Hui Zhong: Gibt es noch Unergründliches?


Ch’an-Meister Hui-Zhong fragte einmal den Obermönch Zi Lin: „Der Ehrwürdige studiert schon so lange die Buddha-Lehre. Wie versteht er sie?“

Zi Lin antwortete ohne jedes Zögern: „Buddha ist der Erwachte, seine Lehre ist die Lehre vom Erwachen.“

„Gibt es noch Unergründliches?“, wollte Hui Zhong sogleich wissen?

Der Obermönch schaute Meister Hui-Zhong verblüfft an und sprach: „Ihr seid selbst schon zu einem Buddha geworden! Warum sinnt Ihr noch über das Unergründliche nach?“

„Wenn es das Unergründliche nicht gäbe, zu was sollten wir erwachen?“, erwiderte Hui Zhong.

Sein Gegenüber konnte keine Antwort geben und schwieg.

aus: Hans-Günter Wagner, „Das Kostbarste im Leben“

Was ist das Unergründliche, von dem Nanyang Huizhong hier spricht? Der Obermönch Zi Lin hatte keine Ahnung. Er konnte nur auswendig gelernte Phrasen wiederholen: „Buddha ist der Erwachte, seine Lehre ist die Lehre vom Erwachen.“ Und bestimmt hätte er einem auch den edlen achtfachen Pfad in allen Details erklären können und sicher noch viel mehr, aber vom Wesentlichen hätte er nichts zu sagen gewusst. Davon hatte er nicht einmal den Schimmer einer Ahnung. Er war sich seines Wissens sicher und mehr gab es für ihn nicht. „Der Obermönch schaute Meister Hui-Zhong verblüfft an und sprach: ‚Ihr seid selbst schon zu einem Buddha geworden! Warum sinnt Ihr noch über das Unergründliche nach?'“ Ein Ch’an-Meister war ein Buddha, denn schließlich war er ja von seinem Meister als Buddha erkannt worden und der von seinem Meister und der … und am Anfang der Linie stand Gautama Buddha höchstselbst. Wer wollte da noch zweifeln?! Und deshalb konnte er nicht verstehen, warum ein Buddha über das Unergründliche nachsinnen konnte.

Nun, wenn ich die Geschichte richtig verstanden habe, sann Nanyang Huizhong gar nicht über das Unergründliche nach, er wollte den Obermönch nur darauf aufmerksam machen, dass das Wesen des Buddhismus nicht in auswendig gelernten Phrasen zu entdecken war. Aber damit rannte er wohl gegen eine Betonwand. Der Obermönch war stolz, Obermönch geworden zu sein und hatte schon seine weitere Kariere vor Augen. Und seine Devise war: Immer mehr von demselben, dann werde ich es schon noch zum Ch’an-Meister schaffen. Also fleißig weiterlernen. Hätte er sich nur mal bei Lao-tse umgetan, dann hätte er erfahren können: „Betreibe das Lernen: So mehrst du dich täglich. Betreibe den Weg: So minderst du dich täglich. Mindern und abermals mindern führt dich zum Ohne-Tun. Bleib ohne Tun – Nichts, das dann ungetan bliebe.“

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2 Antworten zu Hui Zhong: Gibt es noch Unergründliches?

  1. Eno Silla schreibt:

    Manchmal ist man halt auch Obermönch, oder kommt sich so vor und auf ne Art oberdämlich… Auch das, auch das! Aber selbst einem Obermönch kann der Groschen durchrutschen, warum nicht. Stolz sein auf etwas ist so verlockend und dann bricht auch dieses Kartenhaus wieder in sich zusammen.

    Die Zenwahrheit von heute passte gerade, wenn man durch die Worte hindurchspürt:

    Mutig loslassen
    Am Rande der Klippe.
    Wirf dich in den Abgrund
    Voll Entschlossenheit und Vertrauen.
    Erst nach dem Tod beginnen wir zu leben.
    Das allein ist die Wahrheit.

    Po Shan

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  2. fredoo schreibt:

    das unergründliche …
    es erscheint ja erst im zurücktreten …
    dann wenn der forschende geist in seine begrenztheit hinein „resigniert“ …
    und … wenn er dann bemerkt …
    dass es seiner für so unverzichtbar gehaltenen fähigkeiten gar nicht bedarf ,
    um ein „feines“ leben zu erleben …
    damit darf das unergründet sein , was unergründlich genannt werden kann …

    😉

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