Markus Osterrieder: Imperium vs. keltischer Geist

Warum zeigten die Caesaren einen unversöhnlichen Hass gegen die keltische Religion, wenn sie sich sonst begnügten, die Statuen von Gottheiten unterworfener Völker im Pantheon aufzureihen, um dadurch die Macht fremder Götter nach Art eines Vertragsverhältnisses in den Dienst des Imperiums zu zwingen? Nur das Christentum stieß in seinen Anfängen auf die vergleichbar gewaltsame und grausame Unterdrückung. (Man denke an die Christenverfolgungen unter den Caesaren Nero, Valerianus und Diocletianus.) Der Grund ist in der Tatsache zu suchen, dass sich dieser Hass in Wirklichkeit gegen jede unmittelbare, lebendige Beziehung zur geistigen Welt richtete, die sich dem universalen Machtwillen der Caesaren hätte in den Weg stellen können. Es war unausweichlich, dass die Geistesfeindschaft der römischen Kaiser in dem Maß Einfluss auf die christliche Religion nahm, wie sich die Kirche als organisierte Einrichtung vom römischen Wesen durchdringen ließ.

Seit Kaiser Augustus übten die Caesaren das priesterlich-sakrale Amt des Pontifex maximus aus, des Hohepriesters, das einst von den altrömischen Königen auf den Vorsitzenden eines collium pontificum übertragen worden war. Als dann unter der Herrschaft von Kaiser Constantin (312-337) dem Kirchenchristentum 313 erst die Gleichberechtigung und bald die absolute Vorrangstellung eingeräumt wurde, zeigte sich, dass insbesondere der römische Zweig der Kirche gewillt war, als äußere Institution das Erbe des zerfallenden Imperiums anzutreten.

aus: Markus Osterrieder, „Sonnenkreuz und Lebensbaum“

Ich erinnere mich noch, wie wir in der Schule lesen und übersetzen mussten: „Caesar: De Bello Gallico. Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur. …“ Über den Text zu reflektieren war nicht vorgesehen. Das wäre vielleicht vergleichbar damit, wenn etwa ein Bericht über die Zerschlagung des libyschen Staates und die Ermordung von Staatschef Muammar al-Gaddafi einfach zur Kenntnis genommen und zur Tagesordnung übergegangen werden würde. Aber auch das geschieht ununterbrochen, damals wie heute. Heute haben wir es wieder mit einem zerfallenden Imperium nebst seinen Vasallenstaaten zu tun. Da kann man wirklich nur raten: Passt gut auf euch auf!

Der keltische Geist spielt dieses ganze mafiöse Spiel einfach nicht mit – und natürlich nicht nur der keltische Geist. Eigentlich könnte ich auch einfach Geist sagen, denn um den geht es hier doch. Besitz, Gier, Macht, Gewalt auf der einen Seite und Geist auf der anderen. Geist, nicht Intellekt. Den besaßen die Römer zur Genüge und alle Nachfolger von ihnen ebenso.
Gestern fragte Fredoo: „Warum schreibt jemand (wie ich und ja auch viele andere) in einem rein virtuellen Medium, an Menschen gewandt, die er nicht kennt, und wohl wahrscheinlich auch niemals persönlich kennenlernen wird, ‚klugscheißende‘ Texte??? Und das mit einer Reichweite von wenigen dutzenden Lesern? Und das mit einer ‚Halbwertzeit‘ dieser Texte von wenigen Stunden?“ Ich musste an Heinz Butz denken, der mir gezeigt hat, dass es eine andere Möglichkeit zu sein gibt, als die mir bisher bekannte – einfach dadurch, dass er sein Lied sang. Nein, ‚klugscheißend‘ war er nicht. Damit hätte er bestimmt keinen Eindruck bei mir hinterlassen. Die irischen Kelten hätten ihn wohl einen anmchara genannt, einen Seelenfreund. Und das war er für jeden, der in Resonanz zu seinem ureigenen Lied gehen konnte. Und genau das machte auch den keltischen Geist aus, den die römischen Imperatoren einschließlich der römisch-katholischen Kirche mit allen Mitteln zu vernichten versuchten. Heinz Butz war in keiner Weise korrumpierbar. Wäre ich ihm nicht begegnet, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre. Ich stand damals ganz schön auf der Kippe.

Die irischen, druidisch-christlichen Mönche haben in den ersten Jahrhunderten n. Chr. ihr Lied in ganz Europa gesungen, bis es dem römisch-katholischen Imperium zu bunt wurde und es die widerspenstigen Iren mit Waffengewalt, Lug und Trug zur Aufgabe zwang. Danach gab es nur noch Rom und seine Gesetze und jeder, der sich ihnen nicht beugte, wurde auf die grausamste Art gefoltert und umgebracht. Und wir, nachdem wir fast alle vom christlichen Geist Beseelten gemeuchelt haben, nennen uns heute „christliches Abendland“ und müssen uns von unserer Pfarrerstochter im Kanzleramt erzählen lassen, wir sollten doch mal wieder in die Kirche gehen!

Huang-po: „Alle Buddhas und alle Lebewesen sind nichts als der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist, der ohne Anfang ist, ist ungeboren und unzerstörbar.“ Die Druiden hätten bei Huang-pos Worten sicher freundlich genickt

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5 Antworten zu Markus Osterrieder: Imperium vs. keltischer Geist

  1. Eno Silla schreibt:

    Beim Teutates:

    • Nitya schreibt:

      So viele Worte hast du schon lange nicht mehr verloren, lieber Eno!

      • Eno Silla schreibt:

        Es ist erstaunlich, lieber Nitya, dass, trotz all der bereits verlorenen Worte, immer noch neue auftauchen, die dann wieder verloren gehen können. Woher kommen sie, wohin gehen sie (und alles andere Auftauchende und wieder Verschwindende)? Man hört so aus dieser, bzw. in diese Unbenennbarkeit, Leere, die auszudrücken ich nur Worte verwenden kann, die auch nur leere Worte sind, aber durchaus unterhaltsam, wie die atmosphärische Spannung der langsam gerade jetzt heraufziehenden Gewitterfront… Was ist also? Vor kurzem hörte ich irgendwo: „Ich bin der Urknall, bevor es knallt.“ Ein interessantes Bild! Nur, wenn ich das sagen kann, dann hat es schon geknallt. Ich hab also einen Knall (ghrt), also bin ich!
        Na siehst du, es geht doch, da hatte der Eno doch noch ein paar mehr leere Worte zu verlieren!

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