Osho: Niemand ist dein Freund und niemand ist dein Feind

Die Wut im Gesicht, die Wut im Körper ist nicht das Eigentliche; sie ist eine Folge deiner Vorstellungen, sie wird durch deine Interpretationen ausgelöst. Es kann auch sein, dass du dir alles nur eingebildet hast. Du gehst nachts im Dunkeln durch eine einsame Straße und siehst einen Laternenpfahl und denkst, es sei ein Geist. Sofort löst der Körper eine Reaktion im Blut aus, er stellt sich auf einen Kampf mit dem Geist ein – oder auf die Flucht. Deine Vorstellungskraft hat den Mast als Gespenst gedeutet – und der Körper hat sofort reagiert. Du hältst jemanden für deinen Feind – der Körper reagiert dementsprechend. Du hältst jemanden für deinen Freund – der Körper reagiert dementsprechend.

Die eigentliche Ursache ist also im Gehirn zu suchen, in deinen Interpretationen. Buddha sagt, sieh die ganze Welt als deinen Freund an. Warum? Jesus sagt: Vergibt selbst deinen Feinden – und nicht nur das: Liebe sie sogar! Warum? Buddha und Jesus versuchen, eure Interpretationen zu ändern. Aber Tilopa geht noch weiter. Er sagt, selbst wenn du die ganze Welt für deinen Freund hältst, denkst du immer noch in Begriffen von Freundschaft und Feindschaft. Selbst wenn du deinen Feind liebst, ist er für dich immer noch dein Feind. Du liebst ihn nur, weil Jesus es gesagt hat. Damit bist du natürlich besser dran als der Durchschnittsmensch, der seinen Feind hasst, denn du wirst weniger unter Wut leiden. Aber Tilopa sagt, dass schon der Gedanke an Feindschaft und Freundschaft zu einer Teilung führt. Du bist bereits in die Falle gegangen. Niemand ist dein Freund und niemand ist dein Feind. Das ist die höchste Lehre von allen.

Manchmal übertrifft Tilopa selbst Buddha und Jesus. Das liegt vielleicht daran, dass Buddha zu den Massen sprach, während Tilopa nur zu Naropa spricht. Wenn du zu einem Jünger sprichst, der schon sehr weit vorangeschritten ist, dann kannst du ihm die höchsten Früchte herunterholen. Wenn du aber zu den Massen sprichst, musst du einen Kompromiss schließen.

aus: Osho, „Tantra, die höchste Einsicht“

Freund oder Feind?

Ist ja nix Besonderes; wenn du es mit irgendeinem Idioten zu tun hast, redest du mit ihm anders als mit einem Menschen, der dir einigermaßen intelligent vorkommt. Du versuchst dich vermutlich ganz automatisch seinem Verständnisvermögen anzupassen. Ich erinnere mich, dass es in der Didaktik mal das Prinzip der optimalen Passung gab, früher nannte man das noch schlicht den Grundsatz der Kindgemäßheit. Auch der Herr Professor wird mit seinem kleinen Kind anders reden als mit einem Kollegen. Wer also glaubt, dass irgendwelche „Meister“ alles so sehen, wie sie es sagen, wird sich wohl fragen müssen, ob er damit nicht ziemlich daneben liegt. Deswegen ist ja auch die Wortkleberei so idiotisch. „Ramana hat aber gesagt“ oder Jesus oder dieser oder jener und dann wird darüber diskutiert, wer recht hat. Alles Quatsch. Vielleicht hast du dich ja selbst schon mal gefragt, nachdem du dich eine Weile mit einem Idioten unterhalten hast: „Was hab ich denn da für einen Scheiß zusammengelabert?“ So ähnlich könnte es vielleicht auch einem „Meister“ gehen, wenn er allzu lange mit ziemlich dämlichen Schülern zugange gewesen ist.

Osho sagt: „Manchmal übertrifft Tilopa selbst Buddha und Jesus. Das liegt vielleicht daran, dass Buddha zu den Massen sprach, während Tilopa nur zu Naropa spricht.“ Nun, Osho sprach auch zu den Massen, also Vorsicht! Tilopas „Gesang vom Mahamudra“ wurde nur für Naropa gesungen, so etwa wie die Ashtavakra Gita für König Janaka. Das ist dann schon eine andere Preislage. Tilopa singt im „Gesang von Mahamudra“:

Wer sich an den Geist klammert,
Erkennt die Wahrheit nicht, die jenseits davon ist.
Wer sich bemüht, das Dharma einzuüben,
Erkennt die Wahrheit nicht, die jenseits aller Übung ist.

Wer wissen will, was jenseits von Geist und Übung ist,
Durchhaut mit einem Schlag die Wurzeln seines Geistes
Und starrt mit nacktem Blick.
So wirst du frei von jeder Unterscheidung –
Und ruhst in dir.

Tilopa sagt also, „dass schon der Gedanke an Feindschaft und Freundschaft zu einer Teilung führt. Du bist bereits in die Falle gegangen. Niemand ist dein Freund und niemand ist dein Feind. Das ist die höchste Lehre von allen.“ So etwas kann nur aus vertikaler Bewusstheit kommen, die keine Person kennt. Eine Person ist immer dein Freund oder dein Feind, weil du dich selbst für eine Person hältst. Und die fühlt sich ständig angegriffen und glaubt, einen Freund und Verbündeten gegen diese schrecklich feindselige Welt zu brauchen. Aber dein Freund und Verbündeter ist halt nur so lange dein Freund und Verbündeter, wie er sich nach deinem Urteil wie ein Freund und Verbündeter verhält. Verhält er sich nicht mehr so, wird er augenblicklich zu deinem Feind. Insofern ist also sowieso jeder sog. Freund dein potenzieller Feind.

Tilopa sagt: „Wer wissen will, was jenseits von Geist und Übung ist, durchhaut mit einem Schlag die Wurzeln seines Geistes und starrt mit nacktem Blick. So wirst du frei von jeder Unterscheidung – und ruhst in dir.“ Alle Unterscheidungen liegen auf der Horizontalen, wo sich auch die Wurzeln des Geistes (des Minds) befinden. Den „nackten Blick“ gibt es nur aus der Vertikalen heraus. Alle Selbstverbesserungs- und Selbstverwirklichungs-Bemühungen liegen auf der Horizontalen. Ist es mir möglich, mich mit einem Schlag davon zu lösen? Nicht indem ich eine distanzierte Haltung dazu einnehme und fähig werde, alles kritisch zu hinterfragen. Das ist alles horizontal. Mein ganzes Geschreibsel hier ist horizontal. Nein, Lösung heißt, „mit nacktem Blick starren“, also frei von allen wertenden Unterscheidungen sein. Wie könnte ich je „in mir ruhen“, wenn ich aufgrund meiner Unterscheidungen in ständiger Angst lebe?

Diese Darstellung stammt übrigens nicht von mir, obwohl ich das Symbol dauernd verwende, sondern vom Cover des Buches „Heaven and Hell“ von Karl Renz. Da hat er wohl dieselbe Inspiration gehabt wie ich. Liegt ja auch nahe, sich bei der Darstellung der Horizontalen und der Vertikalen der Yin-Yang-Symbolik zu bedienen. Manchmal sind Symbole ja in der Funktion des Erinnerungs-Knotens in einem Taschentuch ganz hilfreich. Und wenn es nur die Erinnerung daran ist, dass es auch noch eine andere Blickweise gibt als die gegenwärtige.

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8 Antworten zu Osho: Niemand ist dein Freund und niemand ist dein Feind

  1. Elwood schreibt:

    Ich glaube, dass ich immer mehr glaube, meinem Belohnungsglaubenssystem nicht glauben zu können. Vor einem Weltgericht wird es wohl auf jeden Fall als befangen abgelehnt werden. Glauben heißt nicht wissen, aber was weiß ich schon…..
    Jetzt erstmal Kaffee aufbrühen….

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  2. fredoo schreibt:

    Dieser Aspekt der Gesprächskonstellation ist sehr erhellend …
    Wer sagt da Was zu Wem … das alterwürdige WWW !

    Die Reden des Buddha an letztlich alltagslebensuntüchtige Mönche , die „sich unter des Schirm des Dharma“ geflüchtet haben …
    Zur großen Empörung eines buddhistischen Freundes nannte ich das einmal eine Hospitalsituation …
    Aber halt auch die Reden des Herrn Osho , der ich durchaus auch große subversive Intentionen unterstelle , und die die ähnlich „untauglichen“ Orangkittel in erheblichen Maße auch zu sedieren hatten , um ihnen die Droge der Besonderung erst peu a peu zu entziehen …
    Doch halt auch subversive Intentionen zur vom Betroffenen oft unbemerkten Unterminierung der eigenen Grundeinstellung – Identifikation in Erwartung …
    Identifikation letztlich auch mit den „Weisheiten dessen davorne“ … Zumindest wie man diese als Weisheiten zu sehen vermeint … und man ihren provozierenden , unterminierenden Charakter (noch) übersieht ( was zu ihrer unterminierenden Funktion ja zwingend dazu gehört ) …

    Und was sind die spirituellen Techniken den anderes ? … Letztlich doch Sedierungen durch Aufrechterhaltung von Besonderung … selbst ein perfekt ausgeführtes Atma Vichara führt nur in die Sackgasse des „ichBIN“ (alles) … alles schon … aber alles Fallen … ( für mich ) …
    Jedoch Fallen die im Moment ihres „Zuschlagens“ ( dem Scheitern) manchmal , bei mancheinem , die seltsame Selbstbefreiung auslösen können , die im Klimax des Kollapses verborgen sein können … ( wobei da exakt zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden ist ) … da „löst“ nix aus , sondern dies Geschehen des „endlosen Falls“ ist ja bereits (bisher unbemerkte) Alltagsroutine … wird nur in der „Auslösung“ erstmals wieder (!) bemerkt …

    Fällt der Sucher mit seiner Suche so richtig herzhaft gründlich auf die Schnauze , kann dieser Fall (womöglich) in den „endlosen Fall“ gleiten … diese Schilderung des Ereignisses beginnt jedoch aus der aktiven Sicht des Suchers , dass „ihm etwas geschieht“ … sprachlich leider nicht anders möglich …
    Doch … hier sei wiederum vor der Götze Identifikation gewarnt … dies funktioniert ( wenn es überhaupt funktioniert ) nicht in Zwangsläufigkeit oder in Art einer bewussten Selbstopferung ( “ jetzt lass ich mich mal ins Endlose gleiten „) , sondern , direkt ausschließlich (!) aus dem zutiefst frustrierten Alltag plötzlich und auch brutal herausgerissen , wird einem der „endlose Fall!“ zugemutet …. oder halt nicht …
    Einen echten Unterschied ins weitere Alltagserleben hinein , konnte ich zumindest nur im marginalen feststellen … “ a little bit more peace of mind“ … a little sei betont …
    nur die Penetranz des „da muss doch was Besonderes sein“ fand in diesem Bemerken ihr Ende …
    immerhin …
    😉

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    • Nitya schreibt:

      Ich kann da leider/Gott sei Dank nicht mitreden. In meinem Fall genügte anscheinend ein offenes Herz und ein „Spüren Sie’s?“ im richtigen Moment. Will sagen: Ich bezweifle, dass es hier irgendeine Kausalität gibt.

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  3. fredoo schreibt:

    dem kann und muss ich zustimmen … es ist sogar zwingend so , dass es da keine kausalität gibt … ja geben kann … denn das auftauchen des „nicht-ogjektiven“ bzw. „nicht-objekthaften“ ist ja das auftauchen ( rsp. bemerken ) des nicht-kausalen „selbst“ … auch > SELBST benannt …

    jede benennung ist da „provisorisch / hilfsweise / andeutend“ , genau weil es halt keine kausalität gibt …

    es ging mir ja nur um die funktion „dessen davorne“ … welche methoden benutzt er/sie … sei es bewusst oder automatisch … welche rolle spielen >tatsächlich intellektuelle erklärungen oder hindeutungen ? oder welche anderen „tricks“ werden da bewusst oder automatisch eingesetzt ?

    letztlich hat ja da dein herr butz auch einen trick benutzt … nämlich den der kognitiven verführung … mit seinem „spüren sie es ?“ verführt er die dadurch stimulierte wahrnehmung des „schülers“ in einen bereich des dann diffusen , der andeutung , der zumeist ungewohnt und oft auch ängstigend ist , da er ein aushalten des „intellektuellen schwindels“ erfordert … für manche sehr wohl förderlich … für viele wahrscheinlich zu geringer toback … zumindest hat ein block-head wie der herr fredoo da eine größere dosis „erschütterung“ erfordert … 😉

    was ich da behaupten möchte ist , das so oder so , die geschichte jedes „davor“ diesen verführenden aspekt zeigt … eine verführung die unscheinbar sanft aber auch brutal herausreißend sein kann … eine ver- bzw wegführung von gewohnter wahrnehmungsweise ist jedoch unleugbar … das heißt für mich , das nadelöhr , scheint diese wahrnehmungverschiebung zu sein … ob verlockt oder geschockt scheint nicht die frage … warum auch immer – da verschiebt sich der wahrnehmunghorizont – nicht aus eigenem „wahrnehmenden“ heraus , sondern aus der wahrnehmung selbst heraus …

    😉

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    • Nitya schreibt:

      Ich bin ziemlich sicher, dass „mein Herr Butz“ keinerlei Tricks benützt hat und dies auch gar nicht im Sinn hatte. Das ändert allerdings nicht das Geringste an dem, was du dazu geschrieben hast.

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    • Nitya schreibt:

      Ergänzend: „Mein Herr Butz“ hat eigentlich ständig so etwas ausgestrahlt. Warum dann einmal „geschehen ist, was geschehen ist“, wissen die Götter. Geschehen ist natürlich gar nix, aber das muss ich dir ja nicht sagen.

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  4. fredoo schreibt:

    ergänzend : gemeint war nicht ein „intellektuelle schwindel“ im sinne von „geschwindelt“ sondern der „intellektuelle schwindel“ von kognitiv nicht zuordbarer richtigkeit also stabilität , da „schwinden mir die sinne“ als klare orientierungspunkte …

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  5. fredoo schreibt:

    ergänzend zum ergänzten …
    mitlerweile gefällt mir das geschwindelte sogar recht gut in diesem kontext …
    letztlich „schwindelt“ uns ja allen unsere sensorik und deren verarbeitung im hirn eine stabile wirklichkeit vor … und genau dieser schwindel bedarf wohl der erschütterung , wenn sich der „hintergrund“ als bemerkbar erweisen soll …
    oder halt so ähnlich 😀

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