Steven Harrison: Denken ist reflektierend, nicht generierend


Auf der quantenphysikalischen Ebene erscheint die Wirklichkeit chaotisch und frei von Ursache und Wirkung. Auf der makro-physikalischen Ebene ereignet sich das Wahrnehmen unserer Handlungen einen Bruchteil nach der Handlung selbst. Das bedeutet, dass unser Denken reflektierend und nicht generierend ist. Auf einer Verhaltensebene sind wir eine Sammlung von Genen, Nachbildungen, biologischen Imperativen und konditionierten Konzepten. Auf einer sozialen Ebene handeln wir entweder im Konzert mit anderen oder in Reaktion auf sie, aber ohne die Möglichkeit zu echter Eigenständigkeit. Über das Wirken der kosmischen Ebene können wir aus unserem Repertoire heraus absolut nichts aussagen. Wer ist der Kontrolleur, wer ist die moralische Instanz? Wer ist der Handelnde?

Es ist ziemlicher Wahnsinn, sich freiwillig auf eine a-kausale und a-moralische Welt einzulassen, in der weder Strafe noch Belohnung unser Verhalten steuern. Noch verrückter ist es, nicht einmal zu wissen, was unser Verhalten eigentlich ist, so es sich zeigt. In gerade diesem Wahnsinn jedoch verbringen wir unser tägliches Leben. Wir leugnen es, indem wir die Idee eines mechanischen, berechenbaren Universums hochhalten, in dem sich autonome Individuen bewegen, die gute oder böse Handlungen vollführen, je nachdem, ob sie selber gut oder böse sind.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Tiere leugnen überhaupt nichts und halten auch nicht die Idee eines mechanischen, berechenbaren Universums hoch, in dem sich autonome Individuen bewegen, die gute oder böse Handlungen vollführen, je nachdem, ob sie selber gut oder böse sind. Ihre Welt ist a-causal und a-moralisch und sie haben auch nicht die geringste Ahnung, was ihr Verhalten ist, so es sich zeigt. Und siehe da: Alles funktionierte seit Jahrtausenden bestens – bis der Mensch in Erscheinung trat. Und von da an ging’s nur noch bergab.

Ist also der Mensch der absolute Idiot und Bösewicht, der alles zerstört? Wenn wir das glauben, würden wir schon wieder die Idee eines mechanischen, berechenbaren Universums hochhalten, in dem sich autonome Individuen bewegen, die gute oder böse Handlungen vollführen, je nachdem, ob sie selber gut oder böse sind. Diese autonomen Individuen sind aber, wie Steven sagt, nur eine Idee. Es gibt sie gar nicht. Unser Denken ist reflektierend und nicht generierend. Was generiert dann aber, wenn nicht wir?

Steven sagt: „Über das Wirken der kosmischen Ebene können wir aus unserem Repertoire heraus absolut nichts aussagen. Wer ist der Kontrolleur, wer ist die moralische Instanz? Wer ist der Handelnde?“ Wir sagen vielleicht: „Die Quelle“ oder „Der Urgrund“, was nichts anders bedeutet als: „Wir haben keine Ahnung“. Aber setzen wir mal von mir aus den Urgrund als Generator von allem, was ist, dann hat dieser Urgrund eine Spezies, die sog. Krönung der Schöpfung, hervorgebracht, mit nichts anderem mehr beschäftigt ist als mit ihrer eigenen Zerstörung. Indem sie permanent das vom Ursprung Generierte verbessern will, zerstört sie es. Jetzt denkt der Mensch vielleicht reflektierend: Warum macht dieser Urgrund das? Warum nur, oh warum? Verfolgt der Urgrund damit vielleicht ein höheres Ziel? Soll der Mensch vielleicht einen Bewusstseinssprung vollziehen, indem er erkennt, wohin ihn sein bisheriges Verhalten gebracht hat?

Der Mensch lebt durch den Kopf
der Kopf reicht ihm nicht aus
versuch es nur; von deinem Kopf
lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlau genug
niemals merkt er eben
allen Lug und Trug.

B.B.

Meinst du etwa,
du könntest das Universum
ergreifen und es verbessern?
Ich glaube nicht, dass du das kannst.
Das Universum ist vollkommen,
es kann nicht verbessert werden.
Es zu verbessern heißt, es zu zerstören.
Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.

aus dem Tao Te King, Kap. 29
(Übersetzer unbekannt)

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4 Antworten zu Steven Harrison: Denken ist reflektierend, nicht generierend

  1. Eno Silla schreibt:

    Also vorweg: Ich habe keine Ahnung! Alles was folgt ist reine Spekulation, ein Gedankenspiel.
    Wenn wir annehmen, das dies Alles ein Traum ist, also der Traum des einen Geistes (wobei natürlich im Moment des Aussprechens auch dieser eine Geist bereits Teil des Traumes ist und alles Gesagte, sowie der Sprecher etc.), dann erledigt sich jede Frage an dieses Leben, wie es auch erscheinen mag, von selbst. Ein Traum ist was? Ein Nichts, flüchtig, eine Fata Morgana, nur wenn er erscheint und wenn nicht, dann nothing. Also loslassen, einverstanden sein, genießen…
    Wenn wir mal annehmen, diese Welt, die uns so solide vorkommt, existiert wirklich, unabhängig von uns da draußen, dann favorisiere ich eine Theorie, die irgendwann mal über mich kam, keine Ahnung woher. Was treiben wir Menschen hier auf dieser Erde? Wir drehen jeden Stein um, wir holen alles an die Oberfläche, was Jahrtausende unterhalb der Erdoberfläche lagerte, wir verwerten alles, was für uns auch nur den geringsten Wert zu haben scheint, wir gehen sogar soweit, dass wir vollkommen vergessen, dass wir damit auch gleichzeitig unsere Lebensgrundlagen gefährden. Das wirkt alles so, als würden wir blind einem Programm folgen, einer Programmierung. Vielleicht sind wir nichts als ein Programm (des Lebens, der Natur, Gottes oder was auch immer). Ein Programm hat keine Freiheit, es folgt blind dem programmierten Ablauf. So ist der Mensch vielleicht, auf dieser ausgedachten Erde, einfach nur der große Umwälzer, der wieder verschwinden wird, wenn seine Aufgabe erfüllt ist und dieses große Unbekannte, der oder die großen Programmierer, von Neuem beginnen können, vielleicht zu ihrem Vergnügen, aus reinem Spass daran, eine neue Lebenswelt zu schaffen und zu beobachten, wie diese neue Welt, mit veränderten Bedingungen sich entwickelt…
    Wie gesagt, nur ein Gedankenspiel! Eine Aussage hat immer bestand: KEINE AHNUNG!
    Doch bevorzuge ich derzeit die Entspannung und Gelassenheit, die die Sicht auf das Leben mit sich bringt, dass, dies alles, nichts ist als der Traum des einen, unkennbaren Geistes. Der das ist, was wir sind, und von dem wir nichts konkretes Wissen können, weil alles Wissbare zwangsläufig wieder dieser Traum wäre.

  2. fredoo schreibt:

    Das mit dem „Traum“ ist auch nur ein Gegenkonstrukt zum „die Welt ist als Welt real“ Konstrukt …
    Ein Traum kann nur traumartig sein im Gegensatz zu einer tatsächlich vorhandenen „realen“ Wachheit …
    Ohne Wachheit – jedoch – auch kein Traum …
    Auch wenn wir „Traum“ betonen , da ein Bemerken einsetzt , dass es mit der „Realität der Welt“ doch gewaltig hapert , ist der Traum kein echtes Gegenmodell der Erklärung …
    So wie die „Illusion“ auch einer reale Bühne bedarf , um zu illusionieren , zeigt sich auch bei der Vokabel „Traum“ die Begrenzheit all unserer Vokabeln …
    nutzbar nur zeitweilig und vergänglich als Ungefähr und Provisorium …

    träume ich den Traum ? oder träumt er mich ? „mich“ was ist das überhaupt ?
    Fragen , die einfach keine Antwort finden , ( wie eigentlich alle Fragen 😉 ) sondern nur Anlass geben …
    Anlass zum Staunen … was da wieder heute morgen als Geschichte des neuen Tages beliebte zu erscheinen …

    Hey , wo ist eigentlich der bequeme Sessel , der Kaffee und das Popcorn ? …

  3. Eno Silla schreibt:

    hier noch ein, mir gerade sehr geistreich erscheinendes interview, das devasetu mit werner ablass führt:

    Werner Ablass: Immer zuhause from Jetzt-TV.net on Vimeo.

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