Karl Renz: Und dann?


Nichts verschafft dir Befriedigung. Alles ist leer. Weder Trinken, noch Freunde, keine Familie, keine Arbeit. Das alles (pustet in die Luft) – ist leer. Wie eine Leere. Keine Hoffnung mehr, in nichts kannst du mehr etwas Angenehmes finden. Davor warst du im Ashram und du warst so glücklich mit der Energie und dem ganzen Shakti Mist.  Jetzt ist es so leer. Selbst dieser Licht Mist, Kundalini – wer um alles in der Welt braucht so einen Mist? Das alles wird völlig leer, und das nennt man Gnade.

Und dann? Nichts dann. Du wirst einfach gekreuzigt, zu dem, was-du-bist – das ist alles. Du wirst vom Speer des Schicksals durchbohrt. Dein Schicksal ist es, dir Selbst bis in alle Ewigkeit ins Auge zu sehen. Es gibt kein „dann“. Es wird immer ein dann geben und ein dann und ein dann – endloses dann – die Hoffnung, dass es an ein Ende kommt – aber das hat kein Ende. Letzten Endes gibt es kein Ende.

aus: Karl Renz, „The Song Of Irrelevance“

Klingt ja nicht sehr berauschend, was der Karl da verzapft. Hört sich an, als ob’s ihm richtig Scheiße ginge. Shakti Mist, Kundalini Mist, alles leer und kein Ende. „Und das nennt man Gnade.“ Ist das Sarkasmus, meint er das so? Meine Fresse, da kann man sich ja glatt einen Strick besorgen und sich am nächsten Baum entsorgen.

„Nichts verschafft dir Befriedigung. Alles ist leer. Weder Trinken, noch Freunde, keine Familie, keine Arbeit.“ Sagt er so, der Karl. Kann ich so nicht sagen, hab ich auch gar keine Lust zu. Wenn ich morgens meinen ersten Kaffee schlürfe, finde ich das sehr befriedigend. Na gut, soll er leer sein, er schmeckt mir trotzdem. Und wenn ich mir was Feines zu essen mache, schmeckt mir das auch. Und wenn’s mir schmeckt, finde ich das sehr befriedigend. Ich weiß ja nicht, was mit dem Karl los ist, aber eigentlich macht er keinen besonders depressiven Eindruck auf mich. Aber wenn ich das lese, was er da oben so absondert, könnt ich glatt die Krise kriegen. Ich genieße, ich freu mich, mir stinkt was, ich reg mich auf, ich bin putzmunter oder schläfrig, … ja okay, okay, alles leer, ich kann’s schon nicht mehr hören.
Mir fällt gerade ein, dass ich schon mal das hier im Blog hatte – ich zitiere:

„Ikkyû verurteilt die Heuchelei und Anmaßung eines jeden, der vorgibt, davon frei zu sein und jegliche Körpersinnlichkeit transzendiert zu haben. Die weltabgewandten Praktiken seiner Zen-Kollegen sind für ihn nichts weiter als blindes Verfolgen vorgegebener Pfade, affektierte Selbstdarstellungen oder gar Lebenslügen und Dummheit. Um diesen Sachverhalt zu veranschaulichen, pflegte er seinen Schülern gerne folgende Zen-Geschichte zu erzählen:

Einst errichtete eine alte Frau auf ihrem Grundstück eine Hütte, um einen heiligen Eremiten darin wohnen zu lassen. Nach zwanzig Jahren dieser Gönnerschaft beschloss sie, die Weisheit dieses Mannes einmal zu testen. Als sie wie üblich ihre Magd mit demtäglichen Proviant für den Einsiedler losschickte, hieß sie ihr, ihn diesmal aufs Innigste zu umarmen und daraufhin seine Empfindungen zu erfragen. So lief das Mädchen zu dem Manne, setzte sich auf seinen Schoß und schlang seine Arme um ihn. ‚Was fühlst du jetzt?‘ fragte sie. Seine Antwort war: ‚Ein kahler Baum am kalten Fels, im Winter kennt er keine Wärme.‘ Die Magd lief zurück zu ihrer Herrin und berichtete ihr alles. Da erzürnte sich die Frau sehr und rief: ‚Zwanzig Jahre habe ich einen Blender hofiert! Gänzlich unempfindlich kann sich nur ein Heuchler geben oder ein Leichnam. Beides möchte ich nicht verehren!‘ Sie schickte den Eremiten in die Wüste und brannte die Hütte nieder.

Ich weiß ja nicht, ob der Eremit wirklich so ein Tugendbolzen war oder ob er nur Angst hatte, seinen täglichen Proviant und seine Bleibe zu verlieren, wenn er nicht tugendhaft geblieben wäre. Es ist schon ein Elend, wie man es macht, man kann es falsch machen. Ikkyû merkt jedenfalls dazu an, er würde an des Eremiten Stelle „Knospen treiben wie im Lenz.“
Und der Nitya merkt dazu an: Na, das hat doch was! Das ist nicht so’n Gejaule, wie das, was der Karl da heute vom Stapel lässt: „Das alles (pustet in die Luft) – ist leer. Wie eine Leere. Keine Hoffnung mehr, in nichts kannst du mehr etwas Angenehmes finden. … Du wirst einfach gekreuzigt, zu dem, was-du-bist – das ist alles. Du wirst vom Speer des Schicksals durchbohrt.“ Hu hu, mir kommen gleich die Tränen. Nichts von „Ich würde Knospen treiben wie im Lenz.“ Also den Karl hätte die alte Frau auch zum Teufel gejagt und die Hütte verbrannt, wenn sie ihn so gehört hätte. Es geht ja gar nicht darum, ob er nicht auch Recht hat. Dem Ikkyû war das auch völlig wurscht. – Ich liebe den Vergleich mit der indisch-modalen Musik, weil sie einen Punkt ganz klar stellt: Da ist dieser eine ewige (tonlose) Grundton und da ist die Melodie, die um ihn herumtanzt. Ikkyû war es immer wichtig, auch die Melodie zu feiern in all ihren Aspekten. Mit 77 begann er noch eine leidenschaftliche Beziehung zur blinden Shin, die vier Jahrzehnte jünger war als er. Was könnte die Melodie dem Grundton je anhaben? Der wird davon überhaupt nicht berührt.

Also wenn’s dem armen Karl nicht mehr schmeckt, dann ist das sein Ding. Mir schmeckt das Leben. Und wenn’s mir mal nicht schmeckt, dann mach ich die Mücke, anstatt hier in der Gegend rumzujammern: Es ist alles so leer, mein Gott ist das alles leer!

Wusst ich noch gar nicht, dass der Ronny auch so schön singen tutet.

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18 Antworten zu Karl Renz: Und dann?

  1. Angela schreibt:

    Lieber Nitya!

    Gar nicht leer, sondern einfach köstlich fand ich heute morgen Deinen Kommentar. Er hat mir ein strahlendes Lächeln ins Gesicht gezaubert. Die Krönung war dann das Ronny Lied. 😀 Sie haben schon was, diese alten Volkslieder….

    Zitat Karl Renz: „… Nichts verschafft dir Befriedigung. Alles ist leer. Weder Trinken, noch Freunde, keine Familie, keine Arbeit. Das alles (pustet in die Luft) – ist leer…“

    Wie wundervoll ist dagegen Osho, wenn er sagt: “ Die Heiligen, die ich kritisiere, sind nicht heilig in der Liebe. Sie sind gegen die Liebe, gegen das Leben eingestellt, sie bejahen das Leben nicht. Ich verurteile sie nicht, weil sie heilig sind. Ich verurteile sie, weil sie gegen das Leben eingestellt sind. Wenn jemand voller Lebensfreude, voller Liebe für das Leben ist, dann ist das wahre Religiosität…“

    LG von Angela

    • Nitya schreibt:

      Liebe Angela,

      ich glaub, ich war so um die 16 rum, als ich mir geschworen habe: Wie wundervoll oder logisch auch immer eine Ideologie ist, der du begegnen wirst, wenn den Menschen, die sie propagieren, das Menschliche fehlt, werde ich mich erst gar nicht darauf einlassen.

      Danke für das Osho-Zitat! Es brigt das schön auf den Punkt. Auch Wilhelm Reich hätte das sofort unterschrieben. Ohne diese Liebe zum Leben bringt der Intellekt die seltsamsten Blüten hervor.

  2. Christian schreibt:

    Guten Morgen,

    Es beschreibt sehr gut meinem Empfinden nach jenen Bereich des Advaita – an dem dieser irgendwie nicht stimmig ist – weil Non-Dualismus genauso nur ein Konzept ist. – Jedes Konzept ist veraltet – weil Denken immer NachHerDenken ist und so auch jedes Konzept – eigentlich wahrer ist wahrscheinlich: alles was logisch in einem Konzept gedacht werden kann ist irreal – da es sich um Spiegelungen des Geistes handelt – es sind Benennungen – nicht das „Ding“ an sich – Mitterer prägt hier den Terminus infiniter Regress bei der Objektangabe – was Das (wir) Jenseits der Benennungen sein soll – 🙂 this is the only real magic of being 🙂

    es ist schon ein bisschen sehr verrückt – sich aus dem Denken mittels Denken herausretten zu wollen – das ist irgendwie die Potenzierung eines Problems, zu sagen alles ist leer – ist wahr und auch ein bledsinn – das denken und Sagen bezieht sich auf ein Sein – dessen Teil es ist –

    auch mit mediativen Erleuchtungszuständen ist es das selbe – sind auch Geistesprodukte und jenseits dieser kann man nix mehr dazu sagen oder erinnern – damit sind ma auch schon ungefähr wieder dort beim Herrn Karl

    ich finde also – es geschieht an sich – daran ändert eine Benennung ein Urteil genauso nix und überall dort wo ich ein Paradoxon finde schimmert ein Wahrheit hindurch

    ich wünsch euch einen magischen Tag 🙂

    Alles Liebe Christian

    • Nitya schreibt:

      Guten Morgen, Christian,

      das „Ding an sich“ ist nicht zu fassen und nicht zu beschreiben. Jedes Konzept darüber tut eigentlch richtig weh, weil das Grenzenlose durch jedes Konzept begrenzt werden soll, damit man damit irgendwie umgehen kann. Kann man aber nicht. Also ist das Maul zu halten das, was dem „Ding an sich“ am ehesten entspricht.

  3. Eno Silla schreibt:

    Und dann?
    Was dann?
    Na, denn man tau!

  4. Elwood schreibt:

    Vielleicht ist dieser Text vom Karl ja tatsächlich an die Depressiven, wie mir einer, gerichtet.
    Die Leere und Sinnlosigkeit, welche ich über 50 Jahre in mir spürte, hatten rückblickend ein großes Problem: Sie konnten nicht angenommen werden, da unsere/meine Hoffnungskultur dagegen stand. Wird diese, wie beim Karl geschehen, einem komplett genommen, ist nach dem Trennungsschmerz von der Hoffnung, wieder ein staunender Blick auf die leeren Objekte mit ihren schönen Knospen möglich.

  5. fredoo schreibt:

    ich halte ja folgendes recht bedenkenswert … im kontext eine „depri“retoure des herrn karl , aber halt auch erstaunlich vieler texte derer aus der chantradition … zuvorderst sind nur wenige dieser texte in den nackten raum hinein formuliert , sondern überwiegend sind es re-aktionen auf haltungen , meinungen derer die dem davornesitzenden mehr oder weniger intensiv zuhören …

    wenn da also ein karlchen das nicht-etwas , das so gar nicht vorhandene betont , ist das keine aussage „per se“ , und damit anzeichen einer „depri“grundhaltung bei ihm , sondern ein „subversives infragestellen und unterminieren der vorstellungen , die im publikum vorgefunden werden … da wird dem extremen „etwas“ vermuten in der besuchersxchaft , der massiven und fast obligatorischen objekt-fixierung in sehnsuchtsvoller erwartung bei diesen suchern , dieses kleine zeitbömbchen von „da is ja gar nix“ entgegengehalten.

    das auch diese aussage falsch ist , ja falsch sein muss , kann ja dann in der zweiten runde zum thema werden … 😉

    • Nitya schreibt:

      Ich hab den Karl nix gefragt, nehm einfach den mir offerierten Textabscnitt und hab keine Ferndiagnose über den Kerl abgegeben. Ich schrieb ja: „Ich weiß ja nicht, was mit dem Karl los ist, aber eigentlich macht er keinen besonders depressiven Eindruck auf mich.“ Ich les ihn gern. Heut war ihm halt der eine Aspekt wichtig und mir ein anderer. Es geht ja wirklich nicht um’s Rechthaben. Was erscheint gerade im Moment? Dem Karl dies und mir das. Und wer wissen will, was richtig ist, sollte hier sowieso nicht lesen – und auch nicht zum Karl gehen. Da wäre er in einer Kneipe besser aufgehoben. Die wissen es.

      Aber wenn dir das lieber ist, werter fedoo: Das hier war eben die zweite oder hundertste Runde Blabla.

    • Ayni schreibt:

      BamBOO…….hMMMM. PosiTiefe ← ↓Sub ~ vers ~ VISion ↑ →

  6. Ayni schreibt:

    Hu!WoMan!Ity…….tut Das gut !!!!!! Euch hier so lesen zu dürfen. Kein wie meistens zur .Selbstbestätigung plakatives GeHabe à la FratzeBock………..Wunderbare ((((Quint~)))) EssenZen

  7. Alexandra schreibt:

    Und das… leider auch… obwohl ich mich immer frage, ist nur das „real“, was ich gerade selbst erlebe, spüre oder auch das was in der Welt passiert, worüber ich nur lesen und was hören und ansehen kann. Existiert Die Welt ohne mich? Was ist mit“da draußen“…
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-usa-raeumen-einsatz-von-uranmunition-ein-a-1134694.html

  8. Alexandra schreibt:


    Wann stellt die eigentlich mal jemand vor ein Kriegsgericht?

    • Nitya schreibt:

      Da müssten sie aber viele vor ein Kriegsgericht stellen.

      • Alexandra schreibt:

        Oder man schafft gleich die nutzlosen Kriegsgerichte ab,
        Als wäre irgendein krieg besser als ein anderer. Alles soooo ein Schwachsinn. Trotzdem immer wieder krass. Das mit dem abgereicherten Uran wusste ich vorher noch nicht. Weiß ich’s jetzt?

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