Johannes Tauler: Der dritte Mensch

 

Der Mensch ist, als ob er aus drei Menschen bestünde. Den äußeren Menschen, den soll man, soweit man es vermag, zur Unterordnung in Gelassenheit bringen und ihn nach innen ziehen in den zweiten Menschen, der inwendig ist. Dies ist der vernunftbegabte Mensch. Das bedeutet, dass der äußere Mensch nicht wirken und nicht auslaufen soll, es sei denn nach den Anweisungen des vernunftbegabten Menschen, nicht aber gemäß seiner Tierlichkeit. Wenn dann der zweite, der vernunftbegabte Mensch in richtiger empfangsbereiter Gelassenheit und ohne Selbstanmaßung steht, dann hält er sich an seinem lauteren Nichts auf und lässt Gott Herr sein und unterwirft sich ihm. Dann wird der dritte Mensch ganz und gar aufgerichtet und verbleibt ungehindert und vermag sich in seinen Ursprung und in seine Ungeschaffenheit zu kehren, wo er ewiglich gewesen ist. Und da steht er frei von Bildern und Formen in gänzlicher Empfangsbereitschaft. Da beschenkt ihn Gott gemäß dem Reichtum seiner Herrlichkeit. So reichlich wird er da beschenkt, dass mit diesem Reichtum sämtliche niederen und mittleren und oberen Kräfte begabt und in spürbarer und wirksamer Weisegestärkt werden.

Johanndes Tauler in der Übersetzung von: Louise Gnädiger

Mir fallen zuerst immer die Dinge auf, die irgendwie nicht stimmig für mich sind. So zum Beispiel wirkt der rechte Arm der Statue von Johannes Tauler in dem Bild oben auf mich wie verkrüppelt. Er ist viel zu kurz. Dabei liegt das nur an dem Bildausschnitt, der den Ellenbogen einfach abgeschnitten hat.

Auf dem einen Bildausschnitt können wir die Stimmigkeit der ausdrucksstarken Haltung der Hände bewundern, auf dem anderen Bildausschnitt können wir mühelos erkennen, dass der rechte Arm seine natürliche Länge hat. Der konzentriere Blick vermittelt uns halt immer nur einen kleinen Ausschnitt und lässt uns das Ganze übersehen.

Das Video mit Taulers Botschaft vom „Versinken im inneren Nichts“ zeigt uns, wo Tauler steht. Der von Louise Gnädiger übersetzte Text aus ihrem Buch: „Johannes Tauler, Lebenswelt und mystische Lehre“ zeigt sein Bemühen sich einerseits verständlich zu machen und seine Botschaft andererseits obrigkeitskonform darzustellen. Eine Herkulesaufgabe! Während wir heute munter drauflos schwadronieren können, weil das eh niemand ernst nimmt, mussten die Mystiker in der Zeit der Heiligen römisch-katholischen Inquisition spätestens ab dem 13. Jahrhundert höllisch aufpassen, dass sie kein Wort sagten, was den römischen Machthabern missfallen könnte, falls sie nicht auf dem Scheiterhaufen landen wollten. Auf der anderen Seite hatten sie die Schwierigkeit, den einfachen Menschen in einfachen Worten das zu vermitteln, was im Grunde gar nicht zu vermitteln ist.

Ich greife mal einen Satz heraus: „Das bedeutet, dass der äußere Mensch nicht wirken und nicht auslaufen soll, es sei denn nach den Anweisungen des vernunftbegabten Menschen, nicht aber gemäß seiner Tierlichkeit.“ Also dagegen konnte kein Großinquisitor anstinken. Wenn man das genauer definieren würde, was hier unter Vernunft zu verstehen sei, hätten wir bereits einige Schwierigkeiten am Hals. Tauler hätte seine Vorstellung darüber gehabt, seine Zuhörer eine andere und die Kirche wiederum eine andere. Na ja, alle, die in einem mehr oder weniger faschistischen System leben müssen, kennen diese Schwierigkeit auch heut noch zur Genüge.

Man kann Taulers Worte als Aufforderung verstehen, sich nicht „tierisch“ zu benehmen, sondern ein vernunftgeleiteter Mensch zu werden. Dann steht er „in richtiger empfangsbereiter Gelassenheit und ohne Selbstanmaßung, dann hält er sich an seinem lauteren Nichts auf und lässt Gott Herr sein und unterwirft sich ihm.“ Das klingt doch ganz akzeptabel, aber Tauler weiß natürlich, dass das so nicht zu erreichen ist. Ist es überhaupt zu erreichen?
In dem Video ist es sehr deutlich zu hören: Erst muss eine kräftige Einkehr geschehen, ein Einholen, ein inwendiges Sammeln aller zerstreuten Kräfte – der untersten und der obersten. „Muss geschehen“ deutet auf die Nicht-Machbarkeit hin. Johannes Tauler spricht von sich und seinem Erleben. Und er spricht von dem, was er für die Voraussetzungen hält, damit dieses Versinken im inneren Nichts bei ihm geschehen kann. Seine Botschaft an seine Mitmenschen ist sehr alt und wir sehen am Zustand der Welt, was sie tatsächlich bewirkt hat. Und auch das ist vielleicht eine wesentliche Erkenntnis, vielleicht die schmerzlichste: Dass diese Welt nicht zu retten ist. Der Mensch soll die Sinnlosigkeit dieser Welt erkennen, sagt Johannes Tauler.

Vielleicht wollt ihr einfach mal diese Aussagen in Frage stellen, bevor ihr euch erhängt: Die Welt ist sinnlos und nicht zu retten.

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7 Antworten zu Johannes Tauler: Der dritte Mensch

  1. fredoo schreibt:

    Wie fein …
    „“Die Welt ist sinnlos und nicht zu retten.““

    Nur eine sinnlose Welt ist eine freie Welt … frei von jedem Sinn ( im Sinne des Menschen ) …
    und sie ist nicht zu retten ( vom Menschen ) ( im Sinne des Menschen ) ,

    welch schöne Aussage am (noch) kühlen Morgen eines Sommertages

    Gefällt 2 Personen

  2. Alexandra schreibt:

    Ach ne lieber Nitya, damit bin ich aber heute überhaupt nicht einverstanden… im er dieser Vergleich mit den Tieren… hat uns nicht die sogenannte Vernunft die ganze scheisse eingebrockt, die wir nun gar nicht wieder auslöffeln können? Wenn ich wäre wie meine Tiere, hätte ich glaube ich ein paar Probleme weniger. So kann / muss ich den verstand / die Vernunft benutzen um das zu überdenken was mir der Verstand eingebrockt hat. Nach innen gehen ja, aber ist das Vernunft? Dieses dämliche „cogito ergo sum “ … ist da nicht besser „sentio ergo sum“? Aber das machen die Tiere eben auch. Anscheinend wäre es ohne den grandiosen verstand der Menschen langweilig auf der Erde geworden. So erwarten wir nun mit Spannung ob es doch noch ein Happyend gibt. Sieht ja nicht danach aus, aber das hebt die Spannung.

    Gefällt 1 Person

    • Nitya schreibt:

      Ach ja, liebe Alexandra, da kannste dich auf den Kopf stellen, den Verstand haste, ob de willst oder nicht. Der hat den Menschen vermutlich im Laufe ihrer Entwicklung ihre Existenz gesichert. Nun stell dir mal vor, jemand würde den Menschen von jetzt auf gleich ihren Neokortex zerstören. Die Erde würde vermutlich aufatmen und sich wieder erholen. Aber den Menschen würde es sehr schnell nicht mehr geben. Schlägst du also aus ökologischen Gründen einen Massenselbstmord der Menschen vor?

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      • Alexandra schreibt:

        Jaja, die Erde würde ohne den Menschen aufatmen. Aber massenselbstmord .. selbst wenn ich es vorschlüge und dann mit gutem Beispiel voranginge, würden die meisten mich höchstens für eine idiotin halten. Dem Menschen ist sein überleben viel zu wichtig um so etwas in Erwägung zu zu Ehen. Da bleibt nur bleiben, staunen, und abwarten…
        Aber etwas stört mich eben doch noch am Tauler-Text: ( nicht am Video)! Da scheint mir ein Widerspruch zu sein… machen uns Mensch nicht erst unsere Gedanken , der verstand, der so ein Eigenleben beginnt, wahnsinnig? Für mich fühlt sich eher richtig an, von diesem zweiten Menschen, dem „ausgeflippten Superhirn“ zurück zur Ursprünglichkeit, zur Wahrnehmung von dem was ich wirklich bin zurück zu finden. Aber vielleicht habe ich den Eingangstext auch nicht richtig verstanden… naja, und ob der verstand uns weiterhin unsere Existenz sichert, da bin ich sehr im Zweifel. Weil er einfach so ein (oder mehrere) eigenleben führt…
        aber wenn wir das nicht schaffen, löst der Planet das Problem mit Sicherheit irgendwann auf seine eigene Weise…

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      • Nitya schreibt:

        Nun stell dir mal vor, du wärst eine Schwarze Witwe, liebe Alexandra. Ich fürchte, dein Mann wäre nicht so unbedingt begeistert. Also sei froh, dass du eine Menschin bist, und deinen Mann nicht anknabberst. Dein Mann wird jedenfalls froh sein.

        Nichts gegen den Verstand. Den gebrauchst du täglich x mal. Aber ein Krokodilsstammhirn und ein Neokortex zusammen, sind halt eine gefährliche Mischung. Das braucht schon noch ein paar Jahrtausende bis sich das so weit entwickelt hat, dass dabei nicht alles draufgeht.

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  3. Eno Silla schreibt:

    „Die Welt ist sinnlos und nicht zu retten.“
    Und, was meint ihr, was jetzt kommt?
    Na klar, das ganze Tetralemma! Das so wunderbar jede Aussage in Frage stellt. Aber keine Angst, ich erspars euch, ihr wisst ja wies geht.
    Als ich noch jünger war, da konnte mich so ein Satz ganz schön erschrecken, wenn er auch noch von einer Autorität ausgesprochen wurde, an deren Lippen ich hing, mein lieber Herr Gesangsverein, da konnte es schon abgehen in mir. Heute ist das alles nur noch Unterhaltung. Das ständige Auf und Ab des Lebens, die drohenden Krisen und erschöpfendes Glücklichsein, haben die Extreme abgeschliffen (es wird nicht mehr so absolut geglaubt). Es wird ja alles nicht so heiß gekocht, wie es gegessen wird, sagt da die Stimme der Gelassenheit. Einfach nicht ignorieren, lautet die Devise. Dieser Geist liebt es mit den auftauchenden Worten zu spielen und die Bilder und Vorstellungen zu betrachten, die sie erzeugen. Die Welt ist sinnlos und nicht zu retten, das ist ganz wunderbar, da kann ich mich entspannen, denn da muss ich nichts mehr tun, kann aber, wenn ich will, nur so, ganz grundlos, oder weils gerade ansteht, oder weils Spass macht. Eine wirklich schöne Aussage, wie Herr Fredoo, ein Lächeln auf meinem Gesicht erzeugend, da oben bemerkt.

    „Nichts ist ernst, weder das Leben noch der Tod, weil letztlich
    nichts von Bedeutung ist. Leben und Tod sind nur Episoden in der
    Ewigkeit der Zeit, nur Seifenblasen – sowohl das Leben als auch der
    Tod.“

    Osho

    Gefällt 4 Personen

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