nicht 2


Als ich mit sechs Jahren in die Schule kam, hing hinter dem Pult an der Wand ein Bild mit einem Auge in einem Dreieck. Unser Lehrer sagte uns, das sei das Auge Gottes, das alles sehen würde, was wir denken, fühlen und tun. Gott wüsste also alles und wenn wir es noch so gut verbergen würden. Und am jüngsten Gericht würde Gott dann das Urteil über unser Leben sprechen und dann würden wir entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen.

Big brother is watching you. Als ich viele Jahre später diesen Film sah, fiel mir dieses Auge aus der Schule wieder ein. Genau wie in diesem Film dargestellt hatte ich mich damals gefühlt. Mehr Trennung zwischen Gott und mir ist kaum vorstellbar.

Ich weiß nicht, wer sich das mit dem Auge ausgedacht hat. Für mich steht das allsehende Auge längst für das allumfassende Gewahrsein, von dem nichts und niemand je getrennt sein könnte. So wie die Wellen der Ozean sind und der Ozean die Wellen, so ist allgegenwärtiges Gewahrsein nicht getrennt von allen Erscheinungen.

2 Antworten zu nicht 2

  1. Barbara-Paraprem schreibt:

    Kranke Welt will kranke Kinder…

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  2. Selma schreibt:

    Nenn mich bei meinen wahren Namen

    Sag nicht, dass ich morgen scheide
    – ich komme ja immer noch an.

    Sieh doch: ich komme in jeder Sekunde an,
    um die Knospe am Frühlingszweig zu werden,
    ein kleiner Vogel, dessen Flügel noch zerbrechlich sind
    und der gerade singen lernt in seinem neuen Nest,
    ein Käfer im Herzen einer Blume
    und ein Juwel, das sich im Stein verbirgt.

    Ich komme immer noch an um zu lachen und zu weinen,
    zu fürchten und zu hoffen;
    der Rhythmus meines Herzens ist die Geburt
    und der Tod alles Lebendigen.

    Ich bin die Eintagsfliege,
    die schillernd auf dem Fluss treibt,
    und ich bin der Vogel, der im Frühling
    gerade rechtzeitig kommt,
    die Eintagsfliege zu verspeisen.

    Ich bin ein Frosch, der ganz zufrieden
    im klaren Wasser eines Teiches paddelt,
    und ich bin die Ringelnatter, die sich
    in stiller Pirsch an den Frosch heranmacht.

    Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen noch,
    mit Beinchen so dünn wie Spindeln,
    und ich bin der Waffenschieber,
    der todbringendes Gerät an Uganda verkauft.

    Ich bin das zwölfjährige Mädchen auf einem Flüchtlingsboot
    das sich ins Meer wirft,
    nachdem es von einem Piraten vergewaltigt wurde,
    und ich bin der Pirat, mit einem Herzen,
    das noch blind und unfähig ist zu lieben.

    Ich bin ein Mitglied des Politbüros,
    mit großer Macht in meinen Händen,
    und ich bin der Mann
    der seine „Blutschuld“ meinem Volk gegenüber abträgt,
    während er im Arbeitslager eines langsamen Todes stirbt.

    Meine Freude ist wie der Frühling,
    so wärmend, dass sie überall Blumen hervorsprießen lässt.
    Mein Schmerz ist wie ein Fluss aus Tränen, so voll,
    dass er die vier Meere füllt.

    Bitte nenn mich also bei meinen wahren Namen,
    damit ich aufwache,
    damit das Tor meines Herzens,
    das Tor des Mitgefühls,
    offenbleibt.

    Thich Nhat Hanh

    Wenn nach tausendjährigem Schlaf alle Kinder erwachen, ob große oder kleine, dann sehen sie, dass diese Welt das Paradies ist, so wie es ist. Zu sein ist bereits eine Unendliche Geschichte, krank – nicht krank – zwei – nicht zwei – lebendig – tot, das sind die Märchen, die das Eine als Zwei spielt mit einer solchen Hingabe, und da es nicht sterben kann, spielt es noch heute.
    .

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