Alan Watts: Das Prinzip des „wechselseitigen Erzeugens“

 

So verwischt ist oft im Zustand mystischer Erfahrung oder des kosmischen Bewusstseins der Unterschied zwischen dem, was man tut, und dem, was einem zustößt, zwischen willkürlich und unwillkürlich. So kann man zu einer Auffassung gelangen, dass alles willkürlich sei – dass das ganze Universum dem eigenen Tun und Willen unterstehe. Doch dies kann leicht umschlagen in die Auffassung, dass alles unwillkürlich sei. Das Individuum und der Wille sind nichts, und das sogenannte „Ich“ untersteht der Kontrolle so wenig wie die Drehung der Erde in ihrer Bahn. Vom taoistischen Standpunkt aus sind jedoch beide Ansichten verkehrt. Sie drücken auf polare Weise die gleiche Wahrheit aus: Dass es keinen Herrscher und kein Beherrschtes gibt. Jeder Vorgang geschieht von selbst (tzu-jan), ohne Stoßen und Ziehen, denn jedes Stoßen ist auch ein Ziehen, und umgekehrt, wie beim Steuern eines Lenkrades. Diese Weltanschauung beruht auf Transaktionen, denn so wie es ohne Einkauf keinen Verkauf gibt, und umgekehrt, so gibt es keine Umwelt ohne Organismus, und umgekehrt. Dies wiederum ist das Prinzip des „wechselseitigen Erzeugens“ (hsiang sheng). So wie das Universum unser Bewusstsein produziert, so ruft unser Bewusstsein das Universum hervor, und diese Erkenntnis transzendiert und beendet die Debatte zwischen Materialisten und Idealisten (oder Mentalisten), Deterministen und Verfechtern des freien Willens, die das yin und das yang in den philosophischen Ansichten vertreten.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“
(Am Ende waren es natürlich wesentlich mehr)

Weil’s also grad so schön aktuell ist: G20 in Hamburg. Und hier nicht die Luftnummer der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und der EU, die über 80 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, drei Viertel des Welthandels und rund zwei Drittel der Weltbevölkerung repräsentieren. Nein, darüber kann des Sängers Höflichkeit nur noch schweigen. Ich beziehe mich im Folgenden auf die Versammlungsfreiheit, die in Art. 8 GG als Grundrecht garantiert wird und wie folgt lautet:

(1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

(2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

Ich beziehe mich also auf die G20-Gegendemonstranten und die Polizei, die den Auftrag hatte, Ausschreiten zu verhindern. Verkürzt könnte man sagen auf Outlaws und Staatsmacht oder auf „Räuber und Gendarm“. Die friedlichen Demonstranten lasse ich jetzt einfach mal außen vor, denn für die wäre so ein Polizeiaufgebot völlig sinnlos gewesen:
Wer ist nun schuld an dem ganzen Desaster, dass da im Hamburg über die Bühne ging? Die angereisten und ansässigen notorischen Randalierer, Krawallmacher und Kriminellen, die den riesigen Polizeiaufwand nötig machten, oder die hochgerüsteten, mich irgendwie in ihrer Ausstattung an Darth Vader aus StarWars erinnernden Polizeibeamten bzw. die hinter ihnen stehende Regierung?
Ich habe es ja schon mehrfach erwähnt, dass ich in jungen Jahren den Kriegsdienst verweigert habe und ansonsten mir die Idee der Anarchie sehr nahe steht. Insofern freue ich mich natürlich wenn ich bei Alan Watts lese: „Vom taoistischen Standpunkt aus sind jedoch beide Ansichten verkehrt. Sie drücken auf polare Weise die gleiche Wahrheit aus: Dass es keinen Herrscher und kein Beherrschtes gibt. Jeder Vorgang geschieht von selbst (tzu-jan), ohne Stoßen und Ziehen, denn jedes Stoßen ist auch ein Ziehen, und umgekehrt, wie beim Steuern eines Lenkrades.“ Das ist auf den Punkt gebracht Ausdruck reiner Anarchie. Es ist also müßig, wie Kinder darüber zu streiten, wer angefangen hat und wer schuld ist. „Dies ist das Prinzip des ‚wechselseitigen Erzeugens‘ (hsiang sheng).“
Wie könnte ich damit auf einer Seite stehen? Menschen, die das so sahen und sehen, hat man gern als vaterlandslose Gesellen bezeichnet. „Bist du nicht für mich, so bist du gegen mich!“ Und je nach den Verhältnissen hat man sie entweder nur misstrauisch beäugt oder etwa zu Kriegszeiten vorsichtshalber gleich an die Wand gestellt. Es ist ja auch eine merkwürdige Position: Man kann beide Seiten verstehen und kann doch beide Seiten in ihrer Einseitigkeit und ihrem fehlenden Verständnis für das Prinzip des „wechselseitigen Erzeugens“ nur als verkehrt betrachten.

Berliner Zeitung: G20 in Hamburg – Die Eskalation ist eine Blamage für die Demokratie

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6 Antworten zu Alan Watts: Das Prinzip des „wechselseitigen Erzeugens“

  1. Peter schreibt:

    …ein paar Gedanken zu meiner derzeitigen Welt. Ein Hort von…Ego-Mega-Manie…Größenwahn….Energien und deren Wechselwirkungen…der Deckel fliegt mir um die Ohren….und keine Ahnung, was noch…gibt es ein Ende davon, ist es in dieser (meiner) Welt möglich? …alles auf Null, ja!…leicht gesagt und nichts genaues weiß ich, nein, gar nichts,..alles nur gezetere oder geplänkel oder blah, blah, blah…habe mir gerade nur mal Luft gemacht…in Liebe

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  2. Peter schreibt:

    Hallo Nitya, ja, wenn du mich meinst, mir gehts gut. Eigentlich immer häufiger, auch wenn meine Beschreibungen scheinbar nicht den Anschein gemacht haben könnten. War auch nur eine kurze Phase. Das Aufbäumen eines Schauspielers, fällt mir spontan dazu ein. Der Typ (ich) hat mal richtig durchgeatmet und gut ist es und nichts ist passiert. Nichts ist passiert, ist genau das, was ich jetzt wahr nehme. Alles Andere weit weg oder wo auch immer. Jetzt, das hören schöner Musik, Ruhe, Stille, mehr nicht. Danke der Nachfrage. Liebe Grüße, Peter

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  3. punitozen schreibt:

    …..Man kann beide Seiten verstehen und kann doch beide Seiten in ihrer Einseitigkeit und ihrem fehlenden Verständnis für das Prinzip des „wechselseitigen Erzeugens“ nur als verkehrt betrachten

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