Seng-ts’an: Die Vorzüge der beiden äußeren Enden


Wenn wir an den beiden äußeren Enden bleiben,
wie können wir dann das Ganze verstehen?

Konzentriert man sich nicht auf das Ursprüngliche,
gehen die Vorzüge
der beiden äußeren Enden verloren.

Wenn wir nur die Existenz anerkennen,
fallen wir in diese Existenz.
Wenn wir nur ku
*) folgen,
wenden wir uns gegen ku.

Selbst wenn unsere Worte genau
Und unsere Gedanken richtig sind,
entsprechen sie doch nicht der Wahrheit.

Wenn wir Sprache und Denken aufgeben,
können wir über alles hinausgehen.
Wer Sprache und Denken nicht zurücklassen kann,
wie kann der den Weg verstehen?

*) ku bedeutet soviel wie Leere, Leerheit oder auch Substanzlosigkeit

aus dem Hsin Hsin Ming von Seng-ts’an


Von Schwarz nach Weiß. „Wenn wir an den beiden äußeren Enden bleiben, wie können wir dann das Ganze verstehen?“ fragt Seng-ts’an. Die meisten Menschen sind in diesem Schwarz-Weiß-Denken hängen geblieben. Und so entgeht ihnen alles, was dazwischen liegt. Ich habe recht, bedeutet, dass der andere nicht recht hat. Ich erinnere mich noch gut an die ermüdenden Gewerkschaftsdiskussionen zu nächtlicher Stunde und diesen nicht zu gewinnenden Kampf ums Rechthaben. Man musste sich wirklich fragen: Geht es hier überhaupt um die Sache oder um etwas ganz anderes? Da war so etwas wie: Wenn ich unrecht habe, also verliere, dann habe ich damit mein Gesicht verloren. Was bedeutet dieses „mein Gesicht verlieren“? Andere sprechen von Ehre – und das kann dann bis hin zum Ehrenmord gehen. Auch in der „großen Politik“ versucht man oft Verhandlungsergebnisse so darzustellen, dass zumindest nach außen hin die Beteiligten ihr Gesicht bewahren konnten. Und wieder haben wir es mit den beiden äußeren Enden einer Skala mit unendlich vielen Abstufungen zu tun: Das Gesicht bewahren und das Gesicht verlieren, Gewinner und Verlierer, ein Jemand und ein Niemand. Der Verlierer fühlt sich buchstäblich ausgelöscht. Es geht also nicht um eine Sache, sondern um den Erhalt der eigenen möglichst strahlenden Identität. Wie sollte man so zu einem Verständnis des Ganzen kommen?

Seng-ts’an bleibt dabei nicht stehen. Er ergänzt die erste Aussage: „Konzentriert man sich nicht auf das Ursprüngliche, gehen die Vorzüge der beiden äußeren Enden verloren.“ Diejenigen, die sich nicht auf das Ursprüngliche konzentrieren, die also an den beiden äußeren Enden bleiben, können auch die Vorzüge der beiden Enden nicht mehr wahrnehmen. Auch diese Aussage ergänzt Seng-ts’an: „Wenn wir nur die Existenz anerkennen, fallen wir in diese Existenz. Wenn wir nur ku folgen, wenden wir uns gegen ku.“ – „Ich folge der Leere.“ Wer das behauptet, wendet sich gegen die Leere, denn er hat sie objektiviert, und die Leere scheint sich nun gegen ihn zu wenden. Dasselbe geschieht bei der ausschließlichen Bejahung der Existenz. Sie scheint sich gegen den zu wenden, der diesem Glaubenssystem anhängt.

Für den, der diese Worte mit seinem Verstand verstehen will, sind dann die folgenden Worte gedacht: „Selbst wenn unsere Worte genau und unsere Gedanken richtig sind, entsprechen sie doch nicht der Wahrheit. Wenn wir Sprache und Denken aufgeben, können wir über alles hinausgehen. Wer Sprache und Denken nicht zurücklassen kann, wie kann der den Weg verstehen?“ Alles, was Seng-ts’an uns im Hsin Hsin Ming hinterlassen hat, ist nur in einem intuitiven Sinn zu verstehen, wenn wir über Sprache und Denken hinausgehen. Lao-tse schließt in der Übersetzung von Richard Wilhelm sein erstes Kapitel mit den Worten: „Beides [jede Dualität] ist eins dem Ursprung nach und nur verschieden durch den Namen. In seiner Einheit heißt es das Geheimnis. Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.“ Seng-ts’an hat alles gesagt, was mit Worten zu sagen ist. Er macht hier nicht in Geheimniskrämerei. Das Geheimnis muss jeder für sich hinter den Worten selbst entdecken. Dieses Geheimnis ist nicht sprachlich vermittelbar – und doch vollkommen offenbar.

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