Ramesh Balsekar: Das wäre ein erleuchtetes Leben


Die Grundlage des Alltags besteht darin, dass jedes Individuum sein Leben in den Verhältnissen leben muss, in denen es sich vorgefunden hat. Es ist jedermanns Geburtsrecht, seinen freien Willen in jeder möglichen Situation auszuüben, aber niemand hat die Kontrolle über die Ergebnisse und Konsequenzen seiner Handlungen. Niemand hat jemals gewusst, ob sich im nächsten Augenblick Freude oder Schmerz ereignen werden.

Die einzige Möglichkeit, das eigene Leben zu leben, besteht darin, das zu tun, was man tun möchte und danach zu bezeugen, was sich ereignet, ohne jemanden oder etwas dafür zu verurteilen – weder sich selbst, noch den „anderen“; ohne Bedauern in Bezug auf die Vergangenheit zu leben, ohne Klagen über die Gegenwart und ohne Erwarten an die Zukunft.

Das wäre ein erleuchtetes Leben

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Ich rätsele gerade herum, warum Ramesh hier den Konjunktiv verwendet: „Das wäre ein erleuchtetes Leben.“ Weiter rätsele ich, wie ich meinen freien Willen ausüben kann, wenn ich bezüglich der Wahl der Verhältnisse keine Einflussname zugebilligt bekomme. Dann rätsele ich, ob das in jedem Fall so ist, dass ich keine Kontrolle über die Ergebnisse meiner Handlungen habe. Erzähl das mal beispielsweise einem Handwerksmeister! Und wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen haue, weiß ich ziemlich sicher, dass sich im nächsten Augenblick Schmerz ereignen wird. Hatte der Ramesh vielleicht seinen drolligen Tag, als er das alles schrieb?

Ramesh sagt: „Die einzige Möglichkeit, das eigene Leben zu leben, besteht darin, das zu tun, was man tun möchte und danach zu bezeugen, was sich ereignet, ohne jemanden oder etwas dafür zu verurteilen – weder sich selbst, noch den ‚anderen‘.“ Keine Ahnung, wieso ich dabei wieder an den Präfekten im Internat denken muss, den ich als 12-jähriger Lausebengel mit einer kleinen Fußbewegung mit seinem kippelnden Stuhl flach legte und der anschließend dem hinter ihm stehenden, unschuldigen Jungen eine pfefferte. Ich tat, was ich tun musste. Die Versuchung war einfach zu groß. Dabei ging ich natürlich ein gewisses Risiko ein. Danach konnte ich nur noch bezeugen, was da völlig Unerwartetes geschah. Ach ja, das Leben ist ungerecht. Ich gestehe, dass ich hinterher niemanden verurteilte, nicht einmal mich. Letzteres hätte ich vielleicht tun sollen, aber – ich fand ums Verrecken keine Verurteilung vor, ich freute mich diebisch. Prof. Bömmel: „Bah, wat hast du für ’ne fiese Charakter!“

„Ohne Bedauern in Bezug auf die Vergangenheit zu leben, ohne Klagen über die Gegenwart und ohne Erwarten an die Zukunft: Das wäre ein erleuchtetes Leben.“ Ist das wirklich wahr?
Ich stell mir gerade so einen Panzerknacker aus Entenhausen vor, der täglich mit dem Risiko lebt, dass er von den Bullen geschnappt wird. Panzerknacker ist für ihn ein ehrsames Handwerk, das seinen Mann ernähren kann. Mal hat er Glück und macht fette Beute, mal hat er Pech und wandert wieder hinter Gitter. Dann muss er wieder eine Zeit lang sitzen, aber immerhin trifft man da auch immer wieder auf wirklich reizende Kollegen. Die Jungs von der Polente kennt er auch alle, hin und wieder trinkt man ein Bierchen zusammen; die machen halt auch nur ihren Job. So entwickelt man im Lauf der Jahre einen ausgewogenen Gleichmut.

Ist das nicht ein wirklich erleuchtetes Leben?

 

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16 Antworten zu Ramesh Balsekar: Das wäre ein erleuchtetes Leben

  1. fredoo schreibt:

    „“ein erleuchtetes Leben““
    hmmm … da sträubt es dem fredoo die „intellektuellen Haare“ genau so wie bei Attributierungen von Gott …
    was soll das sein , dieses Attribut „erleuchtet“ ?
    Ist doch bereits die Vokabel „Erleuchtung“ kein etwas , also kein Objekt , sondern lediglich Hinweis darauf , was halt jenseits hinter Subjekt-Objekt >< Objekt-Objekt ist , als Einziges IST , jedoch ohne etwas zu sein … ?
    wie könnte man dieses seltsam diffuse nicht-objektische dann noch attributieren ?
    also zur Differenzierung ( = noch getrennteren Trennung ) eines Objektes ( hier "Leben" ) benutzen ?
    merkwürdig … und das hat Herr Ramesh so geschrieben ? … hmmm
    nun ja … das ist halt mit dem Bücherschreiben so eine Sache ( war tatsächlich eine gewisse "eitle" Freude für Ramesh diese Autorenschaft ) … wer schreibt muss wohl auch ab und an unterhalten , bzw. geschieht dies halt .. auch … dabei . Da kann da wohl auch so ein seltsames Konstrukt , wie ein "erleuchtetes Leben" einfließen …

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    • Nitya schreibt:

      Werter Fredoo, du schätzt den Ramesh sehr und ich auch. Um so erfreulicher finde ich es, dass wir ihn von Zeit zu Zeit in einzelnen Äußerungen in Frage stellen. Es ist nicht wirklich wichtig, aber alles einfach zu schlucken, bloß weil man jemanden schätzt, scheint weder dein noch mein Ding zu sein. Ich stöbere gerade ein bisschen bei Johannes Tauler rum. Vielleicht bring ich morgen was von ihm. Ohne sich ein bisschen mit seiner Zeit, dem 14. Jahhundert, und der Situation, in der er sich befand, zu beschäftigen, ist es schwierig, sich ihm zu nähern. Aber das Eigentliche dringt, wie bei Ramesh, immer wieder durch. Und letztlich kommt es immer nur auf dieses Eigentliche an. Das Lesen der Texte muss wie … mir fällt Castanedas Don Juan Matus ein, der ihm den „weichen Blick“ empfohlen hat, der im Gegensatz zum konzentrierten Blick vollkommen rezeptiv ist. Meist reden wir über das, was der konzentrierte Blick uns zeigt. Aber das wäre alles sinnloses Blabla, wenn nicht unausgesprochen dahinter der weiche Blick aufnehmen würde, was mit Worten nicht gesagt werden kann.

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      • fredoo schreibt:

        Genau diesen „weichen Blick“ habe ich in meinen jungen Jahren entdeckt … und ihn als „Fluchtburg“ benutzt , wenn es mal wieder ordentlich Gegenwind gab , oder wenn die Situationen einen merkwürdigen Sog entwickelt haben … mit diesem „weichen Blick“ ( den übrigens auch Herr Gurdjeff empfohlen hatte ) war ein gleichzeitiges (!) Aufgesaugt werden und dennoch Bleiben vor Ort möglich … Er begleitet mich bis heute …
        und …
        wenn ich gefragt werde nach „Methoden“ , ist er eine der wenigen Empfehlungen des fredoo …
        😉

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      • Alexandra schreibt:

        Der weiche Blick erinnert mich ein bisschen an die Bilder , bei denen man wenn man das Bild einfach auf sich wirken lässt, quasi durchschaut, plötzlich etwas dreidimensionales darin sehen kann, was einem der erste flüchtige, oder auch sehr genau untersuchen wollende Blick verwehrt….

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  2. Nitya schreibt:

    http://www.taz.de/Pilotprojekt-fuer-Langzeitarbeitslose/!5411233/

    Ich bin ja „neugierig“, wie tief die SPD noch absinken wird.

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  3. Alexandra schreibt:

    …und wieder dieser usägliche freie Wille…das zu tun was man möchte… also heute war ich beim Zahnarzt und in gewisser weise freiwillig. „Niemand“ hat mich dazu gezwungen, außer mein Zahn. Mein Körper-Geist-Konstrukt ist da eher so konditioniert, dass es auf eine Minimierung des Leidens abzielt anstatt auf aushalten. Da spielt also der freie Wille schon mal gar keine Rolle. Im Grunde machen wir doch nur das, was uns in einer Situation am komfortabelsten, am besten erscheint. Selbst wenn sich jemand freiwillig selber „züchtigt“ dann muss er sich ja so wohler fühlen als ohne diese Züchtigung. Einfaches Prinzip nachdem die ganze Natur vorgeht würde ich sagen. Vielleicht kommt der Gedanke von freiem Willen überhaupt erst dann auf, wenn man sich durch „jemand“ anderen zu etwas gezwungen fühlt. Wenn das Leben einen zu etwas zwingt, wird die Frage nach dem freien Willen gar nicht gestellt. Meistens jedenfalls. Oder?

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  4. fredoo schreibt:

    Speziell für unseren Neo-Kelten …
    altvertraute Klänge … vermute ich …
    youtube.com/watch?v=IWpPGv7oh4oV

    🙂

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  5. fredoo schreibt:

    ich hoffe jetzt klappt es ..

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  6. fredoo schreibt:

    Ich hoffe jetzt klappt es …
    ( diese Verlinkerei ist mir echt schwierig )

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    • Nitya schreibt:

      Ooch, oller werter Fredoo, ich bin total gerührt. So wunderschöne Heimatklänge. Ich muss natürlich sagen, dass ich keineswegs ein Neo-Kelte bin, sondern aus uraltem keltisch-irischem Geschlecht derer von und zu stamme. Ich weiß noch sehr gut, wie unsere Feinde beim furchtbaren Klang unserer Carnyces erschauerten und oft schon flohen, bevor wir sie erschlagen konnten. Ach ja, das waren noch Zeiten! Herzlichen Dank also für diese Erinnerung!

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  7. fredoo schreibt:

    der herr fredoo muss da auch mal eruiren … bedeutet doch sein vorname „alfred“ = der von elfen beratene … das hört sich ja nicht gerade christlich an … und als ich vor vielen jahren mal in findhorn war , haben sich tatsächlich besagte elfen erstaunlich deutlich in meine altagswahrnehmung gedrängt …
    😉

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    • Nitya schreibt:

      Na siehste, werter Herr Fredoo, in Schottland gab es sie auch die Kelten. Und mit den Elfen standen sie auf sehr vertrautem Fuße. Vielleicht waren wir in grauer Vorzeit Waffenbrüder und der Schrecken unserer Feinde.

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