Karl Renz: Kein Weiser kann je erfassen, was man ist


Deine Natur hat niemals gehandelt, weder hat sie es, noch hat sie es nicht. Deine Natur ist weder Quelle noch Nicht-Quelle. Du kannst nie wissen, was du getan oder nicht getan hast, da du nicht getan oder nicht-getan hast. Kein Intellekt, kein Verstand, kein Weiser kann je erfassen, was man ist  –  never ever. Dieses große Mysterium wird immer das absolute Mysterium sein. Das ist der Hinweis, der DEM am nächsten kommt. Aber es auch nur Mysterium zu nennen, ist bereits zu viel. Alles, was du sagen kannst, um es zu beschreiben, ist zu viel oder zu wenig. Keine Chance – du wirst es niemals schaffen, und das ist die Freude am Versagen. Du wirst dich selbst niemals kennen oder nicht-kennen. Du wirst dich auf relativem Weg nicht kennenlernen, nicht durch Beschreibungen oder Definitionen. Und trotzdem musst du sein, was-du-bist und das kannst du Wissen nennen, aber dieses Wissen muss sich selbst niemals wissen, um zu sein, was es ist. Das, was wissen muss, was es ist, ist ganz sicher nicht DAS.

Was du deiner Natur nach bist, muss seine Natur nicht kennen. Weder kennt es seine Natur noch kennt es seine Natur nicht – es ist Natur, aber da ist die vollkommene Abwesenheit jeder Idee von Natur oder Nicht-Natur. Das kannst du als Natur bezeichnen. Doch nichts von dem, was in diesem künstlichen Traum  passiert, wird dich jemals zu deiner Natur bringen, die du niemals verlassen hast.

aus: Karl Renz, „Am I – I Am“

Das Delphische Orakel soll Sokrates zum Weisesten unter den Menschen erklärt haben. Jeder, der sich nun fragt, was dieser Kerl so Außergewöhnliches gesagt oder getan hat, stößt auf seine Aussage, dass er nicht weiß, womit er grundsätzlich jedes behauptete Wissen in Frage stellt. Seine „Maieutik“ genannte Gesprächsmethode hatte letztlich das Ziel, den scheinbar Wissenden zu der Einsicht zu bringen, dass er gar nicht wissen kann, was er zu wissen glaubt. Karl Renz sagt nichts anderes: „Kein Intellekt, kein Verstand, kein Weiser kann je erfassen, was man ist  –  never ever.“ Und wenn niemand erfassen kann, was man ist, wie kann er dann mit letzter Sicherheit behaupten, überhaupt wissen zu können?

Das menschliche Bedürfnis, sich selbst als etwas ganz Besonderes darzustellen, hat sich durch die Feststellung des Delphischen Orakels in der Zwischenzeit in keiner Weise beeindrucken lassen. Ununterbrochen klettert jemand auf irgendeinen Misthaufen und kräht herum, wie außerordentlich besonders er doch ist. Er hat zwar keine Ahnung, wer oder was er ist, aber er weiß ganz sicher, dass er ein ganz Besonderer ist.

Über die Geschichte vom großen Diktator und seinem Feldmarschall Hering kann ich immer wieder lachen, sie ist wirklich zu köstlich. Und sie zeigt so schön, wie das mit der besonderen Besonderheit ist. Alles, was du dir selbst (kann auch ein anderer gemacht haben, Hauptsache du glaubst, dass dir das zusteht) als Orden an die Brust geheftet hast, kann dir wieder genommen werden. Und was bleibt, wenn dir alles genommen wurde?

Karls Antwort darauf: „Doch nichts von dem, was in diesem künstlichen Traum  passiert, wird dich jemals zu deiner Natur bringen, die du niemals verlassen hast.“ Und: „Was du deiner Natur nach bist, muss seine Natur nicht kennen.“ In diesem künstlichen Traum passiert, dass das, was sich selbst niemals kennen oder nicht-kennen wird, immer wieder zu versuchen scheint, sich doch noch zu finden und damit etwas zu sein. Irgendeine Definition muss gefunden werden und, wenn alle Stricke reißen, dann wenigstens die, dass ich glaube, erleuchtet zu sein. Irgendein paar Hühner werden sich schon finden, die mein Gekrähe gut finden und mir so meine Erleuchtung bestätigen. Notfalls trage ich auch als Zeichen meiner Erleuchtung lieber doch meinen Orden des leeren Spiegels, damit da kein Zweifel entsteht. Dann weiß ich endlich, was meine wahre Natur ist, und ich bin wieder jemand.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Karl Renz: Kein Weiser kann je erfassen, was man ist

  1. Ayni schreibt:

    Un+~/ beabsichtigtes Unperfekt~Sein /,ähhmmm !s, nee ….Ist (nööö), kreiert
    un+~/ persönlichen Freiraum im Sinne von Freiheit.
    Cogito ErGO „never ever“ SUMs à la Bin bam ba sala dus à la DIN

    :https://steadyoptions.com/uploads/monthly_2017_01/ZeroSumGame.jpg.4d77438d87b0d8d0514a93486dc7b280.jpg

    Gefällt 2 Personen

  2. Marianne schreibt:

    Ja, scheint so, dass wir (es) nicht wissen können …
    Ver-rückte Weisheit!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s