Matt: „Ich will nicht.“


Matt kam an den Tisch, eine Serviette über dem Arm. „Ich bediene keine Antigands.“ […]

„Sie machen einen Fehler!“ erwiderte Gleed. Seine Stimme war scharf und drohend. Er stieß Harrison mit dem Ellenbogen an. „Passen Sie mal auf!“ Gleeds Hand erschien über der Tischplatte. Die Mündung eines kleinen Energiewerfers war auf Matts Bauchnabel gerichtet. „Vielleicht verstößt das gegen die Vorschrift. Aber das hängt von der Stimmung an Bord des Raumschiffs ab, wie man mein Verhalten beurteilt. Und im Augenblick sind dort alle stocksauer auf euch zweibeinige Mulis!“ Er bewegte den Lauf der Waffe hin und her. „Nun verschwinde schon und komm mit zwei gefüllten Tellern wieder.“

„Ich will nicht“, erwiderte Matt, biss die Zähne zusammen und ignorierte die Waffe. Gleed entsicherte die Waffe. Man konnte es an dem metallischen Knacken hören. „Eine Bewegung“, murmelte er, „nur ein Niesen. Und das Ding geht los. Auf jetzt – hol uns was zu essen!“ – „Ich will nicht“, erwiderte Matt. Gleed steckte die Waffe verdrossen in die Jackentasche. „Es war ein Spaß. Die Waffe ist gar nicht geladen.“ – „Das macht nicht den leisesten Unterschied, ob sie geladen war oder nicht“, schnaubte Matt. „Ich bediene keine Antigands.“ – „Wenn ich aber die Geduld verloren und Sie in zwei Hälften zerschnitten hätte?“ – „Wie hätte ich Sie dann bedienen können? Höchste Zeit, dass ihr Antigands mal ein bisschen Logik lernt.“ Damit eilte Matt zurück zur Theke. „So unrecht hat er damit gar nicht“, meinte Harrison, noch immer ein bisschen erschüttert von der Szene, die sie erlebt hatten.

aus: Eric Frank Russell, „Planet des Ungehorsams“
In Russells Roman „Planet des Ungehorsams“ wurde, wie schon mehrfach beschrieben, das Wort „Myob“ (Mind your own business) bzw. „Meiob“ (Meine Obligation) von den anarchischen Gands (abgeleitet von Gandhi) auf dem Planeten K22g als Ausdruck zivilen Ungehorsams benutzt. Das erinnert sehr an Byron Katies Lieblingsfrage: „In wessen Angelegenheit befindest du dich?“ Oder an Max Stirners Frage: „Was soll nicht alles meine Sache sein?“ Es erinnert auch an das sog. Gestaltgebet von Fritz Perls: „Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben. Du bist du, und ich bin ich. Und wenn wir uns zufällig finden – wunderbar. Wenn nicht, kann man auch nichts machen.“
Das hört sich ja nun alles für manche ganz wundervoll an, aber wie schon Friedrich Schiller einräumen musste: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, solange es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Was tun, wenn so ein Armleuchter wie dieser Gleed in Russells Roman plötzlich eine Waffe zückt und sich den Teufel um dein „Ich will nicht“ schert? Die Gands auf dem Planeten K22g beriefen sich auf jenen Mohandas Karamchand Gandhi, der vor ein paar Jahrhunderten auf der Erde gelebt haben und ziemlich erfolgreich für den gewaltfreien Widerstand eingetreten sein soll. Aber in einem Geschichtsbuch über Gandhis Kampf um die Unabhängigkeit Indiens zu lesen und leibhaftig der nackten Gewalt gegenüberzustehen, ist ja noch mal ’ne andere Nummer.

Na ja, ich mach’s mal weniger martialisch. Wie steht’s denn mit den GEZ-Gebühren? Zahlst du? Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zahle. Ich beuge mich staatlicher Gewalt, beuge mich der Androhung einer Geld- oder Haftstrafe. Von wegen „Myob!“ Denke ich zwar, zahle aber zähneknirschend für die staatliche Propagandamaschine. Ich hab einfach keine Lust, wegen so einem Scheiß evtl. meine letzten Tage im Knast zu verrotten. Bei Matts „Ich will nicht“ – also ich hab keine Ahnung, wie ich angesichts eines auf mich gerichteten Energiewerfers reagieren würde. Bei so einem höchst persönlichen Unterwerfungsbegehren könnte es durchaus sein, dass mir der Gaul durchgeht und es zu derselben Reaktion kommt wie bei Matt.

Kürzlich hat mich jemand auf ein Video aufmerksam gemacht, das ein Gespräch zwischen Goran M. Bojic und Jo Conrad beinhaltet. Thema: „Die formaljuristische Lebenderklärung“. Da geht es also darum, dass ich mich auf formaljuristische Weise für lebend erklären lassen muss, wenn ich nicht länger nach gültigem Recht als Sache gelten und als solche behandelt werden will. So weit kommt’s noch, dachte ich. Mir genügt es zu wissen, dass ich lebe. Mir genügt es zu wissen, dass ich frei bin. Da können irgendwelche Herrscher und ihre juristischen Büttel Gesetze fabrizieren, so viel sie wollen. Auch wenn ich als lebend anerkannt werde, kann ich jederzeit durch einen Gewaltakt vernichtet werden. „Was nützt mir da so ein Wisch?“, sag ich mal so in weitestgehender Unkenntnis der juristischen Verhältnisse und in meinem senilen Leichtsinn. Sollen die Scheißjuristen ihre Spielchen doch mit sich selber spielen! Da bleibt dann eben für mich nur ein „Meyob!“ und ggf. ein freudestrahlender Abgang. Die einen nennen mich ein Arschloch, die anderen eine Sache. Was geht mich das zum Teufel an! Ich merke, wie da wieder meine jugendliche Scheiß-Wut auf meinen Juristenvater hochschießt. Lieber ein heimlicher (!) Outlaw als mich auf diesen juristischen Schnickschnack einlassen. – Oder vielleicht doch? – Ooch nee, die paar Tage werde ich auch noch als angebliche Sache hinter mich bringen. Die können mich doch alle mal …

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Eine Antwort zu Matt: „Ich will nicht.“

  1. Eno Silla schreibt:

    Ich will nicht
    Aber ich weiche
    Vor der Gewalt

    Sagt ein Liebender
    Der Weichheit
    Wie ich

    Und dieser Laotse:
    „Das Weichste in dieser Welt überwindet das Härteste;
    das Nichts kann dort sein, wo kein Raum ist.“

    Gefällt 2 Personen

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