Ramesh Balsekar: Aller Besorgnis ein Ende setzen


Die Lehre des Zen hat niemals die Idee vertreten, dass der Mensch danach streben sollte, durch Konzeptualisierungen zu lernen. „Den Weg studieren“ war nur eine Möglichkeit, etwas zu sagen, was das Interesse der Menschen weckt. Studieren führt zur Beibehaltung von Konzepten und deshalb ist „der Weg“ vollkommen missverstanden worden. Es gibt „den Weg“ nicht. Was „MIND“ genannt wird ist nichts, was im Innern, im Äußeren oder in der Mitte gefunden werden kann, weil MIND nicht auffindbar ist. Weil die Menschen darauf bestanden, auf empirischem Weg danach zu suchen und Angst davor hatten, daran alles Interesse verlieren zu können, und weil die Not der Sucher offensichtlich war, erschienen die Buddhas und entschieden sich, es „Weg“ zu nennen, obwohl es ihn nicht wirklich gibt.

Aber es hieß schon immer: „Wenn ein Fisch gefangen ist, schenken wir dem Netz keine Bedeutung mehr.“ Wenn der Körper und der Mind spontan und ungezwungen empfangen, ist der Weg erreicht und der MIND verstanden.  Ein Mönch wird Shramana genannt, weil er den Ursprung aller Dinge durchdrungen hat. Die Frucht des Shramana-Zustands wird nicht durch Bücherwissen erreicht, sondern indem man aller Besorgnis ein Ende setzt.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Gestern hatte ich ja kurz das Thema der Aufklärung angesprochen. Nicht, dass jetzt jemand glaubt, ich hätte was gegen die Aufklärung einzuwenden. Ganz im Gegenteil, ohne ihr Wirken säßen wir wohl immer noch in der dumpfen Ära der Gläubigkeit, der Inquisition, der Hexenverbrennungen, der Verbrennung von Wissenschaftlern und Aufklärern. Aber wie das so ist, wir Menschen scheinen dazu zu neigen, von einem Extrem ins andere zu fallen, von einer Einseitigkeit in die nächste, und so scheint es mir auch mit der sog. Aufklärung zu sein. Auch sie hat ihre ganz eigene Gläubigkeit an die ausschließliche Richtigkeit ihrer Vorgehensweise hervorgebracht. Vernunft und Denken sind zwar wundervolle Werkzeuge, aber auch nicht mehr. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind schön klingende Ideale, aber als solche eben auch nur Gedanken, auch nur Träume.

„Die Lehre des Zen hat niemals die Idee vertreten, dass der Mensch danach streben sollte, durch Konzeptualisierungen zu lernen“, sagt Ramesh. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind auch nur Konzepte und, wie Jiddu Krishnamurti unermüdlich wiederholte, nicht das, wofür sie stehen. Ramesh sagt weiter: „Den Weg studieren“ war nur eine Möglichkeit, etwas zu sagen, was das Interesse der Menschen weckt. Studieren führt zur Beibehaltung von Konzepten und deshalb ist ‚der Weg‘ vollkommen missverstanden worden. Es gibt ‚den Weg‘ nicht.“ Es gibt ihn nur als Konzept. Und vom Konzept der richtigen Ernährung ist noch niemand satt geworden. Mein verstorbener Bruder hat zu seinem Ärger den Konfirmationsspruch bekommen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Und dabei aß er doch so gerne und nicht nur Brot. Außerdem hieß es in dem Satz „aus dem Mund Gottes“ und nicht aus dem Mund eines Pfarrers. Alle möglichen Leute speisen die Menschen mit Worten ab, mit Konzepten, mit Versprechungen und dergleichen. Aber wenn wir schon den Bibeltext ernst nehmen wollen: „Jedes Wort, das aus dem Mund Gottes geht“, ist die Wirklichkeit und kein Konzept.

Ramesh sagt: „‚Wenn ein Fisch gefangen ist, schenken wir dem Netz keine Bedeutung mehr.‘ Wenn der Körper und der Mind spontan und ungezwungen empfangen, ist der Weg erreicht und der MIND verstanden.“  Da findet sich kein Konzept mehr. Es ist viel einfacher. Wer den Ursprung aller Dinge durchdrungen hat, hat dies „nicht durch Bücherwissen erreicht, sondern indem er aller Besorgnis ein Ende setzt.“

Kopf, Herz und Hand müssen es schon sein – und vor allem: nichts von alledem!

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