Störende Gedanken?

 

 Sicher werden deine ungeduldigen Sinne und dein ruheloser Intellekt versuchen, dich zu stören. Denn wenn du mit dieser Übung beginnst, finden sie keine Nahrung mehr. Sie werden dich drängen, irgendetwas zu tun, was sinnvoll erscheint, d. h., was ihnen besser schmeckt. Dir kommt es so vor, als vergeudest du deine Zeit, weil du etwas tust, was sie nicht gewohnt sind und was entschieden ihre Fähigkeiten übersteigt. Ihre Unzufriedenheit ist ein gutes Zeichen, denn sie beweist, dass du nach Geistigerem unterwegs bist.

Das freut mich. Denn wir können wirklich nichts tun, weder mit unseren geistigen noch leiblichen Fähigkeiten, was uns Gott so nahebringt und uns so sehr von der wertlosen Welt der Dinge entfernt wie dieses schlichte, stille Wahrnehmen unseres reinen Seins, das wir Gott frohen Herzens darbringen.

Bleibe gelassen, wenn deine Sinne und dein Denken dich bewegen wollen aufzuhören, nur weil sie von diesem Tun nichts haben. Gib nicht nach. Bleibe Herr über sie, indem du dich trotz ihres Drängens weigerst, ihnen Nahrung zu geben. Mit „Nahrung geben“ meine ich, dass du ihnen erlaubst, sich wissbegierig mit Einzelheiten deiner selbst zu beschäftigen. Dann hätten sie ja etwas zu kauen. Solche Betrachtungen sind zu ihrer Zeit sinnvoll und richtig. Wo es jedoch um die dunkle Wahrnehmung deines Seins und deren Hingabe an Gott geht, führen sie zu einer Aufspaltung und Zersplitterung der inneren Einheit, die doch Voraussetzung ist für die tiefe Vereinigung mit Gott. Bleibe daher gesammelt, und halte dich in der innersten Mitte deines Geistes auf. Lass unter keinen noch so triftigen Gründen deine Sinne und dein Denken tätig werden.

aus: Cloud-Autor, „Die Wolke des Nichtwissens“

„Sicher werden deine ungeduldigen Sinne und dein ruheloser Intellekt versuchen, dich zu stören.“ Ist das wahr, wirklich wahr? Ja, wenn ich versuche, gedankenfrei zu sein, nein, wenn Gedanken einfach kommen und gehen können. Dann tauchen Gedanken auf oder auch nicht, ohne dass Letzteres großartig als Gedankenfreiheit benannt werden müsste.

An anderer Stelle schreibt der Autor: „Wir können wirklich nichts tun, weder mit unseren geistigen noch leiblichen Fähigkeiten, was uns Gott so nahebringt und uns so sehr von der wertlosen Welt der Dinge entfernt wie dieses schlichte, stille Wahrnehmen unseres reinen Seins, das wir Gott frohen Herzens darbringen.“ Der Autor, wohl ein englischer, christlicher Priester schrieb seinen Text zum Ende des 14. Jahrhunderts und er repräsentiert mit seinen Zeilen wohl auch die Verachtung der Kirche seiner Zeit für alles Weltliche. Wertlos nennt er die Welt der Dinge, die man ja möglicherweise auch allesamt als Ausdruck göttlicher Herrlichkeit betrachten könnte. Dann müsste der Autor vielleicht nicht so ängstlich darum bemüht sein, den Staub vom Spiegel seiner Wahrnehmung zu putzen. Gestern hat Bankei das schön auf den Punkt gebracht, als er schrieb: „Ohne an ihnen [den Gedanken] zu haften und ohne sie von dir zu weisen, lass sie einfach von selbst kommen und gehen. Sie sind wie Spiegelbilder. Ein Spiegel ist strahlend klar und spiegelt alles, was vor dir erscheint.“ Der Cloud-Autor haftet aus meiner Sicht an der Idee der Welt- und Gedankenfreiheit und das hat eine Menge Elend über die spirituellen Sucher aller Zeiten gebracht. Mit welcher Offenheit, Weltzugehörigkeit und Lebensfreude sind doch die alten mystischen Dichter Persiens an dieses Thema herangegangen!

Ich spreche nur für mich. Es ist und war nie „My Way“, was der Cloud-Autor da empfiehlt. Als ich in jungen Jahren in dieses „Nicht-Etwas“ katapultiert wurde, begriff ich lange nicht, was mir die Götter da für ein Geschenk gemacht hatten. Sie hatten wohl gedacht: Mit diesem faulen Aas wird das nie was werden, wir müssen ihm mal eine kleine Hilfestellung geben. Na ja, eine Hilfestellung muss erst mal als Hilfestellung erkannt und dann auch zugelassen werden. Auch dies geschah ganz ohne eigenes Zutun völlig von selbst – oder es geschieht eben nicht. Heute kommen Gedanken, gehen Gedanken, kommen Identifikationen, gehen Identifikationen, aber immer ist da wie eine Nabelschnur diese Verbundenheit mit dem, was „kein Ding“ und nicht zu beschreiben ist, mal mehr, mal weniger bewusst. Ich wüsste nicht, warum ich irgendwelche Übungen machen sollte. Aber das soll jetzt keine Empfehlung sein, keine Übungen zu machen. Ich bin, wie gesagt, ein faules Aas.
Lao-tse: „Die gewöhnlichen Menschen sind strebig-straff; nur Ich bin bang-befangen. Ruhelos gleich ich dem Meere; verweht, ach, bin gleichsam ich ohne Halt. Die Menschen machen sich nützlich all, nur Ich bin halsstarr, als ob ich ein Wildling wäre. Nur Ich bin von den andern Menschen verschieden – der ich die nährende Mutter verehre.“

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe!

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2 Antworten zu Störende Gedanken?

  1. Eno Silla schreibt:

    Der Karl – immer wieder erheiternd!!!

    Gefällt 1 Person

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