Leo Hartong: „Der Streich, den sich das Selbst selbst spielt“


Die Manifestation, wie sie „der Verstand“ sieht, wird immer auf der Grundlage von Gegensätzen ablaufen. Insofern ist das Erwachen nicht das Ende der Vorstellung, wie sie heute erscheint. Mit dem Erwachen kommt es zur Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte. Das macht dieses ganze Erwachens-Ding zu so etwas wie einem Streich, den sich das Selbst selbst spielt.

Wenn im Seil eine Schlange gesehen wird, ist das Seil trotzdem noch ein Seil. Wenn Vielfalt auf den Einen Bildschirm projiziert wird, ist es immer noch der Eine Bildschirm. Sobald klar ist, dass es wirklich kein getrenntes Wesen gibt, werden Vorlieben und Abneigungen nicht länger als Eigenschaften betrachtet, die zu „jemandem“ gehören, der sie erlösen muss. Sie werden jetzt als eine der zahllosen Möglichkeiten betrachtet, wie das Eine sich selbst erscheint – unzählige Variationen, aber alle von einem einzigen „Thema“.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“

„Mit dem Erwachen kommt es zur Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte“, sagt der Leo. „Wer erwacht denn dann?“, taucht natürlich sogleich als Frage auf. Und wer kommt zu dieser umwerfenden Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte? Alles, was hier zu lesen ist, Beiträge, Kommentare, sind nichts als auftauchende Gedanken, die so viel Wahrheitsgehalt besitzen, wie die Abermillionen Tröpfchen der aufbrausenden Gischt, die entsteht, wenn die Wogen des Ozeans gegen einen Felsen branden. Wenn kein getrenntes Wesen erwachen kann, kann denn das Selbst erwachen? Schläft das Selbst und wacht gelegentlich auf, blinzelt ein wenig und reibt sich die verklebten Äuglein? Und auf der Nadelspitze tanzen die Englein herum – wie viele, da streiten sich seit jeher die Gelehrten. Und „der Streich, den sich das Selbst selbst spielt,“ gehört natürlich in dieselbe Kategorie. Alles nur Unterhaltung. Wer hier ernsthaft nach Wahrheit sucht, wird sich hoffentlich schnell enttäuscht wieder aus dem Staub machen. Ebenso diejenigen, die hoffen, ihr angeblich so tiefschürfendes Wissen gegen das Wissen möglichst würdiger Gegenspieler ins Feld führen zu können. Um das Orakel von Delphi aus alten Zeiten zu bemühen: Hier tummeln sich Nicht-Wisser, die so weise sind, dass sie wissen, dass sie gar nicht wissen können. Wer über „die Wahrheit“ diskutieren will oder glaubt, ohne Drama nicht leben zu können, wird sich hier wohl kaum wohl fühlen.
„Wenn im Seil eine Schlange gesehen wird, ist das Seil trotzdem noch ein Seil.“ Der Leo stellt die Existenz des Seils nicht in Frage. Könnte man locker, denn schließlich ist auch das Seil nur eine Erscheinung. Aber dann wären wir wirklich sehr schnell bei den Engeln auf der Nadelspitze angelangt. Ausgangspunkt dieser Geschichte ist ja der Wandersmann, der in der Dämmerung eine gefährliche Schlange zu sehen glaubt, die sich jedoch bei Tageslicht als harmloses Stück eines Seils entpuppt. Auch ein Pferd könnte davor zurückscheuen. Das ist gut nachvollziehbar, sieht doch ein Stück Seil einer Schlange in der Dämmerung zum Verwechseln ähnlich. Und: Es könnte ja auch tatsächlich eine Schlange sein. Auch auf die Gefahr hin also, dass es sich um ein harmloses Stück eines Seils handelt, ist es also mehr als ratsam, sich in Sicherheit zu bringen.

Gestern erinnerte Osho an das sich drehende Rad, dessen Mittelpunkt absolut bewegungslos und still ist. Als der jugendliche Ramana auf seinen Arunachala kletterte, war er anscheinend nur noch diese bewegungslose Stille. Hätten sich nicht andere Menschen seiner angenommen, wäre er wohl verdurstet, verhungert und von irgendwelchen Viechern aufgefressen worden. Später sagte er zu Poonja, der auch gerne in seiner Stille geblieben wäre: „Geh und rette deine Familie vor den muslimischen Mordbanden.“ Er philosophierte nicht darüber, ob diese Mordbuben nur Erscheinungen seien oder nicht. Ein Seil ist ein Seil und unsere Erklärungen sind nicht das Seil, sondern nur Möglichkeiten, die gerade als Gedanken, Vorstellungen, Phantasien erscheinen. Ein Seil ist keine Schlange und eine Schlange kein Seil. Das ist zumindest eine praktische und damit ziemlich empfehlenswerte Version. Schützt vor Wahnsinn und anderen Unbilden.

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3 Antworten zu Leo Hartong: „Der Streich, den sich das Selbst selbst spielt“

  1. Eno Silla schreibt:

    „Der Streich, den sich das Selbst selbst spielt“,
    ist unendlich und ewig neu:

    • Mike schreibt:

      Ja Eno, politische Standpunkte sind die beste Art sich selbst Streiche zu spielen. Kaum einem fällt auf, dass er da nichts weiter macht, als die Menschheit in die Guten und die Schlechten aufzuteilen. In die, die in den Himmel und die, die in die Hölle kommen. Aber viele brauchen so eine Religion.

      • Nitya schreibt:

        „Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“ (Warren Buffett) Zitiert bei Mika Hoffmann, Ferdinand Bertram und Oliver Janich.

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