Tschuang-tse: Das eigne Herz ist’s, das diese Kräfte zu Räubern macht.

 

Wessen innere Welt gelassen ist und fest, der entwickelt sich im Licht des Himmels. Wer sich entwickelt im Licht des Himmels, der bleibt nur in seinem äußeren Leben für die Menschen sichtbar. Die anderen Menschen suchen sich zu bilden, aber er hat nun das Dauernde erreicht. Wer das Dauernde erreicht hat, von dem fällt das Menschliche ab, und das Himmlische hilft ihm. Von wem das Menschliche abfällt, der gehört zum Reich des Himmels; wem das Himmlische hilft, der heißt Sohn des Himmels.

Die aber das durch Lernen erreichen wollen, lernen an etwas, das sie nicht lernen können; die das ausüben wollen, bemühen sich um etwas, das sie nicht ausüben können; die das beweisen wollen, suchen etwas zu beweisen, das sich nicht beweisen lässt. Wer mit seinem Erkennen haltmacht vor dem, was man nicht erkennen kann, der hat’s erreicht. Wer nicht dazu gelangt, der wird zunichte nach einer inneren Notwendigkeit.

Wer die Außendinge benützt, um seinen Leib zu erhalten, wer sich vor Unübersehbarem birgt, um seiner Seele Leben zu wahren, wer auf sein Inneres achtet, um jenes Geheimnis zu verstehen, dem mögen alle Übel sich nahen: sie sind ihm alle vom Himmel gesandt, nicht menschlicher Fehler Schuld. Darum können sie ihn nicht irre machen in dem, was er erreicht hat. Er braucht ihnen keinen Einlass zu gewähren in die Feste seines Geistes. Diese Feste des Geistes liegt in der Hand von etwas, das sie in unerkennbarer Weise hält und selbst nicht ergriffen werden kann. Wer ohne sein wahres Selbst zu sehen sich äußert, der trifft in allen seinen Äußerungen nicht das Rechte. Die Außenwelt dringt in ihn ein und lässt ihn nicht mehr los, und je mehr er sich bessern will, desto weiter kommt er ab vom Ziel. Wer Unrecht tut im offenen Tageslicht, der fällt den Menschen in die Hand zur Strafe; wer Unrecht tut im Verborgenen, der fällt den Geistern in die Hand zur Strafe. Wer im Reinen ist mit den Menschen und im Reinen ist mit den Geistern, der erst kann frei handeln.

Wer sein Gesetz im eigenen Innern hat, der wandelt in Verborgenheit; wer sein Gesetz im Äußeren hat, des Wille ist darauf gerichtet, Schätze zu sammeln. Wer in Verborgenheit wandelt, der hat Licht in allem, was er tut. Wessen Wille darauf gerichtet ist, Schätze zu sammeln, der ist nur ein Krämer. Die Leute sehen, wie er auf den Zehen steht, während er denkt, dass er alle überrage. Wer die Außenwelt zu erschöpfen sucht, in den dringt die Außenwelt ein. Wer von der Außenwelt eingenommen ist, der kann nicht einmal sein eigenes Ich gelten lassen; wie sollte er die Menschen gelten lassen können? Wer die Menschen nicht gelten lassen kann, wird nicht geliebt; wer von niemand geliebt wird, ist ein verlorener Mann. Es gibt keine gefährlichere Waffe als den Willen; auch das schärfste Schwert kommt ihm nicht gleich. Es gibt keine größeren Räuber als die Kraft des Lichten und Trüben. In der ganzen Welt entgeht nichts ihren Wirkungen, und doch sind es nicht diese Kräfte, die uns berauben. Das eigne Herz ist’s, das sie zu Räubern macht.

aus: Tschuang-tse, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

Zu diesem Text von Tschuang-tse gibt es aus meiner Sicht nicht viel zu sagen. Tschuang-tse hat alles, was er sagen wollte, klar auf den Punkt gebracht.  Zu den letzten Zeilen möchte ich aber vielleicht doch was sagen. Mal sehen: „Es gibt keine gefährlichere Waffe als den Willen; auch das schärfste Schwert kommt ihm nicht gleich. Es gibt keine größeren Räuber als die Kraft des Lichten und Trüben. In der ganzen Welt entgeht nichts ihren Wirkungen, und doch sind es nicht diese Kräfte, die uns berauben. Das eigne Herz ist’s, das sie zu Räubern macht.“
Das Lichte und das Trübe entfalten ihre Wirkungen für jedermann. Tschuang-tse sagt, dass es keine größeren Räuber gäbe, fügt aber sofort hinzu, dass es das eigene Herz ist, das die Kräfte des Lichten und des Trüben diese zu den größten Räubern machen. Ich interpretiere das so, dass es das eigene Wollen ist, das die Sache so gefährlich werden lässt. Wenn das Wollen die Waffe ist, dann kommt es ganz darauf an, wer diese Waffe führt. Tschuang-tse nennt hier das Herz. Wofür könnte in diesem Zusammenhang für ihn das Herz stehen? Das Herz als Körperorgan wird ja wohl nicht gemeint sein. Das „gute“ Herz oder das Herz „aus Stein“, das liebende oder das hassende Herz, dem alles von Herzen zuwider ist, oder das Herz, das man sich fassen kann oder das Herz als spirituelle Mitte, als Atman oder Bewusstsein? Nun, ich denke, Tschuang-tse wird wohl an das Herz aus Stein bzw. das hassende Herz, dem alles zuwider ist, gedacht haben, als er auf das Herz hinwies, das die Kräfte des Lichten und des Trüben mit seinem Willen zu den größten Räubern werden lässt. Darunter haben dann nicht nur die Lebewesen in seinem Umfeld zu leiden, sondern natürlich auch es selbst.

Wenn’s nun das eigene Herz ist, das die Kräfte des Lichten und des Trüben zu Räubern werden lässt, wäre natürlicherweise an irgendeine Form der Rettung zu denken. Nun haben ja alle Religionen jede Menge Empfehlungen abgeben. Das reicht dann etwa von der Aufforderung Jesu, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, bis hin zu ausgefeilten buddhistischen Meditationen wie dem Tonglen. Der Zustand der Welt zeigt, wie erfolgreich Menschen wie Buddha oder Jesus mit ihren Impulsen waren. Wenn mich jemand fragen würde, was man da tun könnte – leider fragt mich ja keiner – würde ich anders als Wolfgang Borchert nicht sagen: „SAG NEIN!“, sondern; „SAG JA!“. Sag Ja zu dem, was ist. Das scheint eine Menge damit zu tun zu haben, sich ein Herz zu fassen im Vertrauen auf das „grundlegende Gutsein“ dessen, was ist. Für den, dem das zu pathetisch ist, schlage ich ersatzweise vor: Sei dir einfach dessen bewusst, was ist. Gestern missfiel Alexandra der Vergleich mit den Tieren, den sie bei Tauler entdeckt zu haben glaubte. Tauler verwendete den Begriff „tierisch“. Meister Eckhart bevorzugte den Begriff „kreatürlich“. Ich würde letzteren auch bevorzugen, weil er den Menschen miteinschließt. Alexandra schrieb weiter: „Dieses dämliche ‚cogito ergo sum‘ … ist da nicht besser ’sentio ergo sum‘?“ Klar ist das besser. Ob das den Tieren in gleicher Weise möglich ist wie den Menschen, wäre noch zu klären. Ich lasse mal die edlen Pferde und Hunde außen vor und bringe als Vergleich die Schwarze Witwe. Hier ein Auszug aus einem Artikel  zum Thema „Kannibalische Spinnen„:

Besonders kraß stellt sich diese Frage bei der Australischen Schwarzen Witwe (Latrodectus mactans hasselti). Zur Begattung klettert das Männchen auf den Bauch des viel größeren Weibchens und führt sein Sperma mit einem umgewandelten Kieferntaster am Kopf zur Genitalöffnung der Partnerin. Dabei macht es eine Art Handstand, der die Oberseite seines Hinterleibs direkt vor die klauenartigen Mundwerkzeuge (Cheliceren) des Weibchens bringt. In dieser Haltung, in der es sich geradezu zum Verzehr anbietet, verharrt es für die Dauer der gesamten Kopulation. Tatsächlich beißt das Weibchen in zwei von drei Fällen zu und verzehrt den Sexualpartner noch während der fünf- bis 30minütigen Befruchtung Stück für Stück.

Ich glaube, es war Osho, der mal gesagt hat: Der Mensch kann tiefer fallen als jedes Tier, er kann aber auch höher steigen als ein Tier. Es ist alles eine Frage des Bewusstseins. Ein Spinnenweibchen hasst ihren Sexualpartner nicht, während sie ihn auffrisst. Sie folgt einfach so wie das Männchen dem genetisch vorgegebenen Programm. Beide haben keine Wahl. Haben die Reichen und Mächtigen der Welt eine Wahl? Theoretisch ja. Eine Schwarze Witwe hat diese Wahl nicht einmal theoretisch.

Tschuang-tse: „Es gibt keine größeren Räuber als die Kraft des Lichten und Trüben. In der ganzen Welt entgeht nichts ihren Wirkungen, und doch sind es nicht diese Kräfte, die uns berauben. Das eigne Herz ist’s, das sie zu Räubern macht.“

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3 Antworten zu Tschuang-tse: Das eigne Herz ist’s, das diese Kräfte zu Räubern macht.

  1. Alexandra schreibt:

    …Und das sich fressen lassen soll wieder dem besseren Nachwuchs dienen… juhu, ich lebe zwar nicht mehr, habe aber mehr Nachwuchs hinterlassen! Armer spinnenpapi. So gesehen ist Menschsein schon schöner. Aber haben denn die reichen und Mächtigen wirklich eine Wahl? Dann hätten sie ja wieder einen freien Willen.. nun gut, zumindest theoretisch ist es möglich, dass auch mal ein Reicher seine gesinnung ändert. Wenn das auch selten der Fall ist. Das ist der Spinne nicht zu eigen. Wie das wohl beim „Menschenfresser von Rotenburg“ so ist. Der ist ja wieder aus dem Knast raus. Sein Haus steht hier ganz in der Nähe. Ich weiß gar nicht, ob der da wieder wohnt. Aber immerhin hatte sein Opfer damals zugestimmt, von ihm verzehrt zu werden. Also freiwillig? Puh Schauder…

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  2. Nitya schreibt:

    Auch das, liebe Alexandra, gehört zur Kreatürlichkeit des Menschen.

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