Ikkyû Sôjun: Solches Wissen allein hilft meinem Herzen nicht


Ich liebe – ich denke –
Ich liebe – ich erinnere mich –
Liebe sprengt meine Brust,
Sprengt meine Gedanken.
Kein Gedicht, keine Prosa,
Nicht eine Silbe fällt mir ein.
Ich bin ein Erleuchteter,
Doch solches Wissen allein
Hilft meinem Herzen nicht.
Umso schmerzlicher jetzt,
So gefangen zu sein
Zwischen Tod und Leben.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

Advaita, Neoadvaita, Scheißneoadvaita, dafür, dagegen – alles Quatsch. Da hilft auch kein Abreagieren. Na ja, Frauen mögen das verständlicherweise nicht so besonders, wenn die Kerle sich an ihnen abreagieren und gleichzeitig tunlichst jede Nähe vermeiden (Männer übrigens auch nicht), aber das Abreagieren ist ihnen keineswegs fremd. Vielleicht ist es besser, ein Ster Holz zu hacken und so seinen Unmut loszuwerden und anschließend sich das nochmal anzugucken, was einen da so in Rage gebracht hat. Aber zu dem Thema fiel mir nochmal mein geliebter Ikkyû ein. Von ihm stammt dieses wundervolle Haiku:

Das kann nur jemand schreiben, der A-Dvaita oder wie auch immer man das nennen mag, IST. Ich schreibe nicht „verstanden hat“. Das ist keine intellektuelle Scheiße, keine Mindfuck oder dergleichen. Ikkyû ist jemand, der völlig verschwunden ist, jemand, der zu glauben aufgehört hat, ein Jemand zu sein. So und jetzt wünsche ich allen Lesern diese offene Weite, in der nichts heilig ist, wie es Bodhidharma ausdrückte. Kein Kleben am Wort, kein Rechthabenwollen, kein Dafür- oder Dagegensein. Einfach nur ein offener Geist. Dieser Ikkyû war ein „Jemand“ (huch, ein Widerspruch!), aber total, ein „Liebender“, aber total. Er hatte nicht das geringste „Näheproblem“ wie sonst angeblich „die Männer“. Er verzehrte sich vor Sehnsucht nach seiner Geliebten, der blinden Shin, er litt, wenn sie fern war, und war selig, wenn er ihr nah sein konnte. Er kostete jede Sekunde, die er mit ihr teilen konnte, voll aus. Natürlich war er kein Jemand und deshalb setze ich ihn vorsichtshalber in Tüttelchen. Wenn klar ist, dass es noch nie einen Handelnden gegeben hat, ist dieser „Jemand“ einfach nur noch ein Traumbild und das war er schon immer. Jeder kann sich vermutlich an sehr intensive Träume erinnern, die ihm als total real erschienen.

Die Geschichte dazu  gibts hier.

So, und genau deshalb wird von allen „Mindfuckern“ seine Erleuchtung angezweifelt. Wie kann jemand, der all diese Gefühle hat, erleuchtet sein, spotten sie. Mehrere Selbstmordversuche gehen auch auf sein Konto, weil er diese verrückte Welt mit ihrer ganzen Dummheit kaum noch ertragen konnte. Nein, sowas tut ein Guru nicht. Also das gehört sich einfach nicht. Welcher normale Geist kann das schon ertragen, dass das sehr wohl sein kann! Wenn „das Boot“, die Welt mit ihrer Polarität der Wertungen verschwindet, ist da nichts mehr, no-thing, keine Beziehung, kein Nichts und kein Niemand. Aber solange da noch ein atmender Körper ist, taucht sie auch wieder auf, die Welt. Da sind die Momente, in denen alles verschwunden ist, und die Momente, in denen die Welt wieder voll in Erscheinung tritt. Kein Entweder-Oder, ein ständiges Fließen und Kommen und Gehen. Im Moment scheine ich total ein Jemand zu sein und ein wenig genervt von diesem ständigen Entweder-Oder und dem Richtig-Falsch. Das sind alles nur Zeichen von einer Verengung des Geistes oder, um es auf gut Deutsch zu sagen, von einem Brett vor dem Kopf oder von mir aus einem Kissen, um mal wieder an diese schöne Darstellung eines Allgäuer Kleinkünstlers zu erinnern.

Ich hab ein Kissen vor dem Kopf,
damit ich mich nicht stoße.

Ich stoße mich,
weil ich nichts sehe.

Ich sehe nichts,
weil ich ein Kissen vor dem Kopf habe.

Und mit diesem Spruch rannte er immer im Kreis herum.
Lineares Denken oder eben ein Brett/Kissen vor dem Kopf.

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Eine Antwort zu Ikkyû Sôjun: Solches Wissen allein hilft meinem Herzen nicht

  1. fredoo schreibt:

    Ein Komplize schenkte mir mal einen „Konfirmationsspruch“ , nach dem ich ihm damals , als erstem , von diesem seltsamen „AHA“ berichtet hatte , das mir da so plötzlich zugemutet wurde , und ich damals anfangs nicht die geringste Ahnung davon hatte , was denn dies gewesen sein sollte ( heute übrigens immer noch nicht 😉 ) :

    „“ Willkommen im Gewöhnlichen …
    Freiheit deshalb , weil es gewöhnlich sein darf …
    Vergessen die Unfreiheit , die immer besonders sein wollte .““

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