Linji: Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg


Ihr geht an verschiedene Orte, zeigt auf eure Brust, schlagt euch auf die Rippen und sagt: „Ich verstehe Ch’an, ich verstehe den Weg.“ Doch selbst wenn zwei oder drei von euch hierherkommen, seid ihr zu nichts fähig. – Pah! Mit diesem Körper und Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche Menschen zu täuschen. Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.

Was den Höchsten Weg angeht, so will er nicht durch Argumente und Debatten die Begeisterung erhöhen; er versucht auch nicht, leidenschaftliche Ketzer in die Schranken zu verweisen. Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht. Auch wenn es verbale Lehren gibt, sind diese alle in den Kategorien von Ritualen, Rechten, dem Kausalgesetz der Drei Fahrzeuge, den Fünf Naturen, Menschen und Himmelswesen angesiedelt. Im Falle der Lehre vom vollständigen Erwachen ist dies jedoch anders.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“„Im Falle der Lehre vom vollständigen Erwachen ist dies jedoch anders.“ Die gibt es überhaupt nicht, ergänze ich mal frech, – es sei denn in der wortlosen Darbietung der Lotusblume in Buddhas Hand. Da gibt es weder etwas zu verstehen noch „mit schlabbernden Lippen“ wortreich an die armen Mitmenschen weiterzugeben. Buddha war weder ein Staubsaugervertreter noch einer der Politiker, wie sie sich uns gerade mal wieder bis zum Erbrechen präsentieren. Obwohl seine Reden viele Bücher füllen, hatte er eigentlich überhaupt nichts zu sagen, schlicht und einfach deshalb, weil es gar nichts zu sagen gibt.

Linji fährt seine Zuhörer, die von überall her zu dem berühmten Ch’an-Meister geeilt sind, hart an: „Pah! Mit diesem Körper und Geist geht ihr überall hin, um mit euren schlabbernden Lippen gewöhnliche Menschen zu täuschen.“ Sie wollen alle nur irgendein Besonderer sein, wenigstens so besonders wie dieser Linji. In diesem Punkt unterscheiden sich Menschen auffällig wenig voneinander. Ob Ch’an-Meister, Bundeskanzler, Außenminister oder Parteivorsitzender, es muss einfach was Besonderes sein. Und um das werden zu können, muss man halt die gewöhnlichen Menschen zu täuschen versuchen. „Ihr seid keine Hauslosen. Ihr geht alle in Richtung der streitenden Geister.“ Lauter reiche Jünglinge, Leute, denen es ums Haben geht und nicht darum, ohne die geringsten Ambitionen einfach zu sein.„Was den Höchsten Weg angeht, so will er …“ gar nichts. Linji sagt: Die Abfolge von Buddhas und Patriarchen verfolgt keine besondere Absicht.“ Es gibt in der ganzen Geschichte überhaupt keine Absicht, obwohl das allenthalben angenommen wird. Will Buddha oder einer seiner Nachfolger irgendjemanden aus seinem Schlaf aufwecken? Warum sollten sie das wollen? Nachdem es keine Handelnden gibt, gibt es auch keine Aufwecker und es gibt auch keine Aufzuweckenden. Passend zum Rosenmontag: Es ist alles nur Karneval.

 

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