Osho: So etwas wie „Willenskraft“ gibt es überhaupt nicht


Wer im Ungeborenen Reich verweilt,
Dem löst sich aller Schein ins Dharmata auf
Und Eigenwille und Stolz verschwinden im Nichts.

Tilopa

Und wenn du siehst, dass die Dinge von allein geschehen, wie kann sich dann aus ihnen ein Ego, ein Stolz ansammeln? Wie kannst du von „Ich“ sprechen, wenn der Hunger für sich selber sorgt, sich selber stillt, von selbst zur Sättigung wird; wenn das Leben sich selber überlassen wird, sich selbst erfüllt, von selbst zu Tod und Ruhe kommt? Wer bist du denn, dass du sagst: „Ich bin“? Der Stolz, das Selbst, der Eigenwille lösen sich auf. Dann tust du nicht das Geringste –  du sitzt einfach in deinem innersten Wesenskern … und das Gras wächst von allein … alles geschieht von allein.

Nicht leicht, das zu verstehen, denn ihr seid dazu erzogen worden, etwas zu tun; man hat euch eingeprägt, dass es auf das Tun ankommt, dass man unentwegt auf der Hut und in Bewegung und im Kampf sein muss. Ihr seid von einem Milieu erzogen worden, das euch einredet, dass man für sein Leben kämpfen muss, denn sonst ist man verloren und verkauft, sonst wird nichts aus einem. Ihr seid mit dem Gift des Ehrgeizes aufgewachsen. Und besonders im Westen, wo es dafür einen ausgesprochen unsinnigen Ausdruck gibt, den Ausdruck „Willenskraft“. Es ist einfach absurd. So etwas wie „Willenskraft“ gibt es überhaupt nicht – ein Traum, ein Phantom. „Wille“ ist völlig überflüssig. Die Dinge geschehen ganz von selbst, das ist ihre Natur.

aus: Osho, „Tantra – Die höchste Einsicht“

Wenn die beiden Spielführer beim Fußballspielen im Sportunterricht ihre Mannschaft zusammenstellen sollten, wurde ich zu meiner Freude komischerweise immer übersehen und saß vergnügt auf der Reservebank und konnte so diesen Verrückten zugucken, wie sie ihr Äußerstes gaben, um gegen die andere Mannschaft zu gewinnen. Nach Spiel-Ende gab es auf der einen Seite lautes Triumphgeheul, während die andere Seite rachelüstern Revanche forderte. Es gab noch einen Mitschüler, der meist auch die Reservebank drücken musste und darüber so wenig unglücklich zu sein schien wie ich. Jedenfalls grinsten wir uns immer freundlich an.

Wie ist das nun mit der Willenskraft: Gibt es sie oder gibt es sie nicht? Waren mein Mitschüler und ich einfach nur willensschwach? Die anderen schienen total beseelt davon zu sein, ihre Gegner zu besiegen, während das uns beiden auf der Reservebank ziemlich gleichgültig zu sein schien. Hatten wie beide etwa irgendeinen Gen-Defekt? Also ich muss ja gar nicht so weit in die Vergangenheit gehen. Mein Lieblingsdoc legt mir ja wider besseres Wissen immer wieder nahe, nicht nur viel Wasser zu trinken, sondern auch, mich draußen in der frischen Luft zu bewegen und wenigstens regelmäßig ein bisschen herum zu spazieren. Mach ich das? Ich kann nichts dergleichen feststellen. Ein Kardiologe war da mit seinem Weckruf „Bewegung oder Siechtum“ sehr viel eindringlicher. Ich antwortete ihm damals nur so aus tiefstem Bauch heraus: „Schauen Sie mich doch an: Ich bin fett, faul und gefräßig.“ Ich habe da keine Hoffnung, dass ich dem Siechtum entkommen werde. Einem geplagten Freund riet ich mal, in vergleichbaren Situationen seinem Antreiber mit dem Satz „Das finde ich so nicht in mir vor“ zu begegnen. Allgemein wird ja empfohlen, sich bei fehlender Willenskraft einem tüchtigen Antreiber anzuvertrauen, der einem die fehlende Willenskraft ersetzen kann. Und wer treibt den Antreiber an? Ich würde mal sagen, der hat so etwas wie einen inneren Antreiber. Na, Prost Mahlzeit! Bin ich froh, dass ich mich nicht auch noch mit so was rumärgern muss. Ich weiß nur zu gut, warum mir die Taoisten schon in meiner Jugend so sympathisch waren. Die saßen wahrscheinlich auch schon ihr ganzes Leben auf der Reservebank.
Aber jetzt weiß ich immer noch nicht, ob Osho recht hat mit seiner Behauptung, dass es so etwas wie Willenskraft nicht gibt. Tilopa gesteht ja immerhin noch zu: „Wer im Ungeborenen Reich verweilt, dem löst sich aller Schein ins Dharmata auf und Eigenwille und Stolz verschwinden im Nichts.“ Na ja, Eigenwille und Stolz nennt er dann doch Schein. Sie existieren also, jedoch nur scheinbar. Das gilt aber nur für den, der im Ungeborenen Geist verweilt. „Aber wer kann schon ständig im Ungeborenen Geist verweilen? Irgendwann muss der doch auch mal aufs Klo!“ Als ob es da ein Entweder-Oder gäbe. Das klingt jetzt wieder sehr unheilig, aber man kann sehr wohl im Ungeborenen Geist verweilend auf dem Klo sitzen. Wenn der Ungeborene Geist nur in Ausnahmesituationen präsent sein sollte, könnte man ihn glatt vergessen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Osho: So etwas wie „Willenskraft“ gibt es überhaupt nicht

  1. Pieter schreibt:

    ich lach mich schlapp mit Deinen animierten Grafiken, und mit Text bin ich konform.
    Danke fürs zum Lachen bringen

  2. punitozen schreibt:

    Tu nichts mit dem Körper – entspanne dich nur,

    Verschliesse fest den Mund und sei still.

    Entleere deinen Geist und denk an nichts.
    ( Tilopa )

    Bin zu faul für Wettbewerb !
    ( Punito )

    P.S : http://www.songtexte.com/uebersetzung/peter-gabriel/solsbury-hill-deutsch- 6bd6b67e.html

  3. Alexandra schreibt:

    Sitzt du , lieber Nitya, nicht deshalb herum weil du das so willst? Ansonsten wäre Willenskraft die Kraft, die dem inneren „wollen“ entgegensteht… oder? Ist wollen nicht immer da in einem kleinen Impuls, dem oft einfach ohne zu überlegen nachgegangen wird? Bei manche. Menschen ist natürlich auch ein sehr ausgeprägter Wille da, etwas unbedingt erreichen zu wollen… schaffen sie es, schreiben sie es ihrer Willenskraft zu. Schaffen sie es nicht, sind es die Umstände. Ich bin als Enneagramm-neuner eher mit weniger Eigenwillen ausgestattet. Ich muss mich eher fragen: was will ich (wirklich)? Aber eben nur als feiner Impuls, nicht um dem was das Leben bietet zu widerstehen.
    Wenn ich allerdings am verhungern wäre, würde da nicht ein enormer Wille aufsteigen, was zu essen zu kriegen?

    • Nitya schreibt:

      Liebe Alexandra,

      „nicht wie ich will, sondern wie du willst. Herr, dein Wille geschehe!“ Besser: Herr dein Wille geschieht. Gottes Wille, wenn man den schon bemühen will, ist das, was geschieht Gottes Wille und mein Wille sind vollkommen eins. Selbst der scheinbare Ego-Wille ist Gottes Wille.

      „So etwas wie ‚Willenskraft‘ gibt es überhaupt nicht“. Ich übersetz das mal so: So etwas wie einen vom Ganzen abgetrennten Ego-Willen gibt es überhaupt nicht.

      • Alexandra schreibt:

        Wenn das Vertrauen in Gottes Willen verloren geht –und auch das wäre Gottes Wille! –kommen Güte und Mitgefühl ins Spiel. Wenn Güte und Mitgefühl verloren gehen, tauchen moralische Vorschriften auf. Wenn die Moral verloren geht, werden religiöse Dogmen erlassen. Da die Religion nur die Schale und nicht der Kern des Vertrauens ist, gibt es religiöse Kriege. Ramesh Balsekar

      • Nitya schreibt:

        Hat er vom Laotse geklaut. 😉
        Darf er auch, weil’s so gut ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s