Karl Renz: Die Sinnleere der Depression


Wenn die Gnade hinter dir her ist, erreicht dich die Sinn-Leere der Depression, Sinnlosigkeit umarmt dich – die Welt macht einfach keinen Sinn mehr, heiraten nicht, Geldverdienen nicht, etc. Nichts kann dich mehr befriedigen, du wirst depressiv. Aber zu dieser tiefen Ruhe kommt es nur, weil die Gnade bereits hinter dir her ist. Weil du dem näher kommst, was Frieden ist, und der braucht niemals einen Lebenssinn. Er ist ohne Bedeutung. Das Selbst bedarf keines Sinns. Und wenn das Selbst wieder das sein will, was Selbst ist und nichts braucht und nichts will, dann wird das kleine „Ich“ depressiv. Je näher du als Phantom dem kommst, was Ruhe ist, umso deprimierter bist du. Ich halte das für ein gutes Zeichen.

aus: Karl Renz: „May It Be As It Is“

„Die Welt macht einfach keinen Sinn mehr, heiraten nicht, Geldverdienen nicht, etc.“ Ich erinnere mich noch so gut an den Psychoanalytiker, zu dem mich meine Mutter schickte, als ich 17 oder 18 war, weiß nicht mehr genau. Er sollte mir genau das geben, was mir offensichtlich verloren gegangen war, einen Lebenssinn. Anstatt mich anständig zu analysieren, versuchte er mich zu hypnotisieren und ich lachte und lachte bloß. Nix zu machen mit mir.
Irgendwie funktionierte ich seltsamerweise ja noch, aber es war mir eigentlich ziemlich gleichgültig, ob ich damit Erfolg hatte oder nicht. Ich hatte ganz gut gelernt, so zu tun, als ob, und konnte auf diese Weise meine Mitmenschen weitgehend bei Laune halten. Aber irgendwie erschien mir alles nur als Theater. Absolut unwirklich. Es ist nicht so, dass ich nicht versucht hätte, meinem Leben einen Sinn zu geben, aber das ist mir nie gelungen. „Die Welt macht einfach keinen Sinn mehr, heiraten nicht, Geldverdienen nicht, etc.“ Nicht einmal etwas für seine Gesundheit tun, nicht einmal das Weiterleben macht irgendeinen Sinn. Nicht, dass ich sterben wollte, das würde auch keinen Sinn  machen. Ich habe um Gottes willen keine Selbstmordabsichten. Es macht nur alles keinen Sinn, und er fehlt mir auch in keiner Weise. Wenn ich so dastehe und in einen Baum schaue, den der Sturm gerade heftig bewegt, dieses Ineinander- und Gegeneinanderwogen der Blätter, dann ist das vollkommen genug in seiner Vollkommenheit. Was brauche ich da noch für einen Sinn?
Karl sagt: „Je näher du als Phantom dem kommst, was Ruhe ist, umso deprimierter bist du. Ich halte das für ein gutes Zeichen.“ Bin ich deprimiert? Nun, der Psychoanalytiker damals war gewillt, mir eine handfeste Depression zu diagnostizieren, weil mir jeder Antrieb zu fehlen schien, etwas aus mir zu machen und etwas Vernünftiges werden zu wollen. Und das fehlte mir tatsächlich. Mein ständiges Gelächter über seine Bemühungen versuchte er als Abwehr zu deuten, aber es verunsicherte ihn dann doch so sehr, dass er mir gegenüber auf jede Diagnose verzichtete und zugab, dass ich für ihn ein Rätsel  sei, was mich in keiner Weise wunderte, war ich mir doch selbst ein völliges Rätsel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich freue mich, ich bin traurig, ich bin wütend, ich leide wie Hund, ich bin neugierig, … und soweit ich das beurteilen kann, ein ganz normaler Mensch und ganz gewiss kein Zombie. Was mir jedoch anscheinend abging und abgeht, ist die Sache mit dem Sinn. Mein Vater nannte immer alles, was ich machte, eine brotlose Kunst. Seltsamerweise esse ich immer noch mein Brot.

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9 Antworten zu Karl Renz: Die Sinnleere der Depression

  1. fredoo schreibt:

    Mir hat meine Lebensgeschichte folgendes bereitet :
    Es ist nur dieses „Andershabenwollen“ das nach einem Sinn verlangt .
    Und dies mit Intention verwechselt !
    Denn (für mich) ist der Sinn nur in einem enthalten … im Frieden.
    Frieden braucht keine Intention.

    Doch besonders „raffiniert“ erschien mir die Erkenntnis , Das es eine besonders feine Form des Friedens ist , sich mit diesem merkwürdigen periodisch auftauchenden Andershabenwollen als zutiefst „unsinnigen Rülpser“ des Lebens schmunzelnd zu versöhnen.
    Wer bin ich denn , mich über „Rülpser“ aufzuregen ?

    Hicks …

    Gefällt 5 Personen

  2. Brigitte schreibt:

    Gestern irgendwo gelesen:

    All is revealed as it is now.
    All is realized as it is now.
    All is enlightened as it is now.
    OK!

    Gefällt 3 Personen

    • Brigitte schreibt:

      Ich freue mich einfach jedes Mal, wenn mir solch‘ klare Pointer über den Weg laufen 🙂

      „Es gibt keine sogenannte „letzte
      Wahrheit“ außerhalb deines
      täglichen Lebens.“
      (Nyogen Senzaki)

      Gefällt 4 Personen

    • Brigitte schreibt:

      „Dies ist meine Botschaft, die
      Botschaft einer Tänzerin: Bitte hör
      auf, eine Welt lebloser Maschinen
      zu erschaffen und lerne
      dein eigenes, lebendiges Instrument der
      Schönheit zu spielen. In dir, in
      deinem Herzen, deinem Geist,
      deinem lebendigen Körper liegt ein
      Königreich, eine Welt
      erfüllt von furchtloser Lebendigkeit, Kraft,
      Frieden und Freude.“
      (Ruth St. Denis)

      … wie wunderschön Worte sein können 🙂

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  3. Nitya schreibt:

    wenn heute nicht der mensch kommt, der mich wieder mit dem internet verbindet, dann … oh mann, ich reg mich ja jetzt schon auf … es soll gefälligst anders sein … von wegen ruelpser … ich reg mich auf und will mich verdammt nochmal aufregen !!!

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  4. punitozen schreibt:

    http://www.songtexte.com/uebersetzung/the-rolling-stones/i-cant-get-no-satisfaction-deutsch-bd6e90e.html

    Nachdenklied 1964 !
    http://www.songtexte.com/uebersetzung/the-rolling-stones/i-cant-get-no-satisfaction-deutsch-bd6e90e.html

    … und danach ging die Post ab – eine vollkommende , exessive Sinnhaftungssuche
    jene , die mich dahinleitende , jede Menge Unterdrückungspotential in “ andere Kanäle “
    zu beamen . Einfach so –

    bis-hin zu


    Ein wenig später ungeahnt ..


    und dann …

    Läbben geht weiter …

    Unvorhergesehen jene ,tiefgreifende Siddharta-OSHO-Erfahrung in Meinhard .

    Herzgruß
    Punito

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  5. Baboji schreibt:

    In Leistungsgesellschaften werden solche Zustände wie „Depressionen“ bekämpft und verteufelt. Alle wollen glücklich sein. Glück ist neben dem Geld das Ziel und der Zweck des Lebens an sich. Doch, wie Camus immer so schön sagte: „Das Absurde kann dich bereits an der nächsten Ecke anspringen“. Jeder von uns ist nur einen Steinwurf entfernt von der Depression, oder vom Glück oder was weiß ich. Oder der nächste Moment kommt einfach nicht. Sollte ja auch hin und wieder passieren.

    Gefällt 1 Person

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