Wei Wu Wei: Nicht-Manifestation als manifeste Erscheinung


Wenn es kein Ding wie Realität gibt, ist leicht einzusehen, dass es auch nichts geben kann, was relativ zur Realität vorkommt, und deshalb nichts, was man „relative Realität“ nennen könnte. Das ist wirklich ein unsinniger Begriff, denn das einzige, was relativ zu nichts sein kann, ist nichts. Zweifellos sind wir das: Nur aus dieser Perspektive kann der Ausdruck irgendeinen Sinn ergeben.

Als relativ zu einer nicht-existierenden Realität kann unsere phänomenale Welt nichts irgendwie Geartetes sein, und sie als relativ zu bezeichnen heißt, dass wir in die falsche Richtung schauen, und das hält uns gefangen.

Der einzige Ausweg besteht in der Erkenntnis, dass es nichts gibt, überhaupt kein Objekt, nicht einmal uns selbst als Objekte.

In diesem Nichts mögen wir uns selbst erblicken und erkennen als das, was wir und unsere objektive Welt – alles, wir und unser Traum des Lebens – sein könnte. Als erwachte Träumer sind wir wohl nichts als die so genannte Subjektivität oder das Noumenon, das ist Nicht-Manifestation, die sich selbst als manifeste Erscheinung wahrnimmt.

aus: Wei Wu Wei, „Die Essenz der Lehre – Zen für Nicht-Meditierende“ (!!!)

Wieso wird Buddha eigentlich meistens mit geschlossenen oder halb geschlossenen Augen dargestellt, hab ich mich mal gefragt. Na ja, sagte ich mir, Mystik wird vom griechischen μυέειν abgeleitet, das u.a. auch das Schließen der Augen und Lippen bedeutet, also auf ein Nach-Innen-Sehen verweisen will. In Myamar findet sich ein Buddha mit offenen Augen. Sogar eine Brille haben sie ihm aufgesetzt. Buddha, der unbewegliche Zuschauer.

Gestern hat Karl eigentlich schon alles Wesentliche gesagt: „Du bist der unbewegliche Zuschauer – das Absolute ‚Ich‘ – der Absolute Seher, der sich selbst Bild für Bild erlebt.“ Wei Wu Wei spricht auf seine Weise von „Nicht-Manifestation (Subjektivität bzw. Noumenon), die sich selbst als manifeste Erscheinung wahrnimmt.“ Das ist die Messlatte, der sich jede sog. spirituelle Aussage stellen muss.
Um nochmal auf den bebrillten Buddha zurückzukommen: Sieht er nicht aus, als säße er im Kino und würde sich gerade irgendeinen Film angucken? Nehmen wir mal an, er schaut sich gerade einen Western an, sagen wir mal den Klassiker „High Noon“, und erlebt sich selbst Bild für Bild, wie Karl das ausgedrückt hat. Identifiziert er sich dabei nur mit dem Protagonisten Sheriff Will Kane oder gleichzeitig auch etwa mit Kanes eben angetrautem Eheweib Amy oder mit Kanes Gegenspieler Frank Miller oder den Banditen aus Millers Bande? Oder ist er absolut nicht identifiziert? „Er erlebt sich als …“ bedeutet Identifikation. Der unbewegliche Zuschauer identifiziert sich. Zum Beispiel mit dem Nitya. Nicht der Nitya identifiziert sich mit sich selbst, sondern der unbewegliche Zuschauer erlebt sich u.a. als Nitya oder als du, der du dies gerade liest. No-Thing nimmt sich als Thing wahr (das sich für No-Thing hält).

Kürzlich hatte ich schon mal ein Bild eines im Zazen sitzenden Zen-Heinis im Blog. Vollkommen ausdruckslos verkörperte er scheinbar den Buddha als den unbeweglichen Zuschauer. Ich nenne das gern einen Ölgötzen. Es ist aus meiner Sicht eines der ganz großen Missverständnisse der Erleuchtungsstreber. Da gibt es zum Beispiel diese Geschichte vom Samurai, den ein Zen-Meister eine Witzfigur nennt und der daraufhin dem Zen-Meister den Kopf abschlagen will. Der Zen-Meister sagt: „Dies ist das Tor zur Hölle.“ Der Samurai versteht und steckt sein Schwert wieder in die Scheide. Und der Zen-Meister sagt: „Dies ist das Tor zum Himmel.“ Die Geschichte lässt sich höchst unterschiedlich deuten. Sie wird gern so interpretiert, dass es falsch sei, persönlich zu reagieren oder sich verletzt zu fühlen oder wütend. Das ist aus meiner Sicht total verquer. Wer ist denn da persönlich, wer verletzt, wer wütend? Es ist immer der unbewegliche Zuschauer, der sich z.B. als Person wahrnimmt, wie auch immer sie sich zeigt. Jeder, der den Grad der Erleuchtung am Verhalten einer anderen Person festmachen will, irrt schlicht und einfach. Die Person ist nie erleuchtet. Sie ist nur die von der Nicht-Manifestation wahrgenommene Erscheinung.

Die Nicht-Manifestation reagiert nicht, handelt nicht, denkt nicht, fühlt nicht, wertet nicht. Unappetitlich wird es in meinem persönlichen (!) Erleben immer dann, wenn Nicht-Manifestation und Manifestation in völlig absurder Weise miteinander verschwurbelt werden und persönliche Eigenschaften als Qualitäten des unbeweglichen Zuschauers verkauft werden oder sich das Manifestierte als das Nicht-Manifestierte darstellt und Ölgötze spielt. In dem Buch von Richard Rohr und Andreas Ebert „Das Enneagramm: Die neun Gesichter der Seele“ wird mit einem Augenzwinkern aufgezeigt, wie „Meditierende“ einräumen mussten, dass sie sich mit ihrer Rumsitzerei nur vor der Welt versteckten. Ähnliches wäre wohl auch für Therapeuten und Spiris zu sagen, die nur noch als wandelnde „Spiegel“ durch die Welt laufen und so ihre Unberührbarkeit dokumentieren wollen. Aber auch das ist ja wieder nur eine Manifestation des Nicht-Manifestierten.

Shankara hat das sehr schön im „Kleinod der Unterscheidung“ beschrieben. Der unbewegliche Zuschauer des Karl Renz ist kein gefühlloser Ölgötze. Er ist vollkommen eigenschaftslos. Das wird gesehen oder nicht gesehen – natürlich von niemandem. Und je nachdem bedeutet es für die manifestierte Erscheinung scheinbar Befreiung oder Gefangenschaft. Nochmal Shankara, scheinbar an die Person gerichtet: „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen; alle Worte sind dem Befreiten nutzlos, da er sie nicht benötigt.“

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3 Antworten zu Wei Wu Wei: Nicht-Manifestation als manifeste Erscheinung

  1. ananda75 schreibt:

    Als Kind, als Jugendliche… hab ich darunter gelitten, dass ich alles wie einen Film sah und erlebte…
    Die anderen schienen alle so
    “ selbstverständlich einfach in sich drin“ zu sein, nur ich nicht…
    Nichts schien mir real…
    Dieses Empfinden verschwand irgendwann… als ich beschäftigt genug war mit dem Leben…und ich hatte es ganz vergessen…
    Beim Lesen deines Textes… da hab ich mich wieder erinnert…
    Das war die reine Verzweiflung damals… denn ich dachte ja, ich bin irgendwie verkehrt… alle anderen sind richtig, nur ich nicht…

    Alles Liebe 💚

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  2. Alexandra schreibt:

    Und dann wird aus dem der denkt er sei ein „unbeteiligter Zuschauer“ der Zuschauer, der von außen zusieht, aber sich selbst nicht mehr wahrnimmt und nicht merkt, dass er selbst eine hohle Puppe ist, die vermeintlich über allem und über allen steht…. anstatt sich selbst als eben nur einen kleinen Teil des Ganzen zu sehen, etwas , was einfach so läuft wie es gerade passiert. Eigentlich ganz schön befreiend wenn sich diese Erkenntnis mal durchsetzt…

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  3. punitozen schreibt:

    ….Ähnliches wäre wohl auch für Therapeuten und Spiris zu sagen, die nur noch als wandelnde „Spiegel“ durch die Welt laufen und so ihre Unberührbarkeit dokumentieren wollen. ….

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