Liä Dsï: Sich hinten halten und dadurch vorne weilen

Meister Liä Dsï lernte bei Hu Kiu Dsï Lin.

Hu Kiu Dsï Lin sprach: „Wisst Ihr, dass, wer sich hinten hält, dadurch sein Selbst behalten mag?“

Liä Dsï sprach: „Ich möchte erfahren, was es heißt, sich hinten zu halten.“

 Hu Kiu Dsï sprach: „Blickt auf Euren Schatten, so wisst Ihr es!“

Liä Dsï wandte sich und betrachtete seinen Schatten. Krümmte er seinen Körper, so war sein Schatten krumm, richtete er seinen Körper auf, so war sein Schatten gerade. Ob der Schatten krumm war oder gerade, wurde von dem Körper bestimmt und nicht von ihm selber. Sich beugen und sich ausdehnen, wie es den Verhältnissen entspricht, und es nicht selber bestimmen, das heißt sich hinten halten und dadurch vorne weilen.

aus: Liä Dsï, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

Also ich hab mal wieder keine Ahnung, auf was der Herr Liä Dsï da hinaus will. Aber das macht nix, denn so kann ich ohne Rücksicht auf Verluste munter drauflos spinnen. Der Herr Hu Kiu Dsï Lin fängt da mit so einer typischen Lehrerfrage das Gespräch an: „Wisst Ihr, dass, wer sich hinten hält, dadurch sein Selbst behalten mag?“ Na ja, in Ch’an-Kreisen ist man ja komische Fragen gewöhnt. Also der Herr Liä Dsï antwortet jedenfalls brav: „Ich möchte erfahren, was es heißt, sich hinten zu halten.“ Von mir hätte der Herr Hu Kiu Dsï Lin bestimmt eine andere Antwort gekriegt, aber ich bin ja auch nicht brav. Bei dem Stichwort „sich hinten halten“ fallen mir die sieben Schwaben ein. Der größte Maulheld musste vorne weg gehen, stemmte sich aber angesichts des Untiers vor ihm angstvoll nach hinten gegen den Druck derjenigen, die sich hinter ihm hielten und umso mutiger waren, je weiter sie sich hinten hielten. Aber Hu Kiu Dsï meint offensichtlich etwas ganz anderes: „Blickt auf Euren Schatten, so wisst Ihr es!“ Also dafür reicht mein IQ wieder nicht aus. Das einzige, was mir einfällt, ist Lucky Luke, der Mann, der schneller schießt als sein Schatten:

Nein, das ist es also auch nicht. Aber Gott sei Dank hilft Meister Liä Dsï mir auf die Sprünge. Er überlegt: „Krümmte er seinen Körper, so war sein Schatten krumm, richtete er seinen Körper auf, so war sein Schatten gerade. Ob der Schatten krumm war oder gerade, wurde von dem Körper bestimmt und nicht von ihm selber.“ Also er krümmt seinen Körper, aber ob sich sein Schatten auch krümmt, bestimmt nicht er, sondern sein Körper. Vielleicht findet sich unter meinen geschätzten Lesern ja jemand mit einem überragenden IQ, der mir verklickern kann, wie das gemeint ist. Ich scheine zu blöd dafür zu sein. Ich würde sagen: Ich forme mittels meines Körpers meinen Schatten, wie nachfolgende Beispiele beweisen werden:

Aber jetzt kommt die finale Erklärung von Meister Liä Dsï: „Sich beugen und sich ausdehnen, wie es den Verhältnissen entspricht, und es nicht selber bestimmen, das heißt sich hinten halten und dadurch vorne weilen.“ Hmm, das is ja jetzt mal was ganz anderes: Sich anpassen, wie es den Verhältnissen entspricht. Da gibt es dieses Klischee vom Engländer in der Wüste, wie er da mit Schirm, Times und Melone in der Gluthitze herumspaziert und sich durch nichts in seinem Gentleman-Selbstbild beirren lässt. Alles muss nach seinen festgefahrenen Vorstellungen funktionieren. Was interessieren ihn irgendwelche Verhältnisse? Wenn überhaupt haben die sich ihm anzupassen und nicht umgekehrt. Er will also selbst bestimmen, was bedeutet, dass er sich vorne hält und dadurch hinten verweilt.

Nun ist es aber so, dass Anpassungsfähigkeit die Überlebensfähigkeit der Arten in einem hohen Maße sichert. Biologisch gesehen, ist es also Zeichen von Intelligenz, sich eher den Verhältnissen anzupassen als zu versuchen, die Verhältnisse auf Biegen und Brechen seinen Vorstellungen anzupassen.

Ob Liä Dsï allerdings darauf hinaus wollte, entzieht sich meiner Kenntnis. Worum ging’s jetzt eigentlich? Ging’s denn um was? Das hab ich mich schon oft gefragt, wenn einer mit einer typischen Lehrerfrage anfing. Naja, aber was soll’s, schließlich haben einige sehr edle Advaitins hier schon die Sinnlosigkeit der Welt besungen. Ich glaub, jetzt brauch ich dringend ’n Kaffee.

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8 Antworten zu Liä Dsï: Sich hinten halten und dadurch vorne weilen

  1. Angela schreibt:

    Guten Morgen, Nitya!

    „… Worum ging’s jetzt eigentlich? Ging’s denn um was?

    Da kam ich ins Grübeln….Meine detektivische Ader erwachte, 😀 und spuckte folgende Deutung aus:

    “ Ob der Schatten krumm war oder gerade, wurde von dem Körper bestimmt und nicht von ihm selber. „…..

    Der Körper gehört der Form an, entsteht und vergeht,… und nicht dem unsterblichen Selbst, was von Hu Kiu Dsï Lin mit den Worten „ihm selber“ ausgedrückt wird.

    „… Sich beugen und sich ausdehnen, wie es den Verhältnissen entspricht, und es nicht selber bestimmen, das heißt sich hinten halten und dadurch vorne weilen…“

    Ist damit vielleicht gemeint, dem Leben keinen Widerstand entgegenzusetzen und den gegenwärtigen Moment zuzulassen, nämlich die vergängliche Natur aller Dinge und Umstände anzunehmen und dadurch „vorne zu weilen“ , d.h. Frieden zu finden?

    Ob es nun so gemeint war, oder nicht, es hat mir jedenfalls Freude gemacht, über diese rätselhafte Geschichte nachzudenken…

    LG von Angela

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    • Nitya schreibt:

      Guten Mittag, liebe Angela,

      hab dich jetzt erst entdeckt, deshalb die verspätete Freischaltung. Du hast da einen feinen Satz geschrieben: „Ob es nun so gemeint war, oder nicht, es hat mir jedenfalls Freude gemacht, über diese rätselhafte Geschichte nachzudenken…“ Kein Aas weiß, wie etwas wirklich gemeint war. Aber die Egebnisse deiner detektivischen Aktivitäten haben auf jeden Fall ewas für sich. Wir können alle nur unsere Vermutungen kundtun. Und wenn dir das Freude gemacht hat, dann ging’s genau darum. 🙂

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  2. ananda75 schreibt:

    Vielleicht ist es auch einfach eine komische Übersetzung, das „hinten “
    😏
    Alles Liebe 💜

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  3. fredoo schreibt:

    nun ja werter nitya … es ist mir zwar schon recht klar , jetzt opfer einer masche des nitya zu werden , aber warum denn nicht , schließlich hat uns der hanseatische eichhörnchenfan mit seinen täglichen „ergüssen“ ja schon jede menge anregung gegeben , da ist so ne freiwillige fallen-besetzung ja das mindeste …
    also … für mich wird in dem text nix anderes „verkündet“ , wie in dem von mir so gemochten „hinterlasse keine spuren“ …
    es geht dabei aber nicht um eine handlungsanweisung , sondern um eine ( sorry jetzt wirds kompliziert ) wahrnehmungsausgangspunkthaltung … eine haltung des „inneren schwerpunktes“ … wo bin ich (eigentlich) im Moment einer handlung ? … bin ich „vorne“ als akteur ? … oder bin ich beim „zeugen“ ? … wo ist in der handlung so etwas wie ihr kulminationspunkt ?
    sicherlich ist es phänomen , der „AHA“-betroffenen , das sie fürderhin diesen punkt sehr viel weiter „hinten“ empfinden , als der sich „selbst“ aktiv wähnende „normalo“ …
    jedoch scheint es wohl auch möglich , anscheinend gar nicht so selten , dass sich dieser „hinten“-schwerpunkt auch bei denen ergibt , die einfach (nur) sehr genau diese show des lebens betrachten und sich nicht nur in dem rausch der (selbst)aktion verlieren , sondern eine skeptischere betrachtung der zusammenhäbnge von handlung und anscheinend handelndem zustande bringen …
    diese würden wohl auch ein bild wie „betrachte den schatten“ ( als ob er der handelnde wäre und überprüfe diese einschätzung ) an eventuelle nachfolger weiterreichen …
    wer sich (als vorgeblich handelnden) „hinten“ (also im wirkbereich des ABSOLUT) verorten kann , ist tatsächlich „vorne“ , da „wo die musik spielt“ , er trägt damit „das trikot der ersten mannschaft“ …
    somit wird aus rückzug „des eigenen“ eine wahre er-mächtigung …
    ( ein bild was sich auch im klugen I-GING finden lässt ) …

    😉

    Gefällt 2 Personen

    • Nitya schreibt:

      Musst du mal wieder dem hanseatische Echhörnchenfan die Maske von seiner Vosage reißen … tz tz tz.

      Aber ich muss sagen, werter Her Fredoo, das haste mal wieder sauber hingekriegt. Jetzt muss ich mir allerdings Gedanken darüber machen, ob ich das Wort „Wahrnehmungsausgangspunkthaltung“ meinem Wortschatz einverleiben will oder nicht.

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    • Nitya schreibt:

      Vielleich noch als kleine Ergänzung zu dem von dir so gemochten „Hinterlasse keine Spuren“ … Das ist ja auch soeine hübsche „Auffoderung“. Wer das wörtlich nimmt, kann sich nur am nächsten Baum aufhängen, hinterlässt allerdings selbst damit seinen Mitmenschen seinen stinken Kadaver, Es ist natürlich völlig unmöglich, keine Spuren zu hinterlassen.

      Du hast es exakt auf den Punkt gebracht mit deinem Hinweis: „Jedoch scheint es wohl auch möglich, anscheinend gar nicht so selten, dass sich dieser ‚Hinten‘-Schwerpunkt auch bei denen ergibt, die einfach (nur) sehr genau diese Show des Lebens betrachten und sich nicht nur in dem Rausch der (Selbst)Aktion verlieren, sondern eine skeptischere Betrachtung der Zusammenhäbnge von Handlung und anscheinend Handelndem zustande bringen.“

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      • ananda75 schreibt:

        Ich noch mal 😊
        Lese gerne und kann auch durchaus nachvollziehen was ihr da so sagt…
        In der Bibel steht ja auch „Die Letzten werden die Ersten sein“
        Was ich aber da grad sehe, sind einfach verschiedene Phasen , in denen Mensch sich befindet…
        Ich seh mich selbst in anderen Zeiten lustvoll in’s Getümmel der Worte schmeißen wie der Filoso-Fisch in’s Wasser
        Zur Zeit grad seh ich hinten/ vorne und denk – wozu – ist doch egal, man ist wo man grad halt ist
        Ich seh „Skeptische Betrachtung “ und denk – warum nicht einfach betrachten

        Das ist grad gut für mich – mich zu sehen, wie ich jetzt grad bin
        Danke euch dafür 💜
        … und kann auch schon in zehn Minuten wieder ganz anders sein
        😏

        Gefällt 1 Person

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