Ramesh Balsekar: Was-wir-SIND, ist noumenale Gegenwart


„Die Worte, die den noumenalen Zustand beschreiben könnten, sind nicht erschaffen worden, und auch die Sicht, die diesen Zustand empfangen könnte, ist nicht geboren … Der Zustand ist nicht dergestalt, dass er durch Gedanken und Worte erfasst werden könnte.“ (Janeshwar) Wenn eine Person davon spricht, dass sie gut geschlafen hat, dann geht der Friede und die Zufriedenheit des Schlafes in die Beschreibung dessen über, was sie jetzt empfindet. Das Wort kann nur beschreiben, wie sie sich im Wachzustand fühlt. Man kann die Erfahrung des Tiefschlafs nicht erfahren, genauer gesagt existiert „man“ im Tiefschlaf nicht. Ebenso können die Worte nur da von Bedeutung sein, wo es um Objekte geht. Deshalb kann die Gegenwart der Noumenalität in der Phänomenalität nur als Abwesenheit wahrgenommen werden. Da das, was-wir-SIND, noumenale Gegenwart ist, können wir dessen nicht als Objekt gewahr werden.

Es gibt keinen Unterschied zwischen Unwissenheit und Erleuchtung, weil es in jedem Fall die konzeptuelle individuelle Entität ist, die den einen oder anderen Zustand erfährt. Im noumenalen Zustand löst sich das Wesen auf. Solange es ein „Ich“ gibt, das als eigenständiges Wesen denkt, fühlt und reagiert, kann es keinen Unterschied zwischen Unwissenheit und Erleuchtung geben. Wenn das individuelle Wesen als das erkannt wird, was es ist – eine reine Erscheinung – dann kann die Unwissenheit nicht bleiben. Damit gibt es für Erleuchtung keine Notwendigkeit (mehr). Der noumenale Zustand ist es, der nur durch Einzigkeit erfahren werden kann.

aus: Ramesh Balsekar, “ Zen und Tao im Licht von Advaita“

Jnaneshwar

Janeshwar und Ramesh sind sich völlig einig: Alle Sprache kann nur objektivieren. Ich kann ihnen nur zustimmen, wenn sie sagen, dass Worte den noumenalen „Zustand“ nicht beschreiben können und dass es auch keine entsprechende Sicht auf diesen Zustand geben kann, da es sich gar nicht um einen Zustand handelt, der im Sinne eines Objekts wahrgenommen werden kann.

Sehr einleuchtend finde ich das Beispiel von Ramesh mit dem Tiefschlaf:  „Wenn eine Person davon spricht, dass sie gut geschlafen hat, dann geht der Friede und die Zufriedenheit des Schlafes in die Beschreibung dessen über, was sie jetzt empfindet. Das Wort kann nur beschreiben, wie sie sich im Wachzustand fühlt. Man kann die Erfahrung des Tiefschlafs nicht erfahren, genauer gesagt existiert ‚man‘ im Tiefschlaf nicht.“ Sehr einleuchtend, aber möglicherweise auch etwas fragwürdig. „Solange es ein ‚Ich‘ gibt, das als eigenständiges Wesen denkt, fühlt und reagiert, kann es keinen Unterschied zwischen Unwissenheit und Erleuchtung geben“, sagt Ramesh. Wenn er von „man“ spricht, meint er offensichtlich den Glauben, ein Ich zu sein. Dieser existiert tatsächlich im Tiefschlaf nicht.

Ist das, was unter Erleuchtung verstanden wird, wirklich mit dem Tiefschlaf vergleichbar? Ja, wenn es um die Abwesenheit der Ich-Identifikation geht. Nein, wenn es um ein bewusstes Bemerken geht. Auch im Tiefschlaf ist natürlich Bewusstsein anwesend, sonst hätten wir es mit einem Leichnam zu tun. Ein bewusstes Bemerken fehlt allerdings.

Noch einmal dieser Satz von Ramesh: „Solange es ein ‚Ich‘ gibt, das als eigenständiges Wesen denkt, fühlt und reagiert, kann es keinen Unterschied zwischen Unwissenheit und Erleuchtung geben.“ Dieses „Ich“ von dem hier die Rede ist, kann gar nicht denken, fühlen und reagieren, es maßt sich nur scheinbar die Urheberschaft für alle diese Ausdrucksformen der „Quelle“ an. Denken, Fühlen, Reagieren geschehen einfach – geschehen auch im „noumenalen Zustand“. Die Idee, dass im noumenalen Zustand nur noch so’n Ölgötze existiere, rührt aus der Gleichsetzung von Noumenalität und Phänomenalität her. Ein Lebewesen wie Buddha existiert auch in höchster Versenkung noch als Lebewesen. Es gibt Augenblicke, in denen das Gewahrsein für den Körper vollkommen verschwunden sein mag – sowohl „Ich“-Bewusstsein wie Körper-Bewusstsein fehlen vollständig. Diese Augenblicke sind jenseits von jeder Zeit, also nicht zeitlich messbar. Ramesh schreibt: „Der noumenale Zustand ist es, der nur durch Einzigkeit erfahren werden kann.“ Damit will er vermutlich zum Ausdruck bringen, dass der noumenale Zustand nicht im Sinn einer Subjekt-Objekt-Erfahrung gemacht wird, sondern in der völligen Verschmelzung von Subjekt und Objekt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s