Ikkyû Sôjun: Die Ungezähmtheit der Verrückten Wolke


Wälder und Felder, Steine und Gräser
sind meine wahren Gefährten.
Die Ungezähmtheit der Verrückten Wolke
wird sich niemals ändern.
Dass die Menschen mich
für durchgeknallt halten,
ist mir egal.
Wenn ich schon hier auf Erden ein Dämon bin,
habe ich nach meinem Tod
ja nichts mehr zu befürchten.

aus: Ikkyû Sôjun, Geschichte von der Verrückten Wolke“

Das wusste schon Franz Josef Strauß selig: „Wer everybody’s darling sein will, wird everybody’s Depp.“ Das Bild von Ikkyû Sôjun zeigt nicht unbedingt jemanden, der aussieht wie everybody’s darling. „Dass die Menschen mich für durchgeknallt halten, ist mir egal“, sagt der Ikkyû also. Wer nun tatsächlich der Durchgeknallte ist, ist damit allerdings noch nicht geklärt. Er stellt fest – oder ist es eher so etwas wie ein Versprechen: „Die Ungezähmtheit der ‚Verrückten Wolke‘ wird sich niemals ändern.“

Mir hat mal jemand geschrieben, ich hätte meine autoritäre Erziehung noch nicht aufgearbeitet, daher meine Vorliebe für die ollen Ch’an-Patriarchen. Nun, das kann schon sein. Wer weiß, vielleicht hatten auch die ollen Ch’an-Heinis noch eine Menge altes Zeugs aufzuarbeiten, wir sind alle keine unbeschriebenen Blätter. Aber was heißt schon aufarbeiten? Narben sind Narben und wir schleppen sie ein Leben lang mit uns rum. Die erleuchteten narbenlosen Saubermänner sind eine fromme Mär. Mir ist jedenfalls, Gott sei Dank, bisher noch keiner begegnet. Wenn ich an den evangelischen Kirchentag denke, an all die Wasserleichen im Büßerhemd, dann kann ich nur sagen … als Jungs haben wir immer die Katholen beneidet. Die konnten in die Beichte gehen, beteten ein paar Rosenkränze runter, waren all ihre Sünden los und konnten vergnügt wieder neue begehen. Wir armen Evangelen mussten dagegen immer versuchen perfekt zu sein, was wir gar niemals nicht schaffen konnten, und so blieb uns nur, im Büßerhemd oder als Untote über die Erde zu schleichen, es sei denn … eben, das bleibt einem immer, dieses „ES-SEI-DENN“, die können einen alle mal am oder im Arsch lecken. Na ja, dann kommen natürlich irgendwelche Untoten und diagnostizieren in bester Psychoanalytiker-Manier messerscharf, man hätte seine autoritäre Erziehung noch nicht aufgearbeitet.

Ikkyû wird in Japan sehr geliebt. Ich vermute, weil er so absolut unperfekt war und dies nicht so perfekt, eigentlich überhaupt nicht, versteckt hat, wie unsere Priester, die gerade einen Ministranten vernascht haben und anschließend eine Predigt über die schwere Sünde der Unkeuschheit in Gedanken, Worten und Taten halten. Kein Wunder, dass er die Wälder und Felder, Steine und Gräser mehr als seine wahren Gefährten schätzte als seine frömmelnden, bigotten Klosterbrüder. Da diese ihn vermutlich für einen wahren Dämon hielten, verspottete er sie mit den Worten: „Wenn ich schon hier auf Erden ein Dämon bin, habe ich nach meinem Tod ja nichts mehr zu befürchten“, machte ihnen eine lange Nase und ging in die nächste Spelunke. Ein wahrer Erleuchteter, sag ich nur.

 

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3 Antworten zu Ikkyû Sôjun: Die Ungezähmtheit der Verrückten Wolke

  1. Marianne schreibt:

    Ich habe heute auch noch ein bisschen weiter recherchiert über die „verrückten Weisen“ im tibetanischen Buddhismus, nachdem ich das Buch „Drachendonner“, von Diana Mukpo, Chögyam Trungpa Rinpoches Ehefrau zu Ende gelesen hatte.

    Ein Name wird dort besonders hervorgehoben: Drukpa Künleg (1455 – 1529).

    Er lehrte, indem er schockierte; er brach Tabus darüber, wie ein „Heiliger“ sich zu benehmen habe, trank Unmengen von „Chang“ (Gerstenbier), verführte Mädchen in allen Tälern Bhutans, sprengte Konzepte und machte sich lustig über Hierarchien und falsche Frömmigkeit. Er benahm sich schlecht und zeigte zugleich immer wieder, dass er kein gewöhnlicher Mann, sondern ein Hochverwirklichter war.
    Er wird als Heiliger und „Meister der verrückten Weisheit“ verehrt und bis heute werden seine Geschichten und Legenden in den Ländern des Himalaya gerne erzählt, nicht zuletzt wegen ihres oft anzüglichen Inhaltes.

    Unsere kulturellen Prägungen sind halt doch meist ganz schön „eingefleischt“. Diesen Lehrern scheint es besondere Freude zu machen, genau daran zu rütteln.
    Erinnert mich ein bisschen an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. 😉

    Gefällt 4 Personen

    • Nitya schreibt:

      Oh, den Drukpa Künleg, hatte ich auch schon im Blog. Mir hat Ronny mal das Buch „Der heilige Narr“ von Keith Dowman verehrt. Wahrscheinlich hat er meine Affinität zu diesen Verrückten mitgekriegt. Du hast vollkommen recht, liebe Marianne, unsere kulturellen Prägungen sind ein enges Korsett.

      Gefällt 1 Person

  2. punitozen schreibt:

    Wenn es am Ende unserer Reise gar keinen Ort zum Ausruhen gibt,
    dann müssen wir uns auch nicht sorgen,
    den Weg zu verlieren.
    Bleiben etwa unsere Vergehen zurück?
    Alle Vergehen, die wir in den drei Welten begangen haben,
    werden mit uns verschwinden .

    Gefällt 1 Person

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