Ramesh Balsekar: Weisheit der Leidenschaftslosigkeit


Auf die Frage eines Suchers „Was ist mit relativer Wahrheit?“ (wörtlicher Wahrheit“), erläutert der Meister: „Warum vergeudest du deine Zeit mit nutzlosen Konzepten wie diesem?“

Die Wirklichkeit ist vollkommene Reinheit, und überhaupt keine Konzepte zu haben, wird als „Weisheit der Leidenschaftslosigkeit“ bezeichnet. Was auch immer du in deinem Alltag tust, bleibe von allen Phänomenen gelöst; egal, ob du blinzelst oder etwas sagst, tue es vollkommen losgelöst, ohne dich zu verwickeln. Einfach gesagt, lass jeden Gedanken gehen, als ob er nichts wäre oder lass ihn in eine natürliche Handlung übergehen. Du musst von den Lehren der Existenz und Nicht-Existenz wegkommen, da der MIND wie die Sonne ist und für immer in der phänomenalen Leere scheint, ohne scheinen zu wollen.

Wenn du in der Lage bist, dich an nichts zu hängen, wirst du in Übereinstimmung mit den Worten handeln: „Entwickle einen Mind, dem nichts zugrunde liegt“ (Diamant Sutra). Deine äußerst schmerzhafte Praxis und alle Bemühungen und auch das tiefgreifendste Wissen werden vergeblich sein, wenn du diese einfache Tatsache nicht verstehst.

aus: Ramesh Balsekar, „Zen und Tao im Licht von Advaita“

Ich versuch mal die Imperative aus dem Text herauszunehmen und einfache Aussagen daraus zu machen, z.B.: „Was auch immer du in deinem Alltag tust, ist von allen Phänomenen gelöst; egal, ob du blinzelst oder etwas sagst, es ist vollkommen losgelöst.“ Alles worum es ihm zu gehen scheint, ist, dass es dies zu erkennen gilt. Er spricht mit dem Mind und versucht, ihn von dem, was er ausdrücken will, zu überzeugen.

Egon Schiele

Ich erzählte schon mal vom Aktzeichnen. Da steht eine nackte Frau oder ein nackter Mann vor dir und man hat dir mal beigebracht, dass es sich nicht gehört, auf die Genitalien eines Menschen zu starren. So was kann abgrundtief im Bewusstsein verankert werden. Ihr kennt wahrscheinlich die schwarzen Balken, die allem Anschein nach die Amis ganz besonders lieben. Kürzlich habe ich ein Bild von einem deutschen Illustrator gesehen. Es stammt aus seinem Bilderbuch, das auch die Saudis herausgegeben haben. Zwei Knaben stehen nackt da und zeigen dem Betrachter ihre Hinterseite. Was haben die Saudis gemacht? Sie haben den beiden Badekleidung angemalt. Also ich bin auch nicht gerade in einer FKK-Familie aufgewachsen und meinen Vater habe ich nie nackt gesehen. Ich war also schwer behindert. Was also tun? Nun, ich fing an, irgendwelchen „harmlosen“ Körperteile zu zeichnen, und da, oh Wunder, veränderte sich schlagartig alles. In dem Augenblick, wo es wirklich ans Zeichnen ging, verschwanden alle Prägungen, Konzepte, Bewertungen oder angeblich guten Sitten und ich erlebte genau das: „Was auch immer du in deinem Alltag tust, ist von allen Phänomenen gelöst; egal, ob du blinzelst oder etwas sagst, es ist vollkommen losgelöst.“ Das ist nicht das Ergebnis eines Bemühens, sondern in diesem Fall gewissermaßen die Nebenwirkung des Zeichnens bzw. des Blicks, der Voraussetzung für das Zeichen ist.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn

Es ist genau das, was Seng-ts’an im Hsin Hsin Ming sagt: „Ihr braucht die Wahrheit nicht zu suchen, wenn ihr nur keinen vorgefassten Urteilen und Meinungen anhängt.“ Wenn mich jemand fragt, wie er das hinkriegen soll, würde mir als erste Idee kommen, was mir selbst einmal geholfen hat: Versuchs mal mit dem Zeichnen. Möglichst ohne Zuschauer. Ist nur für den Papierkorb. Muss nicht unbedingt ein Akt sein, nicht einmal ein Mensch. Und gib dir mal richtig Mühe, verdammt noch mal! (Oh Gott, schon wieder ein Imperativ.)

Noch etwas zur „Weisheit der Leidenschaftslosigkeit“. Leben ist voller Leidenschaft. Wer unter der „Weisheit der Leidenschaftslosigkeit“ ein gottwohlgefälliges Leben als Ölgötze versteht, ist alles andere als gottwohlgefällig. Wer in seinen Leidenschaften ertrinkt, gehört schnell der Katz. Wer seine Leidenschaften unterdrückt, gehört genauso der Katz. Ramesh sagt sehr genau, was aus seiner Sicht unter der Weiheit der Leidenschaftslosigkeit zu verstehen ist: „Die Wirklichkeit ist vollkommene Reinheit, und überhaupt keine Konzepte zu haben, wird als ‚Weisheit der Leidenschaftslosigkeit‘ bezeichnet.“

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5 Antworten zu Ramesh Balsekar: Weisheit der Leidenschaftslosigkeit

  1. Ayni schreibt:

    ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞ ۞

    Drei Formen der Mystik
    1. die Naturmystik
    2. die monistische Mystik
    3. die theistische Mystik.
    ……UnWeise vereinfacht zu….
    1. extrovertierter und
    2. introvertierter Mystik
    Der extrovertierte Charakter schamanistischer Mystik beruht zum Großteil auf sinneswahrnehmender Naturverbundenheit. Die sog. Hochmystik scheint dagegen, nicht zuletzt aufgrund ihrer anderen sozialen Funktion und Einbettung, eine ganz spezifische Form mystischen Erlebens die hier als „introvertiert“ beschriebene monistische und theistische Mystik kultiviert zu haben. Das systematische Streben in Richtung auf „Erleuchtung“ bleibt hier meist Mitgliedern einer sozial abgehobenen Gruppe vorbehalten. Diese durchlaufen einen systematischen Schulungsweg, der zu immer größerer Näherung an das Numinose, bis hin zum mystischen Erleuchtungserlebnis, führen soll. Individuelle Heilung und Harmonisierung sind zwar auch hierbei wichtige Ziele, beziehen sich aber auf Nächstenliebe, Einvernehmen mit ‚Gott‘, eigene innere Erlösung und weniger auf konkrete Konflikte und Disharmonien des sozialen Zusammenlebens, anderer Individuen, des Verhältnisses zu den Ahnen oder des Gesamtverhältnisses Mensch/ Natur.
    Die Beziehung zur Natur spielt in den konkreten Lebensverhältnissen dieser Menschen (auch geographisch-klimatisch) nur (noch) eine untergeordnete Rolle und tritt somit auch in den Erlebnissen der introvertierten Mystiker kaum noch in Erscheinung. Die erstrebte höchste Erfahrung hat im Unterschied zum Schamanismus einen ganz spezifischen Charakter und alle andersartigen Bewußtseinserlebnisse werden als Störungen oder Vorstufen angesehen.

    So grüße ich das Göttliche in Euch und das Göttliche in mir mit einem „Namasté“, singe dir ein „Munay, Munay!“, um dir die höchste Ehrerbietung zu erweisen, schenke dir ein „Aloha!“ und teile das Freudige und die Lebensenergie im Hier und Jetzt und mit allem, was IST ~ einfach so und un-bedingt.

  2. Ayni schreibt:

    Die Leute meines Stammes sind leicht zu erkennen:

    Sie gehen aufrecht, haben Funken in den Augen
    und ein Schmunzeln auf den Lippen.
    Sie halten sich weder für heilig noch erleuchtet.
    Sie sind durch ihre eigene Hölle gegangen,
    haben ihre Schatten und Dämonen angeschaut,
    angenommen und offenbart.

    Sie sind keine Kinder mehr,
    wissen wohl was ihnen angetan worden ist,
    haben ihre Scham und ihre Rage explodieren lassen
    und dann die Vergangenheit abgelegt,
    die Nabelschnur abgeschnitten und
    die Verzeihung ausgesprochen.
    Weil sie nichts mehr verbergen wollen,
    sind sie klar und offen.
    Weil sie nicht mehr verdrängen müssen,
    sind sie voller Energie, Neugierde und Begeisterung.
    Das Feuer brennt in ihrem Bauch!
    Die Leute meines Stammes kennen
    den wilden Mann und die wilde Frau in sich
    und haben keine Angst davor.

    Sie halten nichts für gegeben und selbstverständlich,
    prüfen nach, machen ihre eigene Erfahrungen und
    folgen ihrer eigenen Intuition.
    Männer und Frauen meines Stammes
    begegnen sich auf der gleichen Ebene,
    achten und schätzen ihr „Anders“-Sein,
    konfrontieren sich ohne Bosheit und lieben ohne Rückhalt.

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