Wei Wu Wei: Handeln und Nicht-Handeln


Im Osten sagt man, „Die Krankheit des Westens ist die Arbeit“. Wir sollten lieber sagen, seine Krankheit ist überflüssige Aktivität. Denn insgesamt gesehen ist ein sehr großer Teil dessen, was wir ‚Arbeit‘ nennen, letzten Endes unnötig.

Wir sind besessen von der Notwendigkeit des ‚Tuns‘, vieles davon trägt den Namen ‚Arbeit‘, was zweifellos etwas euphemistisch ist. Diese fixe Idee hat über viele Jahrzehnte hinweg zugenommen und ist heutzutage ein Gebot. Es wird als gegeben hingenommen, dass jeder permanent etwas zu ‚tun‘ hat, es ist zur Tugend erhoben und wer das nicht beachtet, frönt einem Laster. Der Normalbürger urteilt über die Verdienste seiner Mitmenschen, vor allem des Nachwuchses, je nach deren Aktivsein, ohne darüber nachzudenken (da er über solche Dinge kaum reflektiert). Doch wenigstens fünfzig Prozent all dieser Aktivitäten sind sinnlos und vermutlich über neunzig Prozent letztendlich überflüssig. Man darf bezweifeln, dass mehr als ein geringer Prozentsatz davon wirklich notwendig oder von Nutzen ist.

Der Grund ist, dass Tun ein Vermeidungsverhalten ist, eine Flucht, ein Davonlaufen vor der Wirklichkeit.

Für heutige Ohren dürfte eine derartige Behauptung als unerhört gelten, doch für Lao-tse wäre sie mit Sicherheit eine Banalität, käme sie ihm zu Ohren. Der heutige Zeitgeist geht stillschweigend davon aus, dass materielle Dinge nicht nur real, sondern auch nützlich sind. Sobald man imstande ist wahrzunehmen, dass sie weder das eine noch das andere sind, wird man nicht zögern, sich der Sichtweise des Lao-tse anzuschließen.

Der Durchschnittsbürger sieht für das Tun keine Alternative als Müßiggang. In diesem Fall fiele die Entscheidung schwer, was von beidem man vorziehen sollte. Da beides eher sinnlos erscheint, hätte ein Wahl ebenfalls keinen Sinn, obwohl Müßiggang wohl als das Harmlosere gelten darf.

Sollte man denn als Alternative zum Tun nicht eher das Sein ansehen?

Metaphysisch gesehen ergibt das eine Dreiecksposition: Die Gegensätze Tun und Müßiggang vereinen sich im Sein. Sein ist die Spitze des Dreiecks, in dem die dualistischen Eckpunkte Tun und Müßiggang in Einheit aufgehen. Der Hintergrund von Handeln und Untätigkeit ist dann Nicht-Handeln, das sich in beidem manifestiert.

Doch wir wissen normalerweise nicht, wie wir sein können. Wüssten wir das, wären alle unsere Handlungen geboten (Arbeit im wahren Sinn) und unsere Passivität wäre nicht Müßiggang, sondern dynamisches Nichttun.

Das Panikgefühl, das heutzutage in Männern und Frauen aufsteigt, wenn es einmal nichts zu ‚tun‘ gibt, resultiert wahrscheinlich aus der Angst, dass es außerhalb ihres relativen Ego nur Leere gibt und kein wirkliches, absolutes Ego. Etwas Tun – Arbeit und Zerstreuung (Zerstreuung von was?) schiebt eine Folie zwischen das scheinbare Ich und das wirkliche ICH. Kämen sie mit dem letzteren in Kontakt, würde die gesamte Fassade ihrer illusorischen Persönlichkeit wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, sie wären nackt und würden sich unwert fühlen, wären sich ihrer Nichtigkeit bewusst – und sie sind nicht darauf vorbereitet, dass darin Gelassenheit und Befreiung zu finden ist. Die scheinbare Leere ist eine Fülle.

aus: Wei Wu Wei, „Fingerzeige zum Mond“ – Handeln und Nicht-Handeln Teil 2

Ich hoffe, die Beschwerden über den langen Text halten sich in Grenzen. Ich wollte ihn einfach nicht zerstückeln. Ich muss ja schließlich auch was für den Kopf tun. Muss ja niemand lesen, der sich die in seinen Augen völlig überflüssige Aktivität des Lesens nicht zumuten und lieber dem Laster des Müßigangs frönen oder die Dynamische machen möchte. Letztere hätte dem Wei Wu Wei übrigens sicher auch gut getan. Ich fauler Sack hab sie auch viel zu selten gemacht.

Ich musste beim Lesen mal wieder an den dreizehnjährigen Jungen denken, der seine ersten Erfahrungen mit der Berufswelt auf dem Bau gemacht hat. Es gab natürlich Zeiten, wo es nichts zu tun gab. Wir warteten auf den nächsten Laster, der uns die neuen Ziegelsteine bringen sollte und rauchten in der Zwischenzeit eine Zigarette. Sofort kam der Kapo aus seiner Bude rausgeschossen und sagte: „Leute, wie soll denn das aussehen. Jeden Moment kann der Bauherr vorbei kommen und ich kann mir dann sein Gezeter anhören, dass hier nichts vorwärtsgeht und sich die Leute ein schlaues Leben auf seine Kosten machen. Also: Nie hinsetzen und immer eine Hand am Stein! Tut so, als ob ihr voll am Arbeiten seid!“ Nun, den Trick kannte ich schon aus der Schule und dem Internat: Immer so tun, als ob. Die meisten Menschen, die ich kenne, leiden unter dieser „Krankheit der überflüssigen Aktivität“, wie Wei Wu Wei sie nennt. Sie waren für mich schon immer schwer auszuhalten.

Eine Nachbarin zum Beispiel kann es sich nie verkneifen, wenn sie am Abend noch jemanden im Garten rumwursteln sieht, zu rufen: „Ja, ja, am Abend werden die Faulen fleißig.“ Ihr Garten und Haus sehen immer aus, als würde morgen Mutti Merkel zu Besuch kommen und auf Sauberkeit und Ordnung überprüfen. Wenn von den Lärchen ein Ast in ihren Garten fällt, ist immer die Hölle los oder wenn die große Birke ihre Samen fliegen lässt. So ein Schweinkram, schimpft sie dann los und will, dass die Birke zusammengestutzt oder beseitigt wird. Die Vögel, Igel, Eichhörnchen liebt sie sehr und hat sogar ein Futterhäuschen im Garten, dass die aber auch einen Lebensraum brauchen … den sollen sie sich gefälligst woanders suchen. Und ein verwilderter Garten voller Büsche und Bäume ist für sie nur das sichere Zeichen von der Faulheit der Nachbarn.

Wei Wu Wei: „Die Gegensätze Tun und Müßiggang vereinen sich im Sein. Sein ist die Spitze des Dreiecks, in dem die dualistischen Eckpunkte Tun und Müßiggang in Einheit aufgehen. Der Hintergrund von Handeln und Untätigkeit ist dann Nicht-Handeln, das sich in beidem manifestiert.“ Tun geschieht, Muße geschieht, Sein geschieht und da ist niemand, der handelt – außer in der Vorstellung. Wenn dies“ gefressen“ wurde, verschwindet das alles, diese ganze Benennerei und Einordnerei. Eichhörnchen verschwenden keinen einzigen Gedanken an diesen Mist und sind trotzdem sehr effektiv in ihrem Tun, in ihrer Muße, in ihrem Sein.

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8 Antworten zu Wei Wu Wei: Handeln und Nicht-Handeln

  1. Alexandra schreibt:

    Das Nichtstun haben wir uns schon versaut, weil wir einfach zu viel Gegenstände besitzen, die wir „verwalten“ müssen. Eines meiner Lieblingsbücher „Momo“ beschreibt das so schön aber es ist auch so traurig… Nichtstun und somit auch mal eine gehörige Portion Chaos, Dreck, Unordnung usw. zulassen können… das muss man echt lernen. Nu will der Hund raus. Da hilft nix.

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      hat irgendjemand etwas von Nichts-Tun gemurmelt? Es war von überflüssiger Arbeit die Rede. Mit dem Hund vor die Tür gehen, würde ich nicht als überflüssige Arbeit bezeichnen. Wat mutt, das mutt.

      „Nichtstun und somit auch mal eine gehörige Portion Chaos, Dreck, Unordnung usw. zulassen können… das muss man echt lernen.“ Muss ich nicht lernen. Ich bin ein Messie von Geburt an.

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  2. Elwood schreibt:

    Das Panikgefühl, das heutzutage in Männern und Frauen aufsteigt, wenn es einmal nichts zu ‚tun‘ gibt, resultiert vielleicht auch aus einer kulturrellen Verstärkung durch Besserwisser.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus#Calvinistische_Arbeitsethik

    Stets sorge, dass das Volk ohne Wissen und Wunsch sei.
    Und sorge zugleich, dass die Wissenden nicht zu handeln wagen.
    Lao-tse

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  3. Alexandra schreibt:

    Wieviel Geräte der Mensch ständig neu erfindet um Zeit zu sparen… um dann noch hektischer zu werden und noch weniger Zeit zu haben – aber – wie kann man Zeit haben? Was für ein Ausdruck: „ich habe Zeit“ oder „ich habe keine Zeit“ – Irrsinnig irgendwie…

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  4. Alexandra schreibt:

    Wusste ich noch nichts drüber bis ich heute „die Anstalt“ gesehen habe:
    https://lobbypedia.de/wiki/Mont_Pelerin_Society

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