Steven Harrison: Was ist Liebe?


Nun, da es uns nicht mehr gibt, können wir das Wort „Liebe“ verwenden. Aber was ist Liebe? Zunächst erkennen wir, was Liebe nicht ist. Sie ist nicht jenes romantische Verliebtsein, das zu erfahren wir angeleitet wurden. Es ist nicht das, was uns Bücher und Filme suggerieren. Es geht nicht darum, etwas vom anderen zu bekommen – die Erwartung zu stillen, dass der andere meine Leere füllt. Es hat nichts damit zu tun, sich gut zu fühlen, mit Romantik oder mit der Aussicht, überhaupt etwas zu bekommen.

Das Wesen des Liebenden ist jene habgierige, anklammernde Qualität in uns, die etwas besitzen will, auf dass wir das Gefühl bekommen, jemand zu sein. Liebe ist jenseits des Liebenden und Jenseits des Ichs. Liebe ist das, was wirklich verbindet. Sie will nichts, denn sie hat schon alles. Der Liebende erfährt den Wunsch nach Liebe als sehnsüchtiges Verlangen, weil er selbst nie jenen Ort des Verbundenseins erreichen kann.

Wir können nicht zur Liebe hingelangen. Wir können ihr nicht einmal nahe kommen. Wir können uns auch nicht von ihr entfernen. Der Liebende weilt nicht einmal im selben Universum. Das ist der Grund, warum es so frustrierend und schwierig ist und warum Beziehungen der verwirrendste Teil unseres Lebens sind. Unsere Vorstellung von Liebe beruht auf der Idee einer Beziehung von Selbst zu Selbst, von Ich zu Du, von Subjekt zu Objekt. Die Beziehung soll zwei getrennte Einheiten verbinden.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Fragst du: „Was ist Liebe?“, sage ich: „Den Eigenwillen aufzugeben.“ So drückte es Rumi aus. Aber wer sollte ihn aufgeben? “ Nun, da es uns nicht mehr gibt“, beginnt Steven seinen Text. Da ist niemand mehr, der etwas aufgeben könnte. Und Kontrollverlust ist einfach kein Thema mehr, weil da niemand mehr ist, der kontrollieren will. Da ist nur schlichtes Gewahrsein, in dem all dies auftaucht: Ein Ich, ein Du und was sich zwischen Ich und Du so abspielt. Zum Beispiel spielt sich „jene habgierige, anklammernde Qualität in uns, die etwas besitzen will, auf dass wir das Gefühl bekommen, jemand zu sein“ ab. Das muss gar nicht ausgeschaltet oder sonst wie kontrolliert werden, das ist einfach das, was auftaucht, ob es willkommen geheißen wird oder nicht. So Gott will, wird es einfach wahrgenommen und in Ruhe gelassen. Da ist nichts verkehrt und nichts richtig dran, es ist halt einfach das, was möglicherweise gerade in Erscheinung treten will.

„Zunächst erkennen wir, was Liebe nicht ist.“ Gibt es denn irgendetwas, was nicht Liebe ist – „nun, da es uns nicht mehr gibt?“ Aber taucht dann „jene habgierige, anklammernde Qualität in uns, die etwas besitzen will, auf dass wir das Gefühl bekommen, jemand zu sein“ überhaupt noch auf oder schließt das eine das andere schlichtweg aus? Wenn so etwas auftaucht, bedeutet das einfach, dass eben nicht klar ist, dass es uns nicht gibt? Frage: Ist dem reinen Gewahrsein überhaupt irgendetwas klar? Oder ist das nicht schon wieder ein vermeintlicher Jemand, der scheinbar glaubt, ihm sei irgendetwas klar geworden und wenn es das ist, dass ihm klar geworden ist, dass er nichts weiß?
Steven schreibt: „Unsere  Vorstellung von Liebe beruht auf der Idee einer Beziehung von Selbst zu Selbst, von Ich zu Du, von Subjekt zu Objekt. Die Beziehung soll zwei getrennte Einheiten verbinden.“ Ist nicht auch das „Wissen“, dass es uns nicht gibt, genauso eine Vorstellung von einem scheinbaren Jemand, wie die Vorstellung, es gäbe uns? Nimm den Jemand aus dem Spiel und da ist – nur noch Stille, kein Jemand und kein Niemand. All unsere geistigen Absonderungen bedürfen eines wenn auch noch so versteckten Jemands.

Oder ist Jemand anderer Meinung?

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4 Antworten zu Steven Harrison: Was ist Liebe?

  1. Christian schreibt:

    guten Morgen!

    hmm – wiedermal alles wahr und auch nicht wahr – jedenfalls sicher wahr:

    All unsere geistigen Absonderungen bedürfen eines wenn auch noch so versteckten Jemands.

    zur Liebe – ich umschreibe es für mich mit Hinwendung und Zuwendung – das ist diese Energie, dieser willentliche spontane Akt der Schöpfung, der Alles ins Sein treten lässt… das kann so vieles sein – das Bemerken eines besonderen Momentes – magic – das Lächeln eines Menschen eines Kindes – das Rauschen der Bäume im Wind, die Wellen des Meeres – diese unglaubliche Harmonie und Schönheit der Natur und des Menschen, wenn er aus der Zivlisationszivilisierungsabrichtung herausfällt in das Staunen über das Sein an sich.

    ich merke das beim Malen eines Bildes – oft nur wiederholerische routinehafte Betätigung – aber echte Inspiration erfordert Liebe – volle Hinwendung ohne Hintergedanken oder Berechnung – volles Risiko – springen – Schwimmen – zum Sterben bereit sein 🙂

    enjoy very much the much
    Christian

  2. Angela schreibt:

    Zitat: “ Oder ist Jemand anderer Meinung?

    Das nicht , aber mit Advaita habe ich so meine Schwierigkeiten…. „Gibt es uns nicht mehr, gibt es nur reines Gewahrsein?“ ……… Und der Verstand rattert…. 🙂

    Reines Gewahrsein wäre in meinen Augen ein Atrribut des Göttlichen in seiner unmanifesten Form. Aber als das Göttliche „sich selbst betrachtete“, entstanden die 10.000 Dinge, wie Laotse sagt. Die Formen – also auch wir!

    Und das Göttliche ist das eine Leben hinter all den Formen, die das Leben annimmt.

    LIEBE wäre demnach der Seinszustand des EINSSEINS mit allem, was existiert, weil alles göttlich IST. Wenn jemand die Liebe ins sich selbst entdeckt und fühlt, kann er sie auch tief in jedem anderen Geschöpf fühlen, und das würde ich überhaupt nur als Liebe bezeichnen.

    LG von Angela

  3. Nitya schreibt:

    „hmm – wiedermal alles wahr und auch nicht wahr“, sagt der Christian und ich kann ihm nur zustimmen. Jedes Entweder-Oder führt einen nur in die Irre.

  4. Alexandra schreibt:

    Sehr interessant finde ich…

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