Tao-hsin: Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben

Ein Schüler wollte Tao-hsin verlassen, und trat vor diesen, um sich zu verabschieden. Tao-hsin fragte ihn: „Warum gehst du?“ Der Schüler antwortete: „Ich habe hier alles gelernt und möchte jetzt auf Wanderschaft gehen und die Suche fortsetzen.“ Daraufhin erwiderte Tao-hsin: „Wenn du alles gelernt hast, kannst du mir sicher eine Frage beantworten: Wenn du gehst, verlasse ich dich oder du mich?“ Der Schüler stockte.

Tao-hsin sagte später „Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben“

aus den verschollenen Schriften des Tao-hsin„Ich habe alles gelernt.“ Deutlicher kann man nicht dokumentieren, dass man noch gar nichts gelernt hat. Nicht einmal ein Schreinergeselle würde seinem Meister sagen: „Ich habe alles gelernt.“ Denn zu lernen gibt es immer noch was. Aber der Schreinergeselle könnte ja damit zum Ausdruck bringen wollen: „Von diesem meinem alten Meister habe ich alles gelernt. Mehr hat der einfach nicht mehr zu bieten. Und jetzt geh ich auf Wanderschaft noch zu diesem und jenem anderen Meister und guck mal, ob die mir noch was beibringen können, was ich noch nicht bei meinem Meister lernen konnte.“

Tao-hsin war kein Schreiner-Meister, soviel ich weiß. Er war ein Ch’an-Heini, ein Schüler von Seng-ts’an. Dem zu sagen: „Ich habe alles gelernt“, ist ja noch mal ne andere Nummer, als das seinem Schreinermeister zu sagen. Im Kapitel 48 des Tao Te King sagt Lao Tse: „Betreibe das Lernen: So mehrst du dich täglich. Betreibe den Weg: So minderst du dich täglich. Mindern und abermals mindern führt dich zum Ohne-Tun. Bleib ohne Tun – Nichts, das dann ungetan bliebe.“ Der „Schüler“ Tao-Hsins glaubte allem Anschein nach immer noch, dass es bei seinem Meister etwas zu Lernen gegeben hätte. Alles, was er bei ihm hätte lernen können, wäre allerdings gewesen, dass es nicht zu lernen, sondern nur zu verlernen gab, und zwar alles, was er je gelernt hatte. Hätte er das wirklich gelernt, wäre er voller Dankbarkeit einfach geblieben. Es hätte nicht mehr den geringsten Grund gegeben, wieder „auf Wanderschaft zu gehen und die Suche fortzusetzen“.

Heute erleben wir ja wieder diesen Guru- und Satsanglehrer-Tourismus. Hier schnappt man etwas auf, da schnappt man etwas auf, und, so Gott will, wird man irgendwann selbst ein Guru oder Satsanglehrer oder zumindest ein Bescheidwisser. Na ja, ich weiß ja nicht, wie das damals zu Tao-Hsins Zeiten war, aber ich frage mich, ob es auch schon damals diese marktschreierischen Angebote wie heute gab, Erleuchtunsgskongresse und ähnlichen Nonsens. Ich fürchte Ja. War ein Lao Tse je daran interessiert, seine Sichtweise preisgünstig an den Mann oder die Frau zu bringen? Die Legende erzählt, dass er von einem Zöllner genötigt wurde, seine Sichtweise aufzuschreiben, sonst wäre er nicht über die Grenze gelassen worden. Schließlich ging der Zöllner ja von einem Wissen aus, das da außer Landes gebracht werden sollte. Von einer Bezahlung wurde nichts überliefert, auch nicht davon, dass Lao Tse dem Zöllner „sein Wissen“ aufgedrängt habe. Heute gibt es zwischen einer Reklame für Viagra und für die sog. Erleuchtung kaum noch einen Unterschied. Alles wird einem marktkonform serviert und alles hat seinen Preis. Vielleicht war das auch schon zu Tao-Hsins Zeiten so, ich weiß es nicht. Dann wäre das Verhalten seines Schülers allerdings durchaus verständlich.

Priester ist ein Beruf, Satsanglehrer ist ein Beruf. Das ist wie mit den Couchs und den Psychotherapeuten. Das gehört schon fast zur Imagepflege, seinen eigenen Psychoanalytiker oder was weiß ich zu haben. Das wird eigenartiger Weise selten in Frage gestellt. Erzeugt jede Berufsgruppe ihre eigene Nachfrage oder erzeugt die Nachfrage eine Berufsgruppe? Ob es uns ohne sie schlechter ginge oder besser oder auch nicht anders? Blöde Frage. Sie sind da und man muss mit ihnen leben wie mit dem nächsten Schnupfen.

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4 Antworten zu Tao-hsin: Hätte er alles gelernt, wäre er geblieben

  1. fredoo schreibt:

    Ach das mit den Gurus war wohl schon immer auch ein Betriebsgeschäft …
    Der erste mit dem ich es zu tun hatte ( so mit 16 ) war sogar ein Dynast , soll heißen , Papa war schon in dem Business , und der arme kleine Sohn hatte gar keine andere Wahl , als sich auch „davorne“ hinzusetzen , bzw. gesetzt zu werden .
    Was dann vermittelt wurde ( gar nicht mal so übel als Meditationstechnik , wenn halt Technik sein soll ) , war schon seit Generationen im Familien“besitz“ und hatte diese auch zu ernähren … Was auch recht erfolgreich gelang … wohl bis heute …
    Mir reichte diese Erfahrung ( gerade meine dabei entdeckte eigene Anfälligkeit für Macht und Herrschaft ! ) um genau diesem fürderhin entschlossen auszuweichen …
    Buch“Gurus“ war ja einem Sucher nicht zu entgehen , bzw. waren die Alternativen selten , bzw. von den Übersetzern erneut ins Gurumäntelchen gesteckt , was zu entdecken bei mir aber Jahrzehnte dauerte .
    Auch diese Guru-Aversion ließ mich einen Bagwan nur mit Fingerspitzen anfassen , auch wenn mir seine demonstrativen 90 Rolls eine große Spaßesfreude waren . ich muss zugeben , dass mir erst der Herr Nitya mit seinen Zitaten des Osho einen Zugang zu dessen Art gegeben hat .
    Tja , und dann traf ich auf diesen kleinen indischen ex-bodygebuildeten Banker , wo mir doch gerade dieses indisch kitschige Getue so richtig auf den Senkel ging , der so ganz ohne Guru-Attitüde einfach nur „davorne saß“ und nichts anderes tat , als zu berichten , was ihm denn so geschehen war … und der , wenn er sich oller Texte bediente , zu dieser Zeit fast ausschließlich im Taoismus und Chan „erntete“ …. fein … damit konnte ich leben … auch wenn ich mich noch immer weigere ihn „meinen“ Guru zu nennen … so zäh können diese Aversionen sein … 😉

    • Wilhelm schreibt:

      Na, da haben wir ja beide noch mal Glück gehabt, werter fredoo, du mit deinem kleinen indischen ex-bodygebuildeten Banker, der so ganz ohne Guru-Attitüde einfach nur ‚davorne saß‘ und nichts anderes tat , als zu berichten , was ihm denn so geschehen war … und der , wenn er sich oller Texte bediente , zu dieser Zeit fast ausschließlich im Taoismus und Chan ‚erntete'“ und ich mit meinem vollkommen bescheidenen Zeichner und Maler, der uns neben seiner Liebe für Pauk Klee, auch seine Liebe für Zen in allen seinen künstlerischen Ausdrucksformen nahe bringen konnte.

  2. fredoo schreibt:

    Yep … das Leben ist voller „Gurus“ … und den Göttern sei Dank , die meisten sogar ohne diese „ich bin was besseres-davornesitz-Attitüde …
    Es müssen uralte Programme aus dem Reptilhirn sein , die so viele Homo-Sapiense jedoch besonders gern „Führern“ folgen lassen , und gleichzeitig einigen dieser Sapiense genau diese „Führer“-Attitüden auferlegen …
    das passt dann für beide ( wie man gerade wunderbar exemplarisch beim Herrn Moji sehen kann , der sich gerade in einen Guru der Sonderklasse zu mutieren beginnt … und die Massen kommen herbei ! … nun ja , scheint für ihn zu passen , er entwickelt ja auch sichtbar immer mehr „Sitzfleisch“ um davorne zu thronen ( sitzen kann man das schon seit einiger Zeit nicht mehr nennen ) .

    • Wilhelm schreibt:

      „das Leben ist voller ‚Gurus‘ … und den Göttern sei Dank , die meisten sogar ohne diese ‚ich bin was besseres-davornesitz-Attitüde …'“

      Ist das wirklich so? Warum sitzt er dann „davorne“? In der Uni oder in der Schule gibt es Davornesitzer oder -steher. Die Sitzordnung in einer Selbsterfahrungsgruppe ist klassischerweise der Kreis. Ramesh berichtete, „was ihm denn so geschehen war“. Er erzählte von sich. Genau das geschieht in einer Selbsterfahrungsgruppe. Ein Katheder und dergleichen werden nicht benötigt. Es gibt nur Gleiche unter Gleichen.

      Da ist doch nur Gewahrsein und das, was darin erscheint. Und ein Moji erscheint darin halt ebenso wie Lieschen Müller. Kein Unterschied. Aber schon durch das ganze Setting wird da ein totaler Unterschied suggeriert, da kann der Davornesitzer noch so sehr beteuern, dass es keinen Unterschied gibt. Osho ist da aus meiner Sicht ein Sonderfall. Dadurch, dass er die Gururolle so überzogen gespielt hat, hat er diese Rolle zur absoluten Satire werden lassen. Ob das von allen seinen Schülern auch so gesehen wurde, lasse ich mal lieber dahingestellt.

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