Leo Hartong: Erfahrungen erscheinen im Gewahrsein-Das-Du-Bist


Die Schönheit, das Gefühl der Gnade, das Wunder und auch der Schmerz, der Todeskampf und die dunklen Gedanken sind Erfahrungen, die im Gewahrsein-Das-Du-Bist erscheinen. Dieses Grundlegende Bedingungslose Gewahrsein stellt sich ALS alles dar. Es drückt sich durch den Gedanken „ICH-BIN“ aus. ES ist die Identität – DAS-IST-das-ICH-BIN von allem – und es ist, was du wirklich bist. Es ist das Eine und Einzig Handelnde und Wissende. Es gibt kein kleines „Du“, das etwas tun kann. Alle Handlungen, Gedanken und Empfindungen sind von und aus der Einen Energie. Ohne sie wäre der Körper totes Fleisch.

Wenn man sich das wirklich anschaut, wird klar, dass es keinen Denkenden getrennt von Gedanken gibt, dass der Denker selbst nichts anderes ist, als ein von selbst aufsteigender Gedanke. Dasselbe trifft auf Gefühle und Handlungen zu. Durchschaue den Tanz und erkenne, dass es keinen Sehenden gibt, nur Sehen. Man kann sich dem Zentrum nicht nähern; ES ist die klare Leere, die DU BIST. Alle Erscheinungen sind Inhalt dieses Zentrums oder ewigen Kontexts. Alles andere, wie z.B. Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, Körper, Sterne, Monster, Bäume und so weiter sind vergänglicher Inhalt. Wisse, dass du bereits und immer der Unwissbare Wissende Kontext bist und entspanne.

aus: Leo Hartong, „Betrachtungen vom Spielfeldrand“
„Durchschaue den Tanz und erkenne, dass es keinen Sehenden gibt, nur Sehen.“ … „Wisse, dass du bereits und immer der Unwissbare Wissende Kontext bist und entspanne.“ Hmm, durchschaue, wisse, entspanne … ob der Leo glaubt, dass solche Aufforderungen irgendetwas bewirken? Äußere Entspannung ist die Folge innerer Entspannung, innere Entspannung ist die mögliche Folge, wenn sich etwa ein stressendes Problem in Wohlgefallen aufgelöst hat, ein stressendes Problem könnte sich aufgelöst haben, wenn gesehen werden kann, dass es auf einer Täuschung beruhte, … Die Geschichte mit der Schlange und dem Seil fällt mir ein. Ich stelle mir vor, ich gehe mit einem Freund in der Dämmerung spazieren. Plötzlich sehe ich vor mir eine große Schlange und erschrecke zu Tode. Mein Freund lacht und sagt: „Sieh‘ doch, das ist doch nur ein Seil! Also reg dich ab und entspann dich!“ Ich kann mich aber nicht abregen und entspannen. Mein Freund kann ja viel glauben, aber wenn es nun doch eine Schlange ist? – Am nächsten Morgen gehe ich noch einmal zu der Stelle, wo die Schlange lag, und tatsächlich: Es ist nur ein Stück von einem Seil. Erleichtert atme ich auf und etwas entspannt sich in mir.

Ich kann Sehen, Erkennen, Entspannen usw. niemandem befehlen. Es muss ganz von allein geschehen. Hätte damals Heinz Butz mich aufgefordert: „Spüren Sie’s!“ – ich hätte überhaupt nichts gespürt – außer Stress. Was zum Teufel soll ich denn spüren? Wovon redet dieser Idiot? Heinz Butz fordert mich zu überhaupt nichts auf. Er war in einem anderen Zustand als er mehr zu sich als zu mir flüsterte „Spüren Sie’s?“ und es war klar, dass das nicht einmal eine Frage war und dass darauf auch keinerlei Antwort erwartet wurde. Er sprach eigentlich von sich und dem, wo er gerade war, und das war für mich wie ein Sog, der mich mit in diesen Raum mit hinein nahm. Sog ist das falsche Wort, ich spürte keinen Sog. Mir fällt nichts Blöderes ein als das Beamen aus den Star Trek-Filmen. Er nahm mich auch nicht mit, es geschah einfach.

Ich lese die Worte von Leo Hartong und kann eigentlich nur nicken und sagen: Ja, so kann man das ausdrücken. Aber es sind halt eben nur Worte und – vermutlich habe ich sie schon zu oft gehört – sie bleiben irgendwie nur in meinem „Denkapparat“ hängen und erreichen mich nicht. Wenn ich in einen Baum hineinschaue, der sich im Wind bewegt, sind da weder Worte noch „ich“. Nur Schauen. Gleichzeitig, und das klingt wahrscheinlich nicht nur wie ein Widerspruch, bin ich froh über all die wundervollen Zeugnisse all der vielen Menschen, die ihre Erfahrungen mit Worten zum Ausdruck gebracht haben. Vielleicht liegt es bei dem Textauszug von Leo Hartong auch daran, dass er einen etwas lehrbuchmäßigen Ton pflegt. Wahrscheinlich fehlt mir das Gefühl für seine persönliche Betroffenheit. Ein Beispiel: Wenn Buddha sagt: „Handeln geschieht, doch gibt es keinen Handelnden“, erreicht er meinen Verstand. Wenn er sagt: „Durch die vollkommene unübertroffene Erleuchtung habe ich wahrlich nichts hinzugewonnen“, spüre ich seine persönliche Betroffenheit.

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6 Antworten zu Leo Hartong: Erfahrungen erscheinen im Gewahrsein-Das-Du-Bist

    • Nitya schreibt:

      Im Bewusstsein gibt es das „Ich“, welches be­wusst ist, während das Gewahrsein ungeteilt ist – Das „Ich bin “ ist ein Gedanke, Gewahrsein hingegen ist kein Gedanke. Im Gewahrsein gibt es kein „Ich bin mir gewahr“. Bewusstsein ist ein Attribut, Gewahrsein nicht. Man kann sich gewahr sein, bewusst zu sein, doch man kann sich nicht des Gewahrseins bewusst sein. Gewahrsein ist jenseits von allem – zu sein und auch nicht zu sein.

      (Nisargadatta)

      Gefällt 4 Personen

  1. fredoo schreibt:

    ich hab ja bezüglich dieser Aufforderungen, manchmal sogar als Imperativ formuliert , in den Texten der ollen aber auch der noch lebenden „Davornesitzern“auch so mein tun …
    behaupte ja oft Übersetzungsfehler …
    es gibt aber wohl noch eine „stille (getarnte) Intention“ …
    es geht dabei halt nicht darum diese Aufforderung erfüllen , sondern um das Scheitern daran …
    wird erfüllen gewollt und versucht , kollabiert der Wille in der sich stets wiederholenden Unmöglichkeit .
    Doch gibt es einen anderen Zugang , der sich bei mir aber erst nach schon geradezu chronischem ImmerwiederScheitern peu a peu öffnete …
    Irgendetwas ahnt in den auffordernden Worten ja ihre Authentizität … Nicht unbedingt als Wahrheit , aber mit einem „Draht zur Wahrheit“ …Man fühlt sich direkt von Ihnen getroffen ohne dies aber zum Impuls einer Handlung zu wählen (können und wollen) , verbleibt der Fokus einfach auf diesem ahnende Wissen , das wissend ahnt , und man ist sich jetzt des (nur) ahnenden höchst zufrieden ….
    Dies merkwürdige „ahnende“ (bereits) Wissende scheint mir ohnehin das „persönliche Energiezentrum“ zu sein …
    ich kann es jetzt auch nicht näher beschreiben … hab aber im eigenen oft dessen „indirekt“ fast schon magnetische dirigieren Funktion bemerkt …

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Gestern war ich mal wieder beim Zahnarzt. Die Sprechstundenhilfe, die mir gerade im Mund rumfummelte, sagte einmal: „Lassen Sie mal ganz locker!“ Ich war gerade alles andere als locker. Erstens tat alles ein bisschen weh und zweitens erwartete ich jeden Augenblick einen größeren Schmerz hinnehmen zu müssen. Das ist ein völlig normaler Reflex, sich da anzuspannen. Hinzu kommt, dass das, was bei anderen vielleicht ein normaler Reflex ist, nämlich Befehle postwendend zu befolgen, bei mir ins genaue Gegenteil umschlägt: Nur über meine Leiche!

      „Doch gibt es einen anderen Zugang …“, schreibst du. Schon klar. Aber erst mal muss sich der Reflex ausgetobt haben, dann kommt die Grinsephase und dann – so Gott will – sind alle anderen Zugänge offen. Den Reflex gönn ich mir von Herzen.

      Gefällt 1 Person

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