Steven Harrison: Ein Universum ohne Ursache und Wirkung

 

Vor dem Leben brechen unsere moralischen Systeme zusammen. Obgleich sie kunstvoll und durchdacht sein mögen, können sie das chaotische Wirken des Lebens nicht erfassen. Das Universum läuft nicht wie ein mechanisches Uhrwerk. Es ist weder durchschaubar noch vorhersagbar. Ganz im Gegenteil drückt sich das Universum ohne Ursache und Wirkung aus, ohne Rückgriff auf die gedanklichen Konstrukte von einem Ich, einem Du oder Wir. Unterdessen sind die Ichs, die Dus und die Wir eifrig damit beschäftigt, ihre Handlungen in Gut und Böse einzuteilen, ganz so, als säßen sie irgendwo im Hinterzimmer am Kontrollbildschirm und könnten den Schalter „GUT“ betätigen , wenn wir gut sein, oder den Schalter „BÖSE“, wenn wir böse sein wollen.

Theologen behaupten, das Leben drehe sich um die „Seele“. Religion ohne ein solches Zentrum würde keinen Sinn haben. Wenn es aber keinen Handelnden gibt, dann würde es weder Sünde geben noch Erlösung. In einem Universum ohne Ursache und Wirkung gibt es für Religionen keinen Platz. Religionen sind sinnlos, da sie das Universum weder beschreiben noch kontrollieren können. Ein zorniger Gott kann beschwichtigt, ein lieber Gott kann verehrt werden. Aber aus einem Gott ohne Ursache und Wirkung können nur Chaos und Verwirrung, kosmische Kreativität und zufällige Zerstörung hervorgehen. Eine Religion lässt sich nicht auf Nicht-Kausalität und Raum- und Zeitlosigkeit begründen. Aber genau das scheint die wirkliche Natur des Universums zu sein.

aus: Steven Harrison, „Was kommt?“

Und Ajatollah Chomeini? Und Adolf Hitler? Und Stalin? Und und und und …? „Eine Religion lässt sich nicht auf Nicht-Kausalität und Raum- und Zeitlosigkeit begründen. Aber genau das scheint die wirkliche Natur des Universums zu sein.“ Ajatollah Chomeini, Adolf Hitler, Stalin und und und und … entsprechen also vielleicht der Natur des Universums? Ich renne gleich in die nächste Kirche und flehe zu Gott, dem Allmächtigen und Barmherzigen, mir zu offenbaren, dass das nicht wahr ist: „Ich bin auch zu jedem Opfer, jedem Gelübde bereit, nur, lieber Gott, lass das nicht wahr sein!“ Und was macht der? Der lenkt einen riesigen Meteoriten in Richtung Erde und vernichtet so auf einen Schlag nicht nur die Dinosaurier, sondern gleich mehr als die Hälfte aller Pflanzen und Tiere. Nein, das waren nicht diese „Drecks-Nordkoreaner, sondern unser geliebter Gott und Herr. Ja, gell das sind so G’schichten! Wenn sich aber die wirkliche Natur des Universums auf Nicht-Kausalität und Raum- und Zeitlosigkeit begründet, haben wir zumindest eine Sorge weniger: Dass da hoch über den Wolken so’n hochneurotischer Typ seine Launen austobt. Ich mein, was wären all die irren Massenmörder der Weltgeschichte gegen diesen einen irren Gott? Wenn Gott aber nicht Gott wäre, ich meine, ein persönlicher Gott, sondern etwas völlig Unpersönliches ohne Ursache und Wirkung, aus dem nur Chaos und Verwirrung, kosmische Kreativität und zufällige Zerstörung hervorgeht, dann fällt zumindest schon mal dieser ganze Schuldkäse in sich zusammen wie ein Kartenhaus beim leisesten Windhauch.

Und die Leute können anfangen zu begreifen, dass Ihnen, wenn sie sich nicht selbst helfen, kein Gott und kein Engel helfen wird. Das gilt übrigens auch für die schlauen sog. Advaitins, die’s ja gar nicht geben tutet, die also auch jede eigene Verantwortung leugnen und (angeblich mit Ramesh Balskar) fragen: „Wen kümmerts?“ Wenn denen ein Schuhbändel reißt, müssten sie sich schon die zerrissenen Teile selbst zusammenknoten, auch wenn es sie gar nicht gibt. Die Schuhbändel natürlich auch nicht. Komisch, dass sie dann trotzdem ihren Schuh verlieren, den es angeblich auch nicht gibt. Armer Ramesh! Wofür du alles herhalten musst.
Also, Ajatollah Chomeini ist böse, böse, böse. Da sind wir uns ja alle ganz einig. War der Meteorit böse? Eigentlich urteilen wir den lieben langen Tag, als ob … ja was? Als ob es doch einen persönlichen Gott gäbe und wir so etwas wären wie seine Stellvertreter. „Vor dem Leben brechen unsere moralischen Systeme zusammen. Obgleich sie kunstvoll und durchdacht sein mögen, können sie das chaotische Wirken des Lebens nicht erfassen. Das Universum läuft nicht wie ein mechanisches Uhrwerk. Es ist weder durchschaubar noch vorhersagbar.“ Wissen wir vielleicht schon längst und hören trotzdem nicht auf, alles in „GUT“ und „BÖSE“ einzuteilen. Wenn es keinen Handelnden gibt, kann es auch kein „GUT“ und „BÖSE“ geben. Gibt es aber  trotzdem als immer wieder erscheinender Gedanke. Na so was aber auch! Nun denn, auch wenn jedes „GUT“ und „BÖSE“ bescheuert ist: Ajatollah Chomeini ist böse, böse, böse. (Das ist ein gedankliches Konstrukt!) Hier noch einmal das Video von Imam Tawhidi:

Erleuchtet zu leben bedeutet, niemanden mehr gut oder schlecht zu heißen, egal wie eine bestimmte Handlung einer Person gesellschaftlich gesehen wird. Dem liegt die vollkommene Einsicht zugrunde, dass der Weise keine Kontrolle darüber hat, ein Weiser zu sein, und dass der Psychopath sich nicht ausgesucht hat, ein Psychopath zu sein.

Ramesh Balsekar

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16 Antworten zu Steven Harrison: Ein Universum ohne Ursache und Wirkung

  1. punitozen schreibt:

    …..Jesus sprach: Fragt man euch, woher ihr kommt, dann antwortet: Wir kommen aus
    dem Licht, wo es aus sich heraus entstanden ist; ……
    ( Thomas-Evangelium )

    Een oller Schuh –
    war och mal `ne Kuh !
    Mu
    ( Punito )

    http://www.songtexte.com/uebersetzung/supertramp/the-logical-song-deutsch-23d6b067.html

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  2. Peter schreibt:

    Lieber Nitya, da hast du aber mal wieder richtig Dampf abgelassen. Wie gut, wie treffend…berührend. Danke! Natürlich auch dem Steven für seine Impulse. Herzlichst Peter

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Peter, ich liebe es, Dampf abzulassen. Würde ich es nicht tun, würde ich vielleicht schon völlig unerleuchtet an einem Baum baumeln. Ohne sich ständig aufzuregen, wäre die Welt nicht zu ertragen. Der Weg zur Erleuchtung scheint noch lang zu sein. Mir auch recht, sonst darf ich mich vielleicht nicht mehr aufregen und muss artig OM singen. Fein, dass dir mein Rumgedampfe nicht allzu sehr auf die Nerven gegangen ist.

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  3. Eno Silla schreibt:

    Die Zen-Wahrheit des Tages meinte heute zu mir:

    Das Eine ist in allem, und alles ist eins. Wenn du nur das
    verstehst, machst du dir keine Sorgen mehr darüber, dass du nicht
    vollkommen bist.

    Sosan

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  4. Nitya schreibt:

    Mich hat sowas noch nie beruhigt. Ich will mich auch gar nicht beruhigen und schon gar nicht irgendwelchen Idealen huldigen.

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    • Nitya schreibt:

      Das Ewige muss nicht beruhigt werden, Und der Rest darf sich so viel aufregen, wie es ihm Spaß macht. Und da ich im Enneagramm zu den Wut-Typen gehöre, macht es mir sehr viel Spaß, mich aufzuregen. Kurbelt den Kreislauf an.

      Gefällt 2 Personen

      • Eno Silla schreibt:

        „Das Ewige muss nicht beruhigt werden,“
        Natürlich nicht, lieber Nitya, aber es stört das Ewige auch nicht, wenn es beruhigt wird.
        Also beruhige dich, oder auch nicht, sind doch alles nur Worte…
        Nur so zum Spass.

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      • Nitya schreibt:

        Da hast du völlig recht, lieber, Eno. Das Ewige lässt sich nicht einmal aus der Ruhe bringen, wenn ich den verrückten Versuch mache, es zu beruhigen.

        Klar sind das alles nur Worte. Und wir spielen ein bisschen damit.

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      • Eno Silla schreibt:

        Wir sind eben Spielkinder. Ich fand spielen immer schon klasse!

        So, ich geht jetzt raus:
        spielen!

        Gefällt 1 Person

      • Brigitte schreibt:

        herrlich 🙂

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