Osho: Du bist die erschaffende Kraft


Zen-Mönche haben etwas gesagt, das zum Seltsamsten gehört, was je gesagt wurde. Sie sagen: Diese Welt ist Gott. Sie sagen: Das gewöhnliche Leben ist Religion. Sie sagen: Alles ist okay, so wie es ist. Nichts muss verändert werden, weil schon die bloße Vorstellung von Veränderung zur Zweiteilung führt: Das, was ist, muss in etwas anderes verändert werden, was es sein sollte. A muss in B verwandelt werden – damit haben wir die zwei. Sie sagen, diese Welt selbst ist göttlich. Gott ist nicht irgendwo anders; denn dieses „irgendwo anders“ erzeugt eine Dualität. Gott ist nicht der Schöpfer, und du bist nicht das Geschöpf – du bist Gott. Gott ist nicht der Schöpfer – diese Schöpfung selbst ist göttlich, die erschaffende Kraft selbst ist Gott.

aus Osho, „Die verbotene Wahrheit“
Damit da kein Missverständnis aufkommt: „Du bist Gott“ kann nur im Zusammenhang gesehen werden mit Aussagen wie: „Diese Welt ist Gott“ oder  „Die erschaffende Kraft selbst Gott“. Jeder Grashalm ist Gott – und jeder Massenmörder. Oder eben anders gesagt: „Es gibt nichts außer Gott.“ Du bist Gott, ist also nichts, worauf sich irgendjemand etwas im Besonderen einbilden könnte. Nichts muss verändert werden, um ein wenig göttlicher zu werden. Göttlicher als göttlich zu werden, ist nicht möglich, obgleich es viele versuchen, um endlich etwas Besonderes zu sein. Sie sind zwar längst etwas Besonderes, weil jede Erscheinungsform vollkommen einzigartig ist, aber das genügt eben vielen nicht. Und auch dies ist vollkommen göttlich. Bodhidharmas „Offene Weite – nichts von heilig“ will vermutlich genau das aussagen. Nichts von heilig bedeutet hier wohl: Nichts ist heiliger als irgendetwas anderes. Auch keine heilige Kuh.
Ach Gott ja, „die heilige Kuh“, der Ausdruck bezieht sich natürlich auf das Goldene Kalb aus dem Alten Testament. Da wurde JHWH vom Thron gestoßen und durch die Statue eines Götzen ersetzt. Inwieweit es hier Anklänge an den Baal-Kult gab, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls sollte die schöpferische Kraft des Lebendigen ersetzt werden durch die Macht des Materiellen, insbesondere des Goldes. Ich habe einmal ein Video gesehen, in dem Waschbären einen Knüppel auf den Kopf bekamen und dann zog man ihnen am lebendigen Leib ihren Pelz ab. Das Leiden der Tiere anzusehen, war für mich völlig unerträglich. Ich war vollkommen identifiziert damit und musste mich hinlegen. Mir war so was von speiübel geworden. Das war meine ganz persönliche Antwort auf diese für mich grauenvollen Bilder. Göttlich sind nicht nur die Waschbären, nicht nur ich, sondern auch die brutalen Tierquäler. Das ist nicht der Punkt. „Es gibt nichts außer Gott“ meint eben auch, dass nichts daraus ausgeschlossen ist. Eben das war es ja auch, was Heraklit mit seinem „Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Mangel“ meinte. Ist jetzt meine tiefe Abneigung beispielsweise gegen den Umgang mit den Waschbären eine heilige Kuh von mir?

Ich könnte ja auch noch ‚profanere‘ Beispiele bringen. Ein Tischnachbar im Internat machte sich oft einen Spaß daraus, mir ‚bei Tisch‘ leise zu offenbaren, dass er mir eben in meine Suppe gespuckt hatte oder dergleichen. Wenn ich mich dann weigerte, meine Suppe aufzuessen, und ich richtig sauer war, kostete er seinen Triumph aus, löffelte genüsslich meine Suppe aus und warf mir Humorlosigkeit vor. Ist eine unbespuckte Suppe eine heilige Kuh von mir? So ein Quatsch. Es ist eine simple Vorliebe. Und Vorlieben hab ich und zwar zuhauf. Eine Vorliebe ist eine Vorliebe und eine heilige Kuh eine heilige Kuh. Ich mag meinen Kaffee nicht durch Salzsäure ersetzen. Da habe ich echt eine Vorliebe für Kaffee. Aber Kaffee ist bei Gott keine heilige Kuh. In meiner Kindheit gab es im Hinterhof einen Jungen, der uns gerne vorführte, wie er den Spinnen die Beine ausriss oder Maikäfer mit dem Brennglas traktierte. Wenn er dann unser Entsetzen sah, lachte er sich dumm und dusselig. Ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, die mir ihre Salzsäure andrehen wollten. Hätte ich sie getrunken, wäre ich ein Idiot gewesen. Hätte ich sie abgelehnt, hätte ich keinen Spaß verstanden. In diesen Spielchen soll man immer die Rolle des Lackierten übernehmen. Muss ich nicht haben. Schon wieder eine Abneigung. Aber natürlich ist auch das göttlich. Die letzte Idiotie ist göttlich. Und wenn die Menschheit diesen Planeten verwüstet, ist auch das göttlich.

Mein Gott, bin ich froh, kein Erleuchteter zu sein! Ich darf einfach ein ganz gewöhnlicher Mensch sein mit all meinen Vorlieben und Abneigungen! – Wie ungemein entspannend. Halleluja!
Nachtrag: Dass nichts geändert werden müsste, ist natürlich in dieser allgemeingültigen Formulierung Käse. Morgen sitz ich mal wieder beim Zahnarzt rum, auf dass er den Ist-Zustand in meinem Mund in den von mir gewünschten Soll-Zustand verwandelt. Aus A muss B werden! Basta!

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5 Antworten zu Osho: Du bist die erschaffende Kraft

  1. fredoo schreibt:

    Wird Änderung als Beitrag der eigenen „Figur“ zum allgemeinen dynamischen Wandel gesehen – no problem !
    Wird Änderung jedoch als gewünschte gar ersehnte Heraushebung des „Eigenen“ gesehen – problem !

    Gefällt 4 Personen

  2. punitozen schreibt:

    Ich bin der, den ich liebend begehre, und der, den ich liebend begehre, ist ich; wir sind zwei Geister, die zusammen in einem Körper wohnen. Wenn man mich sieht, sieht man ihn; wenn man ihn sieht, sieht man uns.
    ( Al-Hallādsch )

    Gefällt 2 Personen

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