Jesus zu den Gutmenschen: Weichet alle von mir, ihr Übeltäter!

 

Habt acht auf eure Almosen, dass ihr die nicht gebet vor den Leuten, dass ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Schulen und auf den Gassen, auf dass sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich. (mt 6,1-4)

Woran erkennt man einen Gutmenschen?

Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: HERR, HERR! ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: HERR, HERR! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, und haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter! (mt 7 15.23)

Unsere Bundeskanzlerin hat uns ja aufgefordert, mal wieder in die Kirche zu gehen und in der Bibel rumzublättern. „Schließli san mir ja a ned auf da Brennsuppn dahergschwomma“ und haben auch einen Propheten und nicht nur die Türken mit ihrem Mohammed – der Herr bewahre uns vor ihnen! Aber bitte nur rumblättern, sonst könnte man ja zufällig noch auf Worte stoßen wie die oben zitierten.

Ich hab ja bestimmt schon hundertmal die Geschichte aus meiner Jugend erzählt von diesem alten Schrebergärtner, der mir, als ich ein Fahrrad mit Platten an seinem Schrebergarten vorbeischob, einen heilen Schlauch aufmontierte und nicht einmal ein Dankeschön dafür haben wollte. Meine Dankbarkeit konnte er damit allerdings nicht verhindern – nicht nur für den heilen Schlauch, sondern vor allem auch dafür, dass er mir ganz wortlos gezeigt hat, was der Unterschied zwischen einem Gutmenschen und einem Menschen ist. Jesus hat die Gutmenschen schön beschrieben, als er sagte: „Wenn du Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Schulen und auf den Gassen, auf dass sie von den Leuten gepriesen werden.“ Auf Facebook, in Foren und Blogs kann man die Gutmenschen leicht erkennen: Sie posaunen vorzugsweise mit ihren angeblich guten Taten herum. Aber nicht genug damit, und da muss ich Jesus ergänzen: Sie preisen nicht nur endlos ihre guten Taten an, sie verteufeln auch noch all diejenigen, die keine Lust haben, ihre eigenen guten Taten der ganzen Welt zu verkünden. Diese werden als Egoisten, Assoziale oder gar als Nazis beschimpft.

Ganz besonders gute Gutmenschen sind natürlich unsere Politiker, die schon mit guten Taten angeben, die sie angeblich erst in der Zukunft vollbringen wollen. Da muss ich nur an den neuen Messias der SPD denken. Jesus war da keineswegs zimperlich in seiner Ausdrucksweise. An anderer Stelle hat er diese Heuchler „Schlangen und Otterngezücht“ genannt. Und wie die Geschichte der Tempelreinigung zeigt, schreckte er auch nicht davor zurück, das Schlangen- und Otterngezücht mit der Geißel in der Hand zu verjagen. In unseren sozialen Medien wäre Jesus sicher schon längst als Nazi beschimpft worden und man hätte Karikaturen von ihm bewundern dürfen, die ihn in Naziunform gezeigt hätten, wie das kürzlich Werner Ablass und Edgar Hofer passiert ist. So, genau so sehen die Früchte der Gutmenschen aus.

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Osho: Die letzte Wahrheit tut sehr weh

 

Die letzte Wahrheit tut sehr weh. Alles wird zum Schluss verschwinden, auch ich und du. Das einzige, was übrigbleibt, ist reines Bewusstsein. Und du bist nicht etwa daran angeschlossen – es gibt dich nicht mehr.

Diese Auflösung ist so tief und so endgültig, dass zuerst deine Persönlichkeit verschwinden muss, dann deine Individualität verschwinden muss, und was dann übrigbleibt, ist reine Existenz. Es klingt ein bisschen beunruhigend und besorgniserregend, weil du nicht die Erfahrung des Nicht-Seins kennst.

Überleg nur einmal … Vor diesem Leben warst du nicht. Hattest du da irgendwelche Sorgen, irgendwelche Angst? Nach diesem Leben wirst du nicht sein. Wozu also die Angst? Genau da wird Stille und Frieden herrschen, wo vorher Angst, Spannung und Verzweiflung wucherten. Sie werden sich alle aufgelöst haben, genauso wie sich ein Tautropfen im Ozean auflöst.

Deshalb lehrt Zen keine Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung ist ein viel niedrigeres Ziel. Zen lehrt dich das Höchste: Nicht-Selbst-Verwirklichung oder die Erkenntnis, dass die Auflösung im Ganzen der endgültige Frieden ist. Dein Wesen als solches ist Angst. Auf welcher Ebene du dich auch befindest, immer bleibt eine gewisse Angst. Du bist Angst, und wenn du willst, dass die Angst verschwindet, dann musst du bereit sein, selbst zu verschwinden.

aus: Osho, „Das Zen-Manifest“

OSHO Never Born Never Died
Only Visited this Planet Earth between
Dec 11 1931 – Jan 19 1990

Ein Hinweis auf das, was nie geboren wurde und nie sterben wird. Und dann gab es da für eine kurze Zeit eine Erscheinung wie ein kleiner Besuch in der Zeitlosigkeit.

Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein.
Platsch!

Ein Bild – gemalt von Bashô. Der alte Teich, Stille, Frieden. Dann die scheinbare Störung durch einen Frosch und das Geräusch, das der Frosch mit seinem Sprung ins Wasser erzeugt. Danach wieder Stille und Frieden, tiefer als zuvor.

„Zen lehrt dich das Höchste: Nicht-Selbst-Verwirklichung oder die Erkenntnis, dass die Auflösung im Ganzen der endgültige Frieden ist“, sagt Osho. Was ist das für ein Frieden, wenn niemand mehr da ist, der feststellen kann, dass da Frieden ist? Selbstverwirklichung bedeutet in diesem Zusammenhang vermutlich, dass da jemand erfolgreich an der Perfektion seiner Persönlichkeit gearbeitet hat. Ich könnte den Begriff ja auch so auffassen, dass jemand verwirklicht hat, dass er „das Selbst“ ist, was bedeuten würde, dass er als Persönlichkeit verschwunden ist. Aber das dürfte Osho hier nicht gemeint haben. Er spricht für mich ganz eindeutig von befristeter Zeit, vom beginnenden und endenden Leben, von einem Davor und einem Danach, also von Geburt und Tod. Vor deiner Geburt war da weder Persönlichkeit noch Individualität. Nach deinem Tod haben sich beide wie eine vorübergehende Erscheinung vollkommen aufgelöst. So sehr aufgelöst, dass dann niemand mehr da ist, der irgendetwas von Stille und Frieden berichten könnte. Da ist kein Ding mehr, nicht einmal in Form von Stille und Frieden, nur reine Potenzialität.

Deshalb sagt Osho: „Die letzte Wahrheit tut sehr weh.“ Tut sie wirklich weh? Weh kann sie nur tun, wenn sie ein Bild vom persönlichen Überleben zerstört. Als ich mich vor 11 Jahren mit einem Schlaganfall ins Bett legte und wartete, was da auf mich zukommen wollte, war da keine Vorstellung von dem, was da nach meinem möglichen Ableben passieren würde. Weder glaubte ich an die Auferstehung von den Toten, noch an Himmel und Hölle, noch an Reinkarnation, noch an  Oshos Vision, obwohl mir seine Version noch am nächsten war. Da ich an nichts glaubte, war da auch keine Angst. Es gab einfach keinen Grund, warum ich mich vor dem Tod fürchten sollte. Wenn überhaupt eine Sorge auftauchte, dann die, dass ich vielleicht halbseitig gelähmt und in vollständiger Abhängigkeit von der Hilfe anderer weiterleben müsste. Aber auch das war nur so ein vorüberziehender Gedanke.

Osho schreibt: „Auf welcher Ebene du dich auch befindest, immer bleibt eine gewisse Angst. Du bist Angst, und wenn du willst, dass die Angst verschwindet, dann musst du bereit sein, selbst zu verschwinden.“ Verschwinden, um keine Angst mehr haben zu müssen? Also nee, das hat er doch hoffentlich nicht so gemeint. Damals war da bei mir mehr so was wie Gleichgültigkeit, vielleicht auch ein bisschen Neugier auf das Unbekannte. Na ja, hätte ich damals den Löffel abgegeben, hätte ich vermutlich meine Neugier nicht mehr befriedigen können. Ich wäre vermutlich einfach sang- und klanglos verschwunden. Aber wer weiß. Ich kann da noch nicht aus einem reichen Erfahrungsschatz berichten. Osho lebte übrigens auch noch, als er das sagte.

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Karl Renz: Alles ist „so tun, als ob“

 

Frage: Jeder tut so, als ob er glücklich wäre. Ist es das, was passiert?

Karl: Alles ist „so tun, als ob“. Sie tun so, als ob sie glücklich wären, und sie tun so, als ob sie unglücklich wären. Wenn du einfach aufhörst, so zu tun, als ob, und bist, was-du-nicht-nicht-sein-kannst, dann ist das alles. Dann bist du nichts von beidem. Dann ist das Neti-Neti, weder glücklich noch unglücklich, weil du nicht einmal weißt, was du bist und wie du bist. Und du musst nicht wissen, was du bist und wie du bist.

Das, was wissen muss, was es ist und dem einen Namen geben muss, ist ganz sicher der Definierende – und nichts ist für den Definierenden fein genug.

aus: Karl Renz, „Worry And Be Happy“

Darum habe ich sogar Erleuchtung
als das letzte Spiel bezeichnet.
Je eher du es fallen lässt,
umso besser.
Warum nicht einfach nur sein?
Warum unnötigerweise
hierhin und dorthin rennen?
Du bist, was die Existenz möchte,
dass du bist.
Entspanne einfach.

Osho

„Das, was wissen muss, was es ist und dem einen Namen geben muss, ist ganz sicher der Definierende – und nichts ist für den Definierenden fein genug“, sagt der Karl und ich musste gleich an Recep Tayyip Erdoğan denken, der anscheinend von einem Gekränktsein ins nächste Gekränktsein torkelt, weil ihm als Definierendem zwangsläufig nichts fein genug sein kann. Also nicht, dass jetzt jemand glaubt, das wäre nur bei Erdoğan so. Das geht jedem genauso, der meint, sich definieren zu müssen. Wenn mich jemand fragt, wie’s mir geht, komme ich immer ein bisschen in Verlegenheit, weil ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll. Am liebsten würde ich sagen: „Mir geht’s“, um überhaupt geantwortet zu haben, aber damit fühlt sich mein Gegenüber irgendwie auf den Arm genommen. Mit „Danke der Nachfrage und selber?“ könnte ich mich vielleicht noch zu retten versuchen, aber das ist natürlich auch nur doof. Gibt es eine Brücke zwischen Definierern und Nicht-Definierern. Oh jetzt hab ich die Nicht-Definierer als Nicht-Definierer definiert. Wie komm ich bloß aus der Nummer raus?

Osho hat mal gesagt: „Trifft ein Stein eine Rose, wird immer der Stein den Sieg davontragen.“ Definierer sind wie Steine und die Nicht-Definierer haben nur ihre Offenheit dagegenzusetzen. Im Moment haben wir ja mit den Muslimen als Feindbild zu tun, aber eigentlich müssen wir wohl alle Religioten einbeziehen, alle, die behaupten, im Namen der Wahrheit zu sprechen. Sie alle ohne Ausnahme sind Definierer, sind Steine. Selbst „DAS“ ist irgendwie ein Etwas, ist etwas Definiertes, während „NETI-NETI“ jede Definition zurückweist und damit offen ist für Alles. „Warum nicht einfach nur sein?“, fragte Osho. Und Bodhidharma brachte es auf den Punkt mit „Offene Weite, nichts von heilig.“ Ohne jede Definition, ohne ein Ziel wie Erleuchtung oder ein neues türkisches Kalifat. Allen Ideologien, allen Religionen, allen Gläubigen geht es nur um Macht und um die Versklavung  ihrer Mitmenschen und der ganzen Natur.

Osho sagt:Du bist, was die Existenz möchte, dass du bist. Entspanne einfach.“ Hört sich das nicht wundervoll an? Schiller lässt den Tell sagen: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Und das ist die notwendige Ergänzung zu Oshos Hinweis. Klar ist das alles nur zum Todlachen. Aber das Lachen wird einem bald vergehen, wenn die Gläubigen über einen herfallen und einem den lachenden Kopf abschneiden. Und das bedeutet: Keine Toleranz gegenüber Intoleranz! Vergesst nicht: Bodhidharma war alles andere als ein Weichei. Immerhin hat er uns das Shaolin-Kloster hinterlassen mit seinem Shaolin-Kungfu, die Geburtsstätte des chinesischen Ch’an. Die Gläubigen dürfen gern in ihr stilles Kämmerlein gehen und dort zu wem oder was auch immer beten. Das ist ihre Sache. Aber sobald sie ihr Kämmerlein verlassen und die Welt im Namen von wem oder was auch immer retten wollen, dann gibt es nur eins: „Sag NEIN!“ Keine Toleranz gegenüber Intoleranz! „Tun wir so, als ob“ wir richtige Krieger wären. Sind wir es nicht?

 

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Meine Mutter hat gesagt …

 

„Meine Mutter hat gesagt, nimm dir keine Bauernmagd, nimm dir eine aus der Stadt, die ’ne schlanke Taille hat.“ Stammt nicht von meiner Mutter, sondern von meinem Vater, der das alte Liedchen aus den Spinnstuben gerne vor sich hin trällerte, wenn er gut aufgelegt war. Danach entspann sich dann immer wieder mal eine Diskussion darüber, ob er denn gekriegt hätte, was er sich anscheinend gewünscht hat. Aber so eindeutig war meine Mutter wohl keiner Kategorie zuzuordnen, sodass derartige Familiengespräche unter großem Gelächter meist ausgingen wie das Hornberger Schießen.

Heute sehen Frauen ja häufig völlig anders aus als beispielsweise damals meine Mutter. Ich weiß ja nicht, ob die Mütter ihren Söhnen heute noch denselben Rat mit auf den Lebensweg geben wie die Mütter aus der Steinzeit, aber wenn ich mir da das neue Cover von „The New Yorker“ mit Tomer Hanuka’s „Spring Awakening“ (oben ein Ausschnitt) von dieser Woche betrachte, kann ich nur sagen: „Gott sei Dank hatte ich noch so ne richtig altmodische Mutter!“ Meine Mutter schwärmte noch oft von ihren Schwangerschaften, den Geburten und dem Stillen ihrer Kinder. Wenn ich mir das Bild oben betrachte, denke ich mir: „Bei der Katze kann ich mir das noch vorstellen, aber bei diesem eigenartigen Wesen da oben versagt meine Phantasie. Aldous Huxleys „Schöne Welt und die Retortenbabys“ fallen mir dazu ein. Also dieser Dame würde nicht einmal dieses angebliche Sexmonster Donald Trump in den Schritt fassen wollen, wie das „The New Yorker“ mit an vorderster Front immer wieder unterstellt hat.

Coolness ist angesagt. Oh Mann, ist das ne Schaufensterpuppe oder ein Fall für ’nen Psychiater? Dieser leere Gesichtsausdruck macht mich ganz krank! Aber vielleicht hat sie ja Huang-po’s Leere nur falsch interpretiert? Ich weiß noch, als wir damals dran waren mit einem Tanzkurs, die Damen vom Nachbar-Gymnasium wahren alle aus sog. gutem Hause. Mit denen machte unser Gymnasium seit Menschengedenken den Tanzkurs. Ich war damals Klassensprecher und überzeugte die Jungs in meiner Klasse davon, dass wir mit den blasierten Weibern keinen Spaß haben werden. Wir suchten uns also eine Schule aus, an der es noch „ganz normale“ Mädchen gab und nicht solche Vorboten des Neuen Zeitalters. Also mit „ganz normal“ meine ich menschliche Wesen, die noch irgendwie Herz und Verstand besaßen und nicht nur gut angepasste, leere Puppen waren.

Also lebt ihr noch oder wohnt ihr schon – etwa in einem so gemütlichen Heim wie dem hier abgebildeten? Hier hab ich noch was Hübsches.  Ich weiß ja nicht, ob das bunte Hand-Band noch mehr verborgende Buchstaben hat und vielleicht BELOVED oder LOVED ONE heißen soll, LOVED allein oder noch ein I davor? Jedenfalls erspart einem so ein Handband möglicherweise diese ganze lästige Lieberei. Wer braucht denn sowas schon – Liebe? Bringt nix wie Ärger.


Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

ach ja, Brüderchen Brecht

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Alan Watts: die Welt als „lila“ und als „maya“ gesehen

 

Spielen, um entspannt und für die Arbeit frisch zu sein, ist nicht Spielen, und keine Arbeit wird gut oder sorgfältig verrichtet, wenn sie nicht auch eine Form des Spielens ist. Wenn man aus dem double-bind des „Du musst überleben“ befreit worden ist, erkennt man, dass das Leben im Grunde Spielen ist.

Hier tauchen allerdings Verständnisschwierigkeiten auf, weil „Spielen“ zwei verschiedene Bedeutungen hat, die oft miteinander in einen Topf geworfen werden. Tut man etwas lediglich aus Spielerei, dann ist das trivial und unaufrichtig, und wir sollten „Tändeln“ statt „Spielen“ sagen. Doch wenn eine Frau zu mir sagte: „Ich liebe dich“, sollte ich daraufhin antworten: „Meinst du es ernst, oder spielst du mit mir?“ Wenn schließlich die Beziehung gedeihen soll, dann hoffe ich sehr, dass sie es nicht ernst meint und dass sie tatsächlich mit mir spielen will. Die bessere Frage wäre vielmehr: „Meinst du es aufrichtig oder benutzt du mich nur als Spielzeug (tändelst du nur mit mir?)“. Aufrichtigkeit ist besser als Ernsthaftigkeit, denn wer möchte schon mit Ernst geliebt werden? Es gibt also eine Form des Spielens, die alles andere als trivial ist, etwa wenn Segovia auf der Gitarre oder Sir Laurence Olivier den Hamlet spielt.

Im Vedanta wird die ganze Welt als „lila“ und als „maya“ des göttlichen Selbst gesehen. Das erste Wort bedeutet „Spiel“, das zweite enthält die Begriffe Illusion (vom lateinischen „ludere“, spielen), Zauber, Kreativität, Kunst und Messen. Aus dieser Sicht ist das Universum im Allgemeinen und das Spielen im Besonderen in einem bestimmten Sinn des Wortes „bedeutungslos“, d.h. beide weisen nicht – wie Worte oder Symbole – auf irgendetwas anderes als sie selber hin, sowie eine Mozartsonate keine moralische oder soziale Botschaft vermittelt und auch nicht versucht, die natürlichen Geräusche von Wind, Donner oder Vogelsang zu suggerieren.

aus: Alan Watts, „Die Illusion des Ich“

Die ganze Welt ist ein – Spiel. und damit ist genau das gemeint, was Alan Watt andeutete, wenn er sagt, dass das Universum im Allgemeinen und das Spielen im Besonderen in einem bestimmten Sinn des Wortes „bedeutungslos“ sei, d.h. beide nicht – wie Worte oder Symbole – auf irgendetwas anderes als sie selber hinwiesen. Gertrude Steins „Rose is a rose is a rose is a rose.“ meint genau das und Angelus Silesius wollte mit seinem Gedicht wohl dasselbe vermitteln:

Die Ros‘ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet.

Und Jiddu Krishnamurtis „Das Wort ist nicht das Ding“, darf hier natürlich auch nicht fehlen. Das Seilhüpfen der Kinder ist ohne Warum, sie spielen, weil sie spielen … und ganz bestimmt nicht, um danach frisch und entspannt zu sein.

Alan Watts macht hier einen kleinen Unterschied zwischen „einfach spielen“ und „bloß herumtändeln“. Letzteres fände er bei einer Frau, die ihm eine Liebeserklärung macht, ziemlich doof. Er wünscht sich, dass sie es ernst meint mit ihm und nicht nur mit ihm spielt. Ich nehme an, die meisten Frauen wünschen sich Entsprechendes. Leider ist das im sog. realen Leben häufig nicht wie gewünscht, sondern die Liebeserklärung wird als reines Mittel zum Zweck für was auch immer eingesetzt. Andererseits ist eine Liebeserklärung nicht unbedingt ein Gelöbnis für den Rest aller Zeiten, sondern vielleicht nur der Ausdruck eines Gefühls für den Augenblick. Jedenfalls ist auf beiden Seiten ein hohes Risiko festzustellen und so wundert es nicht, dass sich viele Menschen sorgsam davor hüten, eine Liebeserklärung abzugeben bzw., falls ihnen eine gemacht wird, diese ernst zu nehmen. Aber Tändelei oder Ernst, Alan Watts geht in diesem Fall erst mal von zwei autonomen Persönlichkeiten aus.

Wenn Alan Watts einen Schritt zurücktritt, was er ja häufig genug macht, dann ist er ganz beim Vedanta und seiner Botschaft, dass das Universum im Allgemeinen und das Spielen im Besonderen in einem bestimmten Sinn des Wortes „bedeutungslos“ ist. Und dann ist plötzlich alles ein Spiel, auch und gerade das, was keineswegs als Spiel betrachtet wird wie etwa eine leider völlig bedeutungslose Liebeserklärung oder wie eine bedeutungsschwangere gemeinte Drohung Erdoğans, es denen heimzuzahlen, die es wagen, ihm irgendwie die Show zu stehlen. Da muss ich natürlich wieder an Judith Malina denken, die die Bullen auch dann noch für ihren guten Akt eines wütenden Bullen lobte, wenn diese wütend waren. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wird es ja genau hier wirklich spannend und man könnte fast auf die Idee kommen, dass das Noumenon eine ausgesprochene Dramaqueen ist, die nichts weniger abkann als Langeweile.

Übrigens spannend: Illusion von lat. in-ludere, könnte bedeuten „ins Spiel werfen“ oder Collusion von con-ludere „zusammen-spielen“ – dachte ich, hoffte ich, aber im ethymologischen Lexikon meinen sie, es käme von lat. col-lidere „zusammenstoßen, aufeinanderprallen“. Aber das überlasse ich lieber dem Herrn Fredoo. Das ist dem sein Spezialgebiet. Collusion: „Lasst uns zusammen ein Spiel spielen, du spielst den Räuber und ich den Gendarm.“ oder „Ich mach dir schöne Augen und du fällst drauf rein.“ So ganz im Sinn von Judith Malina. Das wär doch hübsch gewesen.


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Jesus: Es sei denn, dass ihr werdet wie die Kinder

 

Wer immer etwas zu oder über den 12. Präsidenten der türkischen Republik, Recep Tayyip Erdoğan, sagt, denkt vielleicht für einen kleinen Moment: „Darf ich das sagen?“ Also nicht, weil er Angst hat, irgendwelche Gesetze der Bundesrepublik Deutschland zu verletzen, sondern, weil er Angst hat, mit irgendwelchen unerwünschten Besuchern rechnen zu müssen, wenn er irgendetwas sagt, womit sich der Herr Präsident in seiner Ehre verletzt fühlen könnte, die ja angeblich immer auch stellvertretend die Ehre des gesamten türkischen Volkes ist. Wenn ich den Herrn daneben, einen gewissen David Zinn, von dem die meisten von euch wahrscheinlich noch nie gehört haben, wenn ich diesen Herrn also für völlig gaga halte und dieser meiner Meinung öffentlich Ausdruck verleihe, würde David, wenn er davon wüsste, vermutlich bloß grinsen und vielleicht zustimmend nicken und sagen: „Das ist mir schon lange klar.“

Für den werten Herrn Erdoğan ist es wahrscheinlich schon eine Ehrabschneidung mit diesem Nichts von einem Menschen verglichen zu werden, dem David ist es vermutlich scheißegal. Zwischen beiden klafft ein tiefer, scheinbar unüberwindbarer Abgrund. Ich vermute mal, dass der Herr Erdoğan mit dem Hinweis von Jesus nicht nur nichts anfangen kann, sondern ihn für einen ausgemachten Blödsinn hält: „Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (mt 18,3), während der David wahrscheinlich sagen wird: „Na und? Wees ick doch.“

 
Also dieser Jesus, ich weiß, er ist nicht der letzte „Prophet“, aber vielleicht hat er ja doch da was sehr Weises vom Stapel gelassen, wenn er das mit dem Himmelreich anspricht. Da taucht natürlich die Frage auf, was er unter „Himmelreich“ versteht. Ich vermute mal, nicht diesen imaginären Ort wo mindestens 72 Jungfrauen sehnsüchtig auf den Herrn Erdoğan warten. Ich vermute, Jesus meinte ganz schlicht diese unsere Erde und unseren gegenwärtigen inneren Zustand. Wenn wir uns dann vielleicht bewusst machen, dass unser innerer Zustand möglicherweise an den äußeren Früchten zu erkennen sein wird, können wir ja mal ein bisschen herumspekulieren, wie wohl der innere bzw. der äußere Zustand der beiden Herren aussehen wird. Zu Herrn Erdoğan möchte ich da gar nichts sagen. Ich versau mir doch nicht den wunderschönen Tag. Bei diesem David kann ich glatt ins Schwärmen kommen. Im sog. hippokratischen Eid wird vom Arzt beschworen, dass er seine Kunst nach Kräften und gemäß seinem Urteil zum Nutzen der Kranken einsetzen, Schädigung und Unrecht aber ausschließen wird. Na lasst uns das mal auf alle Menschen übertragen, Arzt oder nicht Arzt, krank oder gesund. Das würde mir als Erstes bei David Zinn einfallen. Er schädigt niemanden und tut alles um mit seiner Kunst das Herz der Menschen zu erfreuen. Er hockt sich mitten zwischen Leute auf die Straße, jeder kann ihm zugucken, Kinder, Hunde und Katzen und sogar Erwachsene, und sich daran freuen, wie sein Werk entsteht. Und dann fotografiert er seine kleinen Werke und macht ein Bilderbuch daraus, dass man erwerben kann, wenn man seine fröhlichen Botschaften auch daheim angucken will oder Freunden damit eine Freude machen will. Wie würde die Welt wohl aussehen, wenn nicht die Erdoğans, sondern die Zinns …

… ach, müßige Gedanken. Katz und Maus hat es schon immer gegeben.

 

 

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Ramesh Balsekar: Ich tu mal so, als ob

Man muss im Leben so handeln, als ob man der Handelnde wäre, in dem Wissen, dass man nicht der Handelnde ist. Der Mensch lebt in Fiktionen. Zum Beispiel weiß der Mensch, dass die Sonne stationär ist und dass es die Erde ist, die in Bewegung ist. Nichtsdestotrotz akzeptiert man im Leben die Fiktion, dass die Sonne auf- und untergeht. Das Verständnis ist also, dass all dies eine Illusion ist und dass man keinen freien Willen hat. Doch im Leben muss man so handeln, als ob man einen freien Willen hätte.

Ramakrishna sagte: “ Man muss wissen, dass man als ein Individuum nicht der Handelnde ist, doch man muss im Leben so funktionieren, als ob man der Handelnde ist.“ Das sind die gleichen Worte, wie sie der deutsche Philosoph Hans Vaihinger in seiner Als-ob-Philosophie benutzt hat: „Der Mensch hat keine Wahl, er muss in Fiktionen leben. Er muss so handeln, als ob es einen Gott gäbe, der tugendhaftes Verhalten belohnt und sündhafte Handlungen bestraft; als ob der Mensch einen freien Willen hätte, der ihn für seine Handlungen verantwortlich macht; als ob die Menschheit nicht unter dem Todesurteil stünde. Nur Kraft dieser Fiktion kann das Individuum seine geistige Gesundheit behalten.“ Die Bedeutung des Als-ob wird somit deutlich. Er sagt, man muss handeln. Man kann nicht nicht handeln. Der Körper-Verstand-Organismus muss auf ein Ereignis reagieren. Man muss Entscheidungen treffen und man muss sie so treffen, als ob sie die eigenen Entscheidungen wären.

Lassen sie Ihr intellektuelles Verständnis sein, dass Sie nicht der Handelnde sind, und handeln Sie weiterhin, als ob Sie der Handelnde wären. Mit der Zeit wird dieses intellektuelle Verstehen, dass Sie nicht der Handelnde sind, tiefer einsinken, und alle Handlungen, die geschehen, werden als spontane Handlungen erkannt und nicht als „Ihre“ Handlungen.

aus: Ramesh S. Balsekar, „Erleuchtende Gespäche“

Drei sehr unterschiedliche Herren, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Die Grundaussage ist ja schon ein bisschen älter. Da fällt einem natürlich gleich der Herr Siddharta Gautama ein mit seinem „Handlungen geschehen, doch gibt es keinen Handelnden“. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit bis zu dem Hinweis von Ramesh, das alles vorherbestimmt sei. Ist doch irgendwie logisch. Wenn ich nicht in mein Schicksal eingreifen kann – besser, wenn da gar kein Handelnder ist, dann kann alles nur so geschehen, wie es geschehen muss. Meist kommt dann etwa noch der Hinweis auf die Palmblatt-Bibliothek, in der man (jeder?) nachforschen kann, wie sein Leben bisher verlaufen ist und wie es weiter verlaufen wird. Ich habe bisher noch keiner Palmblattbibliothek einen Besuch abgestattet, aber Ramesh hat mal davon erzählt, und der wird uns doch nicht verkohlt haben – oder?

Also ich persönlich finde das mit der Vorherbestimmung nicht so zwingend logisch und ich gestehe, dass ich dieser Aussage auch keine besondere Bedeutung beimesse. Hat nicht Nisargadatta mal von einem Wolkenkratzer erzählt, von dem jemand springt und auf dem Weg nach unten alles Mögliche erlebt? Der Wolkenkratzer war schon fix und fertig da, aber ich erlebe bei meinem Fall die Dinge eines nach dem anderen. Ja gell, das sind so G’schichten, fällt mir nur dazu ein. Überzeugen kann mich das noch lange nicht, aber wie gesagt, ist mir eh nicht wichtig. Für mich ist jeder Augenblick eine Überraschung, vollkommen neu und aus dem Moment heraus geboren. Ob das nun alles schon seit Jahrmillionen vorherbestimmt sein soll oder nicht, darüber soll sich streiten wer will. Ich hab keinen Bock dazu.

Die drei Herren da oben wenden sich allesamt nicht an einen Niemand, sondern an einen Jemand. Und wieder hab ich keine Lust dazu festzulegen, ob es den Niemand oder den Jemand überhaupt gibt. Niemande interessieren sich eh nicht für diesen „Als-Ob“-Kram und für die, die sich für Jemande halten, könnte der Tipp der drei Herren vielleicht irgendwie hilfreich sein. Hans Vaihinger sagt: „Der Mensch hat keine Wahl, er muss in Fiktionen leben.“ Er muss. Das ist ein spannender Satz und all die Bescheidwisser könnten in einer stillen Stunde mal darüber herumsinnieren, was da dran sein könnte. Na ja, es wäre natürlich möglich, dass bei dem Ansinnen der drei Herren jemand ein bisschen schizophren wird. Welches Hirn hält das schon aus: „Eigentlich gibt’s mich gar nicht, aber der, den es nicht gibt, soll so tun, als ob’s ihn gäbe!“ Häää? Ja eben – häää – guckt einfach, was da passiert, wenn ihr euch versuchsweise mal darauf einlasst. Vielleicht werdet ihr gaga, vielleicht fängt da was an zu oszillieren und ihr könnt ganz fasziniert zuschauen, vielleicht springt ihr gleich von einem Bein aufs andere und kräht: „Ich hab’s. Ich bin erleuchtet! Halleluja!“ Wer weiß. Ich wünsch euch allen einen vergnügten Sonntag!

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