Matthias Claudius: Der ist nicht weise, der sich dünket, dass er wisse


Wenn Dich jemand will Weisheit lehren, da siehe sein Angesicht. Dünket er sich noch, und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, lass ihn und gehe seiner Kundschaft müßig. Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben. Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünket, dass er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit innegeworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist.

aus: Matthias Claudius, „An meinen Sohn Johannes“ (1799)

Ich erwähnte kürzlich das Büchlein von Matthias Claudius, das mir ein Pfarrer zu meiner Konfirmation geschenkt hat. Nun, es ist in den Wirren meines Lebens im Bücherregal meines ehemaligen Eheweibs geblieben, das es mir, als es in meinem Blog davon las, freundlicherweise wieder zukommen ließ. Nun halte ich es also nach über 35 Jahren wieder in meinen Händen.

Matthias Claudius stammte aus einer alten Pastorenfamilie und wurde Journalist und Dichter u.a. deshalb, weil er sich gesundheitlich dem Pastorenberuf nicht gewachsen fühlte. Er hatte mit seiner Frau 6 Töchter und 6 Söhne, wovon der älteste Sohn gleich nach der Geburt gestorben ist. Johannes war der älteste der verbliebenen Söhne. Matthias Claudius war zeitlebens ein tiefgläubiger Mann und, „obwohl“ er auch längere Zeit Freimaurer war, eher konservativ und kritisch gegenüber den Ideen der Aufklärung. Ein Satz aus seinem Brief an seinen Sohn Johannes kann dies deutlich machen: „Gehorche der Obrigkeit, und lass die andern über sie streiten.“ Na ja, warum wohl schenkt ein Pastor einem Konfirmanden so ein Büchlein?

Nun könnte ich so ein Büchlein mit spitzen Fingern schnell wieder in einem Bücherregal verschwinden lassen. Mir war aber nicht danach. Irgendetwas in mir ging mit diesen Sätzen mehr oder weniger wohltuend in Resonanz. Oh ja, musste ich wieder einmal bemerken, ich habe durchaus auch meine konservative Seite. Nein, mit der Obrigkeit hab ich’s nun wahrlich nicht und schon gar nicht mit dem Gehorchen. Trotzdem, irgendetwas berührte mich. Ich werde doch nicht etwa alt? Hihi. Nein, das ist es nun wahrlich nicht, es ist eher so etwas wie das Auftauchen einer verdrängten Schattenseite. Wie alles andere hat auch die sog. Aufklärung ihre Schattenseite. Formelhaft ausgedrückt: Zu viel Kopf, zu wenig Herz, zu wenig Körper, zu wenig „nichts von alledem“.

Matthias Claudius:Wenn Dich jemand will Weisheit lehren, da siehe sein Angesicht. Dünket er sich noch, und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, lass ihn und gehe seiner Kundschaft müßig. Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben.“ Weisheit und ein aufgeblasenes Ego passen nicht zusammen, könnte ich auch sagen.

Er fährt fort: „Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll.“ Er kann ja gar nicht tun, was er will, weil sein Wollen reine Einbildung ist, oder wie es Schopenhauer formulierte: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.“ Diese Einsicht kann dazu führen, dass ein Mensch demütig wird in der Erkenntnis, dass er nicht der Handelnde ist.

Und schließlich sagt Matthias Claudius: „Und der ist nicht weise, der sich dünket, dass er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit innegeworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist.“ Ist dieses Eingeständnis der eigenen Unwissenheit nicht eine feine Botschaft eines Vaters an seinen Sohn, des Menschen an den Mitmenschen? „Der Aufgeklärte“ hätte an dieser Stelle in seinem Dünkel vielleicht gesagt: „Wir wissen es im Moment vielleicht noch nicht, aber wir werden es aufgrund unserer wissenschaftlichen Forschungen in absehbarer Zukunft herausgefunden haben.“ – Pustekuchen.

Nein, das Büchlein wird nicht in einem Regal verschwinden. Fein, dass es wieder zu mir gefunden hat, auch wenn es sehr evangelisch ist.

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8 Antworten zu Matthias Claudius: Der ist nicht weise, der sich dünket, dass er wisse

  1. Alexandra schreibt:

    Von Matthias Clsudius stammt das Lied „der Mond ist aufgegangen“, zumindest die ersten drei Strophen sind sehr schön, eines der ganz wenigen akzeptablen Kirchenlieder…

  2. Alexandra schreibt:

  3. Eno Silla schreibt:

    Mich dünkt,
    Dass alles düngt.
    Jeder Sonnenstrahl,
    Jeder Regentag,
    Jedes Auf und Ab,
    Düngt und regt an,
    Treibt an,
    Zarte Triebe zu bilden,
    Aus Nichts ins
    Nichts hinein.
    So düngt es mich.

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