Der Meister: Das ist der natürliche Lauf der Dinge


Der kleine Yi Xiu lebte als Novize im Tempel und war ein schlauer junger Bursche. Eines Tages wischte er in der Klause des Meisters wie immer den Staub von den Teetassen. Aus Unachtsamkeit fiel ihm dabei die handbemalte Lieblingstasse des Meisters zu Boden und zerbrach in viele kleine Scherben. Kaum war das gute Stück zu Bruch gegangen, hörte Yi Xiu, wie sich der Meister von außen der Tür näherte. Schnell fegte er die Reste zusammen. Als der Meister ins Zimmer trat, hielt der Novize die Schaufel hinter seinem Rücken versteckt.

„Warum muss alles sterben und zerfallen?“ fragte er mit ernster Miene.

„Das ist der natürliche Lauf der Dinge“, antwortete der Meister, „alles auf der Welt hat schließlich ein Ende.“

In diesem Augenblick zog der Novize die Schaufel hinter seinem Rücken hervor, deutete auf die Scherben und sagte: „Für Eure Lieblingstasse war die Zeit des Zerfalls gekommen.“

aus: HG Wagner, „Das Kostbarste im Leben“

Oben hab ich mal wieder eine besondere Triskele-Form gebastelt, ein Till Eulenspiegel-Triskele. Teetasse geschenkt erhalten, Teetasse benützt und aufbewahrt, Teetasse zu Bruch gegangen und nu braucht der Meister eine neue Teetasse. Das Rad dreht sich weiter und weiter. Na wer ist in der Geschichte wohl der Meister: Der Meister oder dieser Zwillingsbruder von Till Eulenspiegel. Also mein Urteil ist da ganz eindeutig. Der Novize ist der Meister und der Meister ist nur ein vertrottelter alter Sack. „Ja, ja, das ist nun mal der natürliche Lauf der Dinge Welt. Alles hat schließlich ein Ende.“ Mein Vater hatte auch immer so eine Spruchsammlung parat. „Das wird sich alles historisch entwickeln.“ sagte er oft und gerne, und hatte damit mal wieder nichts gesagt, wofür er hinterher hätte gerade stehen müssen. Schließlich war er ja Jurist und wusste, dass man am besten nichts Gerichtsverwertbares von sich geben sollte. Na ja, und so’n Meister muss den ganzen lieben langen Tag weise Sprüche absondern. Es ist schon ein Kreuz. Da hat’s so’n Till Eulenspiegel viel leichter. Der kann sich nach Herzenslust über die Torheit seiner Mitmenschen amüsieren und in diesem Fall dem Meister eine Lehre erteilen und sich selbst dabei in Sicherheit bringen. Das ist echt ein Meisterstück! Wie sagte doch weiland Jesus: „Seid listig wie die Schlangen und lauter wie die Tauben!“ Listig war er ja, unser wahrer Meister, und lauter auch. Finde ich jedenfalls. Während der angebliche Meister weder einen Blick für seinen Novizen hatte noch für die Situation und den Meister nur vortäuschte. Das war in meinen Augen weder listig noch lauter. Aber ich weiß, ich hab da so meine eigene Sichtweise.

Wie Yi Xiu oder Till Eulenspiegel wohl mit so einer Situation umgegangen wären?

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Eine Antwort zu Der Meister: Das ist der natürliche Lauf der Dinge

  1. Baboji schreibt:

    Till Eulenspiegel war der Buddha der Tat

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