Angelus Silesius: Die Unruh kombt von dir


Werner Anahata Krebber hat vorgestern auf seinem Blog
in dankenswerter Weise an diese Zeilen von Angelus Silesius erinnert.
Wunderbar für eine kleine Kontemplation.

Komposition: Carl Löwe
Text: Johann Gabriel Seidl
Interpret: Christian G. Ebert

Also das war jetzt mal ein bisschen nostalgisches Schwelgen von mir. Wie oft hab ich in Jugendjahren diese Ballade von Carl Löwe gesungen und mich dabei auf dem Flügel begleitet. Ich habe auf youtube eine Interpretation gesucht, die mir am besten dem Werk zu entsprechen schien und ich stolperte über diesen Christian G. Ebert. Also es gibt natürlich Sänger, die ihre Töne besser treffen und klarer im Ausdruck sind, aber der Christian G. Ebert menschelt einfach am meisten und er erinnert mich stark an die Art, wie auch mein Vater gesungen hat, dann hat er für mich irgendwie so etwas Erheiterndes von einem Theaterdirektor aus dem 19. Jahrhundert und schließlich atmet Werk und Vortrag etwas typisch Freimaurerisches. Carl Löwe war Freimaurer und ich möchte wetten, dass auch Christian G. Ebert Freimaurer ist. Da ich selbst mal ein paar Jahre Freimaurer war, war auch das für mich eine ziemlich nostalgische Erinnerung. Ach ja.

Nichts ist das dich bewegt
Du selbst bist das Rad
Das auß sich selbsten laufft
Und keine Ruhe hat

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Huang-po: Wirkliches Hören braucht keine Ohren


Mögen auch andere von dem Weg der Buddhas sprechen, als sei dieser durch verschiedene fromme Übungen und Sūtra-Studien zu erreichen, so dürft ihr doch nichts mit solchen Ideen zu tun haben. Die plötzlich aufblitzende Einsicht, dass Subjekt und Objekt eins sind, führt euch zu einem zutiefst geheimnisvollen, wortlosen Begreifen, und durch dieses Begreifen werdet ihr zur Wahrheit des Ch’an erwachen. …

Euer wahres Wesen ist euch niemals verloren gegangen, selbst nicht in den Augenblicken der Täuschung, noch wird es im Augenblick der Erleuchtung gewonnen. Es ist das Wesen der Bhūtatatathatā, in dem es weder Täuschung noch rechtes Verständnis gibt. Es füllt die ganze Leere aus und ist von Anbeginn von der Substanz des Einen Geistes. Wie könnten im Grunde diese vom Denken erschaffenen Objekte außerhalb der Leere existieren?

Die Leere ist im Grunde ohne räumliche Ausdehnung, ohne Leidenschaften, Tätigkeiten, Täuschungen oder echtes Verstehen. Du musst klar erfassen, dass in ihr keine Dinge sind, weder Menschen noch Buddhas. Denn diese Leere enthält nicht die geringste Haaresbreite von irgendetwas, das räumlich gesehen werden kann. Sie hängt von nichts ab und ist an nichts gebunden. Sie ist alles durchdringende, fleckenlose Schönheit. Sie ist das aus sich selbst existierende und nicht geschaffene Absolute. Wie kann dann noch in Frage gestellt werden, dass der wirkliche Buddha keinen Mund hat und kein Dharma predigt oder wirkliches Hören keine Ohren braucht. Wer wäre denn da zu hören? Wahrlich, dies ist ein Kleinod von unschätzbarem Wert!

aus: Huang-po: „Der Geist des Ch’an“

Ein wundervoller Text. – Dem Folgenden vorausschicken möchte ich, dass ich Gott sei Dank weder erleuchtet bin noch ein Meister oder sonst etwas in der Preislage. Und wenn ich es wäre, dann würde ich es nie öffentlich machen. Bin ich vielleicht völlig verblödet? Ich bin auch kein Missionar, kein Prediger und schon gar kein Weltverbesser. Was mir an diesem Blog Spaß macht, ist das, was mir schon mein ganzes Leben Spaß gemacht hat: Fragen zu stellen, auf die es entweder keine Antwort geben kann bzw. alle Antworten immer wieder erneut in Frage zu stellen. Das In-Frage-Stellen ist bereits die Antwort. Ich habe keinerlei Ehrgeiz, zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. Und wenn ich wider Erwarten zu einem Ergebnis kommen sollte, würde ich es sofort wieder in Frage stellen.

In Abwandlung eines bekannten Buchtitels möchte ich formulieren: „Hilfe, die Erleuchteten kommen!“ Warum Hilfe? Nun, die Erleuchteten unserer Tage unterscheiden sich etwa von dem im Text erwähnten wirklichen Buddha dadurch, dass dieser weder einen Mund hat noch ein Dharma predigt. Huang-po sagt: „Die plötzlich aufblitzende Einsicht, dass Subjekt und Objekt eins sind, führt euch zu einem zutiefst geheimnisvollen, wortlosen Begreifen, und durch dieses Begreifen werdet ihr zur Wahrheit des Ch’an erwachen.“ Die Welt ist voll mit wortreichen Predigern. Aber das ist keine Errungenschaft unserer Zeit. Es gab schon immer geradezu wellenartig das Auftauchen ganzer Heerscharen von … Franz Josef Strauss hätte sie wohl Dampfplauderer genannt. Man könnte sie auch Bescheidwisser nennen, denn sie wissen dank göttlicher Gnade über alles  genauestens Bescheid. Der Kern aller ihrer Botschaften ist: „Ich weiß, du weißt nicht. Ich gigantisch, du kleines Würstchen. Aber ich werde mich deiner erbarmen und dir die Balken in deinen Augen zeigen. Ich werde deine Seele retten! (Notfalls indem ich deinen sündigen Leib den reinigenden Flammen des Feuers überantworte, auf dass deine Seele gerettet werde.)“ Sie operieren vorzugsweise mit sog. Du-Botschaften, wozu sie sich selbst ermächtigt haben, da sie ja die Bescheidwisser sind und die anderen die armen Unwissenden. Gott, was haben sie sich alles für Lügengeschichten ausgedacht, um eine Rechtfertigung für ihr mörderisches Tun zu haben! Es ist der perfekte Ego-Trip.

Es lohnt sich wirklich, sich ein wenig mit der Heiligen Inquisition zu beschäftigen. Es ist der blanke Faschismus, der da ziemlich ungeschminkt seine hässliche Fratze zeigt. Fundamentalisten jeder Couleur wollen sich mal wieder austoben und der ganzen Welt zeigen, dass sie im Recht und alle anderen im Unrecht sind. Ich stelle mal den Bescheidwissern diesen mir ungeheuer sympathischen Sokrates gegenüber, dessen Mutter Hebamme war. Sokrates, der großen Nichtwisser, der den Leuten einfach nur Fragen stellte und der ihnen dadurch half, ihr Kind gebären zu können. Oder ich stelle ihnen Meister Eckhart gegenüber. Der sagte: „Schweig‘ und schwätze nicht über Gott; denn damit, dass du von ihm schwätzest, lügst du und tust Sünde. Willst du also ohne Sünde und vollkommen sein, so schwätze nicht von Gott. Du sollst auch von Gott nichts verstehen, denn Gott ist über alles Verständnis.“ Und er ergänzte: „Alles, was man von Gott aussagen kann, das ist Gott nicht.“

Und ich stelle ihnen Huang-pos wirklichen Buddha gegenüber. Huang-po: „Diese Leere enthält nicht die geringste Haaresbreite von irgendetwas, das räumlich gesehen werden kann. Sie hängt von nichts ab und ist an nichts gebunden. Sie ist alles durchdringende, fleckenlose Schönheit. Sie ist das aus sich selbst existierende und nicht geschaffene Absolute.“ Jede Aussage über Gott oder die „Leere“ ist eine Vor-Stellung, die den Blick ver-stellt. Da gibt’s nichts zu predigen, da gibt’s nicht zu urteilen, da gibt’s nichts zu wissen. Deshalb ist das für die meisten Menschen völlig uninteressant. Man kann damit halt einfach keinen Blumentopf gewinnen. Schafe lieben Prediger; die versprechen wenigstens Belohnungen.

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Osho: Zum zweiten Mal geboren (2)

 

Das ist die Bedeutung von der Geburt Jesu – dass er aus einer Jungfrau geboren wurde. Aber die Leute nehmen alles wörtlich, und dann verstehen sie alles falsch. Aus einer Jungfrau bedeutet: Aus dem Einen. Der andere ist nicht da, wer also kann korrumpieren? Wer kann eindringen? Die Jungfräulichkeit bleibt absolut rein, weil es kein anderes gibt. Wenn ein anderer da ist, hast du deine Jungfräulichkeit verloren. Wenn im Geist der andere da ist, hast du deine Unschuld verloren. Sich des anderen bewusst zu sein, sich nach dem anderen zu sehnen, heißt, die Jungfräulichkeit verlieren. Diese zweite Geburt kann jungfräulich sein, aber die erste Geburt muss aus dem  Sex kommen – es gibt keine andere Möglichkeit, es kann keine andere geben.

Jesus wird aus dem Sex geboren, wie jeder andere auch; und auch das ist recht so, das sollte so sein. Jesus ist wie ihr – in der Saatform; aber in seiner Blüte ist er absolut anders, weil eine zweite Geburt stattgefunden hat; ein neuer Mensch ist geboren. Der Jesus, der aus der Maria geboren wurde, ist nicht mehr da; er hat sich selbst die Geburt gegeben. In der alten Essener-Sekte heißt es: Wenn ein Mensch transformiert wurde, ist er sein eigener Vater. Dies ist der Sinn: Wenn wir sagen, dass Jesus keinen Vater hat, bedeutet das, dass Jesus jetzt sein eigener Vater geworden ist. Das erscheint absurd, aber so ist es nun einmal.

Die zweite Geburt ist eine jungfräuliche Geburt – und dann bist du wieder unschuldig. Und diese Unschuld ist höher als die eines Kindes, weil das Kind tatsächlich erst seine Unschuld verlieren muss. Sie ist ein Geschenk der Natur, das sich das Kind nicht verdient hat und ihm daher wieder genommen werden muss. Wenn das Kind wächst, wird es seine Unschuld  verlieren – und es muss wachsen! Aber ein Weiser bleibt unschuldig; diese Unschuld kann nun nicht mehr fortgenommen werden.

aus: Osho, „Die verbotene Wahrheit“ – Über das Thomasevangelium

Das ist natürlich eine etwas unglückliche Formulierung von Osho, wenn er sagt: „Sie [die Unschuld] ist ein Geschenk der Natur, das sich das Kind nicht verdient hat und ihm daher wieder genommen werden muss.“ Hieraus könnte man schließen, dass man sich das, was einem nicht wieder genommen werden kann, erst mal verdienen muss. Es ist keine Sache eines Verdienstes. Wenn eine Raupe sich verpuppt und dann irgendwann den Panzer der Verpuppung sprengt, hat sie sich dann ein Schmetterlingsdasein verdient? Es geschieht einfach. Und wenn ein eben geschlüpfter Schmetterling von einer Libelle gefressen wird, ist das dann ungerecht gegenüber der gewaltigen Lebensleistung des Schmetterlings? Es geschieht einfach und hat absolut nichts mit Verdienst und Gerechtigkeit zu tun. Und niemand ist schuldig geworden.

Gestern hatte ich das Video von Yod Udo Kolitscher im Blog und es ging bei ihm u.a. um das kindliche Bedürfnis geliebt zu werden, ohne sich diese Liebe verdienen zu müssen. Die zweite Geburt hat nichts mit Verdienst zu tun und auch nichts mit einem Bedürfnis geliebt zu werden. Sie ist das endgültige Ende dieser klebrigen Stalkerei, wie sie nicht nur in Rosamunde Pilcher-Filmen zu bewundern ist. Die zweite Geburt ist aus so etwas wie Notwendigkeit entstanden. So wie die Raupe ihre Verpuppung aus einer Notwendigkeit heraus sprengen muss, so muss ein Mensch seinen Panzer sprengen, den er sich in seiner Kindheit zulegen musste. Da kann man sich nur fragen, warum das eigentlich so selten geschieht bei den Menschen. Die Antwort liegt auf der Hand. Raupen denken nichts und glauben nichts. Sie lassen geschehen, was geschehen will. Und ihr genetisches Programm treibt sie einfach weiter, ob sie wollen oder nicht. Bei Menschen funktioniert das in aller Regel nicht und so muss meist ihre innere Not so groß werden, dass sie sich entweder einen Strick kaufen oder anfangen, sich ihrer totalen Verstrickung in irgendwelche Programme bewusst zu werden.
Ich habe meinem Doc mal erzählt, dass sich etwas in mir die Hände reibt, wenn er mir etwas verschreibt, was nichts bewirkt. Das ist natürlich völlig idiotisch und entspricht diesem blöden Rebellenprogramm, das der Yod gestern beschrieben hat. „Ätsch, das hast du dir so gedacht! Aber mich kriegst du nicht klein!“ Ich muss immer grinsen, wenn sich dieses Programm in mir meldet – und mein Doc hoffentlich auch. Und damit hat das Programm auch schon seine Wirkkraft eingebüßt. Das Rebellen-Programm darf nicht verwechselt werden mit der Rebellion, von der Osho gern spricht, darf nicht verwechselt werden mit Nietzsches Löwen. Das Rebellen-Programm ist halt nur genauso ein Programm wie das Kamel-Programm. Im einen Fall wird halt brav Ja gesagt, im anderen brav Nein. Wirkliche Rebellion wird sich der einengenden Programme bewusst, verweigert ihnen den roboterhaften Gehorsam und genießt lieber das Leben, genießt die wiedergewonnene Kreativität, genießt die wiedergewonnene Unschuld. Dass es da zu Konflikten mit Menschen kommt, die sich ihrer Programmierung noch nicht hinlänglich bewusst geworden sind, liegt auf der Hand. Da kann es nur zu ständigen Missverständnissen kommen.
Osho sagt: „Ein Weiser bleibt unschuldig; diese Unschuld kann nun nicht mehr fortgenommen werden.“ Wenn ich beispielsweise Jesus nehme, so war er in den Augen der Obrigkeit absolut schuldig. Sie mussten zu diesem Urteil kommen, da es ihrer Programmierung entsprach. Das „Hosianna“ entsprang der Hoffnung auf den Messias, das „Kreuziget ihn“ dem Urteil derjenigen, die sich unter einem Messias etwas ganz anderes vorgestellt hatten. Der Begriff Unschuld ist sowieso irreführend, eigentlich müsste es heißen „jenseits von Schuld und Unschuld“. Die Tiere, die gestern in den Videos, die Brigitte in den Blog reingestellt hatte, konnten dieses „Jenseits von Schuld und Unschuld“ sehr schön zeigen. Jesus hat seine Botschaft hinterlassen. Die programmierten Gläubigen konnten sie zwangsläufig nur falsch verstehen. Leben konnten sie die Botschaft nicht einmal ansatzweise. Es kann also beispielsweise nie um eine Nachfolge Jesu gehen, sondern darum, dass der Einzelne sich seiner eigenen Programmierung in seiner ganzen Tragweite bewusst wird. Jesus sprach: „Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du; aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht. (Thomas-Evangelium: Logion 26)

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Osho: Zum zweiten Mal geboren (1)



Jesus sagte: „Sei wie ein Kind.“ Also fängst du zu üben an, wie du wohl wie ein Kind sein kannst – aber ein Kind übt nie. Ein Kind ist einfach ein Kind, es weiß nicht einmal, dass es ein Kind ist, es ist sich seiner Unschuld nicht bewusst. Seine Unschuld ist da, aber es nimmt sie nicht als solche wahr. Sobald du zu üben beginnst, ist Befangenheit da. Dann ist dieses Kind-Sein etwas Unrechtes. Du kannst so tun, aber du kannst nicht wieder Kind sein – im buchstäblichen Sinn.

Ein Heiliger, ein Weiser, wird in einem völlig anderen Sinn wie ein Kind. Er hat transzendiert, er ist über den Verstand hinausgegangen, weil er seine Sinnlosigkeit verstanden hat. Er hat den ganzen Unsinn durchschaut, ein erfolgreicher Mensch in dieser Welt zu sein – er hat das Verlangen nach Erfolg  aufgegeben, dieses Verlangen, anderen zu imponieren; das Verlangen, der Größte zu sein, der Wichtigste; das Verlangen, das Ego zu befriedigen. Er hat endlich die absolute Sinnlosigkeit erkannt. Und Erkenntnis transzendiert. Das bloße Erkennen – und sofort bist du transzendiert und in eine andere Dimension eingetreten.

Dann herrscht wieder Kindheit – man nennt es „die zweite Kindheit“. Die Hindus haben diesen Zustand dwij genannt, „zum zweiten Mal geboren“. Wieder bist du geboren, aber dies ist eine andere Geburt, nicht aus Vater und Mutter. Diesmal kommt sie aus deinem eigenen Selbst, nicht aus dem Zusammentreffen zweier Körper, nicht aus der Dualität. Diesmal wirst du aus dir selbst geboren.

aus: Osho, „Die verbotene Wahrheit“ – Über das Thomasevangelium

Ich liebe ja diesen Hans Vaihinger mit seinem Spruch: „Handle, ALS OB du der Handelnde wärst, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist.“ Aber Hans Vaihinger war halt ein Philosoph, d.h., soweit ich das überhaupt beurteilen kann, dass er die Sache intellektuell durchdrungen und verstanden hat. Nur intellektuell. Wenn ich auf der Bühne stehe und den Wilhelm Tell spiele, tue ich so, als ob ich Wilhelm Tell wäre. Und zwar möglichst glaubhaft, sodass mir das mein Publikum auch abnehmen kann. Auf gut deutsch: Ich versuche mein Publikum möglichst perfekt zu täuschen. Wenn mir das gelingt, gelte ich als guter Schauspieler. Manche Schauspieler glauben sich zu guter Letzt selbst, dass sie diejenigen sind, die sie so perfekt dargestellt haben. Wenn sie nicht aufpassen, landen sie in der Klapse. Was für eine perfekte Falle für alle Spiris.
Osho sagt, ein Kind übt nie. Dagegen könnte man einwenden, dass ein Kind tausendmal Hinfallen und Aufstehen übt, bis es laufen kann. Aber das ist kein zielgerichtetes Üben. Laufen-Können ist gewissermaßen das unbeabsichtigte Ergebnis von Hinfallen und Aufstehen. Das Kind will einfach nur endlich stehen. Klar, klappt halt nicht gleich. Ich erzählte schon mal die Geschichte, wie ich in einem Fluss-Bad meinen Eltern vormachen wollte, ich könne schon schwimmen. Dabei hüpfte ich nur auf einem Bein herum und machte mit den anderen Gliedmaßen irgendwelche Schwimmbewegungen. Da das Wasser ziemlich undurchsichtig war, konnten meine Eltern meinen Schwindel nicht erkennen. Das unbeabsichtigte Ergebnis war: Ich konnte schwimmen. Ich vermute mal, die Zen-Lehrer versuchen, mit ihrem Zazen einen ähnlichen Schwindel hinzukriegen. Na ja, wer weiß …
Kinder lernen u.a. ganz viel durch Imitation. Das kann sehr nützlich sein, oft genug wird es aber eine totale Katastrophe. Kinder können da noch nicht so richtig unterscheiden. Und nach und nach wird ihnen in aller Regel jede eigene Kreativität abdressiert. Übrig bleibt das Kamel aus Nietzsches Beschreibung in seinem Zarathustra. Wenn der Mensch dieses Kamel nicht wieder abschütteln kann, ist er verloren. Er muss dagegen rebellieren und zum Löwen werden. Rebellieren heißt im Grunde nur, sich des Kamels und seiner Roboterhaftigkeit bewusst zu werden. Schließlich, wenn das Kamel abgeschüttelt wurde, kann der Löwe, Inshallah, wieder zum Kind werden. Das ist dann wirklich wie eine zweite Geburt.

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Nitya über Es, Eric Berne und seine Transaktionsanalyse


Ich muss ein klein wenig ausholen; wem das zu wenig an Information ist, kann sich ja im Netz weiter schlau machen. Eric Berne war Psychiater und Vater der sog. Transaktionsanalyse. Mit Transaktionen sind sowohl diejenigen gemeint, die zwischen zwei Menschen, als auch diejenigen, die innerhalb ein und desselben Menschen ablaufen. Dabei unterscheidet Berne in seinem Strukturmodell zwischen drei Ebenen innerhalb einer Person. Da gibt es zum einen das sog. Erwachsenen-Ich. Du fragst einen Menschen nach der Uhrzeit und dieser guckt auf seine Uhr und sagt dir, wie spät es ist. Das ist eine Kommunikation auf der Erwachsenen-Ebene. Nun hat aber jeder Mensch noch zwei andere Ebenen: Die Eltern-Ich-Ebene und die Kindheits-Ich-Ebene. Fragt der eine: „Weißt du eigentlich, wie spät es schon wieder ist?“ so ist da wahrscheinlich das vorwurfsvolle Eltern-Ich am Werk und sein Gegenüber fühlt sich wie ein dummes Kind behandelt und reagiert vielleicht patzig auf der rebellischen Kindheits-Ebene: „Ich hatte einen Fahrrad-Platten, kann ich doch nix dafür.“ – was möglicherweise auch noch gelogen ist. Transaktionen können zwischen allen Ebenen stattfinden und zwar offen oder verdeckt. Verdeckt würde z.B. bedeuten, dass die offene Antwort scheinbar aus dem Erwachsenen-Ich kommt, aber in Wahrheit aus dem verletzten Kindheits-Ich heraus agiert wird. Diese Struktur lädt geradezu zu verdeckten Spielen ein. Wesen der Spiele sind nach Berne, der plötzliche Rollenwechsel mitten im Spiel. Beispiel: Das vermeintliche Opfer entpuppt sich als Verfolger, der vermeintliche Verfolger als Retter und der vermeintliche Retter als Opfer.

Nicht im Bernschen Strukturmodell enthalten ist das sog. Es:

Während es in den Bernschen Spielen in erster Linie um Täuschung und den Versuch geht, persönliche Verantwortung in Form von Schuldzuweisung an einen anderen abzuschieben, geht es in dem von mir hier erweiterten Modell um das Leugnen der eigenen Person mitsamt jeglicher Verantwortung. Ob man dies nun Es nennt oder höhere Macht oder Allah, es wird nicht mehr aus sich heraus gehandelt, sondern auf höhere Anweisung. Stimmen und Anweisungen werden vernommen und Heilige Bücher nach Diktat von oben aufgeschrieben. Die abrahamitischen Religionen sind durchtränkt von diesem Super-Spiel. Das ist wie ein Super-Infekt, gegen den niemand mehr ankommt. Allah befiehlt, diesem Ungläubigen den Kopf abzusäbeln, wer bin ich, mich Seinem Heiligen Willen zu widersetzen.  Ich bin Nichts, Allah ist Alles. Das mit dem Befehlsnotstand funktioniert schon in jeder Diktatur ganz prächtig. Aber auch die Diktatoren pflegen ja etwa der Vorsehung zu gehorchen. Wenn sie schon nicht Gott selbst sein wollen wie etwa Alexander der Große, so doch wenigstens sein auserwählter Diener oder der sog. Stellvertreter Gottes. Richtig schlimm wird’s ja, wenn die Betreffenden sich tatsächlich selbst glauben.

Eine kleine Warnung: Die Bernsche Transaktionsanalyse eignet sich hervorragend, um auch mit ihr Spielchen zu spielen und damit vermeintliche Schuld von sich abzuwälzen und Macht über andere auszuüben. Sie eignet sich aber auch hervorragend dafür, der eigenen Person, ihrer inneren Struktur und seinen eigenen Spielchen auf die Schliche zu kommen. Ich muss nicht erwähnen, dass nur Letzteres irgendeinen Sinn macht. Die Frage von Byron Katie: „Ist es wahr? Ist es wirklich wahr?“ ist jedem, vor allem sich selbst gegenüber, sehr zu empfehlen. „Nicht glauben, prüfen!“ war Buddhas Rat.
Die Es-Gläubigen übersehen gerne, dass jedes Hellhören, Hellfühlen, Hellsehen, Stimmen- und Anweisungen-Hören usw. nichts als flüchtig auftauchende Phänomene im Bewusstsein bzw. nichts als ihre eigenen Projektionen sind und nicht das behauptete Es selbst. Auf dem kann man sich nämlich kein Ei drauf backen und es ist auch sonst zu nichts nütze. Schon gar nicht zur eigenen Selbsterhöhung.

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Tao-hsin: Nicht besser spielen, aber freier


Tao-hsin sprach zu seinen Schülern: Mein Leben ist wie ein Schachspiel, der Gegner ist gut. Jeden meiner Züge scheint er zu kennen, immer ist er mir einen Schritt voraus. Je besser ich werde, je mehr ich kämpfe, über das Spiel lerne: Der Gegner wird auch immer besser. Und auf einmal erkannte ich: Ich spiele gegen mich selber. Mit dieser Erkenntnis konnte ich nicht besser spielen, aber freier.

Tao-hsin sagte auch: Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.

aus: Die verschollenen Schriften von Tao-hsin

Nu sind die beiden ollen Knacker so alt geworden, haben in ihrem Leben Erkenntnis auf Erkenntnis gehäuft und sitzen trotzdem immer noch in der Sonne und spielen ihr Lieblingsspiel miteinander: Schach, das königliche Spiel. Inzwischen wissen sie, dass sie nie werden gewinnen können und wenn sie noch so gut spielen. Und eben diese Erkenntnis gibt ihrem Spiel die vergnügliche Leichtigkeit, die sie mit großer Freude einfach weiterspielen lässt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie noch heute.
Tao-hsin sagt: „Der Weg zur Erkenntnis ist lang.“ Und Schiller:

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck
Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.

Auf die Jugend zu schimpfen, ist natürlich alles andere als besonders weise. Die Jugend muss empfinden, denken und handeln, wie sie empfindet, denkt und handelt, und sie muss dabei Fehler über Fehler machen. Manche gelangen über all die Fehler möglicherweise zu der Erkenntnis, von der Tao-hsin hier spricht. Die allermeisten von ihnen werden einfach nur alt werden und alles tun, um den Fluch Jahwes Wahrheit werden zu lassen: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (1. Mose, 3:17-19)

Tao-hsin sagt: „Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.“ In dieser Formulierung könnte man, wenn man unbedingt will, noch die ursprüngliche Einheit dessen sehen, was Tao-hsins Enkel Hui-neng und Shen-hui dann getrennt haben in der sog. südlichen und nördlichen Schule. Es wird erzählt, dass Hunj-jen heimlich in der Nacht dem Hui-neng seine Robe übergab und ihn damit als seinen Nachfolger anerkannte. Anschließend schickte er ihn weit weg in den Süden aus Angst, man könne ihn umbringen. Ja, ja, die Spiris.

Na ja, das sind alles so Geschichten aus grauer Vorzeit. Ich kann mich eh nicht für sie verbürgen. Für mich ist es völlig unerheblich, wie lang der Weg zur Erkenntnis war. Die Erkenntnis selbst „ist kurz, erfrischend und irreversibel.“ Noch einmal Ikkyû Sôjun:

Wir sind verloren,
dort, wo der Geist uns nicht finden kann.
Völlig verloren.

(Also dann – lass dich finden!)

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Ikkyû Sôjun: Abschiedsgedicht


Heute abend
Trockne ich die Tränen
Im Nehandô.
Meine Trauer ist erschöpft –
Was war, was bleibt,
Wie ausgelöscht.
Wer spielt das Lied
Von Heimkehr,
Ergreifend und echt?
Grüne Perle –
In langem Flötenton
Ist all mein Kummer.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

Ikkyû Sôjun ist für mich so ein wundervolles Beispiel für einen Menschen, der sich ganz geöffnet hatte für den Duft der „Blume des Dharma“ und gleichzeitig nicht der Versuchung erlegen ist, als irgendein Besonderer aufzutreten. Wenn ich mir so die Autos meiner Nachbarn betrachte, die ständig größer sein müssen als die der anderen Nachbarn, obwohl sie sich kaum noch in irgendeinen Parkplatz zwängen können, dann sehe ich, wie beknackt das ist, ein Besonderer sein zu wollen. Da sie alle vom gleichen Geltungsdrang besessen sind, ähneln sie sich wie ein Ei dem anderen und sind schon allein deshalb absolut nichts Besonderes. Ikkyû wollte kein Besonderer sein und war u.a. genau deshalb ein ganz Besonderer.
Dass er sich selbst einen blinden Esel nannte, zeigt, wie sehr er sich aller seiner menschlichen Unzulänglichkeiten bewusst war. Er versuchte kein bisschen, sich als heilig darzustellen – ganz so, wie es Bodhidharma mit seiner Formulierung „Offene Weite, nichts von heilig“ ausgedrückt hatte. Er dichtete und malte und liebte die Frauen und betrank sich, hasste als Abt das Klosterleben und zog sich stattdessen lieber zurück in die Einsamkeit der Berge. Er war glücklich, er war traurig, er vernichtete mit seiner spitzen Zunge die Möchtegernerleuchteten in seinem Umfeld, er liebte den Linji und war – einfach ein ganz gewöhnlicher Mensch.

Wir sind verloren,
dort, wo der Geist uns nicht finden kann.
Völlig verloren.

Ikkyû Sôjun

 

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