Shi Tou: Dir fehlt die Chan-Natur


Hui Lang fragte Meister Shi Tou: „Meister, was ist Chan wirklich?“ – „Dir fehlt die Chan-Natur“, antwortete ihm Meister Shi. Hui Lang blickte ihn voller Zweifel an und wandte ein: „Ihr selbst lehrt, Chan sei überall. Selbst die Ameisen und Fliegen besäßen es. Warum sollte es gerade mir fehlen?“ – „Weil du keine Fliege, Ameise oder Seidenraupe bist“, belehrte ihn sein Meister.

„Bin ich solchen Wesen etwa unterlegen?“ fragte  Hui Lang voller Empörung. „Ja, das bist du“, entgegnete Shi Tou sogleich, „denn du bist nicht bereit, deine wahre Natur auch anzunehmen.“

Mit diesen Worten des Meisters erkannte Hui Lang sich selbst. Schweigend erlangte er das große Erwachen.

aus: Hans-Günter Wagner, „Das Kostbarste im Leben“
Shítóu Xīqiān war ein Schüler des sechsten Chan-Patriarchen Huineng. Und er spricht in dieser kleinen Geschichte von der „Chan-Natur“, die jemand hat oder nicht hat. Nun, ich vermute, jeder Erleuchtungs-Streber möchte im Besitz dieser Chan-Natur sein, wenn dies die Voraussetzung für eine anständige Erleuchtung sein sollte. Oder sollte die Chan-Natur am Ende gleichbedeutend mit Erleuchtung sein? Da stand doch mal die Frage im Raum: „Hat ein Hund Buddha-Natur?“ Aber wie kommt man nun verdammt noch mal in den Besitz dieser Chan-Natur?
Meister Shi Tou behauptet, dass jede Fliege, Ameise oder Seidenraupe sie habe, diese Chan-Natur. Wieso hab ausgerechnet ich sie dann nicht? Ist diesen Viechern das in die Wiege gelegt worden und mir nicht oder hatte ich sie schon einmal und habe sie inzwischen irgendwo verloren? Was soll das überhaupt sein, die Chan-Natur? Worin besteht das, was Fliege, Ameise oder Seidenraupe haben und ich nicht habe? Einen kleinen Hinweis gibt dieser Shi Tou ja dann doch. Er sagt: „Du bist nicht bereit, deine wahre Natur auch anzunehmen.“ Chan-Natur besitze ich also, wenn ich meine wahre Natur so annehme, wie sie von Fliege, Ameise oder Seidenraupe „angenommen werden“. Diese haben anscheinend mir gegenüber den Vorteil, dass sie gar keine Wahl haben, während ich glaube, meine wahre Natur annehmen oder ablehnen zu können. Aber stimmt das wirklich?
Vielleicht lebe ich ja schon die ganze Zeit meine Chan-Natur und weiß es bloß nicht bzw. glaube, meine eigene Natur, was immer das sein soll, zu leben. Vielleicht muss ich mich gar nicht ändern, sondern nur sehen, dass ich nichts anderes bin als Fliege, Ameise oder Seidenraupe. Halt ein bisschen anders geformt, aber sonst …

Sakra, sakra – da musste erst mal draufkommen!

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4 Antworten zu Shi Tou: Dir fehlt die Chan-Natur

  1. Alexandra schreibt:

    Der Vorteil der Seidenraupe und der Fliege gegenüber uns Menschen ist, dass sie nicht im Verhältnis zum Körper so einen riesigen Schädel besitzen, in dem sich im Laufe der Zeit ungeheuer viel Mist anhäuft wie Zahlbeleg auf den Zähnen. Nu ja, aber vielleicht macht das Leben als Mensch mehr Spaß? Wer weiß das schon? Nur immer rumfreesen und auf die verpuppung warten stelle ich mir ein wenig langweilig vor. Wobei die Raupe das warten ja wahrscheinlich gar nicht kennt und vielleicht einfach nur das fressen genießt. Jedenfalls wird sie sich nicht über das schlechte Wetter ärgern. Hat sie es nun besser, die Raupe? Weniger ärgern, weniger Freude, jedenfalls keine Gedanken über Politik! Und über wahr und unwahr, richtig und falsch! Und dann, ganz plötzlich ist das Leben als Raupe beendet, entweder eingezwängt in einen kokon oder schwups vom Vogel gefressen. Vielleicht bin ich ja ne Raupe und träume nur, ich wär ein Mensch?

  2. Ingeborg schreibt:

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