Tao-hsin: Soll ich meine Frau achten?


Ein Mann besuchte Tao-hsin und fragte ihn „Soll ich meine Frau achten?“ Tao-hsin fragte zurück „Warum nicht?“

Später sagte Tao-hsin: „Behandle deine Umwelt wie deine Hand.“

aus: Die verschollenen Schriften von Tao-hsin

Jesus ging da noch ein Stück weiter. Eine Hand verträgt schon mal eine Verletzung, aber es braucht dir nur ein Staubkorn ins Auge fliegen und du bist schon fast völlig außer Gefecht gesetzt. Und ähnlich ist es mit deiner Seele. Sie leidet unter der kleinsten Kränkung. Daher sagte Jesus: „Liebe deinen Bruder wie deine Seele, achte auf ihn wie auf deinen Augapfel.“ (Thomas, 25) Buddha ist die Sache anders angegangen. Er empfahl: „Liebe dich selbst und beobachte – heute, morgen, immer.“

„Soll ich meine Frau achten?“ fragt der olle Miesepeter oben auf dem Bild und betrachtet missmutig sein verrücktes Eheweib, das sich einfach nicht anständig verhalten will und in der Gegend herumhüpft, als wäre sie noch ein junges Ding. Tao-hsin sagt: „Behandle sie wie deine Hand!“ Jetzt steht der Olle da und überlegt sich, wie er seine Hand behandelt. „Eigentlich gar nicht“, denkt er. „Aber meine Hand ist auch nicht so verrückt wie diese olle Kuh, die sich aufführt, als sei sie siebzehn. Wenn meine Hand sich so benehmen würde, würde ich sie in einen Gipsverband einsperren. Das wäre ja wirklich das Letzte so’ne Hand.“

Jesus sagt: „Liebe dein Weib wie deine Seele, achte auf sie wie auf deinen Augapfel!“ Der Alte steht völlig verdattert da. „Wie soll ich diese Verrückte wie meine Seele lieben? Meine Seele benimmt sich anständig, falls es sie überhaupt gibt, aber diese dusselige Ziege … jetzt soll ich auch noch auf sie achten! Ich bin froh, wenn ich sie nicht sehen muss. Und außerdem: Jetzt soll ich schon wieder was. Was hat dieser Stirner Max da mal geschrieben: ‚Was soll nicht alles meine Sache sein!‘ Genau. Recht hat der Mann! ‚Soll ich meines Bruders Hüter sein?‘ steht irgendwo in der Bibel. Und der das gesagt hat, hat auch recht. Soll doch die Zimtzicke machen was sie will! Auf mich hört sie eh nicht.“

Es funktioniert einfach nicht, was Tao-hsin und Jesus da vorschlagen. Bleibt in meiner Aufzählung noch der Buddha mit seinem „Liebe dich selbst und beobachte – heute, morgen, immer.“ Aber was könnte er mit diesem „Liebe dich selbst!“ gemeint haben? Sollen wir jetzt alle Narzisten werden, die sich den lieben, langen Tag im Spiegel bewundern und Selfies machen? Ich habe ein bisschen Mühe mir vorzustellen, dass es so gemeint war. Einfach sein ist Liebe sein. „Spieglein, Spieglein an der Wand, …“ ist die ständige Angst, nicht die oder der Schönste im ganzen Land zu sein. Und der Narziss beschränkt seine Bewunderung auf die Spiegelung dessen, wofür er sich hält. Das ist einfach nur ein bisschen gaga. Einfach sein ist Liebe sein. Und Liebe schließt nichts aus. Also muss sich niemand abstrampeln, den anderen zu lieben wie seine Seele oder seine Hand oder Augapfel. Das ist einfach die Folge davon, einfach zu sein. Ich könnte also Buddhas Hinweis auch so formulieren: Sei einfach ganz achtsam du selbst – heute, morgen, immer.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s