Omar Khayyám: Reicht dir ein Weiser Gift, so trink’s getrost

 

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O starrer Rechtsgelehrter, unsere Arbeit ist besser als deine.
Trotz unserer Trunkenheit sind wir nüchterner als du:
Du trinkst Menschenblut, wir das des Weins,
gib’s zu – wer von uns ist blutdürstiger?

Omar Khayyám

Kürzlich hat Brigitte den Ḫāǧe Šams ad-Dīn Moḥammad Ḥāfeẓ-e Šīrāzī (oder kurz Hafis, das bedeutet „einer, der den ganzen Koran vollständig auswendig kann.“) zur allgemeinen Freude hier reingestellt. Und ich musste unwillkürlich an ein anderes großes persisches Genie denken, an Omar Khayyám. Ich konnte mich eigentlich nie wirklich mit dem Zen anfreunden, obwohl ich es andererseits absolut vollkommen fand. Irgendetwas fehlte mir, etwas das ich schon viel eher bei den Taoisten finden konnte. Noch mehr allerdings wurde ich von den alten Sufis angesprochen: Mansur (857 – 922), Khayyam (1048 – 1131), Attar (1136 – 1220), Rumi (1207 – 1273), Saadi (1210 – 1292) und  Hafiz (1315 – 1390). Lauter persische Sufis, die so misstrauisch von den anständigen Moslems beäugt wurden wie bei uns die Mystiker von den anständigen Christen. Und dabei floss jede Menge Blut, wie sich das gehört.

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Gestern hat der Josef Holthaus auf Facebook zart angedeutet, dass ihm da was bei meinem Huin-neng Beitrag fehle, nämlich das Anhaften. Ich beherrschte mich schwer, nicht zu versuchen,  ihm mit einem schlauen Advaita-Spruch die Luft aus den Segeln zu nehmen, sondern ging in mir und stellte fest, dass ich ihm eigentlich tief in meinem Herzen vollkommen zustimmte. Sein Einwand und Brigittes Hafiz animierten mich also zu diesem Omar Khayyám.

Khayyám spricht von den strengen Rechtsgelehrten, also so in der Richtung wie die Pharisäer bei den Juden oder der Inquisition bei den Christen oder bei Michael Schmidt-Salomons Religioten aller Länder, die sich hoffentlich nie vereinigen wollen. Khayyám wirft ihnen ihre blutrünstige Grausamkeit vor und er sagt etwas, das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: „Trotz unserer Trunkenheit sind wir nüchterner.“ und dann lobt er geradezu überschwenglich den Wein. Waren die Sufis Alkoholiker und der Khayyám lallt da irgendeinen Blödsinn daher? Der Wein ist natürlich eine Metapher, die auf einen Zustand der Trunkenheit vor Freude verweist, der denjenigen erfasst, den die unermessliche Schönheit des Göttlichen zutiefst berührt. Und das ist genau das, was mir beispielsweise bei diesem geradezu protestantisch-puritanischen, zynischen Weltverächter Kodo Sawaki fehlt, so sehr ich Anderes an ihm auch hochschätze. Ich spüre bei ihm nicht die Liebe zur Welt, zum Sinnlichen, zum Kreativen, zum Weiblichen, zum Gefühlvollen, zum Körperlichen, zur Lust, zur Schönheit. All dies lässt sich bei den alten Sufis finden, nachdem sie ihre asketische Phase überwunden hatten. Die Sufis stehen für mich vor allem für ihre Freude an der Göttlichkeit der Schönheit. Das liebe ich so an Osho, wie sehr er den Duft der Schönheit zelebriert. Nein, mit all diesen vertrockneten Toren, die allgemein als Weise gehandelt wurden, hatte Khayyám sicher nichts am Hut. Er schrieb dazu diese Zeilen:

Lass Weise nur und Edle in dein Haus,
Nimm vor dem Toren meilenweit Reißaus.
Reicht dir ein Weiser Gift, so trink’s getrost,
Reicht Gegengift ein Tor dir, gieß es aus!

Omar Khayyám

Aber bevor jetzt der liebe Josef Holthaus einen freudestrahlenden Jodler vom Stapel lässt, muss ich ihm doch noch ein wenig die Suppe (ver?)salzen. Auch Khayyams Zustand der Trunkenheit der Freude über die unermessliche Schönheit des Göttlichen basiert auf diesem Wissen, das beileibe kein Bücherwissen ist. Er schreibt:

O ihr Unwissenden, die körperliche Form ist nichts,
und dieses Himmelsgewölbe der neun Sphären ist nichts:
Sei getrost, denn in der Wohnung von Kommen und Vergehen
sind wir einem Hauch verbunden,
und auch der ist nichts.

Omar Khayyám

 

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Hui-neng: in einem Gedankenaugenblick

 

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Der Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares. Er ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu falschen Ansichten. Dies ist der „große Grund“ (Buddha-Wesen). Innen (im Ursprung) und außen (im Wirken) nicht irregeführt sein, bedeutet, von beiden nicht gefesselt werden. Außerhalb irregeführt sein, ist ein Haften an der Form. Innen irregeführt sein, ist ein Haften an der Leere. In der Form losgelöst sein von Form und in der Leere losgelöst sein von Leere, das heißt innen und außen nicht irregeführt sein. Wenn man selbst zu dieser Wahrheit erwacht ist, öffnet sich der Geist in einem Gedankenaugenblick, und Buddha erscheint in der Welt. Was öffnet sich im Geist? Die Weisheit des Buddha. Und Buddha bedeutet Erleuchtung.

aus: Hui-neng, „Das Sutra des sechsten Patriarchen“

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In meiner Jugend habe ich mal ein paar Wochen in der Dekorationsabteilung eines Kaufhauses gearbeitet. Zwischen den Dekorateuren dieses Kaufhauses, genannt „Kaufhaus“ gab es so etwas wie einen Konkurrenzstreit mit den Dekorateuren von Woolworth. Während die Konkurrenz offensichtlich jedes gerade angebotene Produkt in die Schaufenster quetschte, waren die Dekorateure „meines“ Kaufhauses um so etwas wie Schaufenstergestaltung bemüht. Das heißt, sie reduzierten radikal die Menge der ausgestellten Produkte und beschränkten sich auf die Highlights. In unmittelbarer Nähe gab es auch noch einen Juwelier. Der pflegte in seiner Auslage nur eine einzige Kostbarkeit auszustellen. Das, was ich hier von Hui-neng reingestellt habe, ist so eine Kostbarkeit und mehr liegt nicht in der Auslage. Ein einziger geschliffener Diamant. Hätten hier die Woolworth-Dekorateure gewütet, wäre der Diamant sicher von allen Seiten zugemüllt worden und vom Diamanten wäre nichts mehr zu sehen gewesen. Das Ego hat unendlich viele Tricks auf Lager, sich vor seiner Entdeckung als Illusion zu schützen. Ein besonders beliebter Trick ist das Zumüllen. Wer also seiner Ich-Vorstellung auf die Spur kommen will, und das ist auch die Ich-Vorstellung, könnte vielleicht erst einmal versuchen, mit seiner Ich-Vorstellung seine Zumüll-Sucht zu entdecken.

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Ein Diamant aus der Hand des 6. Ch’an-Patriarchen ist mehr als genug. Wer dieses Geschenk in vollkommener Offenheit entgegennimmt, der erwacht vielleicht zur Wahrheit und sein Geist öffnet sich in einem einzigen Gedankenaugenblick. In diesem Augenblick erscheint Buddha in der Welt, leuchtet das Licht in der Finsternis. Dabei ist Hui-nengs Botschaft so einfach: „Der Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares.“ Kein Ding. Weder grobstofflich noch feinststofflich – kein Ding. Nichts also, an dem man sich festhalten könnte. Nichts, von dem man gefesselt sein könnte. Von einer Form kann man gefesselt sein, von der Leere kann man gefesselt sein. Also habe ich sowohl Form wie Lehre zu Objekten gemacht. Und plötzlich stelle ich fest, dass ich süchtig geworden bin. Es spielt keine Rolle, ob ich alkoholsüchtig bin oder machtsüchtig oder sexsüchtig oder sicherheitssüchtig oder erleuchtungssüchtig oder süchtig nach was auch immer. In jedem Fall klammere ich mich an ein Objekt. Der Geist des Menschen ist nichts Vorstellbares, ist kein Objekt. Mit jedem Klammern an ein Objekt mülle ich mein Bewusstsein zu.

Eine Kleinigkeit habe ich anzumerken: Hui-neng sagt im zweiten Satz: „Er [der Geist des Menschen) ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu falschen Ansichten.“ Erstens ist jede Ansicht vorstellbar und zweitens gibt es keine richtigen Ansichten. Ansichten sind Ansichten und gehören ins Reich der Dinge. Insofern ist gefesselt zu sein von angeblich richtigen Ansichten fast noch schlimmer als gefesselt zu sein von angeblich falschen Ansichten. Ich hätte den Satz also so formuliert: „Der Geist des Menschen ist ursprünglich äußerste Ruhe und ohne Beziehung zu irgendwelchen Ansichten.“ Das ist der Diamant. Die Weisheit des Buddha. Da habt ihr ihn. Mehr ist nicht. Nu macht ma hinne!

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Alan Watts: Ein Vogel ist nicht besser als das Ei

 

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Hat man einmal die Illusion des Ich durchschaut, so ist der Gedanke unmöglich, dass man aus diesem Grund besser als andere oder ihnen überlegen ist. Wohin man sieht, ist es stets nur das eine göttliche Selbst, das sein millionenfaches Versteckspiel treibt. Ein Vogel ist nicht besser als das Ei, aus dem er geschlüpft ist. Man könnte sogar sagen, dass ein Vogel für ein Ei die Möglichkeit ist, zu anderen Eiern zu werden. Das Ei ist das Ich, und der Vogel ist das befreite Selbst.

Es gibt einen Hindu-Mythos, wonach das göttliche Selbst ein Schwan ist, der das Ei legte, aus dem die Welt ausgebrütet wurde. Ich sage daher noch nicht einmal, dass der einzelne aus seiner Schale herausbrechen sollte. Irgendwann und irgendwie wird das wahre Ich, das göttliche Selbst, es ohnehin tun, aber vielleicht soll auch das Spiel des göttlichen Selbst in den meisten seiner menschlichen Verkleidungen nicht zum Bewusstsein gelangen und das Drama des Erdenlebens in einer gewaltigen Explosion beenden.

Nach einem anderen Hindu-Mythos soll das Leben auf der Welt immer schlechter und schlechter werden, bis am Ende die zerstörerische Seite des göttlichen Selbst, der Gott Shiva, einen schrecklichen Tanz aufführt, der alles in Flammen aufgehen lässt. Daraufhin, so sagt der Mythos, folgt vollkommene Ruhe auf die Dauer von 4.320.000 Jahren, in denen das göttliche Selbst nur es selber ist und kein Versteckspiel treibt. Dann fängt das Spiel von neuem an, und zwar zunächst als ein Universum von absoluter Herrlichkeit, das erst nach 1.728.000 Jahren seinen Glanz zu verlieren beginnt. Jede Runde des Spiels läuft in der Form ab, dass die Mächte der Finsternis nur ein Drittel der Zeit gegenwärtig sind und am Ende einen kurzen, aber nur illusorischen Triumph feiern.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

e„Ja gell, des sind so Gschichten“, fällt mir wieder dazu ein. Und die Gedanken fangen an, mit den Gschichten zu spielen. „Die zerstörerische Seite des göttlichen Selbst, der Gott Shiva, führt einen schrecklichen Tanz auf, der alles in Flammen aufgehen lässt“, sagt Alan Watts. Und weiter: „Daraufhin, so sagt der Mythos, folgt vollkommene Ruhe auf die Dauer von 4.320.000 Jahren, in denen das göttliche Selbst nur es selber ist und kein Versteckspiel treibt.“ Wenn man den gegenwärtigen Zustand der Welt betrachtet, diesen zerstörerischen Wahnsinn, der sich immer schneller und mächtiger auszubreiten scheint, dann kann man sich gut einlassen auf diesen Mythos. Na ja, und dann kann man nur noch sagen. „Bis denne – in 4.320.000 Jahren! “ Falls man das noch kann.

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In den bekannten Darstellungen von Shiva Nataraja tanzt Shiva auf dem Dämon Apasmara, dem Zwerg der Unbewusstheit und Ignoranz, herum. Hier ist sein „zerstörerischer Tanz“ absolut positiv aufzufassen. Zerstört wird die Unbewusstheit, die Ignoranz. Das „Ei“ zerbricht. Alan Watts: „Das Ei ist das Ich, und der Vogel ist das befreite Selbst.“ Vielleicht braucht das befreite Selbst zunächst einen Begleiter, der in der ersten Unsicherheit ein Stück weit mitfliegt, wie es in diesem Symbol dargestellt wurde.

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Doch irgendwann erwacht vielleicht die Lust, aus eigener Kraft ganz alleine weiter zu fliegen und zu sehen, dass alles nur das eine göttliche Selbst ist. Ob nun das Drama des Erdenlebens in einer gewaltigen Explosion durch Shivas Zerstörungslust beendet werden wird oder ob das menschliche Bewusstsein durch Shiva in einem wilden Freudentanz befreit wird, wissen die Götter. Vielleicht aber auch ist es ein ständiger Wandel von Zerstörung und Neugeburt, der geschehen will bis in alle Ewigkeit. Es bleibt spannend.

Und weil ananda75 gestern das Shiva-Video reinegstellt hat und weil’sso gut passt:

Und damit der feine Hafiz-Text nicht verschwindet, hab ich ihn hier noch einmal :

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Jim Croce


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Ich habe bisher immer rechtzeitig dran gedacht, das Datum meines Geburtstages beim Herannahen desselben auf Facebook unsichtbar zu machen. Diesmal hab ich es glatt verschwitzt und habe nun die schrecklichen Folgen zu tragen. Also wer es noch nicht weiß oder ahnt, ich feiere nicht aus einem vorgegebenen Anlass, sondern einfach dann, wenn mir nach Feiern ist und das geschieht eigentlich pausenlos. Ihr müsstet mir also pausenlos Glück wünschen bzw. mich zu meinem Glück beglückwünschen. Dieser Augenblick zum Beispiel, fehlt euch da etwa irgendwas? Ist nicht einfach alles da? Na also. Also, würde ich sagen, ist Feiern angesagt, Feiern ohne Ende. Gestern hab ich mir ja noch dieses Geburtstagskind von heute, Jim Croce, gegönnt und den würde ich gerne mit euch teilen. Vielleicht hört ihr das ja auch so gern wie ich und ihr könnt es als mein Sammel-Dankeschön an euch und eure Glückwünsche akzeptieren.

Jim Croce starb am 20. September 1973 mit dreißig Jahren bei einem Flugzeugabsturz. 1966 heiratete er Ingrid Jacobson. 1971 bekamen die beiden ihren Sohn, Adrian James, dem Jim den Song „Time in a Bottle“ widmete. Jim Croce war Sänger, Gitarrist und Liedermacher, er arbeitete u.a. als Bühnenbauarbeiter, war Soldat, hatte ein abgeschlossenes Psychologiestudium, war Lehrer, DJ, arbeitete in einer Vorstadtbar und einem Steakhaus und als Truckfahrer und Bauarbeiter. Heute wäre er 74 Jahre alt geworden.
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Ich bin beim Hören und Gucken vor lauter Nostalgie aber auch einfach so aus der Heulerei gar nicht mehr rausgekommen. Also, wer so’ne Heulsuse wie ich ist, möge sich vorsichtshalber ein Taschentuch in Reichweite legen.

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Osho: Du bist ein Schöpfer

 

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Die Welt existiert deinetwegen – du erschaffst sie, du bist ein Schöpfer. Jeder Mensch umgibt sich mit der Welt, die seinem Geist entspricht. Sein Geist mag trügerisch sein, aber er ist kreativ, er erzeugt Träume. Und es liegt an dir, ob du eine Hölle oder einen Himmel erzeugst.

Wenn du die Welt verlässt, wirst du sie gar nicht verlassen können. Du kannst hingehen, wo du willst, du wirst dieselbe Welt wiederherstellen, denn die Welt kommt ständig aus dir heraus, wie Blätter aus einem Baum. Ihr lebt nicht in derselben Welt – das könnt ihr nicht, weil ihr alle verschiedene Vorstellungen habt. Dein Nebenmann mag im Himmel leben, während du in der Hölle lebst – und ihr bildet euch ein, in derselben Welt zu leben?

Das Erste also, das es zu verstehen gilt, ist, dass ihr die Welt nicht eher verlassen könnt, bis ihr alle eure Vorstellungen aufgegeben habt. Beides hängt zusammen, hängt voneinander ab, bildet einen Teufelskreis. Solange ihr Vorstellungen habt … und jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Sobald ihr eure Vorstellungen aufgebt, wird euer Verstand zum GEIST, in Großbuchstaben: Denn jetzt ist er kein Verstand mehr, sondern ist zu Bewusstsein geworden. Der Verstand besteht immer aus besonderen, persönlichen Vorstellungen, hat eine besondere Duftmarke – das ist deine Welt.

Erst erzeugt der Verstand die Welt, und dann erzeugt die Welt den Verstand, hilft dem Verstand, derselbe zu bleiben. Dies ist der Teufelskreis. Aber die Ursache liegt im Verstand; die Welt ist nur eine Begleiterscheinung. Der Verstand ist stofflich; die Welt ist nur sein Schatten. Und den Schatten kann man nicht zerstören … aber jeder versucht ihn zu zerstören.

aus: Osho, „Hsin Hsin Ming – The Book of Nothing“

mSeng-ts’an im His Hsin Ming: „Suche nicht nach dem Wahren, lass einfach deine Vorstellungen los!“ Es meint dasselbe, was Osho mit dem Satz ausdrückt: „Sobald ihr eure Vorstellungen aufgebt, wird euer Verstand zum GEIST, in Großbuchstaben: Denn jetzt ist er kein Verstand mehr, sondern ist zu Bewusstsein geworden.“ Man könnte es auch so sagen: Solange irgendwelchen Vorstellungen geglaubt wird, wird das reine Bewusstsein von eben diesen Vorstellungen überlagert. Der Bildzeitungsspruch „Bild dir deine Meinung“ zielt also genau in die entgegengesetzte Richtung. Nun werden viele sagen: „Na ja, die Bildzeitung, das weiß doch jeder. Die ist total primitiv und manipulativ, aber ich bin ein kluges Kerlchen und habe umfangreiche Recherchen angestellt und mich genauestens informiert. Und genau deshalb ist meine Meinung eine wirklich ernst zu nehmende, fundierte Meinung.“ – „Pustekuchen“, sagen Seng-ts’an und Osho, „jede Meinung, an die geglaubt wird, macht unbewusst und lässt den GEIST im Nebel irgendwelcher Glaubenssysteme verschwinden.

lUnd es geht nicht nur um Unbewusstheit; es geht auch um Getrenntheit. OSHO. „Ihr lebt nicht in derselben Welt – das könnt ihr nicht, weil ihr alle verschiedene Vorstellungen habt.“ Da verlieben sich zwei Leutchen ineinander, weil sie sich so allein fühlen, heiraten vielleicht, nur um dann festzustellen, dass sie immer noch allein sind. Beide leben auch weiterhin einsam in ihrer ureigenen Welt.

bDann sagt Osho etwas, dem viele energisch widersprechen werden: Sie selbst erschaffen sich ihre einsame Welt, indem sie sich ihre Vorstellungen schaffen und an ihnen festhalten. Und weil sie ihrer Einsamkeit entfliehen wollen, versuchen sie allen anderen ihre Vorstellungen aufzuzwingen. Wenn alle dasselbe glauben, sind alle durch ihren gemeinsamen Glauben verbunden. Ungläubige stellen eine ständige Bedrohung dieser scheinbaren Gemeinsamkeit dar und sollten am besten alle liquidiert werden. Wer glaubt, dass das nur die Religionen betreiben, irrt. Das passiert auch in den „intimsten“ Beziehungen. „Und willst du nicht mein Bruder sein, …“

Da herauszukommen scheint nicht leicht zu sein. Osho beschreibt aus meiner Sicht den Teufelskreis sehr präzise: „Erst erzeugt der Verstand die Welt, und dann erzeugt die Welt den Verstand, hilft dem Verstand, derselbe zu bleiben. Dies ist der Teufelskreis. Aber die Ursache liegt im Verstand; die Welt ist nur eine Begleiterscheinung. Der Verstand ist stofflich; die Welt ist nur sein Schatten. Und den Schatten kann man nicht zerstören … aber jeder versucht ihn zu zerstören.“ Und die „Gemeinschaft der Heiligen“ tut dann noch ihr Übriges.
i„Die Gemeinschaft der Heiligen“, die sich selbst ihre Welt der Ungläubigen erschaffen hat,  beim vergeblichen Versuch, ihren Schatten zu eliminieren.

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Steven Harrison: Das alles ist Gewalt

 

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Wer versucht, anders zu sein, tritt ein in einen Prozess der Zeit, was zu Anstrengungen, sich zu verbessern, und damit zur Trennung führt. Aus dieser Trennung heraus blicken wir auf die Welt da draußen. Und unsere Bemühungen, die Welt da draußen zu ändern, werden zur Ursache von Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Das alles ist Gewalt. Auf die Frage der Gewalt können wir uns nicht einlassen – mit all den Vorannahmen, die wir dazu mit uns herumtragen. Wir können uns nur mit unseren Vorannahmen herumschlagen. Aus Vorannahmen entsteht die Welt von Gut und Böse.

Wenn wir die Welt von Gut und Böse verlassen, befinden wir uns in der Energie und der Herausforderung von Kreativität. Wir könnten diese Energie mit den Attributen „zerstörerisch“ oder „schöpferisch“ oder „bewahrend“ versehen, aber wir können nicht wirklich sagen, wo der eine Aspekt beginnt und der andere endet.

Lasst uns nicht der Illusion aufsitzen, wir seien freier als die Welt. Wir sind die Welt. Wir stehen nicht außerhalb der Welt. Da ist kein Ort der Stille, der nicht auch gleichzeitig in Bewegung wäre. Ob wir uns nun in einem Kloster oder auf einem Schlachtfeld wiederfinden, wo auch immer, lässt sich die Frage stellen: Was ist das? Nichts als eine intellektuelle Frage, sondern als fühlendes In-mich-Aufnehmen der Energie einer Situation.

Die Energie des Lebens ist jenseits von Gut und Böse. Es ist dieser Energiefluss, der uns aus diesem Moment herausführt. Das, was als Nächstes kommt, kümmert sich kein bisschen um Gut und Böse – Gott sei Dank!

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

gSteven: „Wir könnten diese Energie mit den Attributen ‚zerstörerisch‘ oder ’schöpferisch‘ oder ‚bewahrend‘ versehen, aber wir können nicht wirklich sagen, wo der eine Aspekt beginnt und der andere endet.“ Da oben sind die drei hinduistischen Schwerenöter, die uns das die ganze Zeit einbrocken: Brahma, der schöpferische Aspekt, Vishnu, der bewahrende Aspekt, und Shiva, der zerstörerische Aspekt. Die drei gibt es auch in weiblicher Form, nicht dass da irgendwelche Beschwerden kommen! Die Schwierigkeit, wo das eine beginnt und das andere endet, haben wir natürlich auch etwa bei den Jahreszeiten oder sogar bei jedem Tag. Haben wir vielleicht sogar, bei allem, was in Erscheinung tritt?

„Und unsere Bemühungen, die Welt da draußen zu ändern, werden zur Ursache von Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Das alles ist Gewalt.“ Steven wollte sich auf die Frage der Gewalt nicht weiter einlassen, aber eigentlich hat er sie schon beantwortet. Jede Bemühung, die Welt zu verändern, ist Gewalt. Shiva ist der große Zerstörer, aber er ist nur ein unpersönlicher Aspekt dessen, was ganz aus sich selbst heraus geschieht. Änderungen, die von uns ausgehen, bezeichnet Steven jedoch als Gewalt. Da wir jedoch fast ununterbrochen dabei sind, könnte man uns als notorische Gewalttäter bezeichnen. Wenn man genauer hinsieht, geht es gar nicht um uns, sondern um die Ich-Vorstellung, die uns von allem trennt und eins ist mit einem permanenten Veränderungswillen. Da diese Ich-Vorstellung wie alles andere einfach geschieht, gibt es hier keine Bösen und Guten.

Steven sagt: „Lasst uns nicht der Illusion aufsitzen, wir seien freier als die Welt. Wir sind die Welt. Wir stehen nicht außerhalb der Welt. Da ist kein Ort der Stille, der nicht auch gleichzeitig in Bewegung wäre.“ Wir sind als Erscheinungen nichts als das, wodurch sich die unpersönlichen Energien von Brahma, Vishnu und Shiva ausdrücken. Die Idee, einen Ort der Stille aufzusuchen, um die Welt zu transzendieren, ist eine Illusion. Wie Steven sagt: „Wir sind die Welt.“ Und jeder angebliche Ort der Stille ist nichts anderes als Teil der Welt.
dAuf diesem Bildchen sehen wir Alexander, wie er dem Diogenes einen Wunsch frei stellt und dieser sich nur wünschte, Alexander möge ihm aus der Sonne gehen. Als Alexander Diogenes einlädt, ihn bei seiner Welteroberung zu begleiten, soll dieser nur ganz trocken nachgefragt haben, was Alexander danach zu tun vorhabe. Alexander soll geantwortet haben: Dann werde ich mich ausruhen. Daraufhin soll Diogenes gesagt haben: „Ich rutsch ein bisschen zur Seite. Du kannst dich auch sofort hier ausruhen.“ Alexander bestand jedoch darauf, erst die Welt zu erobern. Zu einem Ausruhen ist es nie mehr gekommen. Alexander überlebte seinen Sieg über die Welt nicht. Diogenes ist übrigens ein wundervolles Beispiel für ein Leben in der Welt, das zugleich nicht von der Welt ist, obwohl er noch so gar nischt von einem Jesus gehört hatte..

Diogenes trug selbst am helllichten Tag eine brennende Laterne mit sich. „Ich suche einen Menschen“, sagte er. Als er sehr alt geworden war, fragte ihn jemand, ob er noch immer darauf hoffe, einen Menschen zu finden. Er erwiderte: „Ja, deshalb habe ich immer noch die brennende Laterne mit.“

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Karl Renz: Für DAS, was du bist, passiert niemals etwas

 

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Diese absolute Ausweglosigkeit, diese vollkommene Hilflosigkeit, das ist das Paradies. Das ist allmächtig, weil die Hilflosigkeit deutlich macht, dass es keine Kontrolle über ein Innerhalb oder ein Außerhalb gibt. Für DAS, was du bist, passiert niemals etwas, und niemand sonst kann kontrollieren, was du bist. Kein Umstand kann dich ändern oder dir irgendetwas anhaben, da es alle Umstände nur wegen dir gibt, du aber nicht aufgrund von etwas anderem bist. Du bist die Ursachenlosigkeit selbst. Alles, was eine Ursache hat, ist nicht, was du bist. Deshalb kann das objektive oder empfundene Leben oder Nicht-Leben niemals das ewige Leben berühren, das du bist. Also sei ES. Es gibt keinen praktischen Hinweis darauf, wie man das werden kann.

aus: Karl Renz, „Eight Dayas in Tiruvannamalai“

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Na, stell dich mal auf den Hamburger Fischmarkt und versuch, deine Ausweglosigkeit los zu werden. So billig kannst du sie gar nicht anpreisen, als dass da jemand bereit wäre, sie zu kaufen. Selbst wenn du die Hilflosigkeit noch gratis draufpackst, wird sie niemand haben wollen. Und wenn du beide einfach in die Menge schleuderst, werden die Leute nur panisch die Flucht ergreifen. Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit haben einen sehr, sehr schlechten Ruf. Und wenn sich da der Karl als Marktschreier auf den Fischmarkt stellt und herumbrüllt: „Diese absolute Ausweglosigkeit, diese vollkommene Hilflosigkeit, das ist das Paradies“, werden die Leute ihn bloß auslachen und sagen: „Komm, lass stecken! Den Mist will niemand haben!“ Und wenn dann der Karl ganz verzweifelt noch eine Erklärung in der Art hinterherschickt: „Das ist allmächtig, weil die Hilflosigkeit deutlich macht, das es keine Kontrolle über ein Innerhalb oder ein Außerhalb gibt“, kann er froh sein, dass die Hamburger es nicht so mit dem Teeren und Federn haben. Wer will schon keine Kontrolle „mehr“ über ein Innerhalb oder ein Außerhalb haben! Die hat zwar noch nie „jemand“ gehabt, aber „wer will das (schon) wissen?“

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Vielleicht habt ihr ja den Film „Schmetterling und Taucherglocke“ angeguckt. Ich hatte ihn auch schon mal im Blog erwähnt. Hirnschlag, bis auf ein Augenlid kann nichts mehr bewegt werden. Fast vollständiger Kontrollverlust, was das Außerhalb betrifft. Jeder der sich in diese Lage hineinzuversetzen versucht, kriegt vermutlich eine Krise.

Für alle Krisengeschüttelten hat der Karl jedoch eine frohe Botschaft: „Du bist die Ursachenlosigkeit selbst. Alles, was eine Ursache hat, ist nicht, was du bist. Deshalb kann das objektive oder empfundene Leben oder Nicht-Leben niemals das ewige Leben berühren, das du bist.“ Also, selbst wenn du jetzt auch noch die Kontrolle über das bislang noch unter deiner Kontrolle stehende Augenlid verlieren solltest, shitegal, nichts, aber auch gar nichts, kann das berühren, was du bist. Klingt, als sei das, was du bist, der absolute Snob.
dKarl Renz: „Es gibt keinen praktischen Hinweis darauf, wie man das werden kann.“ Na, Gott sei Dank! Es laufen schon genug Snobs auf der Welt herum. Gut, dass das, was du in Wirklichkeit bist, weder Zeit noch Form kennt!

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