Étienne de La Boétie: Dem Feind dabei helfen, einen zu verderben


Ihr lebt dergestalt, dass ihr getrost sagen könnt, es gehöre euch nichts; ein großes Glück bedünkt es euch jetzt, wenn ihr eure Güter, eure Familie, euer Leben zur Hälfte euer Eigen nennt; und all dieser Schaden, dieser Jammer, diese Verwüstung geschieht euch nicht von den Feinden, sondern wahrlich von dem Feinde und demselbigen, den ihr so groß machet, wie er ist, für den ihr so tapfer in den Krieg ziehet, für dessen Größe ihr euch nicht weigert, eure Leiber dem Tod hinzuhalten.

Der Mensch, welcher euch bändigt und überwältigt, hat nur zwei Augen, hat nur zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe. Woher nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht leiht? Wieso hat er so viele Hände, euch zu schlagen, wenn er sie nicht von euch bekommt? Die Füße, mit denen er eure Städte niedertritt, woher hat er sie, wenn es nicht eure sind? Wie hat er irgend Gewalt über euch, wenn nicht durch euch selber? Wie könnte er sich unterstehen, euch zu placken, wenn er nicht mit euch im Bunde stünde? Was könnte er euch tun, wenn ihr nicht die Hehler des Spitzbuben wäret, der euch ausraubt, die Spießgesellen des Mörders, der euch tötet, und Verräter an euch selbst?

aus: Étienne de La Boétie, „Von der freiwilligen Knechtschaft“
Étienne de La Boétie (1530 -1563) war nicht irgendein dahergelaufener angeblicher Anarchist, sondern bekleidete das Amt eines Hohen Richters. Und dann schreibt er so ein Buch: „Von der freiwilligen Knechtschaft“! Vielleicht prägte ihn ja diese Begebenheit für den Rest seines kurzen Lebens: Einer seiner Jura-Professoren war Anne du Bourg, der später Gerichtsrat am obersten Gerichtshof in Paris wurde. Dieser protestierte offen gegen die Verfolgung der Hugenotten, wofür er vor einem Ketzergericht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Nein, Étienne de La Boétie war kein Revoluzzer, der mit Gewalt die bestehenden Ungerechtigkeiten beseitigen wollte. Er war jemand, der reflektierte und über die Ergebnisse seiner Wahrnehmungen nur staunen konnte. Und wir – staunen immer noch. Es ist eigentlich nicht zu fassen, dass Menschen ihren Henkern auch noch das Henkerbeil schärfen.

Étienne de La Boétie wurde gerade mal 33 Jahre alt. Er wurde von einer schweren Krankheit dahingerafft. Ob er in dieser kurzen Zeit die Lösung zur Heilung des menschlichen Wahnsinns gefunden hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Etwas Besseres als die taoistische Aufforderung zum Nicht-Handeln (wu wei) ist mir jedenfalls bisher noch nicht untergekommen. Aber, wie ich schon schrieb, hat die Sache den gewaltigen Haken, um erfolgreich sein zu können:. Es müsste sich alle daran beteiligen. Solange wir den Mächtigen unsere ureigenen Ressourcen für ihre Machenschaften freiwillig zur Verfügung stellen, wird sich nichts ändern können. Und doch muss der Einzelne damit beginnen und wenn er der Einzige auf der ganzen Welt wäre, der dieses Risiko einginge.

Dann gibt es nur eins

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