Karl Renz: Du musst sein, was-du-bist


Du musst sein, was-du-bist – wenn der Ozean des Schmerzes anwesend ist, weil das Mitgefühl bedeutet. Dieser Ozean ist ein Ozean des Schmerzes und der Menschlichkeit, und der Ozean der Existenz ist die Existenz von Schmerz – und du kannst das nicht aufhalten, Es wird immer da sein. Das ist der Weg, auf dem du dich verwirklichst – im Ozean der Beschwerlichkeit, der Abneigung. Das wird niemals ein Ende haben.

So absolut, wie dein Wohlgefühl ist, so absolut ist dein Unwohlsein. So absolut, wie dein Wissen ist, so absolut ist deine Unwissenheit. Du kannst dich selbst nur durch Unwissenheit verwirklichen, durch Unwohlsein. Das ist wie mit Yudhishtir in der Mahabharata: Krishna steckte ihn in die Hölle und fragte ihn: „Kannst du das aushalten?“ Und er hatte das Glück, dass es in ihm keine Tendenz mehr gab, etwas vermeiden zu wollen. In diesem Augenblick war seine Reaktion: „Okay, sei es, wie es will.“

Du bist DAS, was sich selbst verwirklicht, wie kannst du da an dir leiden? Es gab niemals einen Leidenden. Es gibt keinen Leidenden, also auch kein Überwinden von ihm, und trotzdem gibt es weiterhin die Erfahrung von Beschwerlichkeit, aber niemand hat die Erfahrung.

aus: Karl Renz, „Worry And Be Happy“

Also beim ersten Diagonallesen dachte ich: „Meine Güte, wie ist der denn heut drauf? Kommt der jetzt auch mit diesem ‚Alles Leben ist Leiden‘ daher?“ Ich las den Text sicherheitshalber nochmal richtig und siehe da: Das sagt der Karl ja gar nicht. Er sagt: „Du musst sein, was-du-bist – wenn der Ozean des Schmerzes anwesend ist.“ Das würde also auch stimmen, wenn ich schreiben würde: Du musst sein, was-du-bist – wenn der Ozean des Wohlgefühls anwesend ist. Nun haben wir ja in aller Regel kein sonderliches Problem mit der zweiten Möglichkeit, während wir die erste vehement zu vermeiden versuchen und ablehnen.

Karl sagt: „So absolut, wie dein Wohlgefühl ist, so absolut ist dein Unwohlsein.“ und: „Du musst sein, was-du-bist.“ Wenn ich mein Unwohlsein ablehne, trenne ich mich in meiner Vorstellung von ihm. Dann bin ich nicht mehr der Kopfschmerz, sondern habe ihn und will ihn nicht haben.

Ich muss gerade an meine Bypass-OP denken. Nachdem ich beinahe unbemerkt an einem Kreislaufkollaps verreckt wäre, dachte ich: Ich verrecke lieber zu Hause und ließ mich von einem rettenden Engel vorzeitig von der Klinik nach Hause fahren. Zu Hause hatte ich das dringende Bedürfnis, mir endlich mal die Haare zu waschen. Irgendwie schaffte ich das sogar, mir über der Badewanne die Haare mit dem Brauseschlauch nass zu machen und ein Shampoo in meine Haare zu kriegen. Plötzlich bekam ich einen totalen Schwächeanfall. Ich schaffte es gerade noch, mich auf den Badewannenrand zu setzten. Das Seifenwasser lief mir in die Augen und am Körper herunter, ich fror erbärmlich, aber das Schlimmste war meine Kraftlosigkeit. Ich konnte mich einfach nicht bewegen, nicht mal die drei Meter zum Klo, wo ich mich wenigstens etwas besser hätte hinsetzen können. Jeden Moment drohte ich, in die Badewanne oder auf die Fliesen zu stürzen. Ich konnte nur noch dasitzen und vor Schwäche Rotz und Wasser heulen. Ich war nur totale Hilflosigkeit, und die war so was von total.

Ein paar Tage vorher war mein durchgesägtes Brustbein
so mit Draht zusammengeflickt worden.

„‚Kannst du das aushalten?‘ Und er [Yudhishtir] hatte das Glück, dass es in ihm keine Tendenz mehr gab, etwas vermeiden zu wollen. In diesem Augenblick war seine Reaktion: ‚Okay, sei es, wie es will.'“ In solchen Momenten existiert keine Tendenz mehr, etwas vermeiden zu wollen. In der von mir geschilderten Geschichte war es nicht Schmerz, sondern in erster Linie totale Schwäche und Hilflosigkeit. Und für etwas anderes war da gar kein Platz mehr.

Karl: „Du bist DAS, was sich selbst verwirklicht, wie kannst du da an dir leiden? Es gab niemals einen Leidenden. Es gibt keinen Leidenden, also auch kein Überwinden von ihm, und trotzdem gibt es weiterhin die Erfahrung von Beschwerlichkeit, aber niemand hat die Erfahrung.“ Besser hätte ich es auch nicht sagen können.

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6 Antworten zu Karl Renz: Du musst sein, was-du-bist

  1. Pieter schreibt:

    Ok Nitya, unterschreibe ich voll und ganz, Bin gestern aus dem Krankenhaus heimgekommen. Drin war ich wegen eines Herzinfarktes den ich aber schon sechs Wochen zuvor hatte. Bin an einem Sonntag, es passiert immer am Sonntag bei mir, in mein Wohnzimmer die Treppe hinunter gegangen, bekam plötzlich rasend brennende Schmerzen vom Brustbein zum Herzen hin, konnte mich gerade noch auf einen Stuhl setzen und wurde ohnmächtig. Bin aufgewacht, Schmerzen weniger, hab eine Handvoll Aspirin geschluckt und gewartet, klar und nicht zum Arzt gegangen, erst später. Jetzt hab ich einen Stent genau an der Y-Gabel der Haupt Arterie. Wenns da nochmal zumacht war es das. Die Gedanken und Gefühle : Wenns das jetzt war, dann ists ok, nur meine beiden Katzen tun mir leid, sonst nichts, keine Angst, keine Panik, ja und den Gedanken “ Scheiße „

  2. Nitya schreibt:

    Okay, lieber Pieter, deinen beiden Katzen zuliebe, gesellt sich vielleicht noch dem Gedanken „Scheiße“ der Gedanke „Strophanthin“ hinzu. Hat mir nach meinen Herzinfarkten sehr geholfen und hilft mir jeden Tag. Falls du’s noch nicht kennst, guck dir mal diese Seiten an:

    http://www.strophantus.de/

    http://www.herzinfarkt-alternativen.de/

    Da kriegst du exzellente Informationen darüber, wie du deinen beiden Süßen eine Freude machen kannst.

    Übrigens: Natron aus dem Drogeriemarkt ist neben Strohanthin das beste Erstehilfemittel bei Herzinfarkt. Strophanthin ist heutzutage leider verschreibungspflichtig – und da musst du erst mal einen Arzt finden, der es dir verschreibt (Adressenlisten bei strophantus.de). Du weißt ja, Stents sind ähnlich wie Bypässe nur eine vorübergehende Hilfe. Beste Hilfe: Die Übersäuerung vermindern.

    Liebe Grüße an deine Kätzchen und an dich!

  3. fredoo schreibt:

    Natron als Infarktprophylaxe und (!) als Hilfe zur familienbedingten Refluxneigung statt dem problematischen Omeprazol gehört auch für den Neurentner fredoo zum alltäglichen Ritual .

    😉

    • Pieter schreibt:

      Auch Dir Fredoo Danke.

    • Nitya schreibt:

      Natron als alltägliches Ritual ist etwas problematisch, weil es die Magensäure neutralisiert. Neutralisierte Magen“säure“ kann jedoch nicht das für den Verdaungsprozess Notwendige leisten.

      Für das alltägliche Ritual würde ich die magensaftresistenten Version empfehlen, z.B. BicaNorm.(https://www.apotheken-umschau.de/Medikamente/Beipackzettel/bicaNorm-1654873.html) Siehe auch: http://www.schmerzlos.tv/nieren-vergiftung/

      Kaiser-Natron würde ich also nur für den akuten Notfall (Herzinfarkt) als Soforthilfe empfehlen und nicht zur Dauer-Prophylaxe. Das betrifft jetzt allerdings nicht deine Refluxneigung. Damit kenne ich mich nicht aus und halte lieber mein Maul.

      Ich überlege gerade, ob wir Menschen unter 50 nicht von diesem Blog abraten sollten. So’n Rentner-Blog hat doch was. Da kommen die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zur Sprache.

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