Walter Häge: Shahid


Die Ganzheit „kosmischer Identitätspunkt Mensch“, meine persönliche Blaupause, hat im Sufismus einen konkreten Namen: „Shahid“. Es ist mein „himmlischer Zwilling“, meine „Lichtseele“ oder auch mein „Zeuge“, der bezeugen kann, wie meine Identität tatsächlich aussieht. Shahid ist meine im Kosmos verankerte Verursachung in reiner, nicht durch das Erdenschicksal entstellter Form, ist mein Urbild, wie ich gemeint war, als ich die Reise hierher antrat.  

Habe ich meinen Shahid gefunden und zu ihm Kontakt aufgenommen, dann kann ich alles Unvollkommene – energetisch und materiell – das sich in den Erdenjahren in mir manifestiert hat, wieder ganz machen, heilen.

Shahid ist mein Heiler, den ich nur zu rufen brauche, um ihm zu sagen, was in Ordnung gebracht werden muss. In dieser geistigen Kommunikationsebene wird ohne jedes Problem zum Beispiel Körpermaterie verändert, indem entartete Zellen wieder ihre vorgesehene Funktion erfüllen.  Dies ist das uralte Wissen der geistigen Heilung, das in allen Kulturen vorhanden war und das nie verloren gegangen ist.  

Natürlich kann ich in der fortgeschrittenen Meditation meinen Shahid „sehen“.

aus: Walter Armin Häge, „Den Weg der Sufis gehen“

Um es vorweg zu sagen: Der Walter ist für mich absolut glaubwürdig mit dem, was er hier aus seinem Erleben beschreibt. Es bringt natürlich nichts, das einfach zu glauben. Da könnte ich genauso gut an den Klapperstorch oder den Weihnachtsmann glauben. Dass dies alles uraltes Wissen ist, macht die Sache für mich auch nicht besser. Es bleibt einem nun mal nicht erspart, selbst herauszufinden, was Glauben und was Wissen ist und wo Wissen auch nichts anderes als Glauben ist. Ist letztlich nicht jedes Wissen Glauben, Traum?

Walter sagt: „Habe ich meinen Shahid gefunden und zu ihm Kontakt aufgenommen, dann kann ich alles Unvollkommene – energetisch und materiell – das sich in den Erdenjahren in mir manifestiert hat, wieder ganz machen, heilen. Shahid ist mein Heiler, den ich nur zu rufen brauche, um ihm zu sagen, was in Ordnung gebracht werden muss.“

Also ich kenn das ja so von mir: Der Rauchmelder pfeift und ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich mal wieder vergessen habe, die Herdplatte abzuschalten. Dann schimpf ich mit mir rum: „Du alter Trottel du! Kannst du nicht aufpassen! Du willst wohl das ganze Haus abfackeln?“ Oder so was in der Art. Ich grinse dabei über alle vier Backen und nehm das in keiner Weise ernst. Aber irgendwie macht es einfach Spaß, ein bisschen herumzuschimpfen. Wer schimpft da eigentlich mit wem herum? Ich mit meinem Shahid? Bis vor kurzem wusste ich ja nicht einmal, dass es so was wie einen Shahid geben soll. Und ich – wer ist ich?

Ich denke gerade an eine Katze, die pinkeln muss. Sie geht durch ihre Katzenklappe raus, stellt fest, dass es regnet und keift eine Weile herum. Der Regen passt ihr nicht und mir passt die nicht abgeschaltete Herdplatte nicht. Und wir beide drücken einfach unser Missfallen aus. Unser Keifen ist also keine Kommunikation zwischen A und B, sondern einfach Ausdruck unseres Unbehagens bzw. Entlastung von Anspannung so unpersönlich wie ein Gewitter, das auch nichts anderes ist als Entlastung von Spannung. Und so wenig, wie ich bei einem Gewitter Odins Zorn bemühen muss, muss ich bei meiner Schimpferei persönlich werden. Ich werde es aber trotzdem, wenn auch nur zum Spaß. Und wenn ich ganz pingelig bin, muss ich zugeben, dass nicht einmal ich es bin, der sich diesen Spaß macht, es geschieht einfach.

Osho hat mal eine hübsche Geschichte erzählt. Ein Mann wird hypnotisiert und ihm wird suggeriert, er sei eine Maus. Dann befiehlt ihm der Hypnotiseur, er solle über ein Seil gehen, das zwischen zwei Kirchtürmen gespannt war. Der Mann tut wie ihm geheißen. Für eine Maus ist das ja kein Problem. Er hat die Mitte des Seils erreicht, als auf der Straße ein Kind schreit. Der Mann erwacht aus seiner Hypnose und fällt sofort von seinem Seil herunter.

Ist der Shahid so eingebildet wie die Maus? Kann er deshalb wirken, weil an ihn geglaubt wird und solange an ihn geglaubt wird? Ist der Shahid so ein Phantom, wie das, wofür ich mich selbst halte, also genauso geträumt?

Und hier die taufrische Anwort von Walter Häge, wofür ic h ihm ganz herzlich danke:

Deine  abschließende Frage:

„Ist der Shahid so eingebildet wie die Maus? Kann er deshalb wirken, weil an ihn geglaubt wird und solange an ihn geglaubt wird? Ist der Shahid so ein Phantom, wie das, wofür ich mich selbst halte, also genauso geträumt?“

Ja natürlich! „Einbilden“ ist eine wunderbare Sache: Ich füge ein Bild in mich ein … ein Bild faltet sich in mir ein … genau dieses Bild benötige ich, um dem denkenden Großhirn die (sicherlich anfangs unwillige) Möglichkeit zu geben, tief außerhalb seiner selbst zu schauen. Das Bild, das ein-ge-BILD-dete Sehen, (welches der Mensch von mittlerer Reichweite ein Phantom nennt, weil sein Verstand damit nichts anzufangen weiß), dies ist die Öffnung zu der Welt, die hinter unserer kleinen Denkstruktur liegt.

Das Paradoxe, das Unvereinbare, das Unfassliche, das was jener Mensch Unsinn nennt, dies ist zu suchen! Ich stoße in jene Region vor, deren Sinn sich mir bis jetzt nicht erschlossen hat!

Ich muss meinen unterentwickelten Verstand allmählich auf eine höhere Stufe bringen, sonst kann mein Nachdenken noch so ernsthaft sein, es bleibt impotent.

Ich kenne weder mich selbst noch den Ursprung meiner Seele. Ein Bild wie Sháhid hilft mir, dem wirkenden Etwas, das hinter meinem Horizont liegt, näherzukommen. Ja, es kommt dann tatsächlich auf mich zu: als blitzartiges Wissen, als Erkenntnis aus dem Nichts heraus, als Intuition.

Ein gnostischer Lehrtext aus dem 14. Jahrhundert nennt diese Intuition ein „wirkendes Etwas“ und gibt eine glänzende Anleitung:

„Lass dieses wirkende Etwas mit dir tun was es will, und dich führen wohin es will. Lass es das Wirkende sein und lass sein Tun an dir geschehen; schaue nur zu und lass es in Ruhe. Mische dich nicht ein als wolltest du ihm helfen, denn es bestünde die Gefahr, dass du alles zerstörtest. Sei du nur der Baum und lass es den Zimmermann sein; sei du nur das Haus und lass es den Hausherrn sein, der darin wohnt. Sei blind während der Dauer und entledige dich aller Wissbegierde, denn sie hindert mehr als dass sie hilft. Es genügt dir, dass du dich von einem Etwas freudig bewegt fühlst, von dem du nicht weißt, was es ist; du weißt nur, dass du bei deiner Regung an nichts Geringeres als an Gott denkst und dass dein Verlangen bloß und unmittelbar auf ihn gerichtet ist.“ (1)

(1) „Die Wolke des Nichtwissens“, spätes 14. Jhd., England, Anonymus, Johannes Verlag – 2004, S. 91.
Diese Schrift ist der gnostische Bestseller des Mittelalters, welcher vieltausendfach kopiert wurde.
Der christliche Verfasser wusste wohl, dass er eine Verbreitung dieser Aussagen unter seinem Namen nicht überleben würde.
Das Buch mit seinen 75 Kapiteln oder Ansprachen richtet sich an einen Schüler und erläutert diesem den direkten Weg zur göttlichen Intuition, ohne den üblichen Umweg über das Priestertum (welches die Intuition durch Gebote ersetzt und sie somit außer Kraft setzt).

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14 Antworten zu Walter Häge: Shahid

  1. Nitya schreibt:

    „Lass dieses wirkende Etwas mit dir tun was es will, und dich führen wohin es will“, sagt Anonymus.

    Und ich frage, weil ich ja immer frage: Meint er damit ein Bild? Die Maus in Oshos Beispiel ist eine Einbildung, aber man könnte sie auch als das Tor zu einer dem Mann bislang gänzlich unbekannten Fähigkeit sehen. Er kann ohne jedes Hilfsmittel über ein gespanntes Seil laufen wie eine Maus. Das Beispiel zeigt aber auch, dass das alles zeplatzt, wenn das Bild zerplatzt. Es ist zeitlich begrenzt, hat einen Anfang und ein Ende.

    Vielleicht meint Anonymus gar kein Bild, sondern das, was absolut bildlos ist. Wortlos. Unbeschreibbar. Eben kein Ding. Und ein Bild, ein Wort, eine Beschreibung sind Dinge.

    Schade, dass wir ihn nicht mehr fragen können.

  2. Nitya schreibt:

    Also dass Einbildungen Wirkung haben, steht für mich außer Zweifel.

    Beispiel: Walter empfahl mir zum Thema Schlafstörungen, mit diesem Shahid ein ernstes Wort zu reden. Hab ich brav gemacht und siehe da – ich schlafe besser. Warum also nicht mit Einbildungen arbeiten, wenn es hilft. Ich geh ja auch zum Zahnarzt. Der ist auch eine Einbildung.

  3. Gabi schreibt:

    Lieber Wilhelm, lieber Walter- Danke sehr für die Erweiterung des Beitrags von heute. Wunderbar. Bin sprachlos vor begeisterter Zustimmung.

    • Nitya schreibt:

      Liebe Gabi,

      ich hab einmal so’nen Zikr mitgemacht. Galavorstellung von einem Scheich für mich und eine Freundin irgendwo in einem Hinterzimmer. Viel geredet hat er nicht, aber ich war ziemlich beeindruckt. Keine Ahnung warum, aber irgendwie hatte ich immer ein gutes Gefühl zu den Sufis hin. Das sind nicht so gruselige Hirnwichser (wie ich oft), sondern ziemlich praktische Leute und ihre Freude an der Schönheit der Welt hat mich immer tief berührt. Es ist einfach ein ganz anderer Zugang zum Wesentlichen. Schön, dass du dich auch davon berühren lässt!

      • Eno Silla schreibt:

        „Der Sufismus ist heute ein Name ohne eine Wirklichkeit, der einmal eine Wirklichkeit ohne einen Namen war.“

        Bushanji, 8. oder 9. Jahrhundert (diesen kleinen Ausspruch hat mir gestern ein Sufi geschickt).

        Dieser war auch noch dabei:
        „Sei in dieser Welt, als wärest du ein Reisender, einer, der vorübergeht, deine Kleider und Schuhe voller Staub. Manchmal sitzt du im Schatten unter einem Baum, manchmal wanderst du durch die Wüste. Sei immer ein Durchreisender, denn dies ist nicht das Zuhause.“

      • Nitya schreibt:

        Lieber Eno,

        das ist ein feiner Ausspruch und er gilt natürlich nicht nur für den Sufismus. Ich werde immer allergischer gegen Worte und Bezeichnungen und verwende sie doch. Wenn es nicht die blogfreie Zeit gäbe, läge ich wahrscheinlich schon im Grab.

        Mein Heinz Butz damals, war einfach. Und das war mir mehr als genug.

      • Eno Silla schreibt:

        Ich glaube ich verstehe, was du meinst. Mir geht es genauso, daher lösche ich hier immer mal wieder Sachen, die mir im Nachhinein so unzulänglich erscheinen. Und doch sind da immer wieder Worte, die sich einfach so schreiben, da ist einfach ein Drang, fast schon ein Zwang, dieses unermesslich schöne, unfassbare Nichts zu teilen, in dem selbst das Wort Nichts sich in Nichts auflöst.

      • Nitya schreibt:

        Genau so habe ich es gemeint. Ich quatsche schon mein ganzes Leben rum und geh mir selbst damit am meisten auf die Nerven. Aber das Gequatsche will einfach nicht aufhören. Was soll ich armes Luder machen? Selbst nach dem Herzinfarkt quatschte es in der Klinik weiter und jetzt hab ich über 1&1 keine Internet mehr und finde dann Mittel und Wege, doch noch irgendwie quatschen zu können. Grusel.

      • Eno Silla schreibt:

        Quatsch (meinetwegen) gerne weiter, ich werde es genießen, so gut es geht, lieber Nitya, ich wollte schon so oft fort von diesem Blog, von all dem Gequatsche, ich versuchte es und kapitulierte doch immer wieder, so – was solls, es fing irgendwann an und es wird aufhören – ganz von allein!

        Hier noch ein Sufi:
        Ibn Ata: „Annahme ist der Respekt des Herzens für die ewige Wahl Gottes für den Diener, denn er weiß, dass Er das Beste für ihn gewählt hat und nimmt es an und gibt jede Unzufriedenheit auf.“

      • Nitya schreibt:

        Lieber Eno – für dich mit einem Gruß vom Walter:

        Heimat

        Heimat ist der Platz, an dem ich glücklich bin.
        Sie ist die Erinnerung an eine glückliche Zeit.
        Sie ist der Duft, der Geruch, das Fühlen früherer Tage und Nächte.
        Heimat, nicht nur ein Ort?

        Nein, kein Ort, kein Platz, keine bekannte Umgebung, kein „Ding“.
        Heimat ist in mir, tief in mir oder nirgends.
        Sie ist der blutrote Sonnenuntergang,
        das fahle Licht des Mondes,
        das Lachen der Kinder,
        das Raunen der Gräser,
        das Flimmern der Luft
        unter jedem Baum dieser Welt.

        Mit freier Seele
        ist Heimat überall
        wo der Wind uns hinträgt.
        Unsere Schwestern und Brüder
        sind schon dort,
        bevor der erste Sonnenstrahl fällt.

        Das Glück der Heimat.
        Das Glück der Seele.

        Walter Häge

      • Eno Silla schreibt:

        weder ort noch nicht-ort
        alles aus nichts
        stille durchdringt die dinge

        Lieber Walter,
        herzlichen Gruß von
        Eno

  4. punitozen schreibt:

    mit weniger Worten : “ Gleich von der Geburt an begleitet einen jeden ein Schutzgeist, der unbemerkt sein Leben leitet!
    ( Menandros * 342/341 v. Chr. in Kephisia; † 291/290 v. Chr.)

  5. Alexandra schreibt:

    Ich kann nicht anders und muss auch was quatschen – höchst unspirituell – bin halb abgebrochen – vor lachen? Naja… als der gute Martin Schulz im Kanzlerduell – nachdem er sich ja über den Islam so eingehend informiert hat – einen meiner Lieblingsverse von Rumi ziitierte: „Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort – lass uns da treffen.“ Oh man, verrückte Welt!
    Aber vielen Dank, Nitya und Walter für diese wunderbaren Hinweise,,, Ach, finde kein treffenderes Wort… Merke immer mehr wie Worte einschränken, eigentlich lächerlich klein sind und lächerlich klein machen und dennoch in dieser Welt so unabkömmlich scheinen und manchmal sind auch Worte schön…

  6. fredoo schreibt:

    zu Eno
    Ist es nicht sehr bezeichnend …
    Im Zentrum der intensivsten Bewegung auf unserem Planeten ist – völlige Stille .
    Nur diese – Stille – ermöglicht den Hurrican .

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