Wir haben nichts, wir geben nichts, wir wollen auch nichts kaufen



Kennen die meisten von euch vermutlich nicht mehr. Das war so eine Klappe an der Haustür, durch die hindurch man mit den Leuten reden konnte, die es gewagt hatten, die Türglocke zu betätigen und so den familiären Frieden zu stören. Die Türe war gesichert mit einem normalen Schloss und einem zusätzlichen Sicherheitsschloss, dann befand sich noch eine schwere Eisenkette an der Tür, die man seitwärts an einem Haken einhängen konnte, dann eine kleine Kette zum Einhängen, wie sie auch heute noch benützt wird, ein großer schwerer Eisenriegel und ein kleinerer Riegel. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Jedes Mal, bevor wir schlafen gingen, absolvierte unser Vater sein Abendritual und inspizierte vor allem die Wohnungstüre, ob auch alles abgesichert war. Meine Mutter sagte immer: „Ich fühle mich wie in’ner Gruft.“
Es war nach 1945. Ich kam selbst mit einem Hocker nicht an das Fensterchen an der Türe, aber leider konnte ich nicht verhindern, dass ich größer wurde. Und irgendwann hatte ich die nötige Größe erreicht und konnte das Fensterchen erreichen, es öffnen und sogar hinausgucken. Also musste ich als Jüngster von fünf Kindern gelegentlich auch dran glauben, wenn es klingelte. Meine Eltern hatten nämlich keine Lust, die Tür zu öffnen. Meist waren es Kriegskrüppel, Kriegswitwen oder Flüchtlinge mit ihren Kindern, Bettler, Hausierer, Missionierer aller Art, die da vor der Tür standen. Ich habe nicht gesehen, dass meine Eltern ihnen je etwas gegeben hätten und so mussten wir Kinder auch jedes Mal durch das Fensterchen das immer gleiche Sprüchlein hinausrufen: „Wir haben nichts, wir geben nichts, wir wollen auch nichts kaufen.“ Letzteres war den zahlreichen Hausierern geschuldet, die ihr Glück bei uns versuchen wollten. Und danach – Zack, Klappe schnell zu. Und dann kamen die Fragen und das ewige Lamento meines Vaters: „Wer war das denn wieder? Der Staat wird schon für dieses arbeitsscheue Gesindel sorgen und das natürlich von meinen Steuergeldern usw. usw. …“
Diese  Fensterklappe war der reinste Alptraum für mich. „Draußen vor der Tür“ standen diese elenden Figuren. Mein Gott, wer geht schon ohne Not betteln? Und hinter mir stand dieser absolut unbarmherzige Vater, der sich darin gefiel, immer wieder die Weisheit seines Vaters weiterzureichen: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“ Die Weisheit der Millionäre, wie er meinte. Ich hatte ja wirklich nichts zu geben, wir bekamen ja keinen Pfennig Taschengeld. Den bekam nicht einmal meine Mutter. Es war eine harte Lehre für mich und ich lernte so eine Kaste kennen, die mir bis  heute fremd geblieben ist und immer fremd bleiben wird. Aber es hatte natürlich auch seinen Vorteil, mitzubekommen, wie die Programme der Mitglieder dieser Kaste ticken, zu der ich mich nie zugehörig fühlen konnte und wollte.

Manchmal fühle ich mich nolens volens an dieses Sprüchlein von damals erinnert, etwa wenn mich jemand fragt, wie ich denn von „A nach B“ gekommen sei. Erstens ist mir das gar nicht so richtig bewusst, dass ich jetzt in „B“ angekommen bin, weil ich einfach immer nur bin, was und wo ich bin, und zweitens, weil ich sowieso keine Ahnung habe. Was ist „A“, was „B“? Und so könnte ich eigentlich wieder nur sagen: Ich habe nichts, ich kann also auch nichts geben, und kaufen will ich schon gleich gar nix. Ich kann, um es so richtig zennig zusagen, nur nicht-seiend sein.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Wir haben nichts, wir geben nichts, wir wollen auch nichts kaufen

  1. fredoo schreibt:

    ich will mich da outen … auch ich gebe nix , wenn ich angesprochen werde ( dafür öfters unverlangt , auch und gerne reichlich , wenn es da eine resonanz gibt ) .
    ich lasse auch niemanden an der kasse des supermarktes vor … sondern konter dessen murren von wegen unhöflichkeit , mit einem „sie selber wollen zeit sparen , und verlangen von mir nötigend diese zusätzlich zu ertragen , nur damit sie ihrer ungeduld frönen können ? – genau das nenne ich unhöflich !“
    das mit dem haben , hat sich nach den wirren meiner berufswelt auch weitestgehend erledigt ,
    und das mit dem nix mehr kaufen wollen scheint mir ohnehin ein begleitphänomen des saturierten alters zu sein … zumindest ein vorteil dieser lebensphase …

    😉

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Ich hab ja noch dumpf die klappernden Sammelbüchsen, die im dritten Reich so beliebt waren, in Erinnerung und das Fluchen meines Vaters, wenn er die bloß am Horizont auftauchen sah. Aber die gab’s ja auch noch später, Klingelbeutel in der Kirche usw. alles schön öffentlich, um den nötigen sozialen Druck zu erzeugen.

      Gefällt mir

  2. Alexandra schreibt:

    „Mein Gott, wer geht schon ohne Not betteln?„ naja, manche betteln wirklich aus der Not heraus, aber manchen scheint es auch in die Wiege gelegt… man möge mich jetzt als rassist bezeichnen, aber bei uns an der Pfarrhaustür tauchen immer nur roma auf, die dann noch irgendwas von Jesus sabbeln und einen mitleidheischenden Blick drauf haben und irgendwelche Stories erzählen. Manchmal geben wir denen dann ma was, manchmal nicht. Ansonsten halte ich das auch eher wie fredoo. Unseren gerad im Sommer erst angekommen syrischen Flüchtlingen, die nix hatten außer Matratzen haben wir alle (Schulgemeinde) gern geholfen. Gebettelt haben die nicht. Und am Schulfest gab es eine tolle Torte vom Papa, der eigentlich Konditor ist.

    Gefällt mir

  3. Angela schreibt:

    Geben, ebenso wie Nehmen kann ja aus verschiedenen Motiven heraus geschehen.
    „Heilend“ wirkt es in meinen Augen, wenn beide, der Nehmende und der Gebende in ihrem tiefstinneren SEIN sind, ohne „Motive“, Dankbarkeitsbeteuerungen etc. Dann ist das Gegebene nur noch ein Symbol für diese Einheit und es gibt keinen mehr, der gibt und keinen, der empfängt. Das sehe ich als das wahre Mitgefühl an.
    LG von A n g e l a

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s