Karl Renz: Der Scheiß ist, was du bist! (nix für Zartbesaitete)


Frage: Jedes Konzept ist also …
Karl: Es gibt kein Konzept! Zeig mir ein Konzept! Was ist ein Konzept?
F: Solange ich sage …
K: Es gibt kein „solange“! Wer sagt „solange“?
F: Niemand sagt das.
K: Niemand sagt das. Wer ist niemand?
F: Ich bin niemand.
K: Wirklich erstaunlich! Egal was sie sagt – sie begibt sich dadurch immer tiefer in die Scheiße! Es ist, als ob du in der Scheiße schwimmen würdest und versuchst, deinen Mund darüber zu halten. Aber der Scheiß ist, was du bist! Und du glaubst, du müsstest deinen Kopf über dem Scheiß halten. Jedem, der seinen Kopf über die Scheiße erhebt, schneide ich ihn ab.
F: Netter Vergleich!
K: Weil das, was Shit ist, Chit ist. Es gibt zwischen Chit und Shit keinen Unterschied. Aber du willst oben auf dem Mist stehen, als Mist-Meister. Deshalb bist du in allen Augenblicken, in denen du dich meistern oder kontrollieren willst, der Meister des Misthaufens. Ein Mist-Meister. Aber das zu erkennen, ist schon zu viel.
Fantastisch!

aus: Karl Renz, „May It Be As It Is“

Der Karl kommt, wie man unschwer bemerken kann, vom Bauernhof. Gott sei Dank, weil ihn das dazu prädestiniert, die Dinge beim Namen zu nennen. Er schreibt nicht Sc…ß sondern Scheiß. Er zieht Tischbeinen keine Röckchen an, sondern lässt sie völlig nackert im Raum stehen. Und so hinterfragt er jedes Röckchen, das um was auch immer gehängt wurde. Nix für anhaftende Geister, denn ihnen werden ihre Lieblingsröckchen brutal weggerissen.

Was ist ein Konzept? Wer sagt „solange“? Wer ist niemand? Lauter bunte Seifenblasen und Karl piekst sie alle kaputt, der alte Schwerenöter. Wir haben uns alle schon so an diese Seifenblasensprache gewöhnt, dass es uns gar nicht mehr auffällt, was wir für gehaltlose Worthülsen da absondern. „Es ist, als ob du in der Scheiße schwimmen würdest und versuchst, deinen Mund darüber zu halten. Aber der Scheiß ist, was du bist!“…

Bis hierin war ich in meinem Kommentar gekommen. Und dann passierte genau das. Ich hab gestern so ungefähr das versucht, was der Karl da schreibt: den Mund drüber zu halten. Leider war es nicht der Scheiß, von dem der Karl hier spricht, sondern echter Scheiß. Zart besaitete Gemüter bitte ich, spätestens ab hier einfach wegzuklicken, denn meine Äußerungen nehmen jetzt einen landwirtschaftlichen Charakter an, wie das mein Vater immer genannt hat. Aber ganz ordinärer Scheiß gehört halt auch, wie ihr alle wisst, zum Leben.

Ich habe seit Ewigkeiten mal wieder Eier gegessen, beste Demeter-Eier mussten es schon sein, und ich machte mir Bratkartoffeln mit Spiegeleiern. Früher eines meiner Leibgerichte, die ich sogar selber hingekriegt habe. Am Nachmittag bekam ich Bauchschmerzen und einen dicken Bauch. Als ich mich abends ins Bett legte, wälzte ich mich hin und her und konnte und konnte nicht einschlafen. Gegen vier Uhr hatte ich plötzlich das dringende Gefühl, ganz schnell das Klo aufsuchen zu müssen. Ich hab’s auf den letzten Drücker geschafft und es ging sofort los. Ein Dünnschiss ohne Ende. Gleichzeitig war mir hundeelend und ich bekam schlagartig kalten Schweiß am ganzen Körper. Das Schlimmste war, dass mich eine totale Schwäche überfiel. Ich versuchte mich irgendwie noch zu halten und – erwachte auf dem Fußboden. Ich muss wohl ohnmächtig geworden sein. Das erste, was ich schmerzhaft bemerkte war, dass ich mir bei meinem Sturz wieder mal einen Bandscheibenvorfall im Lumbalbereich angelacht hatte.

Ich lag da also auf dem Boden und hatte die Klobrille, die man praktischerweise einfach in die Toilettenschüssel stecken kann, mit heruntergerissen. Sie lag jetzt quer über meinen Füßen. Ich war so schwach, das ich meine Füße nicht mehr davon befreien konnte. Gleichzeitig merkte ich, wie sich mein Darm wieder bemerkbar machte und sich weiter entleeren wollte. Mit äußerster Kraftanstrengung robbte ich mit schmerzverrtem Gesicht auf dem Bauch zu einer nahe gelegenen Plastikwanne, immer noch die Klobrille mit Deckel auf den Füßen; fragt mich nicht, wie ich es schaffte, mich weiter zu entleeren. Mein Gott, wäre ich da gern ein „Mist-Meister“ gewesen, der alles unterKontrolle hat; war ich aber nicht, wie ich unbarmherzig belehrt wurde. Ich war sowieso schon ganz mit Scheiße verschmiert, aber jetzt, wo ich,  um mit Karl zu sprechen, nur noch Scheiße war, wollte ich bloß noch schlafen. Mann, war ich fertig. Aber wie hochkommen? Nach meinem Herzinfarkt hatte ich ähnliche Totalschwächezustände. Diesmal musste ich auch noch vom Fußboden hochkommen und meine Füße von der Klobrille befreien. Es war ein langwieriges, schwieriges Unterfangen und ich sank zwischendurch immer wieder ermattet zu Boden und ruhte mich erschöpft ein wenig aus. Als ich es endlich geschafft hatte, musste ich mich ja auch noch irgendwie sauber kriegen. Den Rest erspar ich euch. Ich schaffte es tatsächlich noch ins Bett und war sofort weg. Ob Sean Connery, mit dem ich komischerweise schon mehrfach verglichen wurde, auf seine alten Tage auch so aufregende Abenteuer erleben durfte, denke ich gerade. Anzunehmen.

Wie schaff ich jetzt bloß wieder den Sprung zu dem Scheiß vom Karl. Ach, scheiß drauf, ich muss mich noch erholen. Denkt euch gefälligst selbst euern Teil.

Heute gibt’s keine Bildchen, man muss ja nicht übertreiben. Nur das Video, das fredoo gestern dankenswerterweise hier reingestellt hat, damit es nicht verloren geht. Das ist jetzt kein Scheiß, sondern was zum Reflektieren.

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13 Antworten zu Karl Renz: Der Scheiß ist, was du bist! (nix für Zartbesaitete)

  1. Peter schreibt:

    pooohhhhh…was für eine aussergewöhnliche Geschichte heute…von einem ganz anderen Kaliber…gut das du, lieber Nitya, scheinbar wieder heil daraus gekommen bist…
    War es denn pure Wirklichkeit oder nur ein Film? Jedenfalls sah ich einen Film in Bildern ablaufen und konnte mich vor lachen kaum halten…sorry….natürlich tut es weh, wenn man mitten in der Scheiße steckt und es kaum kein Entkommen zu geben scheint, aber was soll´s….that´s life…
    So hoffe ich, dass es dir wieder gut geht…jedenfalls danke für deinen Film, der mein Herz zum lachen brachte…der Tag fängt gut, wunderbar..

    • Nitya schreibt:

      Lieber Peter, ja, nein, beides, weder noch – kennst du ja. Ansonsten ist das Stehaufmännchen wieder sauber von Kopf bis Fuß und wohlauf und vergnügt.

  2. Elwood schreibt:

    Oh Man,wat fürn Scheiß. Es gibt sachen die bracht man wirklich nicht, aber den Traum der Kontrolle wird wohl auf jeden Fall irgentwann ausgeträumt sein. Bei unseren Besuchen im Alterheim ist es deutlich zu sehen und zu riechen. Und es ist auch deutlich erkennbar wie der gesellschaftlicheTraum der kontrollierten Effizenz selbst aus diesem Kontrollverlust noch Geld mit Zombis generiert, statt die Blickrichtung auf uns Menschen zu hinterfragen und das Messen selbst anzuzweifeln. Für dieses Messen darf der eigene Kontollverlust gar nicht in den Focus geraten…
    Ich bin froh, dass Du Dir lieber Nitya bei dein Blackout nichts gebrochen hast und das es Dir schon wieder besser geht. Ich hoffe Du hast jemanden,der Dir eine Kraftbrühe macht.

    • fredoo schreibt:

      dem schliesse ich mich an … als gestern die Mitternacht verrann , und kein neuer Beitrag erschien , schwahnte mir schon Übles … werter Nitya … doch es ist gut überstanden …

      ich betreue ja auch noch immer meine 92jährige Mutter … die aber , den Göttern sei es gedankt , extrem fit im Kopf ist , ihren Djungelgarten zelebriert , in dem er immer „djungelliger“ wird , und körperlich zwar immer mehr zum Erdzwerg mutiert , wohl noch knapp 1,40 m , aber als Kugelblitz , wie es anerkennend die Familie und meine Leute ( meine kleine Firma befindet sich in einem Haus in besagtem Djungelgarten ) formulieren , noch immer diesen Planeten und insbesondere ihren Garten besiedelt … Ich „motiviere“ sie ab und an , indem ich ihr klarmache , dass wir dringend noch ihre Rente benötigen , was sie mit einem “ ja ja , ich mach ja auch jeden Tag meine Gymnastik“ kommentiert … ( 😉 ) … alles im allem eine recht moderate Pflegesituation für mich …
      Ganz anders bei meinem verstorbenen Vater , der die letzten 2 Jahre mit Parkinson in einer völlig desolaten Pflegesituation geriet . Da wir ihm aber das Zuhause versprochen hatten , und anderes auch nicht in Frage kam für uns , wurden es viele Nächte mit Nachtwachen für meine Mutter und mich … Natürlich versagten dann auch seine Kontrollsysteme … und er (deutlich gesagt) schieß sich komplett ein , trotz Windeln … Also gehörte es zu den Nachtwachen ihm den Po und manchmal diverses mehr zu säubern … Eigentlich bin ich etwas etepetete … So war ich anfangs recht skeptisch … War dann aber überrascht welch eine intime Sitation , von geradezu überwältigender Hingabe und Nähe , diese Arschabwischsituation des Herrn Papa wurde … Ich würde nicht so weit gehen , zu behaupten , das ich mich darauf freute , doch war es sehr ergreifend diese Nähe zwischen mir und Paps zu erleben … Es wurde geradezu ein Geschenk von Nähe für mich … und heilte und versöhnte vieles , was da zuvor zwischen uns stand .
      Als er dann starb , und der Arzt erschien , habe ich auch darauf bestanden , seinen Leichnam , als letzten Dienst des Sohnes , höchstpersönlich zu reinigen und zu präparieren … Es war wie ein Ritual der Zusammengehörigkeit … schon traurig , aber auch wundervoll ! … Seltsam , obwohl ich eigentlich recht nah am Wasser gebaut bin , hab ich nie richtig geheult seitdem … irgendwie hat diese Nähe alles „richtig“ erscheinen lassen … also was gibt es zu betrauern … 😉

      • Nitya schreibt:

        Ich musste an die Schilderung von Ikkyu denken, als ich deine Zeilen las, werter fredoo.

        Mein sterbender Lehrer
        konnte sich nicht selbst säubern
        wie ihr Schüler mit dem Bambusstock.
        Ich wischte ihm mit meinen bloßen Händen
        seinen süßen Hintern ab.

        Wie berührend eure Berichte sind.

    • Nitya schreibt:

      Lieber Elwood,

      eine Kraftbrühe kann der Mensch ja immer brauchen. Aber ich bin diesbezüglich schon wieder über das Stadium der Dringlichkeit hinaus und fühle mich, als ob nie etwas passiert wäre. Ja, der Traum, die Kontrolle zu haben, ist schon längst ausgeträumt. Das hätte man mir nicht unbedingt auf so heftige Weise nochmal verklickern müssen. Aber auch darüber haben wir natürlich keine Kontrollle. Vielleicht sollte ich ja nie wieder Karls Schweinigeleien bemühen, wenn die diese Wirkung auf mich haben sollten. 😉

      Wenn ich etwas über Altersheime lese wie jetzt bei dir, wird mir immer ganz elend. Die armen Schweine, die so ihr Leben beenden müssen! Kontrollierte Effizienz … wieviel spart man, wenn man noch dünnere Windeln verwendet? Oh mein Gott …

  3. Eno Silla schreibt:

    Das ist ja heute ein richtiger Scheißkommentar, lieber Nitya, gute Erholung!

  4. Alexandra schreibt:

    Lieber Nitya, als vorgestern kein Text von dir da war, ging’s mir ähnlich wie fredoo… schön, dass es dir wieder besser geht. Jeden Tag braucht man so ein Erlebnis ja auch nicht… ja, totaler kontrollverlust, das ist für diese hier schreibende Biokarotte ganz schrecklich. Da wird alles fest… als ob das dann was nützen würde… ich habe es in meiner Jugend dreimal erlebt, dass ich meine Blase nicht kontrollieren konnte., einmal wurde ich gegen meinen Willen durchgekitzelt (in der Schule, 5. oder 6. Klasse). Zum Glück hatte es keiner gemerkt. Einmal beim Skifahren, da fiel meine Freundin kopfüber in den schneee, ich musste lachen, legte nicht auch hin, konnte mich nicht mehr befreien und weil ich lachte, passierte es. War auch nicht so schön, so mit nasser Hose in der Kälte….

    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      wir werden ja nicht gefragt, ob wir glauben, so ein Erlebnis zu brauchen oder nicht zu brauchen. „Et kütt wie et kütt“, wie die rheinische Frohnatur zu berichten weiß. Alexandra pieselt in die Hose, ob sie will oder nicht. Und wenn sie mal in die Jahre kommt, wird das vielleicht ein Dauerzustand. Hoffentlich kann sie dann immer noch lachen über die Unfähigkeit, alles kontrollieren zu können.

  5. Alexandra schreibt:

    Lehrerin: „Könnte ihr mich in der letzten Reihe auch noch hören?“
    Letzte Reihe: „ja, stört aber nicht.“

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