Steven Harrison: Wir sind a-moralische, strategische Wesen


Wir gefallen uns, wenn wir uns moralisch verhalten. Wenn wir unmoralisch sind, müssen wir uns verbergen oder werden an den Pranger gestellt. Sind wir bloßgestellt worden, so haben wir auf rituelle Weise in den Kreis der moralischen Wesen zurückzukehren. Unsere moralischen Systeme sind darauf ausgerichtet, Macht und Kontrolle zu bewahren. Bewegen sich unsere Wünsche innerhalb des moralischen Rahmens, dann haben wir Macht. Wenn nicht, dann müssen wir im Schatten wirken und dafür den Preis bezahlen: Uns droht Buße oder schlimmer noch Kreuzigung. Wir berichten unsere Sünden, bekennen, dass wir einen Fehler gemacht haben. Wir sind schlecht, aber selten geben wir zu, dass wir eigentlich das bekommen haben, was wir wollten. „Asche auf mein Haupt“ ist eigentlich die Eintrittskarte zu noch mehr von dem, was wir wollen. Wir sind weder moralische noch unmoralische Wesen; wir sind a-moralisch und wir sind strategisch. Wir verfolgen eine Strategie, die nachträglich an die einmal begonnene Handlung angepasst wird.

Trauen wir uns, dieses ganze Spiel zum Fenster rauszuwerfen und damit unseren a-moralischen Zustand zuzugeben, und damit auch einzugestehen, dass es keinen offensichtlich Handelnden gibt? Es kann keine Vergebung geben, denn es gibt keinen Sünder.

Nun bin ich natürlich hocherfreut, endlich ein a-moralisches Leben frei von Schuld führen zu dürfen. Das Problem ist freilich, dass mein Gegenüber das Gleiche tun könnte. Somit ist keinesfalls sichergestellt, dass ich aus dieser chaotischen, neuen Welt auch das Beste für mich herausholen werde. Lass uns also lieber schnell einen Vertrag abschließen und alle Übertretungen tunlichst verheimlichen. So nahe liegend dies ist, es hat den Nachteil, dass es nicht funktioniert. Unabhängig vom moralischen Kodex ist der Ausdruck dieser Moral von den Umständen abhängig; und die entziehen sich meiner Kontrolle, genauso wie deiner.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Ich musste sofort an eine Frau aus einer einwöchigen Gruppe denken, die ich mal vor vielen Jahren angeboten hatte. Ja, es ist erlaubt, wütend zu sein, fuchsteufelswütend sogar. Und da war diese Frau, die immer ganz still nur so dasaß. Sie fragte mehrmals, ob sie wirklich zeigen dürfe, was sie fühle. Irgendwann traute sie sich und legte los. Aber wie, wow. Da gab es einen Mann in der Gruppe, der jetzt die volle Dröhnung abbekam. Die ganzen angesammelten Verletzungen und die schier grenzenlose Wut entluden sich über diesen Kerl. Aber anstatt nun reumütig seine Schuld einzugestehen und um Vergebung zu bitten, legte der seinerseits los und beschimpfte die arme Frau mit den übelsten Worten. Diese wurde nun abwechselnd rot und blass, bis sie sich schließlich ein Herz fasste und sich bitter darüber beschwerte, dass sie hier eben doch nicht ihre Gefühle zeigen dürfte. Doch, durfte sie natürlich. Nur durfte der Kerl, über den sie da so hergefallen war, selbstverständlich ebenso seine Gefühle zeigen.

„Wir sind a-moralisch und wir sind strategisch“, sagt der Steven. Die Frau war a-moralisch, als sie endlich einmal diesem Arsch eine auf die Mütze hauen wollte. Und sie war strategisch, als sie sich mehrfach abzusichern versuchte: „Darf ich wirklich?“ Letzteres verstand sie allerdings falsch. Mit „darf ich?“ meinte sie „darf ich ungestraft?“, also „darf ich zuschlagen, ohne selbst dafür geschlagen zu werden?“ Genauso stellen sich viele das vor, was Steven da „empfiehlt“: „Trauen wir uns, dieses ganze Spiel zum Fenster rauszuwerfen und damit unseren a-moralischen Zustand zuzugeben, und damit auch einzugestehen, dass es keinen offensichtlich Handelnden gibt? Es kann keine Vergebung geben, denn es gibt keinen Sünder.“ Das klingt doch wirklich sehr verlockend, aber es schützt niemanden davor, „dafür den Preis zu bezahlen: Uns droht Buße oder schlimmer noch Kreuzigung.“ Vor allem, wenn wir dann auch noch zugeben würden, bekommen zu haben, was wir haben wollten und darauf verzichten, als arme Sünderlein reuevoll Asche auf unser Haupt zu streuen.

Kommt der Ehemann nach Hause und erzählt seiner Frau freudestrahlend, dass er es gerade mit der neuen, jungen Nachbarin getrieben hat und dass es endlich mal wieder atemberaubend geil gewesen sei. Er fühle sich wie neugeboren! „Oh“, sagt die Frau, „das freut mich wirklich für euch. Das hast du dir ja auch schon längst mal wieder gewünscht.“ Pustekuchen, die wird ihm was husten, die Koffer packen und zu ihrer Mutter ziehen (jedenfalls im Film, aber der war auch schon ziemlich alt). Keine Ahnung, was Ehefrauen heute so machen, Gott sei Dank bin ich aus dem Alter schon raus. Aber ich fürchte, es wird kein Zuckerschlecken für den a-moralischen, angeblich nicht-handelnden Mann. Insofern stimme ich dem Steven zwar völlig zu, einen wirklichen Nutzen kann ich allerdings auch nicht erkennen. Ich würde unserem a-moralischen, nicht-handelnden Mann ein Leben in einer Einsiedelei empfehlen. Da kann seine Haltung möglicherweise von Nutzen sein.

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13 Antworten zu Steven Harrison: Wir sind a-moralische, strategische Wesen

  1. Alexandra schreibt:

    Bei der ersten Animation kam mir gleich ein Kind aus meiner 1. Klasse in den Sinn. Den überrollt es manchmal heftig und schnell, ausgelöst durch Kleinigkeiten. Dann kommt entweder „ich will zu meiner Mama“ oder ein richtig fetter Wutausbruch. Naj, dann muss man alle anderen vor Kollateralschäden bewahren. Vielleicht bekommt er demnächst einen Boxsack oder was anderes , wo er mal kurz seine ganze Wut rauslassen kann. Und dann kann man nur hoffen, dass schlimmeres verhindert werden kann. Ist sonst ein liebenswertes kluges Bürschchen mit einer nicht gerade beneidenswerten Geschichte. Und wenn es kommt dann kommt es… weder moralisch noch unmoralisch. Und entschuldigen muss sich bei mir niemand. Sie tun es von allein, wenn es Ihnen wirklich leid tut. Was ja durchaus vorkommt, dass man hinterher denkt, was habe ich da bloß gemacht? Ich wollte den anderen ja gar nicht verletzen. Es ist halt mit mir durchgegangen. Oder ich bin einfach an ihm/ ihr vorbeigerempelt und habe gar nicht bemerkt, dass ich dem anderen damit weh getan habe….
    Bei mir tauchen jedenfalls immer weniger Vorwürfe auf, ich bin innerlich gelassener wenn Kinder so handeln, vor allem nehme ich das nicht mehr persönlich. Das entspannt sehr.

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    • Nitya schreibt:

      Das ist eine gute Idee mit dem Boxsack. Ich kannte mal eine Beratungslehrerin, die hatte sogar einen kleinen Raum mit der Möglichkeit zum Ausflippen neben dem Klassenraum eingerichtet, der von den Kindern mit Begeisterung in Anspruch genommedn wurde. Eigentlich braucht sowas jeder Mensch.

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      • Eno Silla schreibt:

        Nannte man so einen Raum nicht mal „Gummizelle“ 🙂 ?

        Gefällt 2 Personen

      • Nitya schreibt:


        Bei mir ist es halt die Gummizelle
        Ich hab’s ja auch nötig.

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      • Alexandra schreibt:

        Ja, wenn man so eine Möglichkeit hat, ist das super. Leider haben wir die nicht aber in einem kleinen Nebenraum wenigstens eine Ecke, wo man so einen boxsack oder was ähnliches hinstellen kann. Da muss man nur ein bisschen aufpassen, dass die Energie auch beim Boxsack bleibt…
        Aber es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln, wenn man ihnen den Freiraum gibt, einfach mal ihre momentane Energie fühlen zu dürfen, ohne (Ab)wertung. Meistens erledigt sich das „Problem“ dann ganz von selbst. (War da was?)
        Immer mehr merke ich, wie wir Ihnen einfach alles vorleben – und uns dann über ihr Verhalten aufregen. W

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  2. Elwood schreibt:

    Vielleicht hilft ja auch ein geeigneter Sparringspartner….

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    • Nitya schreibt:

      Er ist zwar ein größenwahnsinniges Arschloch, aber ich liebe ihn.

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    • Alexandra schreibt:

      Das mit dem sparingspartner ist in der Schule ein bisschen schwer zu verwirklichen… http://www.smilies.4-user.de/include/Froehlich/animated-laughing-smiley-emoticon.gif

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      • Elwood schreibt:

        Einen guten Sparringspartner kann man glaube ich nicht verwirklichen.
        Als ich klein war, hab ich im Kindergarten oft Wutausbrüche bekommen. In den 60er Jahren fing es auch schon an, dass jungengenhaftes Rüpeltum in Verruf kam. Ich flog deswegen auch aus dem ersten Kindergarten raus. Im zweiten Kindergarten gab es dann einen „Sparringspartner“ in Form einer älteren Heimleiterin die sich noch nicht dem Mainstream angepasst hatte und auch Jungs wie mich immer noch eine Chance gab. Außerdem hatte Sie noch eine natürliche Autorität ohne viel Sozialklimbim. Ich habe mich regelrecht auch mit den Kindergärtnerin geprügelt, doch Sie gab mich nicht auf.

        Hier beim Beispiel von Klaus Kinski war wohl die Form des „Sparringspartner“ in Werner Herzog beheimatet. Die beiden haben sich irgendwie gefunden und hatten sowas wie eine Hassliebe. „Auf jeden Topf passt ein Deckel“. Vor kurzem habe ich diese tolle Dokumentation gesehen, wo es deutlich zu hören und zu sehen ist, mit vieviel Respekt doch Werner von Klaus redet, ohne seine Schattenseiten zu verklären.

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  3. ananda75 schreibt:

    Lieber Nitya,

    Ganz strategisch … 😉
    Magst du dich vielleicht am Schneeball-System beteiligen?

    https://ananda75.wordpress.com/2017/10/07/auf-eigenen-beinen/

    Alles Liebe ❤

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