Ramesh Balsekar: Es gibt nur einen Zustand


Wenn Gewahrsein in Kontakt mit einem Objekt ist, mit einer physischen Form, dann kommt es zu einem Bezeugen: Das Objekt wird sensorisch empfangen, dabei aber weder verglichen noch beurteilt.

Wenn das Individuum als getrenntes Wesen mit einem eigenen Willen identifiziert ist, beschränkt  sich der Kontakt mit einem Objekt nicht länger auf ein reines Bezeugen, sondern wird zu einem individuellen Wesen, das beobachtet und dabei vergleicht und beurteilt.

Doch die überaus entscheidende Tatsache ist, dass es nur einen Zustand gibt. Wenn der Zustand durch persönliche Täterschaft korrumpiert und verunreinigt ist, dann wird er Ego genannt, die individuelle Entität; wenn er lediglich durch ein Empfinden unpersönlicher Präsenz gefärbt ist, der dem angeregten Bewusstsein entspricht, dann wird er das bezeugen; wenn er in einer unberührten Reinheit verbleibt, makellos und nicht gefärbt, in seiner ursprünglichen Ruhe, dann ist er das Absolute.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Wikipedia: „Nach einer westlichen Erziehung machte Balsekar Karriere als Manager, bis er sich im Alter von 60 von seinem Posten als Präsident der Bank of India zurückzog. Nach seiner Pensionierung führte ihn seine Suche nach Erleuchtung zu Nisargadatta Maharaj.“ Der Präsident der Bank of India geht zum Bidiverkäufer, setzt sich zu dessen Füßen und lauscht dem, was dieser ihm offenbart. Lauschen, Schweigen, Fragen, Antworten, Schweigen … Im sog. aufgeklärten Westen neigen wir zu einem ganz anderen Verhalten. Alles, was der „Da-vorne-Sitzende“ sagt, wird bestenfalls als These begriffen, zu der man sofort Antithesen bildet und, haste nicht gesehen, ist man in eine heftige Diskussion verwickelt, in der jeder glaubt, seine Position bis zum letzten Blutstropfen verteidigen zu müssen. Wenn ich nicht in einer Gesprächsgruppe über alles und nichts in jungen Jahren erlebt hätte, dass das selbst ohne Guru möglich ist, hätte sich in mir sicher das Vorurteil gebildet, dass Lauschen eine asiatische Fähigkeit ist. Ich habe extra „Lauschen“ geschrieben und nicht „Zuhören“.  Ramesh schreibt: „Wenn Gewahrsein in Kontakt mit einem Objekt ist, mit einer physischen Form, dann kommt es zu einem Bezeugen: Das Objekt wird sensorisch empfangen, dabei aber weder verglichen noch beurteilt.“ Genau das ist für mich Lauschen: Sensorisch empfangen und dabei weder vergleichen noch beurteilen. Lauschen, schweigen, wirken lassen und auch dem einfach lauschen. Ein Stein fällt ins Wasser, die Wasseroberfläche bildet ihre Kreise, bis diese wieder in den vorherigen Ruhezustand übergegangen sind.

„Wenn das Individuum als getrenntes Wesen mit einem eigenen Willen identifiziert ist, beschränkt  sich der Kontakt mit einem Objekt nicht länger auf ein reines Bezeugen, sondern wird zu einem individuellen Wesen, das beobachtet und dabei vergleicht und beurteilt.“ Und sich mit großer Wahrscheinlichkeit selbst betroffen und ggf. angegriffen fühlt und in der Folge um sein eigenes Überleben kämpft. Ich muss nur an diese unsäglichen Talkshows im Fernsehen denken, in denen unsere Vorbilder uns ständig vorführen, dass es besser ist, nicht zuzuhören, geschweige denn zu lauschen, sondern dem anderen von Anfang an ins Wort zu fallen und ihn eines Besseren zu belehren, gleichgültig, was der andere gerade absondern wollte. Ein einziges Hauen und Stechen und ein ständiger Kampf ums Überleben.

Abschließend beschreibt Ramesh drei Zustände: Den Ego-Zustand, den Zustand des Zeugen und den Zustand des Absoluten, wobei er feststellt, dass es letztlich nur einen Zustand gibt. Zum Ego-Zustand sagt er: „Wenn der Zustand durch persönliche Täterschaft korrumpiert und verunreinigt ist, dann wird er Ego genannt, die individuelle Entität.“ Hör ich da nicht ganz leise eine Bewertung heraus und eine kühne Behauptung – nämlich die Behauptung, dass es da irgendetwas gäbe, das verunreinigt werden könnte? Und die Bewertung liefe darauf hinaus, dass der Ego-Zustand schlecht, der Zustand des Zeugen schon besser, aber nicht gut genug, und der Zustand des Absoluten vollkommen sei. Oder hör ich da etwas hinein, was da so gar nicht steht oder gemeint ist? Es gibt nur einen Zustand, sagt Ramesh. Und der ist in all seinen Zuständen vollkommen, füge ich hinzu. Auch der Ego-Zustand ist ein vollkommener Ego-Zustand, und das damit verbundene Leiden, ist vollkommenes Leiden, und die damit verbundene Freude, ist vollkommene Freude. Mensch, bleibe menschlich!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ramesh Balsekar: Es gibt nur einen Zustand

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s