Ikkyû Sôjun: … und sie singt beim Untergang der Sonne


Das Freudenmädchen haftet nicht an,
doch ihr Kunde hängt an seinen Bedürfnissen.
Seine überfließende Begierde
macht ihn zu einem Dichter der Erotik.
Nach einem Wolkenbruch klart es im Westen auf
und sie singt beim Untergang der Sonne.
Ich liebe sie so sehr,
wenn sie sich dabei ans Tor lehnt.

aus: Ikkyû Sôjun, „Gedichte von der verrückten Wolke“

Eine Geisha hat diesen Kunden und jenen und überhaupt sehr viele – wie könnte sie es sich leisten, an einem Kunden zu haften. Das wäre ziemlich unprofessionell und enervierend. Und so’n Samurai stattet irgendeiner Geisha mal kurz in einer Kampfpause einen Besuch ab, bevor er sich wieder ins Kampfgetümmel stürzt. Jeder Augenblick könnte sein letzter sein. Und wenn einer nicht mehr an seinem Leben haftet, woran haftet der dann überhaupt noch!
Wie ist das nun mit dem Schreiberling der Zeilen oben, mit dieser verrückten Wolke, diesem blinden Esel, dem größten Arschloch der Welt? Oh, er war ein eifriger Gast bei den Mädels und hat nie einen Hehl aus seiner überfließenden Begierde gemacht. Wahrscheinlich hätte man ihn heute zu den Sexaholics Anonymous geschickt oder wäre ihm als Pädophilen gleich ans Leder gegangen, denn die holde Weiblichkeit schien ihm wohl auch nicht zu genügen, wie seinen Gedichten zu entnehmen ist. Seine Sexualität, verbunden mit einer überquellenden Liebe zu der Schönheit des Lebens, durchzog Ikkyûs Leben wie ein roter Faden, wie er es selbst beschrieb. „Diese Lust ist mein endloses Kôan“, meinte er. Gleichzeitig litt er oft wie ein Hund. Er sagte: „Das Leben ist, als würde man auf messergespickte Bäume klettern oder Berge erklimmen, aus denen lauter Schwerter ragen.“ Genau das meint übrigens der Spruch: „Der Lotus wächst aus dem Schlamm.“ Wer sich ein erleuchtetes, konfliktfreies Leben für sich vorstellt, na ja, der leidet halt unter Vorstellungen.
Anhaftung gilt ja einem Buddhisten als mächtig viel Schlamm. Ikkyû war ein großer Schlammplantscher und eben deshalb wurde ihm seine Lust zu seinem endlosen Kôan, mit dem er ständig konfrontiert war. Dieses ständige Gesäusel von Gedankenfreiheit, Freiheit von jeglicher Anaftung und dergleichen passt eher in den katholischen Beichtspiegel als in die harte Mysterienschule des Ch’an. „Nimm dich an, wie du bist“ bedeutet ja nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“, sondern stellt genau das Kôan dar, das zu leben Meisterschaft bedeutet. Im Gegensatz zu anderen spirituellen Meistern, Gurus, Priestern, Lehrern, … hat Ikkyû seine Leidenschaften nie versteckt, hat nie Wasser gepredigt und Wein gesoffen und so nicht wie viele andere die Chance seines Kôans vertan. Er brachte es fertig, mit seiner Abt-Robe ins Freudenhaus zu marschieren oder in einer Schenke sich mit Sake zu besaufen, sichtbar für jedermann. Und er hat meines Wissens seinen Mitmenschen nie ein tugendhaftes Leben gepredigt. „Ecce homo!“ Ikkyû war einfach der Mensch, der er war. Aber das ist doch nichts Besonderes! Oh doch, für Eichhörnchen und Katzen nicht, aber für einen Menschen anscheinend schon.

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20 Antworten zu Ikkyû Sôjun: … und sie singt beim Untergang der Sonne

  1. punitozen schreibt:

    Wenn es am Ende unserer Reise gar keinen Ort zum Ausruhen gibt,
    dann müssen wir uns auch nicht sorgen,
    den Weg zu verlieren.

    Bleiben etwa unsere Vergehen zurück?
    Alle Vergehen, die wir in den drei Welten begangen haben,
    werden mit uns verschwinden .
    ( Ikkyû Sôjun )

    Gefällt 2 Personen

  2. Eno Silla schreibt:

    Ikkyu war ein klasse Typ
    Jedenfalls erscheint es so
    Aufgrund der übermittelten Worte

    Aber das er mit 80 Jahren
    Noch einen hoch bekam
    Ganz ohne Viagra

    Aber was weiß Eno schon
    Der geht nicht ins Freudenhaus
    Und für ihn singt auch niemand
    Beim Sonnenuntergang

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Hör ich da eine leise Wehmut in deinen Worten, lieber Eno?

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      • Eno Silla schreibt:

        Richtig gehört, lieber Nitya, wenn du unter Wehmut „ein Gefühl zarter Traurigkeit, hervorgerufen durch Erinnerung an Vergangenes“ verstehst, dann trifft das schon zu, eine sehr genußreiche Empfindung für einen alten Melancholiker.

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      • Nitya schreibt:

        Jetzt hast du vielleicht nur die genussreiche Empfindung der leisen Melancholie eingetauscht gegen ein Leben, das sich so darstellt, als würde man auf messergespickte Bäume klettern oder Berge erklimmen, aus denen lauter Schwerter ragen., lieber Eno.

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      • Eno Silla schreibt:

        Vielleicht, lieber Nitya (wenn ich deine Antwort nicht völlig missverstehe), wenn diese genussreiche Empfindung beständig wäre und nicht ebenfalls nur eine flüchtige Episode, würde ich sagen guter Tausch, aber leider rumort da ein Messer in diesem Körper, fast schon ein Schwert, in Gestalt eines eingeklemmten Ischias-Nervs gerade jetzt, alle Wehmut fortgeblasen und Schmerz übernimmt die Führung. Keine Chance zu entkommen, diesem traumhaften (er)Leben, in beständiger Wandlung, das einfach so ist, wie es ist – jetzt und jetzt und jetzt!

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      • Nitya schreibt:

        Ach du Scheiße! Das ist echt ein Schwert. Hatte ich mal mit 22. Vier höllische Jahre lang und niemand konnte mir helfen. Da kann ich ja nur ganz blöd fragen: Was drückt dich denn so? Ich hab es bekommen, kurz nachdem ich geheiratet habe, und hab es verloren, kurz nachdem ich mich wieder getrennt habe. Aber dir sitzt vermutlich was ganz anderes im Genick? Vielleicht doch zu viel Melancholie? Beim gegenwärtigen Zustand der Welt wäre es ein ein Wunder, wenn man nicht völlig depressiv wird.

        Lieber Eno, ich fühle mit dir, auch wenn dir das nichts nützt.

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya, auch dir ein Danke für die Anteilnahme, aber lass das mal mit dem Mitfühlen, das möchtest du nicht wirklich und außerdem ist das Paket, das du schleppen musst groß genug! Eigentlich frage ich mich kaum noch, was mich so drückt, es ist einfach zu mühsam das alles aufzudröseln und es ändert ja nichts, aber vielleicht ist es die bevorstehende, neu zu beantragende Rentenverlängerung, sowas bringt immer eine Menge Anstrengung und Unruhe ins Leben – das ist überhaupt nichts für so ein Weichei wie mich, aber da muss ich durch. Was den Zustand der Welt anbelangt, so halte ich mich von ihr fern, so gut es geht, aber auch hier ist ja kein Entkommen und klar, es wirkt auf mich ein und läßt nicht unberührt. Aber auf die Wonnen der Wehmut und Melancholie lass ich nichts kommen, da weißt du bescheid 🙂 !
        Herzlichen Gruß
        Eno

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Eno,

        erstens kann man sich das mit dem Mitgefühl nicht raussuchen, Das überkommt einen einfach oder nicht. Zweitens hab ich zwar im Moment keinen eigeklemmten Ischias-Nerv, dafür aberim Laufe meines Lebens angesammelte Bandscheibenschäden vom Feinsten. Deshalb liegt die von Liebscher-Bracht vorgestellte Übung auch außerhalb meiner Möglichkeiten. Du siehst, ob ich will oder nicht, ich fühle mit dir. 😉

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      • Eno Silla schreibt:

        Und ich mit dir!

        Einer meiner Chefs in der Arbeitswelt kommentierte seine vielfältigen Beschwerden mit dem Satz: „Solange da noch Schmerzen sind, ist da noch Leben.“
        Es gibt da ja auch den Satz eines großen Philosophen:
        „Ich fühle (Schmerz), also bin ich.“

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Eno, jetzt hab ich noch eine Bekannte gefragt, ob sie was gegen Ischiasbeschwerden weiß, also eine wirklich weise, erfahrene Frau. Sie meinte nur ganz trocken: „Der Junge barucht einfach mehr Sex.“ Also, Ikkyu bewundern, nützt allein nichts.

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      • Eno Silla schreibt:

        Guter Tipp!
        Sag vielen Dank, wär ich überhaupt nicht drauf gekommen, ich geh jetzt ins Freudenhaus und lass mich kurieren 🙂 !

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      • Nitya schreibt:

        Na, da kann ich dir nur viel Freude wünschen, lieber Eno. Aber übertreibs nicht gleich wieder. In deinem hohen Alter sollte man die Sache vielleicht etwas gemächlich angehen. Muss ja nicht das Bett wackeln wie auf deinem Bildchen. 😉

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      • Eno Silla schreibt:

        Wenn schon dann richtig, lieber Nitya, ich bin ja ein leidenschaftlicher Typ, hab alles mitgenommen, was Leiden schafft. Ficken bis zum Herzinfarkt, was für ein schöner Tod, kommt bei mir gleich an zweiter Stelle, nach dem „Tot vom Fahrrad fallen“, was sehr viel wahrscheinlicher ist.

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    • Brigitte schreibt:

      Lieber Eno, falls irgendmöglich und du dich auch nur 1 mm bewegen kannst, probier bitte diese Übung aus. Mir hat sie tatsächlich geholfen und bei den schlimmsten Ischiasschmerzen Erleichterung verschafft. Mittlerweile mache ich sie sofort bei den ersten kaum wahrnehmbaren Anzeichen und kann dann sogar auf Schmerzmittel verzichten. Ein Versuch ist es wert. Gute Besserung.

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      • Eno Silla schreibt:

        Liebe Brigitte,
        danke für die Anteilnahme. Ich schaue mir das gleich an. Mal spüren was es bewirkt.
        Gruß
        Eno

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      • Eno Silla schreibt:

        Ja, liebe Brigitte, die beschriebene Ischalgie trifft auf meine Beschwerden exakt zu, habe bereits die beschriebene Übung ausgeführt und der erste Eindruck: wirkt tatsächlich erleichternd! Ich könnt dich küssen 🙂 !

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      • Eno Silla schreibt:

        Liebe Brigite,
        hier mal ein Bericht vom heutigen Tag. Die Übung ist eine wahre Wunderübung bei einer Ischialgie. Gleich nach dem ersten Ausprobieren spürte ich Erleichterung. Habe die Übung während des Tages mehrmals gemacht und konnte wieder aufrecht gehen. Der Schmerz hat sich um ca. 60 % reduziert – fantastisch! Im Jahre 2014 hatte ich damit Monate zu tun, trotz mehrerer Ärzte und Krankengymnastik, sogar Chiropraktik, nichts half. Jetzt habe ich heftige Schmerzen seit einer Woche gehabt, gestern konnte ich kaum gehen und es war erst nach der Einnahme von Novaminsulfontropfen einigermaßen erträglich. Jetzt in diesem Moment kann ich ohne Schmerzen vom Stuhl aufstehen… Ich bin begeistert! Vielen Dank für diese hilfreiche Übung!
        Liebe Grüße
        Eno

        Gefällt 2 Personen

      • Brigitte schreibt:

        Wunderbar, das freut mich sehr. Ja, diese Übung ist wirklich Gold wert!

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  3. Baboji schreibt:

    Hat dies auf Radikale Erleuchtung rebloggt.

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