Hans Blüher: Wissen, daß die Erde ein lebendes Wesen ist


Die Erde ist nicht eine Scheibe, sondern eine Kugel. Zum Begriff Erde bedarf es also einer Dimension mehr, als man vor ihrer Entdeckung ahnte. Die geologische Formation der Erde steht unter dem heimlichen Gesetz der Kugel, nicht unter dem offenbaren der Fläche; die sind von der Kugel „arrangiert“. Aber die Kugel als mathematisches Gebilde ist nicht selber das Lagernde und Schaffende; der Geologe kann konstatieren, was geschehen ist: gerecht aber wird man der Erde nur, wenn man zu ihren legitimen Söhnen gehört und weiß, daß die Erde ein lebendes Wesen ist. Dieses Wort auszusprechen ist leicht, nachzusprechen noch leichter, ihm gewachsen zu sein, ist Sache der Substanz. – Man setze jetzt an Stelle der geologischen Formationen das menschliche Tun und Leiden, das gesunde und das kranke: so steht alle Psychologie auf der Seite der Fläche, und die vorgeblich entdeckten „Tiefenschichten“ der Seele sind lediglich geologische Lagerungen. Psychologisch tief ist niemals wirklich tief; alle Psychologie behandelt ein Flächenphänomen. Wenn aber das menschliche Tun tief ist, so ist die Psychologie überhaupt keine Wissenschaft, die dem menschlichen Handeln gerecht wir; wer sich mit ihr ernsthaft einläßt, hört auf, den Menschen zu begreifen. Vielmehr bedarf es hierzu einer anderen Disciplin, die als „Wissenschaft Ersten Ranges“ in einer Ebene steht mit der alten Sternkunde und der Alchemie, sowie der priesterlichen Medizin. Zur Ausübung dieser Wissenschaft, die ihrem Wesen nach immer ein Tun ist, sind Menschen notwendig, die wenigstens von Fleisch und Blut, wenn auch nicht vom Range der Lionardo und Paracelsus sind.

Wenn aber eine Krankheit „heilig“ genannt wurde, so geschah das deswegen, weil sie etwas mit dem menschlichen Handeln zu tun hat (Tun und Leiden) und weil das menschliche Handeln tief ist und nicht psychologisch. Das menschliche Handeln hat eine Dimension mehr als die Psychologie, will sagen, an ihm ist der Kosmos beteiligt.

aus: Hans Blüher, „Traktat über die Heilkunde“

Ich habe das 1926 erstmals herausgegebene Buch vor Jahren einmal erworben, als es von Peter Orban neuaufgelegt wurde. Hans Blüher war und ist ein „höchst umstrittener“ Autor. Liest man die folgende Aussage von ihm, wird man ahnen, warum das so war und ist. Aber ich möchte nicht wissen, wie viele männliche Wesen heimlich still und leise jetzt denken: Na ja, da könnte schon was dran sein: „Das Weib wird vom Manne ‚erfüllt‘ – weil es leer ist; wir füllen, weil wir voll sind. Letzten Endes ist das Weib ein Loch. Es schwebt immer in der Angst, unerfüllt zu bleiben und in dieses gähnende Loch ihrer selbst hineinzufallen ins Bodenlose. Daher will es einen Mann für alle Zeit sicher haben, und daher erhebt es jenen verhängnisvollen Totalitätsanspruch, durch den der Mann, wenn er sich beugt, so lächerlich wird.“ Hans Blüher lebte von 1888-1955, wurde also nur ein Jahr vor meinem Vater und Adolf Hitler geboren. Alle drei einte übrigens eine gewisse Affinität zur Wandervogel-Bewegung und da ich meines Vaters Sohn bin, hab ich noch so einiges mitgekriegt von dieser so schrecklich idealistisch gesonnenen Generation.

Ich beschäftige mich u.a. gern mit Sichtweisen, die so ganz dem Zeitgeist widersprechen und oft genug auch meinen eigenen. Das kann durchaus den eigenen Blick weiten. In einer Zeit, in der alles verdinglicht wird, gewinnen solche Aussagen eine große Dringlichkeit: „Gerecht aber wird man der Erde nur, wenn man zu ihren legitimen Söhnen gehört und weiß, daß die Erde ein lebendes Wesen ist.“ Dieser Satz bedarf heute dringend einer Erweiterung und Präzisierung auch hinsichtlich der Pflanzen, Tiere und Menschen, die dieses lebende Wesen Erde bewohnen: „Gerecht aber wird man den Pflanzen, Tieren und Menschen nur, wenn man zu ihren legitimen Mit-Wesen gehört und weiß, daß Pflanzen, Tiere und Menschen lebende Wesen sind. Für die indigenen Völker war das absolut selbstverständlich – oder von mir aus auch für die Kelten – ähem. Für die Römer und ihre imperialistischen Nachfolger  war und ist es das nicht; solche Empfindungen und Sichtweisen hätten den ganzen Erfolg ihres gierigen Machtstrebens in Frage gestellt. Heute haben wir die römische Sichtweise bis ins äußerste Extrem getrieben. Eine weitere Steigerung scheint nicht mehr möglich zu sein. Wie selbstzerstörerisch diese Haltung ist, schreit uns heute aus jeder Ecke unüberhörbar entgegen.

Hans Blüher sagt: „Wer sich mit ihr [der Psychologie] ernsthaft einläßt, hört auf, den Menschen zu begreifen.“ Eine interessante  Aussage. Sigmund Freud schrieb erstaunlicherweise an Hans Blüher: „Kein Zweifel, Sie sind eine starke Intelligenz, ein trefflicher Beobachter und ein Kerl von Mut und ohne viel Hemmungen. Was ich bei Ihnen gelesen habe, ist viel gescheiter als das Allermeiste der homosexuellen Literatur und richtiger als das Meiste der medizinischen.“ Aber zurück zu Blühers Satz: Was kann er wohl mit ihm gemeint haben, wenn er die Psychologie, die sich doch so sehr darum bemüht, den Menschen zu begreifen, derart abqualifiziert? Er vergleicht die Tätigkeit eines Psychologen mit der Tätigkeit eines Geologen: „Man setze jetzt an Stelle der geologischen Formationen das menschliche Tun und Leiden, das gesunde und das kranke: so steht alle Psychologie auf der Seite der Fläche, und die vorgeblich entdeckten ‚Tiefenschichten‘ der Seele sind lediglich geologische Lagerungen.“

Eine erste Ahnung von der Richtigkeit dieser Feststellung bekam ich bei meiner allerersten Klientin als Primärtherapeut. Primärtherapie nennt sich ja auch „tiefenpsychologisch orientierte Langzeittherapie“. Ausgestattet mit den gängigsten primärtherapeutischen Werkzeugen wollte ich mich also wie ein Geologe frohgemut an die Arbeit machen. Dass ich damit meine Klientin verdinglichte und sie mit dinglichen Werkzeugen zu bearbeiten versuchte, machte mir erst meine Klientin geradezu schlagartig klar, wofür ich ihr heute noch zutiefst dankbar bin. Sie verweigerte jede „Mitarbeit“. Meine Güte, wenn mir klar wird, dass ich wie ein Ding behandelt werde, verweigere ich auch jede Mitwirkung; hab ich eigentlich mein ganzes Leben so gehalten. Jedes Tier macht das so. Ich habe noch eine Menge mehr damals gelernt. Nicht nur, dass mein ganzes Instrumentarium eigentlich Foltergeräte sind, sondern auch das, was Hans Blüher hier anspricht. Er sagt: „Das menschliche Handeln hat eine Dimension mehr als die Psychologie, will sagen, an ihm ist der Kosmos beteiligt.“ Wem das nichts sagt, wird kaum verstehen können, dass die zwingende Wirkung dieser Haltung Demut ist. Ich möchte das nicht weiter zu erklären versuchen. Blüher lobte u.a. Plato für all das, was er nicht gesagt hat. Gestern hatte ich Karl Renz im Blog mit der Aussage: „Aber es auch nur Mysterium zu nennen, ist bereits zu viel.“ Obwohl aus jedem Zusammenhang gerissen, fällt mir aus einem Wolf Biermann-Lied ein: „Sauf dich voll und fress dich dick / Halt dein Maul von Politik! / Sing für Schnäpse, sing für Bier / Zur Gitarre, zum Klavier! / Besser noch, Mensch sei nicht dumm: / Singe gar nicht, sondern summ!“ Das würde ich manchmal auch gern jenen zurufen, die endlos über ihre sog. Erleuchtungserfahrungen herumschwadronieren. Für sie ist die Erde möglicherweise auch nur ein Scheibe.

Der Sinn, der sich aussprechen läßt,
ist nicht der ewige Sinn.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
„Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
„Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

*

Wer sich übrigens für Hans Blühers Buch interessiert, Peter Orban hat es dankeswerterweise hier ins Netz gestellt: Hans Blüher, Traktat über die Heilkunde

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