Karl Renz: Du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten


Du kannst nur für eine relative Wahrheit bereit sein. Vielleicht für hohe Energien oder intensive Erfahrungen oder so etwas, aber niemals für dich selbst. Das Selbst verlangt niemals, dass du für das bereit bist, was-du-bist. Es gibt keine Notwendigkeit für diese Bereitschaft. Deshalb solltest du das nicht durcheinanderbringen. Deshalb frage ich, was dein Ziel ist. Wenn es dir darum geht, schlank oder in einem supernatürlichen „Aurobingo“-Zustand zu sein, wunderbar, dann kannst du dich darauf vorbereiten, indem du Yoga-Techniken oder sonst was erlernst. Dann gibt es viele Lehrer, die dir das beibringen können. In Poona schwirren sie überall herum. Die ganze Welt ist voll mit ihnen. Aber es gibt keinen Weg, um bereit für das zu werden, was-du-bist. Trotzdem musst du es versuchen. In einem relativen Sinn kannst du also etwas tun, um z.B. einen gesunden Körper oder ein gesundes Ego zu haben, damit du in der Welt perfekt funktionieren kannst, in Harmonie mit deiner Umgebung – das alles kann passieren. Aber du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten.

aus: Karl Renz, „May It Be As It Is“

Meine Fresse, das ist jetzt auch schon wieder elf Jahre her, dass ich meinen Schlaganfall hatte. Komisch, wieso fällt der mir gerade wieder ein, als ich den Text von Karl las. Vielleicht, weil ich mich auf den auch nicht vorbereiten konnte? Plötzlich war er da. Als es meinen Großvater erwischte, war er auf der Stelle mausetot. Ich hatte Glück, trotzdem – irgendwo spukte mir damals im Kopf rum: „Notarzt, und zwar sofort. Es kommt auf jede Minute an!“, aber da war kein Impuls, das zu tun. Der einzige Impuls war, zu prüfen, was denn gerade alles nicht mehr so funktionierte, wie es eben noch funktioniert hatte, um so meine Eigendiagnose „Schlaganfall“ abzusichern. Okay, die Symptome waren eindeutig und der einzige Impuls, den ich in mir vorfand, war, mich ins Bett zu legen und einfach zu gucken, was passieren wollte. „Bloß keinen Notarzt-, Rettungswagen- und Klinikstress jetzt!“ dachte ich noch und machte es mir in meinem Heiabettchen gemütlich. Die Neuner wollens immer gemütlich haben. Da lag ich dann einfach so rum, ohne Hoffnung, ohne Angst, und war einfach nur da. Ich könnte das jetzt spirituell erhöhen und munter behaupten, das sei eine sehr fortgeschrittene Form geistiger Gedanken- und Gefühls-Askese gewesen, aber das wäre einfach nur Quatsch. Da war nix von Askese. Da waren einfach keine Gedanken und Gefühle da. Kein Verdienst meinerseits. War einfach so. Da war nur ein absoluter, wundervolle Friede.

Was habe ich nicht schon für Gruppen und Workshops mitgemacht, was hab ich nicht schon für Gruppen und Workshops angeboten … und jedes Mal war hinterher dasselbe Gefühl da: „Das ist es nicht.“ Ich hatte nie so richtig Lust, das weiterzuführen. Wozu auch, wenn es das nicht war? Als ich da mit meinem funkelnagelneuen Schlaganfall in meinem Bett lag, war da unausgesprochen nur das Gefühl da: „Das ist es.“ Ich stimme dem Karl absolut zu, wenn er sagt: „Du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten.“ Das, worauf ich mich vorbereiten kann, liegt immer in der Zukunft. DAS ist aber nur gegenwärtig „zu haben“. Haben kann man es sowieso nicht, aber sein kannst du es. Du bist es ja eh. Sein im Sinn von bewusst sein, kannst du es jedoch offensichtlich nur, wenn du nicht hinter diesem und jenem her jagst, auch nicht hinter dem DAS her, denn dann hättest du aus dem DAS ein Objekt gemacht und dich auf diese Weise daran gehindert, es zu sein.

Ob ich mal einen Workshop anbieten sollte „Dem Tod ins Auge blicken“? Dabei müssten sich alle dem Riskiko zu sterben aussetzen. Ausgang völlig ungewiss. Und dann – DAS! Ha, klingt doch geil! Aber ich werde mich hüten, so’n Scheiß zu machen. So bescheuert bin ich nun wieder auch nicht. Aber wer weiß, wie lange noch?

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6 Antworten zu Karl Renz: Du kannst dich niemals auf DAS vorbereiten

  1. fredoo schreibt:

    Dieses merkwürdige einzig wahrhaft substanzielle DAS , das aber keine Substanz hat .
    Dessen Auftauchen stets verblüfft …
    Besser formuliert , was im Moment , der sich als MOMENT „enttarnt“ , als einziges , als DAS übrigbleibt …
    Diese Übrigbleibung geschieht stets unveranlasst , unbedingt , aber doch stets vollständig …
    Was gibt es noch zu sagen ? …
    Tja … was weiß denn ich …
    beziehungsweise , was müsste denn gewusst werden … ?
    Ich vermute , nicht das geringste …
    gesegnet sind die Ahnungslosen …
    vorher … da ihnen die überflüssigen Mühen einer Suche erspart bleiben …
    nachher … da ihnen die Mühen einer Erklärung erspart bleiben , die immer an der Unwörterbarkeit dieser simplen Unmittelbarkeit , auch DAS genannt , scheitern müssen …
    und doch hat mich meine Schwatzhaftigkeit im Griff , die immer wieder um dieses seltsame „AHA“ kreisen muss …
    man oh man … wie überflüssig …
    und doch … hier schreibe ich , und kann nicht anders .

    Gefällt 4 Personen

  2. punitozen schreibt:

    ….Bei einem Schlaganfall ist schnelles Handeln gefragt: „Zeit ist Hirn ! “ 🙂
    Punito

    Gefällt 2 Personen

  3. Eno Silla schreibt:

    alles kommt und geht
    in diesem augenblick
    augenblicklich konfrontiert
    erfahren wir uns
    halsbrecherisch dahinrasend
    in der achterbahn des lebens

    Gefällt 2 Personen

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