlichkeit in dir mangelt, bist du bereit, diese Gedanken des Erlangen- und Erreichen Wollens, diesen Gedanken, du seist nicht würdig, DAS zu sein, was du bist, zu vergessen.“ Da würde ich dann allerdings sagen: Es ist so was von wurscht, ob es dir an Ehrlichkeit mangelt oder nicht. Wie sagt Ronny:  „DAS ist immer auf der Reihe und du bist DAS – kein Entkommen“. Auch wenn du das verlogenste Aas bist – kein Entkommen. Auch dann bist du DAS. Ja, dieses verlogene Aas mag noch ein paar Ewigkeiten wie der Affe am Ende des Fahnenmastes herumzappeln und sich selbst das Leben schwer machen, es ändert nichts daran, dass du DAS bist. Es ist ja doch nur ein von Vornherein zum Scheitern verurteilter Versuch, etwas zu sein, und wenn es ein verlogenes Aas ist oder ein Sucher oder ein Erleuchteter, nur um nicht DAS zu sein, was du trotz all deiner Zappelei sowieso schon immer warst und sein wirst.

Ronny: „Ja dem, dem es nützen könnte, nutzt es nichts, denn hierin ist seine Substanzlosigkeit offensichtlich, und es geht dem ‚kleinen-Ich‘ an den Kragen, weil offensichtlich wird, dass es dieses Ich in Wirklichkeit gar nicht gibt.“ Das kleine „Ich“ ist der Affe am Ende der Fahnenstange. Nun hat er so lange gekämpft und geackert, das kann doch nicht alles für die Katz gewesen sein. Und so kämpft und ackert er immer weiter und wenn er nicht gestorben ist, dann kämpft er auch noch heute.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

sagt der Erich Kästner

Aber wer sich die „Affenwelten“ angeguckt hat, könnte glatt auf die Idee kommen, dass uns unsere sog. tierischen Vettern in Vielem haushoch überlegen sind.

Der Übergang vom Affen zum Menschen sind wir.

Konrad Lorenz

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Osho: So etwas wie „Willenskraft“ gibt es überhaupt nicht


Wer im Ungeborenen Reich verweilt,
Dem löst sich aller Schein ins Dharmata auf
Und Eigenwille und Stolz verschwinden im Nichts.

Tilopa

Und wenn du siehst, dass die Dinge von allein geschehen, wie kann sich dann aus ihnen ein Ego, ein Stolz ansammeln? Wie kannst du von „Ich“ sprechen, wenn der Hunger für sich selber sorgt, sich selber stillt, von selbst zur Sättigung wird; wenn das Leben sich selber überlassen wird, sich selbst erfüllt, von selbst zu Tod und Ruhe kommt? Wer bist du denn, dass du sagst: „Ich bin“? Der Stolz, das Selbst, der Eigenwille lösen sich auf. Dann tust du nicht das Geringste –  du sitzt einfach in deinem innersten Wesenskern … und das Gras wächst von allein … alles geschieht von allein.

Nicht leicht, das zu verstehen, denn ihr seid dazu erzogen worden, etwas zu tun; man hat euch eingeprägt, dass es auf das Tun ankommt, dass man unentwegt auf der Hut und in Bewegung und im Kampf sein muss. Ihr seid von einem Milieu erzogen worden, das euch einredet, dass man für sein Leben kämpfen muss, denn sonst ist man verloren und verkauft, sonst wird nichts aus einem. Ihr seid mit dem Gift des Ehrgeizes aufgewachsen. Und besonders im Westen, wo es dafür einen ausgesprochen unsinnigen Ausdruck gibt, den Ausdruck „Willenskraft“. Es ist einfach absurd. So etwas wie „Willenskraft“ gibt es überhaupt nicht – ein Traum, ein Phantom. „Wille“ ist völlig überflüssig. Die Dinge geschehen ganz von selbst, das ist ihre Natur.

aus: Osho, „Tantra – Die höchste Einsicht“

Wenn die beiden Spielführer beim Fußballspielen im Sportunterricht ihre Mannschaft zusammenstellen sollten, wurde ich zu meiner Freude komischerweise immer übersehen und saß vergnügt auf der Reservebank und konnte so diesen Verrückten zugucken, wie sie ihr Äußerstes gaben, um gegen die andere Mannschaft zu gewinnen. Nach Spiel-Ende gab es auf der einen Seite lautes Triumphgeheul, während die andere Seite rachelüstern Revanche forderte. Es gab noch einen Mitschüler, der meist auch die Reservebank drücken musste und darüber so wenig unglücklich zu sein schien wie ich. Jedenfalls grinsten wir uns immer freundlich an.

Wie ist das nun mit der Willenskraft: Gibt es sie oder gibt es sie nicht? Waren mein Mitschüler und ich einfach nur willensschwach? Die anderen schienen total beseelt davon zu sein, ihre Gegner zu besiegen, während das uns beiden auf der Reservebank ziemlich gleichgültig zu sein schien. Hatten wie beide etwa irgendeinen Gen-Defekt? Also ich muss ja gar nicht so weit in die Vergangenheit gehen. Mein Lieblingsdoc legt mir ja wider besseres Wissen immer wieder nahe, nicht nur viel Wasser zu trinken, sondern auch, mich draußen in der frischen Luft zu bewegen und wenigstens regelmäßig ein bisschen herum zu spazieren. Mach ich das? Ich kann nichts dergleichen feststellen. Ein Kardiologe war da mit seinem Weckruf „Bewegung oder Siechtum“ sehr viel eindringlicher. Ich antwortete ihm damals nur so aus tiefstem Bauch heraus: „Schauen Sie mich doch an: Ich bin fett, faul und gefräßig.“ Ich habe da keine Hoffnung, dass ich dem Siechtum entkommen werde. Einem geplagten Freund riet ich mal, in vergleichbaren Situationen seinem Antreiber mit dem Satz „Das finde ich so nicht in mir vor“ zu begegnen. Allgemein wird ja empfohlen, sich bei fehlender Willenskraft einem tüchtigen Antreiber anzuvertrauen, der einem die fehlende Willenskraft ersetzen kann. Und wer treibt den Antreiber an? Ich würde mal sagen, der hat so etwas wie einen inneren Antreiber. Na, Prost Mahlzeit! Bin ich froh, dass ich mich nicht auch noch mit so was rumärgern muss. Ich weiß nur zu gut, warum mir die Taoisten schon in meiner Jugend so sympathisch waren. Die saßen wahrscheinlich auch schon ihr ganzes Leben auf der Reservebank.
Aber jetzt weiß ich immer noch nicht, ob Osho recht hat mit seiner Behauptung, dass es so etwas wie Willenskraft nicht gibt. Tilopa gesteht ja immerhin noch zu: „Wer im Ungeborenen Reich verweilt, dem löst sich aller Schein ins Dharmata auf und Eigenwille und Stolz verschwinden im Nichts.“ Na ja, Eigenwille und Stolz nennt er dann doch Schein. Sie existieren also, jedoch nur scheinbar. Das gilt aber nur für den, der im Ungeborenen Geist verweilt. „Aber wer kann schon ständig im Ungeborenen Geist verweilen? Irgendwann muss der doch auch mal aufs Klo!“ Als ob es da ein Entweder-Oder gäbe. Das klingt jetzt wieder sehr unheilig, aber man kann sehr wohl im Ungeborenen Geist verweilend auf dem Klo sitzen. Wenn der Ungeborene Geist nur in Ausnahmesituationen präsent sein sollte, könnte man ihn glatt vergessen.

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