Omar Khayyâm: Was dann?


Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen –
was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen –
was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr –
nimm meinthalb an, es seien zweihundert gewesen –
was dann?

aus: Omar Khayyâm: „Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers“

Omar Khayyâm, „der Zeltmacher“, 1048 – 1131 in Persien, hervorragender Universalgelehrter, Philosoph, Dichter, Freigeist und Skeptiker, stellte gerne all die liebgewonnenen Selbstverständlichkeiten seiner Zeitgenossen in Frage.

„Was dann?“ ist eine wundervolle Frage. Wenn ich mir diese Frau oder diesen Kerl geangelt habe – was dann? Wenn ich dieses irre Auto gekauft habe oder mir ein Haus gebaut habe – was dann? Wenn ich diesen Satsang oder dieses Retreat mitgemacht habe – was dann? Wenn ich erst Kinder bekommen habe oder die Kinder aus dem Haus sind – was dann? Wenn ich wieder gesund sein werde – was dann? … Immer lebe ich auf eine hoffentlich bessere oder zumindest gute Zukunft hin oder auch eine schlechtere, wenn ich ein alter Schwarzseher bin, und vergesse völlig, dass mir das „Dann“ zeigen wird, dass sich überhaupt nichts geändert hat: Dass ich immer noch derselbe bin, der nicht einmal weiß, wer oder was er überhaupt ist, ja ob er überhaupt ist. Wenn – dann – die Zukunft bietet mir die Möglichkeit, an eine Vorstellung zu glauben, an ihr zu arbeiten und so einen Halt zu haben. Was wird aus mir, wenn ich mit all dem einfach aufhören, wenn mir dieser eingebildete Halt verloren gehen würde? Nicht auszudenken! Grusel! Wer bin ich ohne Zukunft?

Eingebildeter Halt? Die Ameise würde lautstark protestieren: „Der nächste Winter kommt bestimmt! Wer nicht hören will, muss eben fühlen oder er geht gleich ganz baden.“ Immer wieder krieg ich Mails von Leuten, die mich vor dem kommenden großen Knall warnen. Was ich mir nicht alles anschaffen soll für den Worst Case. Wasser, Brot in Dosen, Petroleum-Ofen, Armbrust und Pfeffer-Spray, Batterien, … Ooch nee, Kinder, hab ich alles schon mal mitgemacht, nicht noch einmal!

Also, kann schon sein, dass der Worst Case kommt. Was nicht alles so sein kann. Und – was dann? Wenn Omar Khayyâm irgendetwas nicht war, dann ein Moralist. Und auch keine Krämerseele. Jesus soll gesagt haben: „Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“ (mt 6:34) Hätte fast von der Grille kommen können. Nur den Schluss hätte die wohl anders ausgedrückt: Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Freude habe.“ Geht’s Omar Khayyâm oder Jesus überhaupt um diesen Ameisen-Grillen-Kram? Ich denke nicht. Beide waren weder suizidal noch doof. Aber es gab etwas, was für sie wesentlicher war als das schnöde Überleben des Leibes.

To be, or not to be, that is the question.
Live, or survive, that is the question.

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3 Antworten zu Omar Khayyâm: Was dann?

  1. Alexandra schreibt:

    Dann…..bin ich älter als jetzt (jedenfalls dieser Körper), dann….. und schließlich wartet nur noch der Tod. Schade, wenn man sein Leben in ständiger Erwartung verbringt. Kenn ich natürlich auch. Ach der blöde Winter, wenn es doch erst wieder Frühling ist… na gut, entlarvt. Ist ja schon mal was. Und so wird jeder Moment zur Kostbarkeit. Gartenarbeit mit vermodertem Laub und schmerzendem Arm. War heute Nachmittag. Jetzt ist Nacht, kein Schlaf und nur sitzen, lesen, schreiben …. jetzt … und schon wieder vorbei… alles findet eine. Platz in der Stille…

    Gefällt 2 Personen

    • Angela schreibt:

      Liebe Alexandra!

      Zitat: „… Jetzt ist Nacht, kein Schlaf und nur sitzen, lesen, schreiben …. jetzt … und schon wieder vorbei… alles findet eine. Platz in der Stille…“

      Auch mein Erleben heute Nacht ab 2 Uhr. „Sitzen, lesen, schreiben. , ja das hätte ich auch tun sollen….
      Habe mal gelesen: „die Nacht ist keines Menschen Freund“….

      Im Raum des ewigen Hier-und Jetzt leben, – am Tag ist es einfacher, doch nachts kommt das „WAS DANN“ ganz hinterrücks angeschlichen.

      Und es ist im Grunde so sinnlos, dieses Gegrübele …. Also weiter musizieren und nicht an Morgen denken, denn die Kraft, die Stärke und die Ideen werden da sein, wenn sie gebraucht werden.

      LG von Angela

      Gefällt 3 Personen

      • Nitya schreibt:

        „Und es ist im Grunde so sinnlos, dieses Gegrübele …. Also weiter musizieren und nicht an Morgen denken,“

        Liebe Angela,

        was ist nicht sinnlos? Und wer beschließt, nicht mehr zu grübeln, und wer kann damit aufhören? Schlaflosigkeit geschieht, Grübeln geschieht – und da ist Wachheit , die sich dessen gewahr ist. Alles andere sind Vorstellungen – aber die geschehen auch. 😀

        Gefällt 2 Personen

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