Tschuang-tse: Einfach der Wandlung ihren Lauf lassen


Der Fluss-Gott sprach: „Ja, aber was soll ich dann tun und was nicht tun? Wonach soll ich mich richten beim Ablehnen und Annehmen, beim Ergreifen und Fahrenlassen?“

Jo vom Nordmeer sprach: „Vom SINNE aus betrachtet: Was ist da wertvoll und was wertlos? Das sind nur überflüssige Gegensätze. Lass dadurch nicht dein Herz gefangen nehmen, dass du nicht im SINN erlahmest! Was ist wenig, was ist viel? Das sind nur Worte beim Danken und Spenden. Mach nicht einseitig deinen Wandel, damit du nicht abweichst vom SINN! Sei strenge wie der Fürst eines Staates, der kein Ansehen der Person kennt; sei überlegt wie der Erdgeist beim Opfer, der nicht parteiisch Glück verleiht; sei unendlich wie die Grenzenlosigkeit der Himmelsrichtungen, die keine bestimmten Gebiete umfassen! Alle Dinge gleichmäßig umfangen, ohne Vorliebe, ohne Gunst, das ist Unumschränktheit. Alle Dinge gleich betrachten: Was ist dann kurz, was ist dann lang? Der SINN kennt nicht Ende noch Anfang, nur für die Einzelwesen gibt’s Geburt und Tod. Sie können nicht verharren auf der Höhe ihrer Vollendung. Einmal leer, einmal voll, vermögen sie nicht festzuhalten ihre Form. Die Jahre lassen sich nicht zurückholen, die Zeit lässt sich nicht aufhalten. Verfall und Ruhe, Fülle und Leere machen einen ewigen Kreislauf durch. Damit ist die Richtung, die allem Sein Bedeutung gibt, ausgesprochen und ist die Ordnung aller Einzelwesen genannt. Das Dasein aller Dinge eilt dahin wie ein rennendes Pferd. Keine Bewegung, ohne dass sich etwas wandelte; keine Zeit, ohne dass sich etwas änderte. Was du da tun sollst, was nicht tun? Einfach der Wandlung ihren Lauf lassen!“

aus: Tschuang-tse: „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

Ist das nicht Fatalismus vom Feinsten? Lao-tse sagt: „Erst seit auf Erden ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen, gibt es die Hässlichkeit; erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten, gibt es das Ungute. Wahrlich: Sein und Nicht-Sein entspringen einander.“ Was also sollst du tun? Tust du das eine, erschaffst du damit das andere. Tust du das andere, erschaffst du damit das eine.

Die Berliner werden’s mit ihrer Mückenplage z.Zt. nicht glauben: Nur noch 20 % der Insekten haben unsere Chemie-Attacken überlebt, schrieb ich gestern. Dass dies so gekommen ist, ist die Folge vorausgegangener menschlicher Eingriffe zum Besten von – na ja, im Zweifelsfall von Bayer und Monsanto. Jeder Eingriff von uns erzeugt eine Wechselwirkung, die wir vorher vielleicht gar nicht bedacht haben. Gestern wiederholte ich zum x. Male die Empfehlung: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt!“ Ist das nicht auch ein Eingriff?

Vielleicht muss da was klar gestellt werden: Gandhis Empfehlung klingt auf den ersten Blick wie eine sehr anspruchsvolle Forderung. Dabei – ich nehme mal ein Beispiel: Ich bin ein alter Sack und liebe eine möglichst ungestörte Nachtruhe. Gerade jetzt zur Sommerszeit feiern die Nachbarn gern bis tief in die Nacht hinein irgendwelche lautstarken Gartenfeste. Mir wäre es natürlich lieb, sie würden das bleiben lassen oder wenigstens die Musik auf Zimmerlautstärke drosseln. Nun kommt also dieser Gandhi daher und fordert mich auf, die Veränderung, die ich mir für meine ungestörte Nachtruhe wünsche, selbst zu sein. Nun, das tu ich doch ganz von selbst, wenn ich mich in mein Bett lege und einzuschlafen versuche. Wenn das alle meine Nachbarn auch täten, wäre ich doch restlos zufrieden. Soll ich jetzt also ganz fatalistisch die nächtlichen Umtriebe meiner Nachbarn ertragen, ohne irgendetwas dagegen zu unternehmen?

Die ollen Taoisten waren ja eher defensiv als aggressiv. Vielleicht hätten sie mir empfohlen: „Schlag doch dein Nachtlager da auf, wo du deine Ruhe hast!“ Wenn ich ein umherziehender Vagabund wäre, hätte ich mit dieser Empfehlung auch keine Probleme, so aber sind meine defensiven Optionen nicht allzu zahlreich und es blieben mir vielleicht nur noch die aggressiven Möglichkeiten, die mir jedoch zutiefst zuwider sind. Weder mag ich zu den Feiernden gehen und Rabatz machen noch mag ich sie bei der Polizei anschwärzen. Bleibt mir also nur, in stoischer Gemütsverfassung auch noch diese schlaflose Nacht zu ertragen? Läuft es letztlich doch auf Fatalismus hinaus? Hilft da nur noch beten? „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Tschuang-tses Rat geht im Grunde in die gleiche Richtung und auch er verzichtet darauf, konkret zu werden. Es gibt nun mal kein Universalrezept. „Einfach der Wandlung ihren Lauf lassen!“ Wie haben wir mal in der Schule gelernt: „Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.“ (Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen.) Die zweite Hälfte des Spruches ist beachtenswert. Mit achtzehn wäre ich vielleicht mit einer Flasche Irgendwas zu meinen Nachbarn gegangen und hätte mitgefeiert, heute will ich nur noch meine Ruhe. So ist das halt. Gott helfe mir. Amen.

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4 Antworten zu Tschuang-tse: Einfach der Wandlung ihren Lauf lassen

  1. fredoo schreibt:

    „“Einfach der Wandlung ihren Lauf lassen!““

    fredoos (wieder mal langschwafelnde) Version dieser wieder mal „anweisenden“ Formulierung jedoch als lediglich „hinweisende“ Formulierung :
    „Es gibt jeden Augenblick aufs neue , die Gelegenheit zu bemerken , dass es , egal wer oder was da zu beeinflussen , oder gar zu steuern meint , doch nur einen Lauf der permanenten Wandlung gibt , der stets und ausschließlich aus der Konstellation und der dynamischen Natur des Ganzen veranlasst wird. Nichts „einzelnes“ wirkt , sondern nur das dynamische Ganze unter Nutzung von (anscheinend) Einzelnem“…

    oder wie es die ollen Taoisten so schön formulierten ( erheblich kürzer )
    dao fa ziran
    ~/= das Ganze wirkt durch die Eigenart der Dinge
    und fredoo ist geneigt hinzuzufügen … > und es wirkt genau so als einzig Wirkendes …

    😉

  2. Nitya schreibt:

    Jetzt müsst ihr euch langsam beeilen, wenn ihr die beiden Jungvögel noch sehen wollt.

  3. Gabi schreibt:

    Sollen wir dich alle besuchen kommen? Jungvögel gucken, danach zur Abwechslung mal Grillen mit Wilhelm, dann gibt’s was auf die Ohren der Nachbarn und dann Lagerfeuer- und G’schichten….dann fürchten sich die Vögelchen. Okay, wir bleiben zuhause. Schade!

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