Tschuang-tse : eine Strafe des Himmels


Im Staate Lu lebte ein Mann mit abgeschnittenen Zehen namens Zehenlos Fürstenberg. Der kam auf den Fersen gehumpelt, um Konfuzius aufzusuchen. Konfuzius sprach: „Durch Eure Unvorsichtigkeit in vergangenen Tagen habt Ihr Euch so ins Unglück gebracht. Was hat es für einen Wert, jetzt zu mir zu kommen?“ Zehenlos sprach: „Ich verstand es nicht, achtzugeben, und war leichtsinnig in meinem Wandel, darum habe ich mich um meine Füße gebracht. Wenn ich nun komme, so geschieht das, weil ich noch etwas habe, das wertvoller ist als meine Füße und das ich vollkommen zu machen trachte. Es gibt niemand, den der Himmel nicht schirmt, den die Erde nicht trägt. Und ich dachte, Ihr seiet wie Himmel und Erde. Wie konnte ich wissen, dass Ihr so einer seid, Meister!“ Konfuzius sprach: „Ich bin unhöflich gewesen. Wollt Ihr nicht, bitte, eintreten, dass ich Euch lehre, was ich weiß.“ Aber Zehenlos ging weg. Konfuzius sprach: „Nehmt ihn zum Beispiel, meine Jünger! Dieser Zehenlos ist ein Verbrecher, dem man die Füße abgehauen, und dennoch trachtet er zu lernen, um seine früheren Missetaten wiedergutzumachen. Wieviel mehr müssen sich da erst die Mühe geben, deren Tugend noch unversehrt ist!“

Zehenlos redete (über die Sache) mit Laotse und sprach: „Dieser Konfuzius hat es doch noch nicht zur Vollkommenheit gebracht. Was braucht er dieses höfliche Getue mit seinen Schülern! Er ist eifrig bestrebt, sich den Namen eines ganz besonders klugen und spitzfindigen Menschen zu erwerben, ohne zu wissen, dass der Vollkommene darin nur Fesseln und Bande sieht.“ Laotse sprach: „Wäre es nicht möglich gewesen, ihn von diesen Fesseln frei zu machen, indem du ihm zeigtest, wie Leben und Tod auf einer Linie liegen, wie Mögliches und Unmögliches durch einen Faden verbunden sind?“

Zehenlos sprach: „(Die Fesseln, die er trägt,) sind eine Strafe des Himmels; es ist unmöglich, ihn davon frei zu machen.“

aus: Tschuang-tse: „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“

Eigentlich geht es mir in der ganzen Geschichte nur um die Antwort von Zehenlos auf Laotses für mich etwas vorwurfsvoll klingende Frage: „(Die Fesseln, die Konfuzius trägt,) sind eine Strafe des Himmels; es ist unmöglich, ihn davon frei zu machen.“

Als kleiner Junge habe ich immer gehofft, dass meine Eltern meine Infragestellerei gutheißen würden und sich auch die gleichen Fragen stellen würden wie ich. Aber meine Mutter winkte immer gleich ab mit Sätzen wie: „Ach mein Jungchen, womit du dich immer beschäftigst!“ und mein Vater hatte immer gleich für alles eine fertige Antwort parat. Als ich dann in die Schule kam, wurde mir von meinen Eltern mit auf den Weg gegeben, doch, bitteschön, meine Lehrer nicht mit meinen Fragen zu verärgern. Nachdem sich meine Lehrer tatsächlich über meine Fragen nur geärgert hatten, anstatt auf sie auch mal einzugehen, gab ich irgendwann auf und entschied mich für einen gesegneten Schulschlaf. Es war mir einfach zu langweilig damit, nur das von den Lehrern tausendmal vorgekaute Zeug zu fressen.

Als ich dann selbst unterrichtete und wenig später in der Lehrerfortbildung tätig war, versuchte ich es natürlich besser zu machen und freute mich schon auf die spannenden Fragen meiner Seminarteilnehmer. Aber da kamen in der Regel nur Fragen, die darauf abzielten, ein möglichst gutes Examen hinzukriegen. Als mich dann meine Vorgesetzte nach zehnjähriger eigener Erfahrung als Fortbildungsleiter auf Kindergartenniveau zurechtstutzen wollte, hab ich den Krempel hingeschmissen und mich fürderhin psychotherapeutisch engagiert.

Das war für mich eine richtige Wohltat. Da kamen Menschen zu mir, denen es beschissen genug ging, um herausfinden zu wollen, wie sie aus ihrer Misere herauskommen konnten. Sehr bald hatte ich jedoch den Eindruck, dass es vielen mehr darum ging, die anderen, die angeblich oder tatsächlich schuld an ihrem Elend waren, ändern zu wollen oder sich wenigstens bis ans Ende ihrer Tage über sie zu beschweren, als für sich selbst zu schauen, wo bei ihnen der Hase im Pfeffer lag. Manche blieben auch hartnäckig bei ihrer Haltung, wollten sich partout nicht auf einen für sie schmerzhaften Entwicklungsprozess einlassen und leisteten gegen meine gut gemeinten Hilfen heftigen Widerstand.

Es dauerte ein ganzes Weilchen, bis ich begriff, dass ich dabei nichts anderes tat als sie. Ich wollte nicht sehen, wo bei mir der Hase im Pfeffer lag. Ich hatte den Verdacht, dass ich immer noch dabei war, meine Eltern zu ihrem angeblich Besseren ändern zu wollen. Die Eltern, später die Lehrer, dann die Schüler, meine Seminarteilnehmer, die Frauen, meine Kinder, am besten die ganze Menschheit. Ich hatte den Verdacht, dass all die Menschen  aus den sog. sozialen Berufen an derselben Krankheit litten wie ich: Den Splitter in den Augen der anderen zu sehen und blind für den Balken in den eigenen Augen zu sein. Selbst der gute Laotse schien sich angesteckt zu haben, wie uns Tschuang-tse in seiner Geschichte erzählt: „Wäre es nicht möglich gewesen, ihn von diesen Fesseln frei zu machen, indem du ihm zeigtest, wie Leben und Tod auf einer Linie liegen, wie Mögliches und Unmögliches durch einen Faden verbunden sind?“ Wäre es nicht möglich gewesen …

Zehenlos Fürstenberg hat es begriffen, wie seine Antwort zeigt: „(Die Fesseln, die er trägt,) sind eine Strafe des Himmels; es ist unmöglich, ihn davon frei zu machen.“ Ich denke gerade an das Bodhisattva-Gelübde. Gleich im ersten Satz heißt es: „Die Zahl der Wesen ist unendlich; ich gelobe, sie alle zu erlösen.“ Was für eine Anmaßung! Es ist die Anmaßung aller pädagogischen und therapeutischen Berufe. Sie alle glauben es besser zu wissen als ihre bedauernswerten Mitmenschen. Sie strecken ihre Hand aus und betteln förmlich darum, ihren Mitmenschen helfen zu dürfen.

Zehenlos Fürstenberg steht da wie eine einsame Kiefer auf einer unwegsamen Bergspitze. Er leidet nicht mehr unter dem Größenwahn, anderen helfen zu können. Wenn ein anderer sich selbst und/oder die anderen schädigt, dann ist das „die Strafe des Himmels“. Und es wäre vergeblich, ihn retten zu wollen. Das ist wohl die schwerste Lektion für einen „hilflosen Helfer“, seine Mitmenschen und damit sich selbst einfach sein zu lassen. Oder gehört am Ende auch Zehenlos Fürstenberg zu den hilflosen Helfern? Warum ist er überhaupt zu Konfuzius und Laotse gegangen? Beiden erteilte er eine Lektion. Also doch keine „einsame Kiefer auf einer unwegsamen Bergspitze“. Sind wir am Ende alle hilflose Helfer und können diesem Schicksal gar nicht entrinnen? Jesus sagt: „Führt ein Blinder einen Blinden, fallen sie beide in die Grube hinunter.“ (Th. Logion 34) Gibt es hier jemand, der nicht blind ist? Bitte melden! Auch die einsame Kiefer verstreut blind ihre Samen. Überall Coaches, Satsanglehrer, Gurus, … warum machen sie, was sie machen? Warum geht da überhaupt ein Mensch hin? Und auch die, die hingehen, geben ihre Erkenntnisse weiter. Warum? Warum? Warum?

Darum.

Eben.

Meinst du etwa,
du könntest das Universum
ergreifen und es verbessern?
Ich glaube nicht, dass du das kannst.
Das Universum ist vollkommen,
es kann nicht verbessert werden.
Es zu verbessern heißt, es zu zerstören.
Es zu ergreifen heißt, es zu verlieren.

Laotse

Kommentare dazu: hier

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21 Antworten zu Tschuang-tse : eine Strafe des Himmels

  1. ananda75 schreibt:

    kicher – ich hab mich auch schon in der Grundschule mit meinen Lehrern gestritten

    Ein High-Light:
    Nadelkissen sollten wir basteln und uns dafür zwei Farben aussuchen.
    Ich wollte blau und gelb.
    Meine Lehrerin machte mich total nieder – Was das denn für eine Zusammenstellung wäre – blau und gelb, das wären ja Farben für Verrückte … hämisch war sie und herablassend.
    Woraufhin Klein-Ananda bemerkte: „Das sind unsere Stadt-Farben“
    Die Macht-Verhältnisse erkennt man daran, dass mir eine Seite des Nadelkissens in blau und gelb zugestanden wurde, unter der Bedingung, die andere Seite musste blau und orange sein.

    Jetzt kann ich mich darüber schlapp lachen… im zarten Kindes-Alter haben mich solche Sachen zur Verzweiflung getrieben 😦

    Lieben Gruß ❤

  2. Alexandra schreibt:

    Ja, oft habe ich in der Schule das Gefühl, der einzige, der etwas lernt bzw. Zu lernen hat, bin ich selber… da gibt es ein schönes Lied von Reinhard Mey … der größere von uns zwein bin ich, könnt ich doch auch der Weisre sein… weiß aber nicht mehr, welches das ist… herrje, det Jedächnis…. ❤️liche Grüße in den Tag hinein

  3. Alexandra schreibt:

    In Physik hat mich das immer zur Verzweiflung gebracht: man wollte mir beibringen, wie Strom fließt und ich habe immer weiter gefrag: aber warum ist das so? Hat sich nicht vorteilhaft auf meine Note ausgewirkt. Aber irgendwie hat mich keine Antwort, keine Formel zufrieden gestellt. Und kapiert habe ich es auch nicht
    Aber es ist schon so:man kann einen Frager nicht zum Nichtfrager machen und einen Nichtfrager nicht zum Frager. Und das ist auch niemandes Aufgabe. Hat ein bisschen gedauert, bis ich das kapiert habe. Und die Nichtfrager scheinen mir oft zufriedener. Zumindest auf den ersten Blick. Wahrscheinlich verdrängen sie einfach besser. Aber das ist ja auch ihre Sache.
    Ich finde es mittlerweile, mit ein bisschen Abstand betrachtet, recht faszinierend, wie unterschiedlich Menschen so sind und „Ticken“.obwohl ich mich natürlich auch immer wieder dabei ertappe, sie mir geschmeidiger zu wünschen. Und manchmal machts auch einfach Spaß, sich über andere aufzuregen.

    • ananda75 schreibt:

      Das Problem ist ja oft ganz einfach, dass Menschen nicht mal sagen können „das weiß ich nicht“ oder „ooops – da hab ich mich wohl vertan“ – denn was man als Kind so erlebt… das prägt ja doch, gell 😉
      Ich hab ziemlich schnell das Interesse an der Sache Schule verloren – das war mir irgendwie alles zu doof 😆

  4. fredoo schreibt:

    „““Warum? Warum? Warum?“““

    Warum schreibt jemand (wie ich und ja auch viele andere) in einem rein virtuellen Medium , an Menschen gewandt , die er nicht kennt , und wohl wahrscheinlich auch niemals persönlich kennenlernen wird , „klugscheißende“ Texte ???
    Und das mit einer Reichweite von wenigen dutzenden Lesern ?
    Und das mit einer „Halbwertzeit“ dieser Texte von wenigen Stunden ?

    Hmmm … wie auf jede „Warum“-Frage gibt es wohl nur eine Antwort … warum denn nicht ?
    Geht es denn überhaupt um eine „Wirkung auf Andere“ ?
    Ich bezweifel das immer mehr … Es erscheint mir mehr und mehr eher ein höchst persönliches Vergewisserungs-Ritual zu sein … Im „Be-Denken“ des Themas und Erleben des ja immer mehr automatischen Antwortreflexes findet ein Bemerken statt , was man mit „ES lebt ja noch ( in mir )“ umschreiben könnte … Um mehr geht es wahrscheinlich gar nicht …
    Und je stiller das eigene Erleben gerade ist , je eher da ein Einverstandensein mit diesem „keine Spuren zu hinterlassen“ wirkend ist , desto seltener dieser Bedarf der Selbstvergewisserung …

    • Brigitte schreibt:

      hehehe … cool 😉

    • Nitya schreibt:

      „Und das mit einer ‚Halbwertzeit‘ dieser Texte von wenigen Stunden“

      Auch das hinterlässt also keine Spuren.

    • Nitya schreibt:

      Ich erinnere mich, werter Fredoo, dass du ellenlange Beiträge geschrieben hast zum Thema Islamisierung. Ging es dir dabei nicht auch „um eine Wirkung auf Andere“. Hofftest du dabei nicht doch ein wenig, dass deine Gedanken dazu führen könnten, dass der eine oder andere ins Grübeln kommt?

      „Warum schreibt jemand (wie ich und ja auch viele andere) in einem rein virtuellen Medium , an Menschen gewandt , die er nicht kennt , und wohl wahrscheinlich auch niemals persönlich kennenlernen wird , „klugscheißende“ Texte ???“ Das ist das Schicksal aller Bücherschreiber, nicht wahr? Und heute, nach vielen Jahrhunderten fällt mir von mir aus ein Huang-po-Buch in die Hände und erfreut mein Herz. Warum hat Brigitte heute ihr wundervollesVideo reingestellt? Warum singt ein Vogel sein Lied? Warum ist der Himmel blau? Alles antwortet auf alles. Was wäre das für eine Welt, in der alles in Schweigen versinkt?

      • fredoo schreibt:

        „“Alles antwortet auf alles. Was wäre das für eine Welt, in der alles in Schweigen versinkt ?““

        Da ist dieses „Vibrieren“ …. in diesem merkwürdigen UNBEGRENZTEM RAUM DER OFFENEN WEITE … voller Frieden … und doch … von unendlich trauriger Einsamkeit …
        Womöglich ist genau dieses „Vibrieren“ nix anderes , wie dieses Alles antwortet auf alles … Womöglich ist es der einzige Trost , für diese unsägliche Einsamkeit …

      • Brigitte schreibt:

        „Alles antwortet auf alles“
        … that’s love 😉

      • Nitya schreibt:

        Du sagst heute Sachen, werter Fredoo: „Womöglich ist es der einzige Trost , für diese unsägliche Einsamkeit …“ Ich liebe meine Zurückgezogenheit, aber fühl ich mich einsam? Hab ich das Bedürfnis nach Trost? Es gefällt mir, mich auszutauschen. Das ist mit Tieren wunderbar möglich oder mit Pflanzen, bisweilen sogar mit Menchen. Es gibt Bücher, die ich immer wieder gern in die Hand nehme, Musik, die ich gerne höre, Bilder, Plastiken, die ich gern anschaue, es gibt so viel … und ja, „Da ist dieses ‚Vibrieren‘ …. in diesem merkwürdigen UNBEGRENZTEM RAUM DER OFFENEN WEITE … voller Frieden …“. Als Trost würde ich das für mich nicht bezeichnen wollen. Ich genieße es einfach.

        In meiner Kindheit und Jugend war diese „unsägliche Einsamkeit“, von der du da sprichst, meine alltägliche Erfahrung. Ich kann das heute so nicht mehr sagen.

  5. ananda75 schreibt:

    „Warum?“ ist meistens die falsche Frage und einen Grund brauchen wir schon gar nicht für das, was wir tun 🙂

    • Alexandra schreibt:

      Gibt es falsche Fragen? Die Frage ist nicht falsch, aber man wird auch nie eine „richtige“ Antwort auf diese Fragen finden!

      • ananda75 schreibt:

        im I Ging heißt es „förderlich“ oder „nicht förderlich“ … das finde ich eine ganz gute Ausdrucks-Weise… die „richtigen“ Antworten finden sich ganz von alleine, wenn es an der Zeit ist….

  6. fredoo schreibt:

    werter Nitya … die unsägliche Einsamkeit (= zusammen mit (dem) EINEN) fühlt sich gar nicht so einsam an … aber doch ernüchtert in der Sehnsucht nach (einem) Anderen … eine Sehnsucht , die uns allen wohl in die Gene gelegt ist , aus reinem Eigennutz der Biologie … 😉

    • Nitya schreibt:

      Ach ja, weißt du werter Fredo, da gibt es diesen bekannten Spruch von Rumi: „Jenseits von Gut und Böse. gibt es einen Ort: dort treffen wir uns.“ Leider wird der Satz meist völlig missverstanden. Jenseits von Gut und Blöse bedeutet jenseits von Dualität. Jenseits von Dualität bedeutet jenseits von Ich und Du. Jenseits von Ich und Du ist nur Nicht-Zweiheit. Mit Biologie hat das aus meiner Sicht nichts mehr zu tun.

      • fredoo schreibt:

        „“Jenseits von Gut und Böse. gibt es einen Ort: dort treffen wir uns.““
        Meine Übersetzung dafür war mal …
        „Jenseits von Gut und Böse , gibt es einen Ort , dort treffen wir alle wieder ein“ …
        ( nachdem wir so lange davon überzeugt waren , wo anders sein zu können )

        😉

      • Nitya schreibt:

        Gefällt mir auch.

  7. Alexandra schreibt:

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